Matthias Winzen: Qualität in der Kunst. Die documenta - eine Instanz?

Vortrag in der Denkerei Berlin

Matthias Winzen
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:

Denkerei
Oranienplatz 2
10999 Berlin
www.denkerei-berlin.de

Die Geschichte der documenta in Kassel handelt seit 1955 davon, die jeweils relevante Kunst zu zeigen - und zugleich fortlaufend davon, wie und nach welchen Maßstäben die Qualität von Kunst bestimmt und beurteilt werden kann. Arnold Bode und Werner Haftmann beschrieben in 1950er und 1960er Jahren andere Qualitätsmaßstäbe als Harald Szeemann 1972 oder später Catherine David und Okwi Envesor. Während die Qualitätsdiskussion in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zunehmend von kuratorischen Privattheorien bestimmt und immer unübersichtlicher wurde, zeigen die Quantitäten rund um die documenta heute eine einheitliche und eindeutige Tendenz: immer mehr Besucher, immer mehr Umsatz bei Katalogen und Übernachtungen. Gibt es rund um die documenta Querverbindungen zwischen künstlerischen Qualitätsdebatten und wirtschaftlich erfreulichen Quantitätssteigerungen?

Die der Presse mitgeteilten Umsatzrekorde sollen Unangreifbarkeit signalisieren. Was so viel Zustimmung findet, sollte nicht kritisiert werden, satte Quantitäten lassen alle komplizierten Nachfragen nach Qualitäten überflüssig erscheinen. Das Besucherzahlenargument lenkt jedoch von einer konzeptuellen Krise ab. Die Umwandlung der documenta von einer Ausstellung in ein Event bleibt für die Kunst, die auf der documenta gezeigt wird, nicht folgenlos. Im Gegenteil: Die Eventisierung der documenta verzerrt immer mehr, welche Kunst überhaupt in Kassel gezeigt werden kann und welche großen Bereiche heutiger Kunstpraxis strukturell und diskussionslos ausgeschlossen werden. Die scharfe Zensur findet dabei nicht plump statt. Nicht etwa die Kunst wird ausgeschlossen, die sich kritisch gibt und leicht als globalisierungskritisch oder migrationsskeptisch oder sonst wie soziologisiert lesen lässt. Es wird diejenige Kunst ausgeschlossen, die sich nicht leicht lesen lässt: Kunst, die darauf besteht, zuerst Kunst zu sein, also zuerst Bild, zuerst visuelle und räumliche Erfahrung, nicht zuerst Text, Meinung, Moral, schnelle Deutbarkeit.

Parallel zur Entgrenzung zwischen Text und Bild kommt es dabei zu einer Entdifferenzierung zwischen Ästhetik und Ethik. Formal mittelmäßige Gebilde leihen sich bei künstlerisch unlösbaren Weltproblemen das Kostüm eigener Bedeutsamkeit; die documenta-Besucher werden politisch an- und aufgeregt, ohne nach ihrem documenta-Ausflug irgendwelche ethischen Konsequenzen erwägen zu müssen.

Zur Person:

Mat­thi­as Win­zen ist Professor für Kunst­ge­schich­te und Kunst­theo­rie an der HBK Saar in Saarbrücken. 1961 in Köln-Porz ge­bo­ren, stu­dier­te er zu­nächst von 1982 bis 1987 Bild­haue­rei an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf bei Al­fon­so Hüppi, des­sen Meis­ter­schü­ler er wurde. Nach einem Stu­di­en­auf­ent­halt in New York be­gann er 1988 an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum das Stu­di­um der Kunst­ge­schich­te, Ger­ma­nis­tik und Päd­ago­gik. Für seine Ar­beit als Kunst­kri­ti­ker wurde Mat­thi­as Win­zen 1994 mit dem Carl-Ein­stein-Preis für Kunst­kri­tik der Kunst­stif­tung Ba­den-Wür­tem­berg aus­ge­zeich­net. Ab 1995 war er als Pro­jekt­lei­ter Bil­den­de Kunst im Sie­mens Kul­tur­pro­gramm tätig und ku­ra­tier­te hier die Ver­an­stal­tungs­rei­hen "Zu­spiel", "Da­men­wahl" und "Deep Sto­r­a­ge". Nach sei­ner Pro­mo­ti­on nahm Win­zen ab 1998 Lehr­auf­trä­ge an den Kunst­aka­de­mi­en Mün­chen und Düs­sel­dorf wie auch an der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg wahr, wei­ter­hin eine Ver­tre­tungs­pro­fes­sur an der Kunst­hoch­schu­le Uni­ver­si­tät Kas­sel. Von 1999-2005 lei­te­te er als Di­rek­tor die Staat­li­che Kunst­hal­le Ba­den-Ba­den.