Arkadien oder Dschungelcamp

Leben im Einklang oder Kampf mit der Natur?

Arkadien oder Dschungelcamp. Leben im Einklang oder Kampf mit der Natur? | Hrsg. von Robert Pfaller und Klaus Kufeld. Freiburg/München: Verlag Karl Alber, 2014.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 162

Erlösung durch Untergang:

Deutsche Ideologie in der Öko-Bewegung

Donqujotesken

Eine spätherbstliche Fahrt mit dem gas- oder kraftstoffgetriebenen PKW von Schwerin auf der Ostseeautobahn ostwärts nach Stettin und dann südwärts bis Berlin erlaubt den Reisenden kaum wenige Minutenblicke in die Landschaft, ohne in irgendeiner Nah- oder Ferndistanz mit Windparks konfrontiert zu sein. Man möchte schreien – aus dem Gefühl der Ortlosigkeit heraus, denn die Landschaft als Gemütsheimat ist durch diese Industrieartefakte zerstört. Übrig bleiben die üblichen Devastationen mit agrartechnisch zugerichteten Böden und hier und da ein paar grünen Flecken, die aber jahreszeitbedingt die Tristesse des Gesamteindrucks nur noch verstärken. Ähnliche Wahrnehmungen werden dem Reisenden im Emsland oder entlang der Westküste Schleswig-Holsteins zugemutet: Verkommene Ufer, verlorene Sinne, verbohrte Funktionäre, aber strahlende Unternehmer! Vor kurzem bewarb noch die SPD im Emsland für die jeweils nächsten Wahlen ihre Landschaftsrettungsphantasien mit Plakaten, die die guten alten Holländerwindmühlen zeigten. Als wie idiotisch müssen Politstrategen gelten, die die Wohltaten heutiger Windparkunternehmer mit dem einstigen Mühlenbetrieb im rauschenden Landschaftswind gleichsetzen wollen?

Wer darf es noch wagen, gegen den Terror der politischen Korrektheit von Alternativenergiepathetikern die Begründung dieses Irrsinns einzufordern? Alle mir bekannten Aufrechnungen der Kosten-Nutzen-Verhältnisse reichen dafür jedenfalls nicht aus. Am ehesten ist noch die Aussage akzeptabel, allein Bestechung von Grundbesitzern habe diese vorgebliche Rettung der Landschaft durch ihre Zerstörung möglich gemacht. Wer für ein paar Quadratmeter Boden monatlich 30.000 Euro Miete oder bei Verkauf auf einen Schlag Hunderttausende Euro auf die Hand bekommt, dürfte nur in den seltensten Fällen starker Naturverbundenheit und unbeugsamer Naturschutzgedanken die Kraft aufbringen, den Bestechungsversuchen der Energieunternehmer zu widerstehen. Aus der nördlichen Uckermark hört man, dass Bauern als Mitglieder von Gemeinderäten gar nicht gewusst haben, dass einige unter ihnen mit der Genehmigung für den Bau von Windkraftanlagen auf ihrem Grundbesitz zu Millionären wurden. Nachdem diese legale Kriminalität bekannt geworden war, hätte die Neigung zur Erteilung weiterer Baugenehmigungen eigentlich rapide nachlassen müssen; sie verstärkte sich aber, weil schließlich alle – und nicht nur wenige – Dörfler von den Segnungen der Bestechung profitieren wollten. Das ist menschlich und deswegen nachvollziehbar. So vergrößert sich die Gruppe der Arbeitslosen um eine Vielzahl solcher, die durch glücksgewonnenen Reichtum nicht mehr zu arbeiten brauchen.

Alle weiteren Argumente, die einem ständig um die Ohren gehauen werden, wenn man für die ökologische Erlösung durch die Schadensverursacher Rationalität einfordert, grenzen geradezu an den üblichen Zynismus der Selbstrechtfertigung. Die Gewinnzusagen auf 20 Jahre, eben nicht bloß Subventionen, für jeden mit Bestechung der Bevölkerung arbeitenden Windkraftinvestor sabotieren die angeblich regulierende Kraft des Marktes. Die Preise an der zentralen Energiebörse fallen permanent, für den Verbraucher steigen sie aber rapide an. Es wird so viel Strom aus Windkraft erzeugt, dass er zum Beispiel mit Verlust nach Frankreich exportiert werden muss, während gleichzeitig atomgenerierter Strom aus Frankreich importiert wird, weil man eben auch in diesem Geschäft marktzerstörerische Garantien gewinnfördernd vergeben hat. Kurz und eindeutig: Das permanente erpresserische Gerede über den Ausbau der Alternativenergie Windkraft ist nichts als eine Deckoperation von Leuten, die ihre Geschäfte als ökologische Weltrettungsmission deklarieren – und, wie gesagt, mit großflächiger Bestechung der Bevölkerung auch Erfolg haben. Selbst die versammelte Reiterinnenbrigade des Pferdeparadieses Südliches Münsterland, bewaffnet mit Waschzuberdeckeln als Schilden und Harkenstielen als Lanzen, könnte nicht gegen diese inzwischen mehr als 200 Meter hohen Riesen anreiten. Don Quijote hatte zu viele Ritterromane gelesen und hielt die Windmühlen für wiederauferstandene hochgerüstete Kämpfer aus der Vergangenheit. Wir haben zu viele Technikutopien konsumiert und halten die monströsen Windräder für den Inbegriff des ökologischen Fortschritts.

Das Glück des Endes

Wer „Erlösung durch Untergang“ als Kern deutscher Ideologie in politischen und künstlerischen Manifestationen kennenlernen will, sei auf die Schriften von Hartmut Zelinsky verwiesen. (1) Zum 100-jährigen Bayreuth-Jubiläum 1976 entschlüsselte er ohne jeden Verweis auf Hitler und Co. das Wagnersche Zentralmotiv der Schöpfung eines blonden, nicht-jüdischen Christus nicht bloß als fallweisen Antisemitismus. Wer als theologisch-naiver Christ felsenfest daran glaubt, dass der Etablierung des Reiches Gottes mit der Wiederkehr Christi eine Apokalypse vorausgehen müsse, konnte auf den Gedanken verfallen, diese geradezu herbeiführen zu müssen, damit sich das Reich Gottes schneller einstelle. In jüngerer Zeit haben höchstmögende Herren wie James Gaius Watt, der Innenminister unter Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahre, und Lloyd Blankfein, Goldman-Sachs-Chef während der Bankenrettungskrise 2009, programmatisch verkündet, man müsse die Wiederkehr Christi durch Politik beschleunigen (Watt) und damit das Geschäft Gottes verrichten (Blankfein). Diese Logik der natürlichen Dummheit wird sich nicht durch die weitergehende Islamisierung Europas oder Amerikas einschränken lassen.

Wir sollten die Irrsinnigkeit der Landschaftsrettung durch ihre Zerstörung als Aspekt einer übergeordneten deutschen Weltmission verstehen. Das würde erklären, warum so viele Linke wie Linksliberale und bürgerlich Konservative, deutsche Geistesarbeiter, Politikfunktionäre und Unternehmer nach Bayreuth pilgern. Die „Götterdämmerung“ und den Weltuntergang macht uns eben keiner nach. Wenn sie nun von der grünen Rettungsbewegung vollzogen wird, vermögen wir unsere Positionsbestimmung zu präzisieren: Wir sind nicht in der Haltlosigkeit der Postmoderne verloren, sondern weiterhin mitten im Projekt deutscher Ideologie der „Erlösung durch Untergang“. Diese Ideologie erlaubt es sogar, den naheliegenden Antisemitismus von sich zu weisen. Denn schließlich hat Kundry im „Parsifal“ des großen Weltendämmerers Wagner das Angebot, die Erlösung des Judentums sei die Erlösung vom Judentum, angenommen.

Schönste Dörfer

Dass die menschliche, vor allem die deutsche, Sehnsucht nach Kontinuität und Verbindlichkeit als Dauer tatsächlich auch über die kurze Tausendjährigkeit hinaus in der BRD verpflichtend blieb, möge mit ein paar Beispielen erinnert werden. Die Kampagne „Unser Dorf soll schöner werden“ legitimierte den Fortschritt auf dem Lande als Ersetzung gediegener Holztüren durch Plastikportale. Die prämierten Dörfer feierten die Entkleidung von aller historischen Dignität, indem sie Ehrentafeln ihrer Erwähltheit aufstellten, deren gestalterische Kraft den Angeboten des heutigen Grabsteindesigns entsprach. Die Unfähigkeit, die eigene Deklassierung in der Enthistorisierung zu erkennen, korreliert mit der Behauptung, man habe eben absolut modern zu sein.

Gartenschau

Die Modernisierung der Natur zum Naherholungsgebiet, zur innerstädtischen Grünzone oder zum Grüngürtel, zu verglasten Palmengärten und zum Büropflanzenhabitat fürs Wohlbefinden bei der Arbeit kulminierte in der Institution der Landes- und Bundesgartenschauen. Wer es nicht miterlebt hat, kann nicht bekennen, wie sehr zumindest bis Anfang der 1970er Jahre die gärtnerische Fürsorge für Blümchen und Kräutchen den Glauben bestärkte, die gute Regierung würde die Menschen im Familienstrauß oder im Bodendeckerkollektiv gleichermaßen gedeihlich behandeln. Je grauer das Leben, desto malerischer hat sich das Grünzeug als Freiheitssymbol politisch ausgezahlt. Saskia Groneberg belegt in ihrer Fotostudie zur Büropflanze deren Rolle als Vermittlerin zwischen Arkadien und Dschungelcamp, also zwischen Lustwandeln und Kampf mit Ungeheuern. (2) Die Gartenschauen sind für die betroffenen Städte ein ebensolches Desaster wie die Behübschungskampagne für die Dörfer. Da sich inzwischen das kommerzielle Interesse ganz brutal über den Glanz der Blüten und Kelche legt, sind Gartenschauen ein sicherer Weg in den finanziellen Ruin der Kommunen. Der kann noch vergrößert werden, wenn man die Veranstaltung „Internationale Gartenschau“ nennt, wie das die Stadt Hamburg in diesem Jahr erreichte. Das Defizit beträgt mehr als 36 Millionen Euro, die natürlich in Unternehmertaschen landeten. Denn der größte Teil der investierten Mittel stammte aus öffentlichen Haushalten, die nun das Defizit auszugleichen haben.

Bitte um glückliche Bomben

Als ich 1963 diese auf den ersten Blick merkwürdige Bitte „Krieg den Hütten. Friede den Palästen. Bitte um glückliche Bomben auf die deutsche Pissoirlandschaft“ formulierte (3), glaubte man weder, dass deutsche Stadtentwickler sich im Dritten Reich die Royal Air Force als Erfüller ihrer kühnen Modernisierungsträume herbeigewünscht hätten noch, dass nach Ende des Krieges in den tatsächlich zerbombten Stadtarealen die große Wiederaufbauplanung ansetzen würde. Man glaubte auch nicht, dass gegen den verheerenden Eindruck totaler Zerstörung im Kriege ein größerer Teil der Zerstörung deutscher Städte erst mit dem Wiederaufbau begann. Mit freundlichem Zynismus könnte man das als Beweis für das Schumpetersche Theorem der kapitalistischen Dynamik als „schöpferische Zerstörung“ werten. Der österreichische Wirtschaftstheoretiker mit geringer Konkurrenz um den Rang in der Weltgeltung hatte sein Theorem 1942 veröffentlicht, also mitten im Zweiten Weltkrieg. Der Leser dieses kleinen Beitrags möge sich herausgefordert fühlen, Schumpeters Buch Kapitalis, Sozialismus, Demokratie (4) daraufhin zu durchforsten, welche Rolle der Autor dem Krieg, gar dem Weltkrieg als Paradebeispiel für schöpferische Zerstörung zugesteht. Krieg ist bekanntlich der blinde Fleck der modernen Wissenschaften, vornehmlich der Mathematik als höchster Geisteswissenschaft. Die Kriegserlebnisse zu bewältigen, überließ man besser den Künstlern, damit das Publikum geneigt sei, die Gräuel der Zerstörung als Übertreibung durch künstlerische Phantasien abzutun. Auch hier entlastet Zynismus, denn immerhin sind die Maler, Literaten, Dramatiker als solche schöpferisch, wenn sie die brutalste sinn- und geistlose Zerstörung schildern. In ähnlicher Weise wird heute das Grauen der Großstadtasozialität und –kriminalität verarbeitet: Die Krimiautoren werden als erfolgreichste Aufklärer gerühmt, die mit der größten Imagination das Geschehen in die Virtualität erheben, damit die Leser und Fernsehzuschauer die „harte Realität“ zu überformen vermögen.

Hate Parade

Ein letztes Beispiel für den Triumph der ideologischen Überblendung ist die allseits geübte und ständig ausgeweitete Praxis, öffentliche Räume im Namen der Feier des Sozialen mit Bockwurst- und Bierständen zuzustellen. Das gewalttätigste Erlebnis dieser Art von Auslöschung der Repräsentation von Öffentlichkeit bietet gegenwärtig der Hauptbahnhof in Zürich, dessen zentrale Wandelhalle so mit Verkaufsbuden und Transportwagen vollgestellt ist, dass sich die Reisenden auf engstem Raum durchdrängen müssen. Da wir aber als Deutsche vor der eigenen Haustür kehren sollten, bildet der Hinweis auf die allzu häufige Totalsperrung der Plätze und Straßen um das Brandenburger Tor ein schreiendes Beispiel für die schöpferische Zerstörung politischer, sozialer und ökonomischer Intelligenz.

Jahrelang wurde sogar der Love Parade das Siegel des Ausdrucks politischer Manifestation verliehen. Die Kosten für die Vermüllung von Straßen und Parks trugen natürlich die Steuerzahler.

Wie weit die Erziehung der Bürger der ideologischen Knute unterworfen zu sein scheint, zeigt sich darin, dass die gesamte Elite der Gesellschaft glaubt, irgendwelche Potentaten, gar Repräsentanten demokratischer Gesellschaften hätten selbstverständlich ein Anrecht darauf, dass für ihren Transport durch die Stadt schwerste Eingriffe in den Verkehr für Hunderttausende Menschen gerechtfertigt seien. Ausgewiesener Zynismus bietet die schöne Paradoxie, die Staats- und Volksvertreter müssten eben schnellstens störungsfrei ans Ziel ihrer Wünsche gebracht werden können, damit sie dort in Fürsorge für das Volk über den Verkehrsinfarkt, die verdreckte Großstadtluft und die Sicherheit in der Öffentlichkeit folgenreiche Beschlüsse fassen können.

Immerhin wird der Spruch auf unseren Grabsteinen lauten: „Sie hatten tatsächlich Vorfahrt auf dem Weg in die Zukunft.“ Aber was nützt es den Toten, im Recht gewesen zu sein?

(1) Vgl. Zelinsky, Hartmut: Richard Wagner, ein deutsches Thema. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte Richard Wagners 1876-1976. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 1976; ders.: Sieg oder Untergang: Sieg und Untergang. Kaiser Wilhelm II., die Werk-Idee Richard Wagners und der 'Weltkampf'. München: Keyser, 1990.

(2) Vgl. Groneberg, Saskia: 9.11.-1.12.2013: Büroarbeit, YEARS, Kopenhagen. www.saskiagroneberg.de (28.11.2013).

(3) Brock, Bazon: Ästhetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten. Hg. v. Karla Fohrbeck. Köln: DuMont, 1977. S. 821 ff.

(4) Schumpeter, Joseph A.: Capitalism, socialism and democracy. Harper, New York/London 1942. Dt. Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 7. Aufl. Tübingen/Basel 1973.