Momentum - Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin

Zeitschrift für Spender, Freunde und Interessierte

Momentum - Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin | Ausgabe 9. März 2014
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 3

Die Ruine als Form der Vollendung

Gedanken des Kunsttheoretikers Bazon Brock

Das Interview führte Roland Strehlke

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock, „Künstler ohne Werk“, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, bekam 2008 von einem befreundeten Künstler eine „Eiserne Fugenpatenschaft“ geschenkt. Die Fugenpatenschaft war Anlass für Roland Strehlke, den 1936 geborenen Brock, der elf Jahre lang die Sendung „Bilderstreit – Kunst im Gespräch" auf 3sat moderierte, bei einer Veranstaltung in der von ihm in Berlin gegründeten „Denkerei / Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“ zu besuchen.

Strehlke: Der amerikanische Bildhauer Alexander Calder hatte einst den Alten Turm als „die vielleicht großartigste abstrakte Plastik der Welt“ bezeichnet. Wie schätzen Sie die Turmruine ästhetisch ein?

Brock: Es gehört zu den Erfahrungen der Menschheit, die Ruine als die einzige Form der Vollendung zu schätzen, weil sie den deutlichen Verweis auf das repräsentiert, was sie nicht ist. Für den Menschen kann es das Vollendete nur als ein Korrektiv, eine Herausforderung geben, aber nie als eine Erfüllung. Alles, was Menschen schaffen, ist im Verweis seiner Herkunft auch auf das Ende bestimmt. Und wenn alles, was Artefakt ist, zugrunde geht – spätestens nach weiteren fünf Milliarden Jahren durch die Implosion der Sonne – dann ist der Zustand, in dem sich die Gedächtniskirche befindet, also der ruinöse, der einzig wahre unter allen Zuständen. Das wusste man schon sehr lange. Zum Beispiel hat man im 18. Jahrhundert den Maler Hubert Robert systematisch darauf angesetzt, die Bauten der Pariser Neoklassik und des Neobarock als zukünftige Ruine zu malen, um im Gegebenen schon das Zukünftige zu erkennen. Alle Menschen sind darauf trainiert, immer zu fragen: Wohin führt das? Was wird das am Ende? Wie viel Geld bringt das? Und die Antwort lautet immer: Das Großartige am Menschen ist, gegen das Wissen, dass am Ende alles Sternenstaub ist, dennoch anzutreten und im prinzipiell nicht Vollendbaren, die Vision der Vollendung zu stimulieren. Je kaputter etwas ist, desto größer ist die Sehnsucht nach der Erfahrung des Ganzen, des Heilen.

Die Turmruine ist ein Zeichen von der klassischen Art, das Wunder wirkt, denn die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche war nur ein banaler Bau aus der Zeit des Wilhelminismus. Jetzt ist es ein großes Werk. Man kann sagen, der Krieg verwandelte eine Alltagsarchitektur in eine weltgeltende Leistung von Artefakte-Erbauern.

Strehlke: Wie bewerten Sie das Spannungsverhältnis zwischen der Kriegsruine des wilhelminischen Repräsentationsbau und der Stahlskelettkonstruktion mit Betonwaben-Elementen von Egon Eiermann?

Brock: Die Gedächtniskirche verkörpert im Verein mit dem Eiermann'schen Nachkriegsbau das Bild der Moderne schlechthin. Auf der einen Seite das durch die schöpferische Kraft der Zerstörung entstandene Relikt archäologischer Deutlichkeit: Alles wird Staub. Und auf der anderen Seite der Anspruch der Moderne, dem etwas entgegen zu setzen, was als Prinzip aus sich heraus, wie architektonisches Denken beispielsweise oder Prinzipien der modernen Gestaltung, diesem archäologischen Relativismus entgegen treten könnte.

Die „Modernen“ taten damals so, als ob sie diejenigen wären, die aus dem ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens ausgenommen wären. Sie wollten endlich etwas Verbindliches schaffen, haben aber vergessen, dass die Logik der Moderne ja gerade darin bestand, alles mehr oder weniger zu ersetzen und pausenlos zu erneuern. Das entspricht im Übrigen den traditionellen japanischen Techniken. Dort werden die ältesten Kultbauten alle 20 bis 50 Jahre – je nach schintoistischer oder buddhistischer Gepflogenheit und Klimalage – abgerissen und neu errichtet. Wichtig ist dabei das Gebäude als Konzept und Idee; was es materiell ist, hat keine Gültigkeit. Einmaligkeit gibt es nicht. Es gibt nur – platonisch gesehen – die feststehenden Ideen und Konzepte des Gebäudes. Und das muss eben alle 20, 30, 40 oder 50 Jahre neu realisiert werden.

(Dieser Verweis lässt die kontinuierlich not-wendige Sanierung der Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in einem ganz neuen Licht erscheinen. Anmerkung der Redaktion)