kunst und kirche

Ökumenische Zeitschrift für zeitgenössische Kunst und Architektur

Kunst und Kirche | Nr. 1/2014
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

 Schwerpunktthema dieser Ausgabe: Müll

Seite im Original: 18

Kathedralen des strahlenden Mülls

Der Philosophie-Performer Bazon Brock im Gespräch mit "kunst und kirche"

Seit Mitte der 1980er Jahre fordern der Nürnberger Künstler Winfried Baumann und der Wuppertaler Philosophie-Performer Bazon brock den Bau von sogenannten „Kathedralen des strahlenden Mülls“ mitten in den Metropolen der Welt: monumentale Kultorte, in denen atomar strahlender Müll gelagert und seine kultische Bannung bewerkstelligt werden soll. Jedoch nicht als Lösung der Endlagerproblematik, sondern als Hinweis auf ihre Unlösbarkeit...

Hannes Langbein: Herr Brock, Sie haben schon in den 1980er Jahren gemeinsam mit dem Künstler Winfried Baumann den Bau von sogenannten ,,Kathedralen des strahlenden Mülls“ gefordert. Warum?

Bazon Brock: Es gibt einen ganz praktischen Grund: In fünfzig Jahren, seit es in Deutschland Atomkraftwerke gibt, ist es der Atomindustrie mitsamt ihrer Lobby nicht gelungen, die Voraussetzungen für ihr eigenes Tun zu erfüllen: nämlich, die Endlagerungsfrage zu lösen. Die gesetzlich festgelegte Voraussetzung für derartige Anlagen war eigentlich, dass die Endlagerungsfrage gelöst sei. Doch als das absehbar nicht gelang, einigte man sich darauf, dass es Zwischenlagerungen gebe, bis man zu einer endgültigen Lösung komme. Doch das ist nie erfolgt. Und was in fünfzig Jahren nicht einmal ansatzweise erfolgt ist, wird auch in Zukunft nicht erfolgen. Was ist also die Konsequenz? – Es gibt gar keine Endlagerungslösung! – Gerade gestern hatten wir wieder einen Alarm in einer Pseudoendlagerungsstätte für Forschungsmüll in den USA, in Texas, auf der Höhe der Grenze zu Mexiko. Als man das hier hörte, hat man sofort abgewiegelt und gesagt: ,,Das war wahrscheinlich ein Fehlalarm!“ Und seitdem hört man nichts mehr... – Sie sehen also: Man mogelt sich mit Lug und Trug, mit Geld und Bestechung irgendwie durch.

Doch es wird sich nichts ändern! – Es gibt zwar neue Tricks: Nuklide werden neutralisiert, und die nicht neutralisierbaren Nuklide werden mit Raketen ins Weltall geschossen – ausgerechnet dorthin, wo ohnehin schon so viel Zeug herumwirbelt! Wer hätte das vor dreißig Jahren gedacht, dass man überhaupt jemals ein Problem damit haben würde, im unendlichen Raum des Kosmos so viel Müll zu haben wie nur auf jeder Müllablage auf Erden? Wo ist da die Vernunft? – gar keine! Noch nicht mal Verstand!

Was wäre angesichts dieses Problems zu tun?

Zunächst einmal muss man den Leuten ausreden, dass es überhaupt eine Problemlösung gibt. Man muss den Leuten sagen: „Euer ständiges Ausweichen auf Zukunft, auf andere Möglichkeiten, ist nichts anderes als Selbstbetrug!“ – Dagegen steht natürlich die ewige menschliche Hoffnung, dass man zwar jetzt noch keine Lösung für die Endlagerungsfrage habe, aber demnächst eine haben werde. Doch das erzählt man uns jetzt seit fünfzig Jahren... – Und selbst wenn es eine Lösung gäbe, dann würde sie neue Probleme schaffen. Selbst der letzte Depp kapiert ja warum: „Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“. Das heißt, jeder normale Bürger der Bundesrepublik, völlig unabhängig von Schulbildung, Herkunft etc., weiß, dass Heilmittel krank machen. Denn wenn etwas als Heilmittel wirkt, ruft es andererseits auch ungewollte Nebenwirkungen hervor. Wo ist da also die Lösung, wenn die Lösung impliziert, dass sie neue Probleme schafft? – Es gab eine historische Übereinkunft für die erste, zweite und dritte industrielle Revolution. Die hieß: „Wenn die Nachfolgeprobleme kleiner sind als das Ausgangsproblem, dann akzeptieren wir das Schaffen von Problemen als Problemlösung!“ – Inzwischen weiß man aber, dass die vielen kleinen Nebenwirkungen zusammen so interagieren, dass sie das Hauptproblem darstellen, weil man die vielen Nebenwirkungen gar nicht beherrschen kann. – Also: Alle Versuche, das Problem irgendwie unter die Erde zu kehren, in noch so sichere Salzstöcke, werden nur die Illusion vergrößern, es gebe das Problem nicht, weil man es lösen würde. Es gibt aber keine Lösung für dieses Problem! – Die Intelligenz bestünde vielmehr darin, mit der Unlösbarkeit dieses Problems umzugehen.

Wie könnte dieser Umgang aussehen?

Das hat die Menschheit im Grunde immer schon gemacht: Sie hat Tempel gebaut für diejenigen Autoritäten, Götter, die Natur oder das Schicksal, denen sie ihren Willen nicht aufzwingen konnte. Zwar konnten die Menschen Geschäfte mit ihnen machen, d. h. Opfer anbieten, im Sinne von: „Wir opfern dir zehn Rinder und du machst mal eben drei Tage Regen!“ – Aber die Intelligenteren wussten auch, dass das gar nicht der eigentliche Sinn dieser Opfer war, sondern dass es um eine Verpflichtung aller Mitglieder des Gesellschaftsverbandes auf eine absolut verpflichtende Wirklichkeit ging. Das heißt, alle diese Kulte bis hin zu den hochreligiösen Kulten kirchlicher Organisationen sind eigentlich da, die Mitglieder einer Gemeinschaft auf die Anerkennung dieser absolut verpflichtenden Wirklichkeit, Gott oder die Natur zu verpflichten. – Das ist das Gegenteil von Relativismus! Die Menschen behaupten zwar immer, wir lebten in einem Zeitalter der Beliebigkeit, jeder könne glauben, was er will, denn es gebe kein absolutes Wissen und keine Wahrheit. Aber das Gegenteil ist der Fall: Noch nie war eine Gesellschaft derart auf Verbindlichkeit angewiesen, auf Unterwerfung unter das Prinzip der Wirklichkeit! Noch nie gab es weniger Freiheit im Mutwillen als heute! Und das zeigt sich am atomaren Müll: Denn dessen Verbindlichkeit ist schlechterdings nicht zu leugnen: „Dein jüdischer, dein muslimischer, dein christlicher Gott etc. interessiert mich nicht!“ – Ich kann aber nicht den atomar strahlenden Müll leugnen! – Und so müssen wir genau analog zu diesem Beispiel der Hochkulturen der Griechen und Römer, der Juden und der Christen, der Moslems und Hindus Anlagen errichten, also ausgegrenzte Bezirke, normalerweise Tempel genannt, in denen per Definition diese Anerkennung der Wirklichkeit, die mächtiger ist als wir, praktiziert wird. – Wobei der Kult des strahlenden Mülls, nebenbei gesagt, alle bisherigen Kulte mit Blick auf ihre Garantie von Dauer und Verbindlichkeit übertreffen würde: Diese haben bisher ja nur etwa dreitausend bis viertausend Jahre Erfolg gehabt, während die Kathedralen der Wirklichkeit des strahlenden Mülls schon jetzt vierzig- bis fünfzigtausend Jahre Halbwertzeit versprechen...

Wie könnten solche Anlagen denn dann aussehen?

Nun, Winfried Baumann hat es ja vorgemacht: Er hat schon seit 1986 Vorschläge für solche Bauwerke gemacht und sich dabei an der Geschichte der Kultbauten orientiert: die Tempel der Azteken waren dabei ebenso Vorbild wie die Nürnberger Lorenzkirche oder die Pyramiden von Gizeh... – Wobei er zugleich auch die Sicherheitsfragen der Ingenieure berücksichtigt und sich zu massiven Bauweisen verpflichtet hat: Alle Wände sind mindestens 12 Meter dick, so dass seine Bauwerke sowohl kultischen als auch sicherheitstechnischen Standards vollkommen entsprechen. Und das ist ja auch sehr wichtig. Denn die Anlagen müssen oberirdisch und möglichst mitten in den Zentren der Zivilisation gebaut werden. Denn da jede Gemeinschaft, wie gesagt, die Autorität gebietende Vergegenwärtigung und Vergegenständlichung des Wirklichkeitsprinzip vor Augen haben muss, müssen die Kathedralen des strahlenden Mülls für jeden gemeinhin sichtbar sein wie bisher Kirchen, Kathedralen, Moscheen und die jüdischen Tempel. Es wäre also höchst dankenswert, wenn die Kathedralen des oberirdisch gespeicherten atomaren Mülls auch wirklich gebaut würden! - Bisher haben die Leute zwar immer nur gelacht. Aber sie lachen ja im Grunde nur darüber, dass sie selbst zu dumm sind, den Ernst der Lage zu erkennen...

Wie sähe denn dann der Ritus aus, der zu diesen Bauwerken gehören würde?

Das ist sehr einfach! – Die priesterliche Kennzeichnung ist ja schon gegeben: Die Leute, die in Atomanlagen arbeiten, haben Schutzanzüge an, tragen Atemmasken, müssen rituell, das heißt sehr langsam und verzögert gehen – allein schon bedingt durch die Schwere der Kleidung und die Notwendigkeit, nirgends anzustoßen. Sie haben also bereits ein eigenes rituelles Verhalten wie das in den Kirchen und bei den Opferprozeduren auch immer der Fall gewesen ist. Darüber hinaus haben sie eigene Kommunikationssysteme, genau wie das die Priesterschaft immer gemacht hat. Man müsste dann nur sagen: Statt Militärdienst ist man zu Polizeidienst und zum Kultdienst an der Bewahrung des ewig strahlenden Mülls verpflichtet! – Die Leute werden also mit achtzehn Jahren dazu trainiert. den Dienst am strahlenden Müll zu übernehmen.

Vor diesem Hintergrund: Würde der gerade im Bau befindliche neue Sarkophag für die Ruine des Atomreaktors von Tschernobyl Ihren Vorstellungen von einer „Kathedrale des strahlenden Mülls“ entsprechen?

Also mir ist das sehr recht! – Das Bauwerk ist ja oberirdisch und zeigt also sehr schön das Problem: Niemand wird angesichts der Tatsache dieses Unternehmens noch leugnen wollen, dass die Frage des strahlenden Mülls nun wirklich ein unlösbares Problem darstellt. Man hat sich ja schon seit 1986 eingeredet, dass mit dem ersten Sarkophag alles unter Kontrolle sei. Und jetzt, nur achtundzwanzig Jahre später, muss schon wieder alles ersetzt werden. So wird das ewig weiter gehen... – Insofern ist das Projekt natürlich ein Aufklärungsbeitrag. Nur leider kann man ja nicht hinzu. Die Zufahrt ist blockiert. Nur wenige Touristen können das für sehr kurze Zeit genießen. Demgegenüber würde ich sagen: Es gehört zu den Schulpflichten eines jeden Bürgers, sich diesen Ort anzusehen! Das heißt: So wie man die Zwangsschulpflicht eingeführt hat, so muss man eben auch Zwangszivilisationspflicht einführen. Das gehört zu den Pflichten des Staates seinen Jungbürgern gegenüber, jeden Schüler, den er zwingt in die Schule zu gehen, auch nach Tschernobyl zu schicken, um dort wirklich eine reale Anschauung des Problems zu bekommen. Das wäre ein echter Aufklärungsbeitrag!