Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

18. Ausstellung im Haus Dt. Ring, Hamburg, 17. Oktober - 3. Dezember 1978 / [Hrsg.: Dt. Ring, Lebensversicherungs-Aktienges., Hamburg]. Nach e. Konzept von Bazon Brock

Brock inszenierte 1978 die Ausstellung ›Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!‹ im Haus Deutscher Ring, Hamburg, mit Environments, Fotodokumentationen und Action-teaching. Zur Ausstellung erschien eine Katalogbroschüre gleichen Titels, Hamburg 1978, aus der die folgenden Texte - teilweise überarbeitet - entnommen sind.

Seite im Original: 9

Phersu, der Gott, der jedem denselben Namen gab: Person

»Ganz offensichtlich lebt das etruskische Wort phersu in dem lateinischen Wort persona fort. Und persona heißt Maske. Es bedeutet aber auch das, was wir unter dem Begriff Person verstehen. Es gibt eine Erklärung dafür: Weil die Maske von einem Schauspieler getragen wird und nach der jeweiligen Rolle verschieden ist, bedeutet persona auch soviel wie Rolle. Die Rolle wiederum bestimmt den jeweiligen Charakter des Schauspielers. Somit heißt persona auch Charakter. Von Charakter kann man jedoch nicht nur beim Schauspieler sprechen. Jeder Mensch hat einen bestimmten Charakter, und so erhielt der Begriff persona über den Bereich des Schauspielerischen hinaus Bedeutung als Begriff für einen bestimmten Charakter, eine bestimmte Individualität, ein einmaliges, ganz bestimmtes menschliches Wesen. Unser Wort Person geht also letzten Endes zurück auf das etruskische phersu.

Ein kräftig gebauter, bärtiger Maskierter mit einem spitzen Flügelhut hat eine Leine nach einem Mann ausgeworfen, der nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist. Dieser hat sich bereits in der Leine verfangen, und Wunden bedecken seinen Körper. Sie stammen von einem Hund, dessen Halsband durch eine Art Klöppel, der einem Knochen gleicht, mit der Leine verbunden ist, so daß jedesmal, wenn der Maskierte an der Leine reißt, der Klöppel den Hund schlägt, der dann aus Wut und Schmerz den halbnackten Mann beißt. Dieser könnte sich zwar wehren, denn er hält in der Hand eine Keule. Doch auch sie ist bereits in die Leine des Maskierten verwickelt; zudem ist der Kopf des wehrlosen Opfers mit einem Sack verhüllt worden, so daß es gar nichts sehen kann.

Wir wissen auch, wie der Maskierte aus der Tomba degli Auguri heißt. Links neben seinem Kopf steht sein Name, zwar schon etwas verblaßt, aber dennoch leserlich. Er heißt: Phersu.«

Herbert Alexander Stützer: Die Etrusker und ihre Welt; Köln 1975, S.87-89.

Was Personsein heißt, enthüllt gleich auf fürchterlich deutliche Weise diese frühe Darstellung des Sachverhalts (in unserer kulturellen Tradition):

Phersu trägt eine Maske, die seine Rolle kennzeichnet. Welches ist seine Rolle? Er zwingt einen anderen zur Reaktion. Dem anderen ist ein Sack über den Kopf gebunden worden; er kann Phersu und seine Umwelt nicht sehen. Phersu und die Umwelt (sichtbar der Hund) wirken auf ihn ein: Sie fügen ihm grausame Schmerzen zu. Der andere schlägt um sich, reagiert auf die Peinigungen mit seinen Mitteln, um neuen Schmerzen zu entgehen. Je mehr er aber reagiert, um so weniger kann er tun; die Keule verfängt sich mehr und mehr im Strick, mit dem er an Phersu und Hund gebunden ist. Durch seine Reaktionen fesselt er sich schließlich ganz und wird so zum wehrlosen Opfer.

Was heißt das nicht erst für uns, sondern was hieß das möglicherweise schon für die Etrusker des 6. Jahrhunderts v. Chr. ?

Das blinde Ich im Kampf mit der Natur seines Trägers - aufgehetzt von den Handlungsrollen, die jede Person zu spielen gezwungen ist.
Mit dem Namen Phersu ist demnach nicht nur der Maskenträger bezeichnet. Phersu ist nicht einfach nur einer; was er tut, gehört zu ihm, macht ganz wesentlich seine Person aus.

Die Person, so können wir sagen, sind immer drei: Ich, mein natürlicher Leib und der andere, die anderen, vor denen ich eine Rolle spiele. Person ist die Einheit dieser drei. Auch die anderen gehören zu mir, wie mein Ich und mein Leib. Ja, ich bringe das, was die anderen für mich sind oder sein könnten, erst selber hervor, nämlich in meinen Vorstellungen. In der Vorstellung verallgemeinere ich alle die anderen zu dem schlechthin anderen, mit dem ich immer rechne.

Ich stelle mir bei jeder Planung und Ausführung meiner Handlungen nämlich immer vor, was 'die anderen' von mir erwarten, was sie wollen und wie sie reagieren könnten; das plane ich bereits in meine Handlungen ein. Insofern werde ich durch meine Handlungen in Rollen gezwungen, als würden sie mir von außen, von den anderen, aufgezwungen.

Aber Phersu ist ein Teil meiner selbst. Und deswegen gibt es vor ihm kein Entrinnen.

Das gilt für jede Person. Wie aber die einzelnen Personen mit dieser Gegebenheit fertig werden, mit ihr zu leben vermögen, das macht die Personen zu unterschiedlichen Persönlichkeiten. Jeder versucht in sich, den Kampf von Phersu und Hund gegen das Ich, den Kampf zwischen Rollenzwängen und Triebansprüchen möglichst unentschieden zu halten.
Wem es darüberhinaus gelingt, daß sein Ich den Phersu und den Hund völlig unter Kontrolle bringt, hat als ichstarke Persönlichkeit die besten Voraussetzungen, sein Leben voll auszuschöpfen. Wer hingegen sich von den Rollenzwängen (seinem Phersu, seinem Über-Ich) oder von seinen Trieben terrorisieren läßt, wird nicht einmal sich exponieren können, geschweige denn zielgerichtet zu handeln beginnen. Er wagt kaum, sein Leben zu leben.