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Kulturgespräch

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Der wirklichkeitstaugliche Mensch

Bazon Brock über die Ausstellung "Beuys - Brock - Vostell" im ZKM Karlsruhe

Sonja Striegel: Herr Brock, drei Aktionskünstler, gefangen im Museum. Fühlen Sie sich wohl da?

Bazon Brock: Ja, selbstverständlich. Für uns alle war das Museum die Hoffnung auf eine weltweite Strategie der Zivilisierung, denn im Museum hat jedes eingelieferte Ding, und sei es noch so unbedeutend, seine Rolle. Denn nur indem man zwischen den Dingen unterscheidet, kann man ihnen allen je eine Bedeutung zugestehen. Nehmen Sie etwa die Kulturen: Jede Kultur ist wichtig und gleichberechtigt, weil nur in der vergleichenden Unterscheidung überhaupt die einzelnen Identitäten raus gearbeitet werden können. Und deswegen waren wir alle auf die Musealisierung angewiesen. Musealisierung galt als Zivilisationsstrategie. Denken Sie an Europa. Wie toll wäre es, wenn wir alle durch die wunderbare Kraft der Unterscheidung, also durch Differenz, zur Einheit kämen, anstatt eingeschmolzen zu werden. Der melting pot, der sowieso nicht funktioniert.

Striegel: Man fragt sich ja, was bleibt von einem Aktionskünstler, wenn er nicht mehr lebt, wenn die Aktion also nicht mehr möglich ist?

Brock: Die Botschaften natürlich. Wir haben ja nicht rumgetanzt, um rumzutanzen, sondern wir hatten jeder ganz spezifische Botschaften. Und diese Botschaften gilt es nach wie vor durchzusetzen. Beuys war sicherlich der bedeutendste Künstler, den ich je getroffen habe und ich habe vielleicht so rund 800 im engeren Sinne getroffen. Im 20. Jahrhundert gibt es nichts Bedeutenderes. Beuys Werk ist wegen dieser Vermittlung zwischen Kultur und Kunst wirklich so außerordentlich wichtig. Vostell war geradezu überwältigend in seiner Obsession. Beide Charaktere zeigen einem, was künstlerisches Arbeiten auf der Basis völliger Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedeutet. Man wird ja selbst ständig verführt, sich entweder für die Pädagogik oder für die Propaganda oder für die Polemik zu entscheiden. Uns kam es darauf an und deswegen haben wir zusammengearbeitet, zu sagen: Die drei Ebenen der Wirkung gehören immer zusammen. Das ist eine neue Einheit zwischen dem pädagogischen Aufklären, dem polemischen Streit in Politik und Gesellschaft und auf der anderen Seite der Verkündigung, der Art der Durchsetzung. Und darum geht es auch heute. In jedem Journalismus geht es darum, wie man überhaupt noch wirksam werden kann, wenn man nicht der Propaganda und der Werbung anheimfallen will, wenn man sich nicht einfach privatistisch verkriecht und irgendwelchen Murks für bedeutsam erhält.

Striegel: Das ist auch etwas, was in der aktuellen Ausstellung deutlich wird, nämlich dass Sie drei die Lehre als Aufführungskunst erfunden haben.

Brock: Naja, das war wohl nicht eine Erfindung von uns, das gab es ja schon seit Dadas Zeiten, das gab es schon in den russischen und italienischen Avantgarden. Aber das wurde in den 50er Jahren auf neue Weise, im Hinblick auf das Lehren, übertragen.
"Lehren und Lernen als Aufführungskünste", war ein Titel von Robert Filliou, mit dem wir ja auch sehr ernst zusammengearbeitet haben. Das war tatsächlich das Charakteristikum. Lehren und Lernen verloren ihre Einschränkung auf schulische Indoktrination oder auf sonstige bildungsbürgerliche Aktivitäten. Es ging tatsächlich um die Vermittlung eines neuen Zugangs zur Welt für die Individuen.

Striegel: "Alle Vergangenheit ist ehemalige Zukunft." Dieser Satz stammt von Ihnen. Die Gegenwart ist folglich der Test, ob die damaligen Ideen für eine Zukunft etwas wert waren. Zu welchem Ergebnis kommen Sie da?

Brock: Ja, es ist erstaunlich, die 68er waren ungeheuer erfolgreich, weil alles, was sie gefordert haben, von ihren Gegnern verwirklicht wurde. Die Gegner, zum Beispiel die USA, haben sich auf ein kleines Format in der Welt minimiert. Alle Forderungen sind sozusagen von dem Gegner erfüllt worden. Uns ging es eigentlich darum, dass wir aus der Einsicht der Individuen heraus Veränderung erreichen wollten und nicht durch die große politische Dialektik. Wir setzten immer bei der Individualität an, und wir sehen, wie gefährdet heute Individualität ist, sei es auf der Ebene Gotteskindschaft, sei es auf der demokratischen Ebene der Gleichberechtigung, das muss völlig neu definiert werden. Was heißt überhaupt noch Gleichheit, wenn wir alle genetisch, von der Herkunft, von der Ausbildung her nicht gleich sind. Das ist ja objektiv der Fall. Wir sind ja nicht gleich. Wo steckt die Gleichheit? Und darauf haben wir Antworten gegeben wie sonst keine andere Gruppierung.

Striegel: Sie hatten Ziele, die größer nicht sein können: die radikale Emanzipation des Individuums und die Revolution des Lebens und der Gesellschaft. Eigentlich müsste man doch davon ausgehen, dass Sie, wenn Sie jetzt zurückschauen, desillusioniert sind.

Brock: Nein, wir schauen nicht zurück und sagen, oh, wie war das toll, und jetzt ist alles mies. Im Gegenteil. Was für grandiose Perspektiven wurden da eröffnet. Das ist ja nicht beendet, sondern es wird immer aktueller. Man sieht jetzt an der NSA-Geschichte, dass die Kriege weitergehen, dass dieses beruhigende Pazifistische: Wir sind alle guten Willens und es passiert schon nichts, Unsinn ist. Wir müssten wirklichkeitstauglich werden. Also, keine Träumereien, sondern einschätzen, was die Welt tatsächlich ist, und dann innerhalb dieser Welt, einen Anspruch auf Individualität, Freiheit und Demokratie behaupten. Und das waren die Perspektiven, die Antworten, die damals versucht wurden, und die sind heute aktueller als sie es in den 60er/70er Jahren je gewesen sind.

Striegel: Es ist also keine rein historische Schau, die wir im ZKM zu sehen bekommen?

Brock: Es ist eigentlich ein Prospekt der Perspektiven, die heute für jeden wichtig sind. Was kann ich als Individuum, als Einzelner überhaupt noch über die Welt wissen? Wie kann ich das zum Ausdruck bringen, wo sonst nur die großen Verbände, die Parteien, die Schulen gelten? Ich als Delegierter, ich als Abgeordneter spreche. Ich sage in meiner Funktion als… das und das. Nein. Hier stehen Menschen, die nichts hinter sich haben, keine Armee, keinen Papst, keinen Bischof, kein Geld, keinen Markt, die stehen da und sagen: Wie kann ich als dieses bloße kleine menschliche Existenzbündel, wie kann ich einen Anspruch auf Weltgeltung erheben, im Sinne von: Auch ich habe die Möglichkeit, über meinen Weltbezug etwas Verbindliches auszusagen. Und das ist ja das, was die Künstler tatsächlich vorgemacht haben. Künstler sind ja nichts anderes als Beispielgeber für diese Position: ein Einzelner und die Welt. Was kann ein einzelner Mensch noch tun? Und wenn es uns nicht mehr um die einzelnen Menschen geht, dann brauchen wir uns auch überhaupt nicht mehr anzustrengen, dann können wir ja wieder in totalitäre Regime zurückgehen.