Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

18. Ausstellung im Haus Dt. Ring, Hamburg, 17. Oktober - 3. Dezember 1978 / [Hrsg.: Dt. Ring, Lebensversicherungs-Aktienges., Hamburg]. Nach e. Konzept von Bazon Brock

Brock inszenierte 1978 die Ausstellung ›Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!‹ im Haus Deutscher Ring, Hamburg, mit Environments, Fotodokumentationen und Action-teaching. Zur Ausstellung erschien eine Katalogbroschüre gleichen Titels, Hamburg 1978, aus der die folgenden Texte - teilweise überarbeitet - entnommen sind.

Seite im Original: 25

Was ist eine Persönlichkeit? Exponiert euch!

Persönlichkeit werden ... zum höchsten Glück auf Erden. Ein Angebot für eilige Übersichtsleser, einzusteigen in das Thema

Eine Alltagssituation: Wie wird der Begriff "Persönlichkeit" verwendet?

Die Fußballweltmeisterschaft 1978 war eine Katastrophe, und zudem noch eine langweilige, was sich nur über wenige Katastrophen sagen läßt. Indes: Haben nicht alle diese Katastrophe vorhergesehen? Und warum ließ sie sich nicht vermeiden, wenn sie vorhersehbar war?

Vorhersahen alle, die sich für den Fußball interessieren und entsprechend äußerten, daß man Fußball nicht allein mit guten und sehr guten Fußballern spielen könne. Zum interessanten und erfolgreichen Fußballspielen bedarf es vielmehr der Spielerpersönlichkeiten.

Die Spielerpersönlichkeit

Lange vor der Weltmeisterschaft stellten die Kommentatoren fest, daß die deutsche Mannschaft und viele ihrer Konkurrenten nicht mehr über Spielerpersönlichkeiten verfügten. Entsprechend eindringlich war der Ruf nach den Spielerpersönlichkeiten, wobei bemerkenswert ist, daß die hochmögenden Herren Journalisten der Frankfurter Allgemeinen wie die der Bild-Zeitung, die des Höferschen Frühschoppens wie die der Sportschau und deren Österreichische und Schweizer Kollegen im gleichen Wortlaut und im gleichen Sinn von der Spielerpersönlichkeit sprachen.

Sie alle haben offensichtlich angenommen, daß ihre noch so unterschiedlichen Leser und Zuschauer wüßten, was eine Spielerpersönlichkeit ist.

Ja, was ist denn nun eine Spielerpersönlichkeit im allgemein vorausgesetzten Verständnis bei Journalisten und ihrem Publikum, bei den Spielern und den Stammtischstrategen? Warum werden Beckenbauer, Breitner, Netzer allgemein als Spielerpersönlichkeiten bezeichnet, Kaltz und Rüßmann, ja Berti Vogts und Bonhof hingegen nur als erstklassige Fußballspieler? Es kann nicht gemeint gewesen sein, daß eine Spielerpersönlichkeit sich von dem erstklassigen Fußballspieler nur durch ein noch größeres fußballerisches Können unterscheidet. Vielmehr müssen, so hört man, die Spielerpersönlichkeiten in der Lage sein, dem Spiel Impulse und Richtungen zu geben, den Überblick übers Ganze zu haben, die Mitspieler zum Durchhalten zu motivieren, selbst wenn die Lage aussichtslos zu sein scheint.

Die Spielerpersönlichkeit soll Impulse geben, den Überblick übers Ganze haben, zum Durchhalten motivieren

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, daß der Ruf nach einer Spielerpersönlichkeit mit solchen Fähigkeiten dem Ruf nach einer Führungspersönlichkeit gleichkommt. Impuls und Richtung geben, Überblick übers Ganze haben, zum Durchhalten motivieren, das sind ganz offensichtlich Führungsqualitäten, und wohl nicht nur eines Fußballspielers, sondern einer jeden Führungspersönlichkeit .

Die Führungspersönlichkeit

Andererseits können ja ein oder zwei Führungspersönlichkeiten ein Spiel nicht allein gewinnen, sie müssen vielmehr Mitspieler haben, die auf Impulse reagieren, angezeigte Richtungen verfolgen, dem sich aus dem Überblick übers Ganze ergebenden taktischen Plan zu folgen vermögen.

Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit

Sind diese Fähigkeiten nicht auch Ausdruck einer Persönlichkeit? Wäre es demzufolge nicht sinnvoller, davon auszugehen, daß jeder Spieler und im erweiterten Sinn also jeder Mensch eine Persönlichkeit ist? Unsere Alltagssprache und alltäglichen Argumentationen scheinen von einer solchen Annahme auszugehen, wobei wir allerdings im Alltag davon sprechen, daß es starke und schwache Persönlichkeiten, unheimliche, originelle und blasse Persönlichkeiten gibt.

Was kann damit gemeint sein? Doch wohl nicht, daß jede originelle, unheimliche und starke Persönlichkeit eine Führungspersönlichkeit sei und schon gar nicht dürfte im Alltag gemeint sein, daß jede originelle Persönlichkeit auch eine Führungsrolle innehat. Und umgekehrt wird Berti Vogts offensichtlich nicht schon dann zu einer Führungspersönlichkeit, wenn er mit der Armbinde 'Spielführer' herumläuft.

Führungsrolle reicht nicht

Das Kennzeichen Originalität scheint vielmehr so etwas wie Selbständigkeit im Urteil, Eigeninitiative, Andersartigkeit zu meinen. Selbständigkeit und Urteilsfähigkeit sind dann gegeben, wenn jemand nicht immer nur ausgetretene Pfade geht, sondern es wagt, etwas anders zu machen, als es üblich und naheliegend ist. Wer etwas anders macht als die anderen, weicht von eingespielten Verfahrensweisen, Gedanken und Vorstellungen ab.

Unheimlich starke Persönlichkeit, wer die Kraft zur Abweichung hat

So kann man wohl sagen, daß für das Alltagsverständnis eine starke oder unheimliche oder originelle Persönlichkeit ist, wer die Kraft zur Abweichung von Normen und Erwartungen hat. Dem erstklassigen Fußballspieler Berti Vogts wurde denn auch vorgeworfen, daß er eben nicht die Kraft habe, von den Auffassungen der DFB-Funktionäre abzuweichen und umgekehrt scheint die Spielerpersönlichkeit Breitner nicht in die DFB-Auswahl aufgenommen worden zu sein, weil Breitners tatsächliche oder versuchte Abweichungen von der erwarteten Norm von den DFB-Funktionären nicht toleriert wurden.

Persönlichkeitstypen: Führungs-, und Abweichungspersönlichkeiten 

Wir haben bisher, vom Alltagsverständnis ausgehend, zwei Persönlichkeitstypen voneinander unterschieden, die Führungspersönlichkeit und die originelle Persönlichkeit. Letztere wird im Alltagsmund, wenn sie extrem ausgebildet ist, auch als 'Original' bezeichnet bzw. belächelt, bespöttelt, beargwöhnt. Künstler und Wissenschaftler werden allgemein als die Prototypen solcher Abweichungspersönlichkeiten angesehen beziehungsweise ebenfalls belächelt, bespöttelt und beargwöhnt.

Abweichler solange bis er Vorbild wird

Wenigstens solange, als sie nicht wiederum zu Vorbildern werden, also als neue Normsetzer anerkannt sind.

Den Prototyp der Führungspersönlichkeit sieht man wohl allgemein in besagten Spielerpersönlichkeiten oder Lehrern, in Unternehmern und Offizieren, in Managern und Regisseuren aller Art. Auch sie werden wie die originelle Persönlichkeit beargwöhnt, aber nicht belächelt, sondern gefürchtet, nicht bespöttelt, sondern umwedelt.

Die in sich ruhende Persönlichkeit

Aber unser Alltagsverständnis scheint noch einen dritten Persönlichkeitstyp vorauszusetzen, wenn man von einer integren Persönlichkeit spricht, von einer selbstlosen bzw. von einer in sich ruhenden Persönlichkeit. Deren Prototyp möchten wohl die meisten Menschen in einem Arzt oder Guru, einem Pfarrer oder Richter, einem Heiligen oder weisen Alten sehen. Auf dem Fußballfeld scheint dieser Persönlichkeitstyp weniger gefragt zu sein, wenn man nicht den guten Sepp Maier in seiner Funktion als unerschüterliches, seinen Vordermännern Vertrauen einflössendes Bollwerk in dieser Rolle einsetzen will. Aber Trainer Schön ist gewiß der Guru seiner Mannschaft gewesen.  

Im allgemeinen scheint das Alltagsverständnis zu wissen, was es mit der Unterscheidung solcher Persönlichkeitstypen auf sich hat. Die meisten Menschen wissen, daß jeder Persönlichkeit Aspekte der Führungs- wie der Abweichungspersönlichkeit, ja auch solche der in sich geschlossenen Persönlichkeit zukommen.

In jeder Persönlichkeit sind Aspekte der Führungs-, der Abweichungspersönlichkeit und der integren Persönlichkeit zu erkennen

Man will eben nur sagen, daß in den einzelnen Persönlichkeiten die drei Typenmerkmale unterschiedlich stark ausgeprägt sind und daß je nach Anlaß, je nach Opportunität und Fähigkeiten jemand, wenn er denn schon Persönlichkeitsanspruch erhebt, entweder seine Führungsqualitäten oder seine Originalität oder Integrität einsetzt.

Es ist nämlich gar nicht selbstverständlich, daß alle Menschen einen Persönlichkeitsanspruch erheben, selbst wenn man sie - und sie sich - als Persönlichkeiten versteht. Sehr sehr sehr sehr sehr viele Menschen verzichten darauf, einen Persönlichkeitsanspruch zu erheben. Sie sagen, daß sie sich gar nicht erst hervortun oder exponieren wollen. Denn sich zu exponieren ist immer ein Risiko. Wenn man von Anpassern, Trittbrettfahrern, Konformisten, von grauen Mäusen und Strategen der Unauffälligkeit hört, dann bedeutet das, daß solche Menschen ganz bewußt auf jede Exponierung verzichten.

Persönlichkeitsanspruch erheben: sich exponieren

Freilich damit auch auf die Möglichkeit, überhaupt erst einen Persönlichkeitsanspruch zu stellen, auszudrücken und durchzusetzen. Solche Menschen wissen nämlich, daß eine Gesellschaft diesen Verzicht honoriert.

Verzicht auf Exponierung

Es gibt vorgezeichnete Berufs- und Lebensbahnen, die auf dem Verzicht von Exponierung und Persönlichkeitsausdruck beruhen.

Freilich damit auch auf die Möglichkeit, überhaupt erst einen Persönlichkeitsanspruch zu stellen, auszudrücken und durchzusetzen. Solche Menschen wissen nämlich, daß eine Gesellschaft diesen Verzicht honoriert. Es gibt vorgezeichnete Berufs- und Lebensbahnen, die auf dem Verzicht von Exponierung und Persönlichkeitsausdruck beruhen.

Exponierung ist noch nicht Persönlichkeitsausdruck

Häufig wird so getan, als ob die Fähigkeit, sich zu exponieren, schon der entscheidende Persönlichkeitsausdruck sei. Ja, daß Persönlichkeiten sich eben mühelos zu exponieren verstünden. Das ist ein Irrtum, denn auch die routinierteste Schauspielerpersönlichkeit wie etwa Heinrich George kennt noch Exponierungsangst, die wir normalerweise als Lampenfieber bezeichnen, auch die erfolgreichste Schriftstellerpersönlichkeit wie zum Beispiel Georges Simenon hat immer erneut Exponierungsangst, die sich regelmäßig und regelrecht in Krampfzuständen und Erbrechen äußert.

Exponierungsangst

Ohne sich zu exponieren, hat man keine Chance, seinen Persönlichkeitsanspruch auszudrücken, gar durchzusetzen. Aber die Exponierung ist nicht gleichbedeutend mit dem Persönlichkeitsausdruck, auch wenn Redner- und Tanzschulen oder Benimminstitute das verlockende Angebot machen, man könne bei ihnen lernen, eine Persönlichkeit zu werden. Was diese Institute tatsächlich lehren können, ist, wie man sich exponiert. Aber das lernt man vor allem außerhalb solcher Institute, von frühesten Kindesbeinen an.

Man kann lernen, sich zu exponieren

Freilich lernt man eben auch, daß sich nicht exponieren der bequemere, ja erfolgreichere Weg sein kann. Wer sich exponiert, weiß instinktiv und sollte vielleicht ausdrücklich wissen, was er da tut. So exponiert man sich instinktiv durch die Art seiner Bekleidung oder seines Verhaltens, obwohl nur die wenigsten Menschen bisher sich klargemacht haben, wie im einzelnen Mode und Körpersprache als bloße Techniken des Sich-Exponierens auf den Ausdruck und die Durchsetzung eines Persönlichkeitsanspruches wirken.

Mode und Körpersprache als Mittel sich zu exponieren

Immerhin scheinen alle zu spüren, daß es unmöglich ist, von der Exponierung durch Kleidung und Verhalten direkt auf die Persönlichkeit zu schließen. Niemand nimmt ernsthaft an, daß wir mit dem Wechsel der Kleidung und des Verhaltens auch unsere Persönlichkeit unmittelbar verändern. Zwar weiß man, daß sich jede Persönlichkeit im Laufe des Lebens entwickelt und verändert, aber diese Veränderungen sind nicht die gleichen wie die Veränderungen der Moden und Verhaltensweisen, mit deren Hilfe wir uns exponieren.

Um die Beziehungen zwischen Persönlichkeit und bloßem Sich-Exponieren mit Hilfe von Moden und Verhaltensweisen näher zu bestimmen, müssen wir uns fragen, wie sich denn eine Persönlichkeit ausdrückt, jenseits und über das bloße Exponieren hinaus. Auch dafür können wir auf unsere Alltagserfahrungen zurückgreifen. So spricht man davon, daß Persönlichkeiten eine Ausstrahlung haben.

Der Persönlichkeitsausdruck

Die Führungspersönlichkeit strahle zum Beispiel Wirkungskraft aus; man sagt, eine Führungspersönlichkeit habe »Charisma«. Auf die Ausstrahlungen oder originellen Persönlichkeit soll der Begriff »Aura« verweisen. Bei der geschlossenen Persönlichkeit glaubt man, ihr »Fluidum« oder ihre »vibrations« zu spüren, sie strahlt Lebenskraft aus. Diese Ausstrahlung wird auch gespürt, ohne daß die Persönlichkeit sich durch Handeln direkt zu manifestieren versuchte. Dabei bleibt es umstritten, ob man Charisma oder Aura oder Fluidum durch bewußte Entfaltung seiner Persönlichkeit in die eine oder andere Richtung überhaupt erwerben kann oder ob nicht diese Ausstrahlung auf unerklärliche oder bisher ungeklärte Weise einigen Menschen durch ihr bloßes Lebendigsein schon zukommt.

Charisma: Ausstrahlung von Kraft zum Handeln

Aura: AUsstrahlung von Schöpfungskraft

Fluidum: Ausstrahlung von Lebenskraft

Wir hatten uns von den Kommentatoren und Beschwörern der Spielerpersönlichkeit sagen lassen, daß Führungsqualitäten darin bestünden, Überblick übers Ganze zu haben, Richtung und Impuls zu geben und Durchhaltevermögen zu demonstrieren.

Verallgemeinernd könnte man sagen, daß die Führungspersönlichkeit sich über das bloße Exponieren hinaus und im Geruch des Charismas dadurch ausdrückt, daß sie ein Weltbild zu repräsentieren weiß, das die Geführten als das ihre akzeptieren könnten.

Weltbild der Gruppe präsentieren

Auch wenn es nicht um das große Ganze geht, sondern um ein kleines Ganzes wie ein Fußballspiel oder eine Inszenierung oder einen Produktionsabschnitt, dann muß die Führungspersönlichkeit in der Lage sein, innerhalb solcher ausgegrenzter Handlungssysteme einen Zusammenhang auszuweisen, durch den den Geführten ihre Tätigkeit als sinnvoll verstehbar werden kann.

Sinneszusammenhang ausweisen

Das Vermögen zum Impuls- und Richtunggeben dürfte bei der Führungspersönlichkeit darin sich ausdrücken, da sie im Hinblick auf fest vorgegebene Ziele Entscheidungen zu treffen weiß und die Geführten zu motivieren versteht.

Zum Handeln motivieren

Eine Führungspersönlichkeit, die auch eine Führungsrolle innehat, kann durch entsprechende Maßnahmen zumindest versuchen, ihren Persönlichkeitsanspruch nicht nur auszudrücken, sondern auch durchzusetzen, etwa indem sie Belohnungen und Bestrafungen verhängt. Solche Durchsetzungsmittel hat zum Beispiel ein Künstler als Prototyp der originellen Persönlichkeit nicht. Wenn sich niemand für die Arbeiten des Künstlers interessiert, so kann er nicht mit Verlockung und Drohung durchsetzen, daß wir ihn akzeptieren. Er kann aber seine Werke, mit denen und in denen er sich exponiert, zum Beispiel so hermetisch abschotten, daß wir es als uns anstachelndes Versagen empfinden, die Werke nicht verstehen zu können. Solcher Hermetismus der Werke wird seit Jahrhunderten von Künstlern als Maßnahme der Durchsetzung ihres Persönlichkeitsanspruchs praktiziert.

Wie können Künstler als Abweichungspersönlichkeiten ihren Persönlichkeitsanspruch durchsetzen?

Im Unterschied zur Führungspersönlichkeit ist eine originelle Persönlichkeit auch nicht gehalten, ein Weltbild zu repräsentieren und einen Systemzusammenhang auszuweisen, sondern man verlangt eher von ihr, einen Zusammenhang auf neue Weise herzustellen und ein Weltbild zu entwerfen.

Weltbild des Abweichlers

Entscheidungen, die die originelle Persönlichkeit trifft, richten sich nicht auf ein von außen vorgegebenes Ziel aus, sondern sind Selbstfestlegungen des Künstlers, wie er sie zum Beispiel in jedem Augenblick seines Werkschaffens mit jedem weiteren Pinselstrich oder Satz oder Takt tatsächlich vornimmt.

Eigene Zielsetzung

Impulse gibt die originelle Persönlichkeit dadurch, daß sie andere dazu animiert, sie nachzuahmen.

Motivation zur Nachahmung

Die geschlossene, integre oder in sich ruhende Persönlichkeit schließlich wirkt ohne Ausrichtung auf vorgegebene Ziele oder definitive Selbstfestlegungen; sie wirkt wie ein Katalysator oder Medium (Mediator) im Entscheidungsprozeß, wobei alle Beteiligten spüren, daß die geschlossene Persönlichkeit nicht ihre eigenen oder vorgegebene Entscheidungen durchsetzen, sondern den Beteiligten helfen will, ihre eigenen Entscheidungen zu finden.

Die Hebammenkunst des Sokrates und jeder mediativen Persönlichkeit

Sokrates, eine der frühesten uns dokumentierten geschlossenen Persönlichkeiten, gab zu verstehen, daß er wie eine Hebamme wirken wolle, die nichts anderes tue, als dafür zu sorgen, daß ein natürlicher Prozeß möglichst störungs- und risikolos ablaufen könne. Auch entwirft eine derartig wirkende Persönlichkeit nicht Weltbilder selbst oder repräsentiert die Weltbilder anderer, sie scheint ohne die ausdrückliche Deklaration eines solchen Zusammenhangs des Ganzen auszukommen.
Wahrscheinlich, weil sie selbst durch ihre bloße Existenz als ein solcher Zusammenhang des Ganzen verstanden werden kann.

Ohne deklarierte Weltbilder wirken

Warum wird gegenwärtig so eindeutig nach der Führungspersönlichkeit gerufen? So eindeutig, wie zum Beispiel die Fußballinteressierten nach der Spielerpersönlichkeit und die politisch Interessierten nach der politischen Persönlichkeit rufen? Etwa deswegen, weil der Führer als das Persönlichkeitsideal gilt? Hört man sich hinreichend unter seinen Mitmenschen um, vor allem unter den jungen, dann bekommt man schnell heraus, daß nicht der Führer, nicht das Original, sondern die in sich ruhende Persönlichkeit, Sokrates und der weise Alte, oder moderner gesagt, der Therapeut und der Guru, das Persönlichkeitsideal ist. Man möchte sich am liebsten, wenn's denn möglich wäre, zu einer geschlossenen Persönlichkeit entwickeln.

Persönlichkeitsideal ist nicht der Führer, sondern der Mediator

Wenn der Führer demzufolge gar nicht als das Persönlichkeitsideal in Frage kommt, warum wünscht man ihn dann herbei? Offensichtlich hat sich der Zustand unseres gesellschaftlichen Lebens wieder in einer Richtung entwickelt, in der Persönlichkeitsanspruch zu erheben, auszudrücken und durchzusetzen unerwünscht und entsprechend risikoreich ist. Wer's trotzdem versucht, bezieht Prügel oder muß sich zumindest einer mehr oder minder deutlichen Kontrolle nicht nur seiner Handlungen, sondern auch seiner Vorstellungen und Gedanken aussetzen.

Ruf nach der Führungspersönlichkeit, damit das Wesen von Entscheidungen im Alltagsleben vergegenwärtigt werden kann

Funktionäre wollen nicht verantwortlich sein  

Man sagt, das Klima des gesellschaftlichen Lebens habe sich verändert, wir näherten uns auffällig einer Funktionärsmentalität, die sich vor allem darin ausdrückt, daß kaum noch jemand bereit ist, persönliche Verantwortung für Entscheidungen auf sich zu nehmen. Wer nach den Urhebern von Entscheidungen sucht, wird erfolglos im Kreise herumgeführt, man sagt ihm, daß man nicht personifizieren dürfe, sondern >das System< oder >die Gesellschaft< für Entscheidungen verantwortlich machen müsse, zumindest sagt man das, wenn es um die Urheber von zweifelhaften Entscheidungen geht. Das System selbst oder die Gesellschaft in toto entscheiden aber nicht, Entscheidungen werden immer und überall nur in konkreten Situationen von einzelnen gefällt, auch wenn diese einzelnen Mitglieder von Gruppen oder Gremien sind.

Eines gilt immer und überall: Es muß entschieden werden, um das gesellschaftliche Leben sich entfalten zu lassen. Stagniert unser Leben, weil bei dem gegebenen Risiko nicht mehr entschieden wird beziehungsweise man nur so tut, als ob man entscheide, in Wahrheit aber nur den bürokratischen Leerlauf aufrechterhält? Weil man diese Veränderung spürt, erschallt der Ruf nach den Persönlichkeiten, zumindest der Ruf nach den Führungspersönlichkeiten. Haben Franz Josef Strauß und Alfred Dregger deswegen Erfolg, weil sie sich offen als Führer anbieten für alle Kümmerlinge, Autoritätsgläubigen und schwachen Charaktere, die eben einen Führer brauchen? Es wäre gefährlich, bei dieser Auffassung weiterhin zu verharren, denn nicht nur die Schwachen und Haltlosen rufen nach den Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen des gesellschaftlichen und privaten Lebens. Sie wollen nicht geführt werden wie ein Kind an der Hand des Vaters, sondern sie wollen, daß die Führungspersönlichkeit ihnen gegenüber die Tatsache und das Wesen der Entscheidung repräsentiert, das heißt sichtbar und jedermann erkennbar werden läßt, daß Entscheiden immer bedeutet, zwischen verschiedenen Alternativen zu wählen, daß demzufolge immer die Vorschläge und Ansprüche einer Gruppe oder einzelner Menschen durch die Entscheidung ausgeschlossen werden. Die Führungspersönlichkeit soll also vor allem sichtbar machen, wie Entscheidungen zustande kommen, wer warum obsiegt und daß Entscheidungen umgestoßen werden können. Was konkret bedeutet, daß die Führungspersönlichkeit absetzbar ist.

Führungspersönlichkeiten gegen bürokratischen Leerlauf

Es spricht für sich, daß diejenigen, die bei uns in Politik und Wirtschaft, in Familie, Verein und Institution Führungsrollen innehaben, nur noch bereit sind, die materiellen und immateriellen Belohnungen zu kassieren, aber nicht bereit sind, notwendige Kritik auf sich zu lenken und auszuhalten. Die Reichen zeigen ihren Reichtum nicht mehr, die Mächtigen verstecken ihre Macht hinter Sach- und Systemzwängen. Deshalb ergeht der Ruf nach den Führungspersönlichkeiten.

Führungspersönlichkeiten sind kritisierbar und ersetzbar

Wir reden hier nicht dem Persönlichkeitskult das Wort. Stalinkult und Theo-Kojak-Kult wollen ja gerade davon ablenken, daß ihre Idole auch nur konkrete Menschen sind, was übrigens der Alltagsmensch sehr genau spürt, weshalb er sich so stark für das Privatleben der Stars interessiert. Die Kultpriester und Starmacher haben für dieses Interesse kein Verständnis, sie möchten so tun, als ob ihre Objekte auch noch auf dem Klosett die Starrolle durchhielten. Sie konstruieren den Geschäftsinteressen entsprechend eine künstliche Persönlichkeit und setzen alles daran, die Frage zu verhindern, ob denn die Stars von sich aus überhaupt in der Lage sind, einen Persönlichkeitsanspruch zu erheben.

Gegen den Persönlichkeitskult

Kleines Fazit, das sich in jedem Fall vertreten läßt

Kleines Fazit zur Lage: Exponieren Sie sich, wo immer Sie können, denn nur so werden Sie eine Chance haben, Persönlichkeitsanspruch anzumelden, also urteils- und entscheidungsfähig zu werden, Kritik herauszufordern und auszuhalten.

Einwände bitte noch einen Augenblick zurückhalten

Nachsatz für die Fortgeschrittenen, die Kritik an diesen Andeutungen über die Persönlichkeit anmelden: Auch wir wissen, daß Persönlichkeit definiert wird durch die empirischen Begriffe, die in einer Theorie von der Persönlichkeit verwendet werden, wie Murray so unheimlich stark für alle formuliert, die sich rein wissenschaftlich mit der Frage nach der Persönlichkeit beschäftigen. Na, denn man tau, wenn Ihnen jederzeit klar ist, daß auch diese wissenschaftliche Formulierung des Problems von einer Wissenschaftlerpersönlichkeit, nicht von der Wissenschaft stammt.