Die Salzburger Festspiele

Ihre Bedeutung für die europäische Festspielkultur und ihr Publikum

Die Salzburger Festspiele. Ihre Bedeutung für die europäische Festspielkultur und ihr Publikum | Hrsg. von Michael Fischer. Salzburg: Pustet, 2014.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 100

Neue Festspiel-Visionen?

Morgens bei der fast täglichen Visite seines Beraters Alexander von Humboldt pflegte der preußische König Friedrich Wilhelm III. den eintretenden Gelehrten mit der Frage zu begrüßen: »Na, Humboldt, was gibt’s Neues?« Ebenso regelmäßig antwortete Humboldt: »Kennen Majestät schon das Alte?«
Der geneigte Leser wird nun in seinem Interesse an neuen Visionen für die Salzburger Festspiele gefragt, ob er bereits die alten Visionen des Verfassers kenne (siehe den Band Festspiele. Wirklichkeit–Deutung–Zukunft, 2012). Um die Erinnerung zu stützen, seien die zentralen Aspekte noch einmal kurz zusammengefasst.

Die Besucher von Festspielen können als ad hoc gebildete Gemeinschaften verstanden werden. Man findet sich zusammen, um gemeinsam den genossenen Darbietungen Wertschätzung entgegenzubringen. Das ist in der Gegenwart nicht selbstverständlich. Der überall verbreitete Vandalismus bekundet, wie schwer es Zeitgenossen fällt, Ausdrucksformen für Wertschätzung zu entwickeln. Vandale ist eben jemand, der die Dinge unserer Lebenswelt nicht angemessen wertschätzen kann. Die Gründe sieht man allgemein im Mangel an historischen Kenntnissen oder in der fehlenden Einübung kollektiver Begeisterung. Bei Rockfestivals, wochenendlichen Fußballwettkämpfen oder auch bei Politdemonstrationen der radikaleren Art zeigt sich allerdings, dass es durchaus einen kollektiven Enthusiasmus der jeweils jüngeren Generation gibt. Als Grund für die vandalische Zerstörung bleibt also nur die fehlende historische Kenntnis und die asoziale, das heißt, mangelnde Achtung vor den Arbeitsresultaten anderer.

Festivalbesucher bilden das Gegengewicht zum grassierenden Vandalismus und Hooliganismus. Sie bekennen sich zur Wertschätzung mit dem Ausdruck der Begeisterung und – das ist ganz wesentlich – der Kritik. Denn gerade Kritik gilt in der Neuzeit als glaubwürdigste Form der Anerkennung. Behauptungen als kritikwürdig zu akzeptieren, heißt, sie ernst zu nehmen und damit anzuerkennen. Festivals stimulieren Huldigungsgemeinschaften ebenso wie würdigende Kritik. Das ist umso bemerkenswerter, als die Besucher von Festivals, zumal der internationalen, aus unterschiedlichen Kultur-, Religions- und Sprachgemeinschaften stammen – von den Differenzierungen ihrer ethnischen Identitäten ganz abgesehen. Also gibt das Publikum von Festivals das mutmachende Bild einer transkulturellen Begeisterungsgemeinschaft.

Das Transkulturelle wird seit 2000 Jahren als Form der Zivilisation gekennzeichnet. Zivilisation meint die Gemeinschaft der Menschen jenseits ihrer kulturellen Herkunft oder, in heutigen Worten, jenseits ihrer kulturellen Identitäten. Solche Gemeinsamkeiten sind Gesetze, Verhaltensregeln und Achtungsgebote, die prinzipiell für alle Menschen gelten. Bekanntestes Beispiel sind die Verkehrsregeln. Wer gegen sie verstößt, kann sich nicht damit entlasten, dass für seine religiösen Auffassungen, kulturellen Herkünfte oder Verhaltenstraditionen solche Regelwerke nicht gelten.

Das Festivalpublikum zivilisiert sich gleichsam selber, indem es sich den Herausforderungen durch Künste und Wissenschaften unterwirft, für die es keine kulturell-religiös-ethnische Begründung gibt. Ein Chemiker oder ein Physiker genauso wie ein Kunsthistoriker oder ein Sozialwissenschaftler muss sich den wissenschaftlichen Vorgehensweisen anpassen. Es kann also keine verjudete Physik oder afrikanische Chemie geben. Chemie zu treiben ist nur möglich, wenn man universellen Standards der Wissenschaft folgt und nicht regionalen, kulturellen oder religiösen. Wer das nicht akzeptiert, betreibt Wissenschaft als Voodoo, das heißt, er lässt Wissenschaft nur als Beglaubigung kulturell-religiöser und nicht wissenschaftlicher Maßgaben gelten.

Für den Bereich der Künste gilt, dass sie den jeweiligen Zeitgenossen der Künstler wie späteren Generationen einzuschätzen ermöglicht, welche Kraft individuellen, also künstlerischen Ausdrucksformen im Vergleich zu den kollektiven der Parteien, der Wirtschaft, der Wissenschaft etc. zukommt. Auch jeder Betrachter ist ein Individuum, muss also an dieser Frage interessiert sein, wenn er sich nicht als bloßer Vertreter, Delegierter, Beauftragter, Bevollmächtigter von Kollektiven begreift.

In diesem Sinne führen die Salzburger Festspiele das Individuum als Jedermann vor. Hugo von Hofmannsthal fordert den Festspielbesucher dazu heraus, seine Position zwischen Rollenspiel und Einmaligkeitserfahrung des Individuums zu bedenken. Worauf kommt es an? Auf die Erfüllung der Regel oder die individuelle Abweichung? Angesichts des Todes und anderer unhintergehbarer Bedingungen des Lebens wird der Jedermann den Kollektivausdruck für angemessen halten. Im Hinblick auf den Ausdruck seiner Individualität wird der Jedermann seine Autonomie in Wahrnehmung und Welterkenntnis, in psychischer Verfassung und individuellem Ausdrucksvermögen hervorheben.

Der Konflikt zwischen kollektiven und individuellen Orientierungen ist im Theater grundsätzlich angelegt. Schon vor Aristoteles’ Dialektik der Vermittlung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen haben die Dramatiker des 5. Jahrhunderts im alten Griechenland in der Gestalt des teoretikos den Theaterzuschauer auf die Rolle verpflichtet, selber eine eigene anschauliche Vermittlung zwischen dem Geschehen auf der scena, der Bühne, und der individuellen Wahrnehmung zu leisten. Der Zuschauer muss also Theoretiker sein, wenn er die merkwürdigen, das heißt, auffälligen Vorgänge in einen Sinnzusammenhang fügt.

Diese Form des Theoretisierens im engeren wie weiteren Sinne vereint die Festivalbesucher zur Diskursgemeinschaft, in der die verschiedensten Formen der sinnhaften Erzählung miteinander abgeglichen werden. Die Salzburger-Festspielbesucher teilen eben nicht die verbreitete, aber falsche Auffassung vom Theoretisieren als Gegenteil des praktischen Tuns. Der Theaterbesucher garantiert in seinem Theoretisieren die sinnhafte Wahrnehmung der theatralischen Praxis auf der Bühne. Aus diesem Diskurs ergibt sich auch eine eigentümliche Einstellung des Publikums gegenüber dem Postulat, das Festivalprogramm hätte jeweils etwas Neues zu bieten. Gerade in den Künsten hat man die Erfahrung gemacht, dass es vergeblich ist, Verständnis und Aufführungspraxis von Stücken auf längere Zeit konstant halten zu wollen, um die Geltung solcher Klassiker zu garantieren. Eine Gesellschaftsverfassung, eine Interpretationsweise, ein Weltbild tatsächlich auf 1000-jährige Dauer ausrichten zu wollen, muss auf die Zerstörung dessen hinauslaufen, was ursprünglich verewigt werden sollte. Deswegen gehen auch Gesellschaften, die mit Zensur, Unterdrückung der Meinungsfreiheit oder der individuellen Abweichung von Verhaltensschemata ebenso wie mit dem Verbot von Fraktionsbildung ihr Bestehen auf lange Zeit sichern wollten, gerade an dieser Sicherung zugrunde. Selbst eine 70-jährige Herrschaft der rigiden Verewigungspolitik von Diktatoren fällt irgendwann in sich zusammen.

Traditionen kann man nur bewahren, indem man sie ständig verändert. Bewahren und Verändern sind nicht widersprüchlich. Akteure sind die jeweils lebenden Menschen, die sich unter dem Druck der neuen Zeit, der neuen Entwicklungen und Erkenntnisse gezwungen sehen, entweder die Zumutungen des Neuen durch Zerstörung oder Leugnung abzumildern oder sich vom inhaltslosen Neuen aus auf das Alte zu besinnen. Wer das tut, erfährt, wie die traditionellen Auffassungen sich durch ihre Vergegenwärtigung verändern, sodass in den Künsten formuliert wurde: Wahre Kraft des Neuen, tatsächliche Kraft der Avantgarde wird dadurch bestätigt, dass sie uns zwingt, das vermeintlich Bekannte mit neuen Augen zu sehen.

Diese neuen Sichtweisen auf das Vergangene in der jeweiligen Gegenwart werden in den Künsten erprobt und bearbeitet. Gerade die auf Neuigkeit abonnierten Festivals sichern also die jeweils aktuelle Wirksamkeit der Traditionen. Dafür liefern die Künste zahllose Beispiele (siehe: www.bazonbrock.de, Stichwort Avantgarde).

Ein letzter Aspekt möglicher Visionen von gelungenen Festivalaktivitäten ist darin zu sehen, dass sich gerade im Rausch der Ereignisdichte eines Festivals die Unterscheidung von Werk und Wirkung aufdrängt. Die Ereignishaftigkeit wird durch diese Wirkungsdynamik definiert. Das Theater zeigt seit Lessings und Schillers grundlegenden Überlegungen beispielhaft, wie das spannungsreiche Verhältnis von Werk und Wirkung produktiv gemacht werden kann. Der Garant für diese Beziehung war demzufolge der Bürger als Theaterbesucher, als Hörer eines Konzerts oder als Betrachter einer Ausstellung. Da aus soziologisch gut beschriebenen Gründen dieses Bürgertum in den westlichen Gesellschaften nur noch in Resten existiert, fällt den Festivalbesuchern die Rolle zu, diese bürgerlichen Attitüden in die Zukunft zu tragen. Die Bürger als Adressaten garantieren durch angemessenes Hören, Betrachten, Zuschauen, aber auch durch Lesen den Dramatikern, den Malern, den Komponisten wie den Autoren erst die Sinnhaftigkeit ihres Tuns. Was ist ein geschriebener Text, der nicht gelesen wird – das heißt, in wie hohem Maße wissen die modernen Künstler, dass ihre Rezipienten den Sinn der Werke erarbeiten und erfüllen, also das Wirksamwerden garantieren?

Soweit ein paar neue (?) Visionen für die Aufgabe von Festivals. Der Leser mag den inneren Kern dieser Argumente damit zur Geltung bringen, dass er gleich einmal die Begründungen von Hofmannsthal und Max Reinhardt für die Etablierung der Salzburger Festspiele mit frischem, geistesgegenwärtigem Sinn erfüllt. Selbst wenn wir es wollten, könnten wir die wortwörtliche Bedeutung des Programms der beiden Meister nicht verstehen, weil sich alle Bedingungen für das Verstehen seit den 1920er-Jahren vollständig verändert haben. Auch haben die Meister den Zeitbedingungen gemäß ihr ursprüngliches Programm mehrfach radikal umgestaltet. Authentisch sind die Gründerkonzepte nur als die uns unzugänglichen und damit einmaligen. Wenn wir sie nutzen, das heißt, wirksam werden lassen wollen, müssen wir sie neu schreiben. Das ist die angemessenste Form, den Gründervätern gerecht zu werden.

Literatur

Bazon Brock, Festspiele als Agenturen für Weltzivilisierung, in: Michael Fischer (Hg.), Die Festspiele. Wirklichkeit– Deutung–Zukunft, St. Pölten–Salzburg–Wien 2012, 98–105.
Homepage Bazon Brock, Stichwort »Avantgarde«: http://www.bazonbrock.de/suche/?sKeyword=Avantgarde (12.03.2014).