Rechnen mit dem Scheitern: Strategien in ungewissen Zeiten

Convoco! Edition

Rechnen mit dem Scheitern: Strategien in ungewissen Zeiten | Hrsg. von Corinne-Michaela Flick. Göttingen: Wallstein, 2014. (Convoco! Edition)
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wie trifft man gute Entscheidungen in ungewissen Zeiten?

Unsere Welt ist von Ungewissheit geprägt; dazu gehört auch die Ungewissheit des Erfolgs. Nur der Unkluge rechnet nicht mit der Möglichkeit der Niederlage. Zu jedem Lebensplan, zu jeder Businessidee und zu jeder staatlichen Handlungsinitiative sollte gehören: das Rechnen mit dem Scheitern, mit der Möglichkeit des Misslingens.
Wir müssen dem mit Strategien begegnen. Strategie bedeutet das Ausloten von Handlungsszenarien. Durch die Antizipation womöglich negativer Ausgänge und Resultate entstehen Handlungsvorteile, und Handeln bedeutet neue Möglichkeiten, die Chance, das Misslungene zu wenden. Doch dies erfordert einen Paradigmenwechsel, einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit dem Scheitern. Wer handelt, kann irren; wer irrt, kann scheitern. Die Beiträge des Bandes beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven.

Mit Beiträgen u. a. von Jens Beckert, Joachim Bitterlich, Bazon Brock, Saul David, Gerd Gigerenzer, Paul Kirchhof, Kai Konrad, Stefan Korioth, Rudolf Mellinghoff, Christoph Paulus, Jörg Rocholl, Wolfgang Schön, Burkhard Schwenker

Convoco! ist eine gemeinnützige Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, gesellschaftliche Chancen und Risiken zu erörtern und durch Debatten und Diskussionen gesellschaftliche Werte zu festigen, zu erhalten und zu schaffen. Sie bietet heraus-ragenden Denkern ein Forum, um über künftiges Miteinander in einer immer stärker vernetzten Welt zu diskutieren. Die Convoco Edition spiegelt die Gedanken und Ergebnisse wider.

Seite im Original: 79

Antizipation

Nur durch radikalen Pessimismus entsteht begründeter Optimismus

Im Wechselspiel von Hoffen und Fürchten, von Wünschen des Gelingens und Ängsten vor dem Scheitern, diesen grundsätzlichen Haltungen zur Zukunft, wird selten wahrgenommen, dass und auf welche Weise schon die Darstellung von Sachverhalten deren Bewertung wesentlich prägt.

Die Einsicht, dass die Formulierung eines Problems bereits Erkenntnis präjudiziert, entwickelten bildende Künstler im 15. Jahrhundert unter der Maxime „ut pittura poesis“. Entgegen der üblichen Auffassung war das nicht bloß eine Frage der Image-Aufwertung von bis dato nur als Handwerker geschätzten Malern, Zeichnern und Skulpteuren. Die Frage der Anerkennung von Handwerk als Kopfwerk (der „septem artes liberales“) zielte nicht auf den Status der Akteure, denn die Zünfte der Handwerker genossen höchsten Respekt. Vielmehr berücksichtigte das Postulat „ut pittura poesis“ die gestiegenen Anforderungen an die Planung der Gewerkekooperation und an die für die Kalkulation der Machbarkeit notwendigen Vorarbeiten. Dazu gehörte ganz wesentlich, den Auftraggebern eine Entscheidung über die Projekte dadurch zu ermöglichen, dass man ihnen Darstellungs- und Realisationsoptionen im wörtlichen Sinne vorstellte. Kurz, die notwendige Orientierung auf die Arbeit mit Modellen in differenzierten Maßstäben erzwang die Einsicht, dass Darstellungsweisen entscheidenden Einfluss auf die Bestimmbarkeit der Projekte haben. Voraussetzung dazu war die Entwicklung der Proportions- und Perspektivlehren. Mit der gotischen Einmaßstäblichkeit, in der das Reliquar den gleichen Dimensionsschemata unterworfen wurde wie die Kathedrale selbst, ließen sich Großprojekte nicht mehr autorisieren, sobald sich die weltlichen Autoritäten eben nicht mehr der christlichen Heilsgeschichte verpflichtet fühlten.

Heutige populäre Transkriptionen von „ut pittura poesis“ heißen: Auch Künstler sind Wissenschaftler, die forschen, und Wissenschaftler müssen spätestens, seit sie alle mit elektronischen Zeichengebungsverfahren arbeiten, spezifisch künstlerische Fähigkeiten erwerben. Wer Anträge zur Finanzierung von „Kunst als Forschung“ ernst nehmen wollte, müsste den Begriff Forschung völlig neu fassen; und wer sich das Darstellungsniveau in Computersimulationen der (Natur-)Wissenschaften ansieht, wird konstatieren, dass sie das Gros künstlerischer Präsentationen übertreffen. Deswegen weichen die Künstler in verstärktem Maße auf die Darstellungspraktiken der Wissenschaftler aus und Wissenschaftler erlauben sich zur Steigerung öffentlicher Akzeptanz publikumswirksame Interpretationen ihrer bildlichen Simulationen, die kaum hinter den Phantasmagorien von Künstlern zurückstehen.

Wohin die Ideologisierung von Wissenschaft als Kunst durch Bildgebungsverfahren führen kann, bewies jüngst das Deutsche Zentralkomitee für Bildwissenschaften. Mit Rückendeckung der gegenwärtig bedeutendsten Wissenschaftsorganisationen wurde die Behauptung beglaubigt, Galilei sei als Zeichner seines Forschungsgegenstandes „Mond“ zu tieferen Erkenntnissen gekommen, als er sie als bloßer Naturphilosoph gewinnen konnte. Besagte Kunstwerke Galileis erwiesen sich als Fälschungen. Dass aber die Galilei-Zeichnungen überhaupt als Offenbarung des Wahrheitsanspruchs von „ut pittura poesis“ wissenschaftspolitisch genutzt werden konnten, beweist, wie weitgehend der „iconic turn“ bereits zur Wissenschaftsideologie geworden ist. Zur Marktideologie gehört er bereits seit 120 Jahren, seit nämlich die Werbung darauf verpflichtet wurde, eine begeisterte Darstellung eines Produkts ohne weiteres an die Stelle einer Produktbewertung zu setzen. Analog dazu wird gegenwärtig in den Printmedien die Feuilletonkritik durch Reklame für Veranstaltungen und Berichte über Kunstauktionserfolge im Millionenbereich ersetzt. An den Börsen gilt der Primat der Psychologie vor den wirtschaftlichen Fakten und im politischen Alltag wird akzeptiert, dass man sein Programm „schlecht verkauft“ oder das Auftreten der Programmträger unzulänglich inszeniert habe, wenn Begründungen von Misserfolgen bei Wahlen bereits als Entschuldigung geltend gemacht werden.

Für Zukunftsperspektiven zwischen Hoffen und Fürchten haben Künstler wie Wissenschaftler mit Darstellungen Propaganda gemacht, die den evolutionär bedingten Zusammenhang von Fürchten und Hoffen weitgehend ausblenden. Weltuntergangsmodellen werden auf Dauer gestellte Heimat- und Heile-Welt-Bilder entgegengesetzt. Für die Steigerung von der Überzeugung bis zur Überwältigung des Publikums nutzen Katastrophenfilmemacher und andere Weltendzeitvisionäre das komplette Repertoire wissenschaftlicher Hochrechnungen. Aber genau dafür sind die Simulationsverfahren nicht entwickelt worden, denn „theories of everything ending“ setzen eben jede weitere wissenschaftliche Untersuchung als ausgeschlossen, weil sinnlos, voraus. Selbst die Horrorvisionen des totalen ABC-Krieges konnten nicht mit Beendigung von allem spielen, weil die Rechnungen ergaben, dass irgendwo, jottwedee, janz weit draußen, ein paar Menschen den Vernichtungsfuror überstehen würden. Und russische wie amerikanische Generäle hielten es für völlig inakzeptabel, dass sie, zur Bestätigung ihrer intellektuellen Höchstform in der Großhirnevolution, sich selbst auslöschen würden, während ein paar primitive Exemplare der Zwischenhirnsklaverei überlebten. An dieser bewährten Eitelkeitsbarriere wurden auch die Zukunftsannahmen des amerikanischen Innenministers James G. Watt unter Reagan ad acta gelegt. Watt hatte insinuiert, dass gute Christen das Weltende zu befördern hätten, weil das Reich Gottes sich erst nach einem solchen Ende etablieren könne.

In der gebotenen Kürze sind hier weitere plastische Wiedergaben der beziehungslosen Entgegensetzung von Weltendvisionen zu Tausendjährigkeits- resp. Ewigkeitshoffnungen für Weltenglück auszusparen. Die allen derartigen Spekulationen zugrunde liegende Fähigkeit zur Antizipation belehrt uns darüber, dass man das Fürchten lernen muss, um mit Aussicht auf Erfolg hoffen zu können. Antizipation bezeichnet die entscheidende Ausprägung des Bewusstseins aller derjenigen Systeme des Lebendigen, die auf Lernen als Überlebensstrategie angewiesen sind. Man spricht also sinnvoll von Bewusstsein, wenn die Antizipation von zurechenbaren Ereignissen, als Handlungsresultate so gut wie als naturgegebene Zumutungen, dazu führen soll, die erwartbare Gefährdung zu vermeiden oder auszuschalten. Mit gut begründeten Vermutungen werden heute Forschungen konzipiert, die das Verhältnis von genetischer Prädisposition und epigenetischer Prodisposition für diesen Zusammenhang zum Gegenstand haben.

Bis in die heutigen Trainingsmethoden von Hochleistungssportlern wird das einstmals in christlicher Terminologie apokalyptisch genannte Rechnen mit dem Ende, um es zu bedenken, anstatt sich ihm auszuliefern, produktiv gemacht. Extremsportler aller Arten dürfen erst aktiv werden, wenn sie gelernt haben, mit jeder noch so kleinen Bedrohung der Erfolgsaussichten zu rechnen. Hunderte und aberhunderte Male muss zum Beispiel der Autorennfahrer oder der Abfahrtsrennläufer den Parcours durch Antizipation der von ihm ausgehenden Zumutungen an den Sportler als Vorstellung ausprägen und sich in der Vorstellung einprägen, damit er die geringste Chance hat, im Vertrauen auf seine Fähigkeiten und Kenntnisse das Rennen zu überleben. Höhepunkte bisheriger systematischer Entfaltung von Antizipationsvermögen sind im sportlichen Hochleistungsbereich Verfahren, mit denen Tennisspieler lernen, mit dem Return ihres Gegners zu rechnen, obwohl dieser den Schlag noch gar nicht ausgeführt hat. Bei Ballgeschwindigkeiten von mehr als hundert Stundenkilometern garantiert nur eine solche antizipatorische Fähigkeit die Fortsetzung des Spiels.

Für die heute gängigen Forderungen an das Antizipationsvermögen in der Gesundheitsfürsorge, der Nachhaltigkeitswirtschaft, der Zukunftsvorsorge wie an die generell behaupteten „Problemlösungskompetenzen“ von Experten gilt in besonderem Maße, was inzwischen sogar allmachtsphantasierende Rolleninhaber als Basis ihrer Wirkungsmöglichkeit anerkannt zu haben behaupten: das Vertrauen ihrer Adressaten. Diese gehen kontrafaktisch davon aus, dass die Handelnden tatsächlich ihre antizipatorischen Fähigkeiten ausschließlich zur Vermeidung der Gefahren verwenden, mit denen die sich auszukennen behaupten. Wenn eine deutsche Großbank mit dem Argument wirbt, ihre Angestellten handelten aus Leidenschaft und nicht aus Bereicherungsabsichten, findet sie selbst dann kein Vertrauen mehr, wenn bewiesen werden würde, dass diese Leidenschaft nicht zu Machterwerbs- und Bereicherungsabsichten führte. Bekanntlich wird gerade aus Leidenschaft va banque gespielt, gehasst und sogar getötet. Mord aus Leidenschaft findet reges Interesse in den Erzählungen experimenteller Soziologie, wie sie die täglich millionenfach konsumierten Krimis durchspielen. Im Kriminalgenre wie im Gerichtswesen, in der Firmenkommunikation wie in der Politikvermittlung etc. haben sich Ikonographien etabliert, die ihre Funktion nur insoweit erfüllen, als sie gleichzeitig konstant gehalten werden können und doch den rasant sich verändernden Bedingungen wie technischen oder sozialen Entwicklungen gewachsen scheinen.

Aus der Geschichte der „pittura poesis“-Programme kann man lernen, dass junge Leute zum Beispiel Sammlungen historischer Malerei sehr wohl zu schätzen vermögen, obwohl ihnen sämtliche christlich-theologischen Voraussetzungen für die Entschlüsselung der Ikonographie fehlen. Sie ersetzen die externe Themenvorgabe durch intrinsische Konstruktionen von Sinn als einleuchtenden Zusammenhang von Aussagen. Da sich mit der allgemeinen Verfügung über Darstellungsmedien nicht nur die Vielfalt der Aussagenangebote vergrößert, sondern auch der Druck zur Auswahl, um überhaupt zur Sinnhaftigkeit von Zusammenhängen zu gelangen, wandelt sich das Verhältnis von Forderung nach Konstanz zu gleichzeitiger Forderung nach permanenter Anpassung an Veränderungen zur grundsätzlichen Konstellation von evidenzgestützter Sinnhaftigkeit in je unterschiedlichen Aussagenzusammenhängen.

Für derartige permanente Metaphorisierungen im Ebenenwechsel stehen in den Künsten die Präsentationsformen Karikatur, Parodie, Satire, Burleske und Groteske, Pataphysika, Dadaeske, surrealistische wie Nonsensverfahren. Mit den Protagonisten dieser Kontrolle durch Dekonstruktion Fritz Mauthner, Martin Heidegger, Jacques Derrida, und zuletzt Paul Feyerabend stellt sich das Vertrauen zu systemspezifischen Ikonographien erst wieder ein, wenn sie sich durch ihre eigene Widerlegung in besagten Dekonstruktionsformen als stark erweisen, als evidenzerzeugend durch Evidenzkritik, als glaubwürdig kraft des Zweifels, als vorurteilskontrolliert durch Offenlegung von Vorteilen, Interessenlagen, Selbstwiderspruch. Der Richter, der seine Vorurteile gegen bestimmte Verhaltensformen, erst recht die vor Gericht gezeigten, preisgibt, verdient Vertrauen; der Richter, der sich nur dem Recht und Gesetz verpflichtet behauptet, gilt als Opfer unaufgeklärter Selbsttäuschung.

Natürlich wird der radikalste Pessimismus dem Gerichtswesen gegenüber nach dem Motto „Auf hoher See und vor Gericht sind wir alle der göttlichen Willkür ausgesetzt“ nicht zu einem begründeten Optimismus über den Ausgang der Verfahren führen. Willkür der Götter und der Natur, zufällige Konstellationen oder die Furien des historischen Verschwindens und des Wahnsinns, Entzug von Selbstverfügung durch Krankheit oder fremde Gewalt sind chaotische Größen in konkreten Manifestationen des thermodynamisch definierten Prinzips. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, aber im Allgemeinen fürchten wir uns nicht vor der unbestreitbaren Aussicht, dass am Ende sogar unser Sonnensystem mitsamt allen wissenschaftlichen und künstlerischen, kulturellen wie theologischen Spekulationen zu Sternenstaub vermüllt sein wird. Selbst das Aussterben der Dinosaurier durch Meteoriteneinschlag und der Untergang aller bisherigen Weltreiche vermögen nicht im Geringsten unseren Optimismus zu schmälern, dass wir das Schlimmste überstehen, wenn wir mit ihm zu rechnen lernen. Das sagt der überlebenstüchtige Apokalyptiker, weil er sich in der Lage sieht, durch die Wechsel der Darstellungen dieser schlimmen Aussicht nicht in das Joch der Verzweiflung und Euphorie geschirrt zu werden.