Design ist unsichtbar

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Sind Lebensformen gestaltbar? - Soziodesign

LÄSTERN siehe KLATSCH
LANDPARTIEN siehe AUSFLÜGE
LAUSCHEN siehe HORCHEN
LEBENDE BILDER siehe BILDER
LEICHENFEIER siehe BEGRÄBNIS

Leichtsinn und leichter Sinn sind zweierlei. Jener ist ein Laster, dieser eine Tugend.
Leichtsinnige Menschen leben in den Tag hinein und versäumen ihre Pflichten gegen sich selbst und gegen andere. Der leichte Sinn dagegen macht sich keine quälenden Sorgen, er tut in allem seine Schuldigkeit und erträgt, was nicht zu ändern, mit jenem heiteren Gleichmut, den Horaz empfiehlt und der deutsche Dichter. »Rosen auf den Weg gestreut, und des Harms vergessen!«, rät Kurt Adelfels im >Das Lexikon der feinen Sitte - praktisches Hand- und Nachschlagebuch für alle Fälle des gesellschaftlichen VerkehrsLiteratur als WareNihil novum sub soleEs ist alles schon einmal da gewesenSelbst die Umweltproblematik hatte es in den vergangenen hundert Jahren in Formen der Reflexion und der Aktion schon so gegeben, wie man sie Mitte der 60er Jahre völlig neu zu entdecken schien. Der um 1900 geführte Kampf um die Rettung der Lüneburger Heide als Naturschutzgebiet unterschied sich kaum von dem Kampf um das nordfriesische Watt, der Ende der 60er Jahre begann.
Ähnlich scheint es allenthalben mit dem Thema Lebensformen zu gehen, auch wenn man es deutlich spezifiziert als Frage nach der Gestaltbarkeit alternativer Lebensformen.
Seit gut zehn Jahren glauben wir, mit diesem Thema in ganz besonderer Weise auf die in der Welt bisher einmaligen Auswirkungen industriegesellschaftlicher Lebensbedingungen zu reagieren. Aber die Frage nach den alternativen Lebensformen läßt sich als unmittelbare Kennzeichnung von Problemlagen unserer Gegenwart nicht verwenden. Zumindest seit dem Wirken der alttestamentarischen Propheten ist diese Frage in allen entwickelten Kulturen unserer Weltgegend gestellt worden. Für griechische und römische Autoren der Antike war das ein Dauerthema; und 1980 feiern wir das tausendfünfhundertjährige Jubiläum Benedikts von Nursia, dessen ungeheuer folgenreiche Lebensaufgabe im Entwurf und in der Durchsetzung bis dahin unbekannter Lebensformen - denen der mönchischen Gemeinschaft- bestand. Die Benediktinischen und Augustinischen Antworten auf die Frage nach den Lebensformen beherrschten tausend Jahre lang die Auseinandersetzungen innerhalb des europäischen Kulturlebens.
1518 veröffentlichte der urbinatische Höfling Baldassare Castiglione seinen >II Cortegianomoderner Mensch< abzusetzen habe.
Die auf Aneignung ausgerichtete Strategie der kulturellen Vermittlung scheint in der Tat der wechselseitigen Ausschließlichkeit entweder propagierter Traditionen oder Moden entgehen zu können. Sie setzt (sowohl im kultur- wie naturevolutionären Sinne) die Funktion der ohnehin unvermeidlichen Abweichungen von den als gesichert geltenden Beständen etwa folgendermaßen an: Was eine Abweichung tatsächlich für die Optimierung von individuellen wie kollektiven Lebensvollzügen leistet, ist daran zu bemessen, inwiefern es durch sie gelingt, neue Traditionen aufzubauen, das heißt, daß das Neue nur darin seine Qualität hat, uns das Alte auf neue Weise verstehen und gebrauchen zu lehren.
Vgl. hierzu: >Avantgarde und Tradition<
Auf der individuellen Ebene ist das erreicht, wenn ein Subjekt im Laufe seines Lebens aus den eigenen Lebensvollzügen Traditionen zu bilden vermag, die vor allem nur diesem einen Subjekt zu eigen sind. Das führt keineswegs - wie immer wieder behauptet - zum Verlust an Gesellschaftsfähigkeit; erzwingt durchaus nicht asoziale monadische Existenzen. Im Gegenteil: Erst an den für sich entwickelten Traditionen des eigenen Lebensvollzugs ist ein Subjekt durch andere identifizierbar und als selbstverantwortlich bestimmbar.
Auf der kollektiven Ebene sichern die immer neuen Abweichungen den Aufbau von normativen Ansprüchen gegenüber den Individuen, die dadurch erst zu Mitgliedern eines sozialen Gefüges werden können, daß sie sich alle mit den gleichen normativen Ansprüchen auseinanderzusetzen haben. Wenn die Durchsetzung derartiger Normen gegenüber der Mehrzahl der Individuen einer Gesellschaft nicht mehr gewährleistet werden kann, das heißt, wenn sich die Mehrzahl der Individuen nicht mehr auf die gleichen normativen Vorgaben bezieht, um Abweichungen zu begründen, müssen sie durch andere normative Ansprüche ersetzt werden. Erst die den Individuen zugestandene Freiheit der Abweichung befähigt sie, sich überindividuellen normativen Ansprüchen zu stellen, also Traditionen als derart verpflichtend zu empfinden, daß sie eigenes Abweichungsverlangen provozieren.
In diesem Sinne vermögen wir vielleicht besser zu verstehen, was umfassende Gestaltungsprogrammatiker - wie etwa die des Bauhauses entgegen üblichen Annahmen tatsächlich zu leisten vermögen: Nämlich normative Vorgaben mit umfassendem Geltungsanspruch gegenüber jederman so radikal durchzusetzen, daß die einzelnen motiviert werden, individuelle Abweichungen von diesen normativen Vorgaben einer Gestaltungsprogrammatik zu entwickeln.
Die Radikalität schlägt in totalitäre Fesselung um, wenn individuelle Abweichungen nicht nur unerwünscht sind, sondern unter Strafe gestellt werden. Das gilt etwa über die Gestaltungsprogrammatiken der Nationalsozialisten, die zum Teil von denen des Bauhauses gar nicht so weit entfernt sind (vgl. nationalsozialistische Kampagne »Schönheit der Arbeit« mit entsprechenden Vorstellungen des Bauhauses).
Den Anspruch der Bauhäusler, alle Lebensbereiche den gleichen Standards der Gestaltung zu unterwerfen, muß man in anderer Sicht als sinnvollen Versuch begrüßen, verpflichtende Traditionen vorzugeben, damit den Individuen Aneignung dieser Traditionen durch Entwicklung subjektiver Abweichungen ermöglicht würde. Andernfalls wäre das Gestaltungsprogramm des Bauhauses, wie jedes andere, nur Programm der Konditionierung von Individuen, die gerade durch erfolgreiche Konditionierung ihren Subjektanspruch verlieren müßten.
Eine Frage ums Ganze ist es in diesem Zusammenhang, ob die Gestaltung materialer Lebensgüter mehr oder weniger unmittelbar eine den zugrunde gelegten Gestaltungsprinzipien entsprechende Gestaltung von Lebensformen nach sich zieht.
Wer leugnet, daß die spezifische Gestaltung der materialen Lebensgüter deren Gebrauch und Verwendungszusammenhang beeinflusse, leugnet damit die Bedeutung der spezifischen Gestaltung überhaupt. Für ihn erübrigt sich die Frage nach der Gestaltbarkeit und Gestaltung von Lebensformen.
Lebensformen verstehen wir hier als Rahmenbedingungen oder Bedeutungszusammenhänge, durch die Erleben und Handeln der Individuen und Kollektive als sinnerfüllt begründet und verstanden werden können.
Daß materiale Lebensgüter unterschiedlich gestaltet werden können, ist evident. Schwieriger ist es anzuerkennen, daß auch die Lebensformen als Voraussetzung für den Aufbau von Sinnzusammenhängen gestaltbar sind.
Ich beschränke mich in diesem Zusammenhang auf ein Argument: Weder die Zugehörigkeit zur gleichen sozialen Gruppe noch das Durchlaufen der gleichen Sozialisationsformen, weder die Zugehörigkeit zu ein und derselben Familie, noch die zu ein und demselben Kulturkreis zwingt die Individuen, genau die gleichen Sinnzusammenhänge zu entwickeln oder zu übernehmen. Selbst höchste Übereinstimmung in biologischer Hinsicht, wie sie bei eineiigen Zwillingen gegeben ist, erzwingt nicht die Annahme, daß bei derartigen Individuen Aneignung kultureller Traditionen zum Aufbau der gleichen Sinnzusammenhänge führen muß.
Das Argument ist natürlich banal, da wir davon ausgehen, daß subjektive Aneignung erst gelungen ist, sobald den Individuen unter dem Druck kulturell vermittelter, normativer Traditionen eigenständige Abweichungen gelingen.
Aber die normativen Vorgaben dürfen dabei eben nicht als von außen kommende und fremdbleibende verstanden werden. Die Individuen haben sie nicht nur unbewußt zu gestalten - und das ist das Schwierigste, denn es reicht nicht hin, auf der einen Seite die gestalteten materialen Lebensinstrumente in als Traditionen vorgegebene Sinnzusammenhänge um sich zu versammeln und auf der anderen Seite diejenigen Gestaltungen, die sich individueller Abweichung verdanken, nach der Devise: »Hier habe ich die verpflichtenden Repräsentanten kultureller Traditionen, und dort sehen Sie, zu welchen Abweichungen ich als zeitgenössisches Subjekt fähig war.«
In ein und demselben gestalteten Sinnzusammenhang und seinen Vergegenständlichungsformen sind Tradition und Mode, normativer Anspruch und Abweichung zu repräsentieren. Soweit die bildenden Künste derart reflexiv zu arbeiten imstande waren, ist ihnen genau diese Vermittlung gelungen.
Weder die noch so perfekte Reproduktion hochrangiger Muster eines traditionellen Formenbestandes noch die überraschendste Willkür im unvermittelten Entwurf von bisher nie dagewesenen haben für uns jene Spannung, jenes Appellpotential oder jene emphatische Übertragungskraft, die seit jeher gelungenen künstlerischen Vergegenständlichungen von Sinnzusammenhängen abverlangt wurden.
Erst reflexive Vermittlung von Normativität und Abweichung, von Tradition und Moden schafft hinreichende Offenheit und Ambivalenz der sprachlichen Zeichen, in denen wir Sinnhaftigkeit zum Ausdruck bringen können.
Ambivalenz im Gebrauch der Zeichen ermöglicht es uns, sich der unterschiedlichen- ja sogar widersprüchlichen Reaktionsappelle jeder Gestaltung bewußt zu werden. Polyvalenz der Zeichen zu garantieren ist Qualität jeder Gestaltung, soweit sie uns geradezu die Erkenntnis aufnötigt, daß ein und dasselbe Zeichen in verschiedenen Sinnzusammenhängen unterschiedliche Bedeutung haben muß.
Also: Die Realisierungsformen von Gestaltungsprogrammatiken erzwingen nicht mittelbar oder unmittelbar entsprechende Lebensformen; konditionieren nicht zur zwangsläufigen Ausbildung entsprechender Sinnzusammenhänge, sondern setzen gegenüber den Adressaten die Aufforderung durch, sie zum Aufbau solcher Sinnzusammenhänge zu nutzen, die den einzelnen Gestaltungen Ambivalenz und Polyvalenz garantiert.
Das Risiko einer derartigen Offenheit und eines derartigen Bedeutungswandels der Gestaltungen kann nur das Einzelsubjekt auf sich nehmen. In dem Maße, in dem es dazu fähig ist, wird es in seinen Lebensäußerungen von anderen wahrgenommen und beansprucht.
Das einzelne Subjekt gewinnt für die anderen Bedeutung: Es garantiert Möglichkeiten des Erlebens und Handelns, die anderen noch nicht oder nicht mehr zu eigen sind. Aus solchen Beispielen lassen sich Maximen für die Bildung neuer Traditionen gewinnen, die an die Stelle der geltenden treten können, sobald diese nicht mehr kräftig genug sein werden, individuelle Abweichungen und damit Gestaltungsfreiheit zu erzwingen.
Das ist der kategorische Imperativ der Ästhetik, soweit sie sich der Frage widmet, welchen Einfluß die uns von Natur und Kultur vorgegebenen Bedingungen der sprachlichen Vergegenständlichung auf unser Denkvermögen haben.