Symposium: Schöpfer der zweiten Natur. Der Mensch im Anthropozän

26. & 27. Mai 2014 in der Denkerei Berlin

Albrecht Dürer: Das große Rasenstück |  Aquarell und Deckfarben, mit Deckweiß gehöht, auf Karton aufgezogen, 40,8 cm × 31,5 cm. Albertina (Wien)/Albrecht Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:

Denkerei
Oranienplatz 2
10999 Berlin
www.denkerei-berlin.de

Programm wird noch bekanntgegeben. Beginn jeweils 18 Uhr.

Konzeption: Arno Bammé, Bazon Brock

Imitatio Christi (seconda creatio)

Der Maler und Bildhauer Pisanello (1395–1450) gab als Berufsbezeichnung Zoographos an (zoon = Lebewesen, graphein = schreiben, gestalten, Form geben). Er fasste sich in Analogie zum christlichen Schöpfergott und zur gebärenden Mutter als jemand auf, der durch Gestaltung etwas Lebendiges in die Welt setzen könne. Somit erhob er keinen geringeren Anspruch, als den, Leben erschaffen zu können und löste eine Diskussion darüber aus, was denn das vom Menschen als Künstler Geschaffene von dem unterscheidet, was Menschen als biologische Zeuger oder als Wirkende in der Imitatio Christi zu schaffen vermögen. Der letzte Künstler diesseits der Alpen, der sich in der Imitatio Christi dargestellt hat, war Albrecht Dürer mit seinem rund 60 Jahre nach Pisanello entstandenen Selbstbildnis als Jesus Christus. Diese Legitimation des eigenen Wirkens und Handelns in der Nachfolge Christi löste einen ebenso großen Skandal aus, wie die Behauptung Pisanellos, als Künstler wie Gott und Gatten Leben geben zu können.
Dürer entdeckte, dass Christus kein Werk, kein Artefakt geschaffen hatte, sondern Wirkung ohne Werk in der Beseelung der Menschen durch den Glauben erzielte, den er stiftete! Nicht durch noch so große Werke, allein durch Glauben erlangt man Unsterblichkeit als Gnade.
Die eigentlichen Realisatoren der Wirkung eines Werkes, also des vom Künstler evozierten »Lebens« sind aber die Betrachter. Das Werk selbst ist nichts als Material. Nicht seine noch so kostbaren Bestandteile bestimmen den Wert, sondern das wirksame gedankliche Konzept.
Betrachter, Hörer, Zuschauer sind die eigentlichen Akteure der Kunst, die nach einem Ziel für ihre Begeisterung verlangen. Sie wollen ihre seelische Bewegtheit auf die Verwirklichung eines Konzepts lenken – sei es das Paradies des Weltfriedens, der Sozialismus der gerechten Verteilung oder der allgemeine Zugang zum Wissen. Mit dieser gemeinsamen Orientierung auf die Imitatio Christi wird Gottesdienst zum Menschendienst.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Heft: CREDO. Ein Hinweis von Bazon Brock. Paderborn 2013. (http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=2910)

Siehe auch Bazon Brock: Der Künstler als gnadenloser Konkurrent Gottes. In: Der Barbar als Kulturheld. Köln 2002: http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=12&sectid=125

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