Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!

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Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

18. Ausstellung im Haus Dt. Ring, Hamburg, 17. Oktober - 3. Dezember 1978 / [Hrsg.: Dt. Ring, Lebensversicherungs-Aktienges., Hamburg]. Nach e. Konzept von Bazon Brock

Brock inszenierte 1978 die Ausstellung ›Persönlichkeit werden… zum höchsten Glück auf Erden. Wagt es!‹ im Haus Deutscher Ring, Hamburg, mit Environments, Fotodokumentationen und Action-teaching. Zur Ausstellung erschien eine Katalogbroschüre gleichen Titels, Hamburg 1978, aus der die folgenden Texte - teilweise überarbeitet - entnommen sind.

Seite im Original: 41

Kleines Begriffsregister zur Persönlichkeit

Motto: Man ist immer schon mitten im Leben und soll es doch erst lernen!

Wir verstehen Begriffe als Namen von Sätzen, die miteinander einen Zusammenhang von Aussagen bilden und in einem Zusammenhang stehen. Hier folgen diejenigen Sätze, für die die entsprechenden Begriffe verwendet werden. Wenn man die Sätze aus den Augen verliert, deren Name der Begriff ist, dann verselbständigt sich der Begriff und wird noch mißverständlicher als ohnehin unumgänglich. Die Reihenfolge der Begriffe entspricht ihrer Stellung in der Argumentation, die wir für die AUsstellung zugrunde legten.

Selbstbild:
die Art und Weise, wie man sich selbst sieht.

Fremdbild:
die Art und Weise, wie man glaubt, daß einen die anderen sehen.

Idealbild:
die Art und Weise, wie man sich selbst in der Beziehung zu anderen gerne sehen würde.

Verhalten:
jede Form von Gegenwärtigsein eines Menschen; es gibt kein Nicht-Verhalten.

Exponierung, sich exponieren:
jeder deutlich erhobene Anspruch, von anderen wahrgenommen zu werden. Exponierung ist demnach Voraussetzung - und nur Voraussetzung - jedes Persönlichkeitsausdrucks. Man kann sich exponieren oder auch darauf verzichten beziehungsweise zum Verzicht gezwungen werden. Aber auch sich nicht zu exponieren, ist ein Verhalten.

Repräsentative Exponierung:
sich exponieren, ohne leibhaftig anwesend zu sein.

Exponierposen:
Attitüden formelhafte, typisierte Formen des Verhaltens in der Exponierung.

Exponierpodeste:
Orte der Exponierung, die im Hinblick auf Exponierung gestaltet wurden. Prinzipiell kann man sich aber an jedem Ort exponieren.

Attitüdenpassepartout:
Übungsgeräte und Vorgang der Einübung von Analogiebildungen (zum Beispiel eigenes Nachstellen einer Pose, die auf einem Gemälde vorgegeben ist).

Exponierangst:
bekannt als Lampenfieber. Jeder, auch die Exponierprofis, hat Exponierangst, da niemand die Gewißheit haben kann daß seine Erscheinung in der Exponierung nicht gründlich mißinterpretiert wird.

Interpretationsmuster:
Art und Weise, in der man bewußt oder unbewußt etwas zu deuten versucht.

Moden:
Mittel der Exponierung; alle kurzfristig veränderbaren Interpretationsmuster, die in einer Kultur zu bestimmter Zeit und in bestimmtem Zusammenhang angeboten werden. Sich mit Hilfe von Moden zu exponieren heißt, die anderen zu Interpretationen seines eigenen Verhaltens zu veranlassen.

Traditionen:
alle nur langfristig sich verändernden Interpretationsmuster, die angewendet werden, um Exponierung in Text und Bild zu ermöglichen, und mit denen wir Texte und Bilder lesen bzw. die wir für die Deutung des Umfelds einer Exponierung verwenden.

Körpersprachen:
alle Interpretationsmuster, die im Laufe der Stammesgeschichte des Menschen entstanden und die deshalb unveränderbar allen Menschen vorgegeben sind. Kulturspezifische Körpersprachen fassen Formen der natürlichen Körpersprachen zu jeweils anderen Ausdrucksgefügen zusammen; dadurch entsteht der Eindruck, es hätte jede Kultur eine eigene Körpersprache. Die Individuen fügen ihrerseits wiederum neue Ausdruckseinheiten aus dem Grundangebot zusammen; sie erwerben individuelle Körpersprachen.

Persönlichkeitserscheinung:
Erscheinung, die eine Person mit Hilfe von Moden, Körpersprache, Handlungen, Texten und Bildern in der Exponierung bietet. Appellpotential der Person in der Exponierung.

Persönlichkeitsausdruck:
alle Vergegenständlichungen, vor allem auch wortsprachliche, die zumindest einen Hinweis auf das Weltbild einer Person geben; auf ihre Orientierungsgeber, ihre Bezugsgruppen, auf den Zusammenhang ihres Lebens und Arbeitens, auf ihre Bedeutung für andere.

esse est persepi:
philosophische Kernthese, die Schule gemacht hat. Heute wohl sinnvoll zu übersetzen als: »Ein menschliches Dasein zu führen heißt, Bedeutung für andere zu haben.«

Rolle, eine Rolle spielen:
sich jeweils so zu verhalten, wie man glaubt, daß es andere von einem in einer Situation erwarten. Man lernt von früher Kindheit an, die Erwartungen der anderen im voraus zu kalkulieren. Nicht die anderen zwingen uns die Rolle auf, obwohl wir das so erleben. Sondern: Da wir als Menschen immer nur mit und durch die anderen leben können, müssen wir für unser Verhalten und Handeln stets berücksichtigen, was die anderen von uns zu erwarten scheinen. Um Sicherheit im Umgang mit anderen zu erreichen, verfestigen wir die Erwartungen, die andere uns gegenüber zu haben scheinen. So glauben wir allmählich, in den jeweiligen Situationen immer die gleichen Erwartungen der anderen vorzufinden. Rollen sind Schemata von Handlungen, für die wir immer die gleichen Erwartungen der anderen zugrunde legen.

Persönlichkeitsaufbau:
Das ES: der Triebhaushalt eines Menschen, vor allem alle »natürlichen« Triebe
das ÜBER-ICH: die verinnerlichten (siehe unten) Normen und Werte der Gesellschaft, in der ein Mensch aufgewachsen ist;
das ICH: Es hat die zumeist miteinander in Widerstreit liegenden Ansprüche von ES und ÜBER-ICH auszugleichen. Beispiel: Jemand fühlt sich dauernd getrieben zu naschen (ES-Anspruch). Seine Eltern haben ihm aber beigebracht, daß nur kleine Kinder und unmännliche Personen Bonbons essen; sie haben ihm beigebracht, keine Bonbons essen zu dürfen (ÜBER-ICH-Anspruch).
Die Vermittlung des ICH zwischen diesen widerstreitenden Ansprüchen von ES und ÜBER-ICH wird bei einem normalen Menschen dazu führen, daß er sich sagt, einerseits ist Bonbonessen eine wahnsinnige Lust für mich, andererseits ist es gesundheitsschädlich. Also erlaube ich mir, in Maßen Bonbons zu essen.
Ein schwaches ICH wird entweder den ÜBER-ICH-Ansprüchen oder den ES-Ansprüchen sich ganz unterwerfen: Dann wird der ICH-Träger (die Persönlichkeit) das Bild eines unsinnlichen trockenen und bornierten Prinzipienreiters bieten oder aber als haltloser und unbeherrschter Kindskopf erscheinen. Beides sind neurotische Erscheinungen. Unterwirft sich das ICH nicht, ohne andererseits aber den Widerstreit von ES und ÜBER-ICH unter Kontrolle zu bringen, dann bleiben ihm zwei Auswege: Es kann sich aus der Verantwortung stehlen.
Um das vor sich selbst zu rechtfertigen, zerstört das ICH die Beziehung von und zu ÜBER-ICH und ES. Die Persönlichkeit zerfällt, sie verliert ihre Identität (siehe unten).
Der zweite Weg aus der Klemme: Das ICH verlagert seine Vermittlungsleistungen zwischen dem Bonbon-essen-Wollen und dem Nichtessendürfen auf ein >wichtigeres< Gebiet; wenn schon dauernder Widerstreit, dann wenigstens für etwas, das als kulturell wertvoll eingeschätzt wird. Eine solche Verlagerung der Vermittlungsanstrengungen des ICH nennt Freud »Sublimierung«.
ICH-IDEAL: Entwurf des Bildes, wie die Persönlichkeit sich gerne sehen würde; wie und mit welcher Bedeutung für sich und andere das ICH seine Vermittlungstätigkeit erfüllen möchte. Mit einem solchen Entwurf wird das ICH für sich selber zum Setzer neuer Normen und Werte. Die Persönlichkeit stellt unablässig Vergleiche zwischen Ideal und tatsächlicher Vermittlungsleistung an. Mit Hilfe des ICHIDEALS kritisiert die Persönlichkeit sich selbst und begründet so die Notwendigkeit, die ICH-Leistungen beständig weiterzuentwickeln.

Verinnerlichung: Internalisierung
Wenn einem Kinde Vater, Mutter, Lehrer etc. hundertmal gesagt haben, was sich gehört und was nicht, was es tun dürfe und was es zu lassen habe; wie es und wie man etwas zu verstehen habe und wie man es nicht verstehen dürfe; und wenn das Kind hundertmal gehorcht hat, um bei Verstoß nicht bestraft zu werden, dann wird es allmählich die Gebote und Verbote auch berücksichtigen, wenn Vater, Mutter, Lehrer, Polizist etc. ihm nicht unmittelbar auf die Finger schauen. Das Kind hat begonnen, die Gebote und Verbote, die Normen und Werte seiner Bezugsgruppen zu verinnerlichen. Es glaubt dann, man könne die Welt notwendigerweise gar nicht anders sehen, als Vater, Mutter, Lehrer etc. und es selbst sie nun sahen.

Entäußerung: Externalisierung
Da die Beziehungen auf andere Menschen immer nur über die material gegebene Umwelt und ihre Bestandteile laufen können (selbst im Dunkeln von ferne gesprochene Worte sind solches Material), kann sich das, was verinnerlicht wurde, nur im Gebrauch oder im Gestalten von materialen Bestandteilen der Umwelt auswirken. Diesen Vorgang nennen wir Externalisierung; ohne ihn ist Internalisierung nicht sinnvoll vorzustellen.

Identität:
Kern der Persönlichkeit; Art und Weise, wie sie es schafft, in den unterschiedlichsten Situationen ihr ICH leistungsfähig zu halten (siehe oben - Persönlichkeitsaufbau); das heißt also, wie sie es in den vielen verschiedenen Lebenssituationen fertig bringt, den Ausgleich zwischen den eignen Solls, Ist und Möchte und denen der anderen zu bewerkstelligen. Deshalb kann Identität gerade nicht als ein immer auf gleiche Weise gegebener Kern der Persönlichkeit angesehen werden. Identität entwickelt sich und verändert sich sowohl für den, der zu sich ICH sagt, wie für die anderen, von denen ich weiß und die von sich wissen, daß sie jeweils zu sich auch ICH sagen. Von personaler Identität wird gesprochen, wenn die individuelle Lebensgeschichte, der Zusammenhang der vielen Situationsbewältigungen einer Persönlichkeit im Blickpunkt steht. Warum aber hat eine Persönlichkeit gerade ihre Lebensgeschichte und nicht eine andere; welche Möglichkeiten gibt es überhaupt für eine Persönlich keit, in ihrer Gesellschaft und in ihrer Zeit Situationsbewältigungen zu einer Lebensgeschichte zu verknüpfen; welche Möglichkeiten also sind in ihrer Zeit den Mitgliedern einer Gesellschaft überhaupt geboten, um personale Identität aufzubauen? Wie eine Persönlichkeit das von der Gesellschaft vorgegebene Spektrum der Möglichkeiten nutzt, um personale Identität zu haben, das kennzeichnet ihre soziale Identität.

Persönlichkeitsrollen oder P-Typen:
Wir unterscheiden drei: die Rolle einer Führungspersönlichkeit, die einer Abweichungspersönlichkeit und die einer in sich ruhenden Persönlichkeit (autonome Persönlichkeit). Jeder Mensch sieht sich immer schon als eine Persönlichkeit, in der Aspekte aller drei Rollen angelegt sind. Welche jeweils hervorgehoben wird, entscheidet man nach seinen Möglichkeiten, Fähigkeiten, Opportunität; die vorgegebcnen Bedingungen einer Handlungssituation, zum Beispiel Arbeitsplatz und Art der Arbeit verhindern sehr häufig, daß jemand sich überhaupt exponiert, sie zwingen ihn, auf jeden Persönlichkeitsausdruck in der gegebenen Situation zu verzichten. In anderen Situationen, etwa in der Familie, im Hobbyclub wird er aber seinen Anspruch durch Exponierung anmelden und eine der P-Rollen hervorheben.
Nicht jeder, der auf Grund bestimmter Umstände die Rolle einer Führungspersönlichkeit etc. spielen kann oder spielen muß, wird auch als Führungspersönlichkeit anerkannt.
Von der Führungspersönlichkeit erwartet man, daß sie Überblick übers Ganze habe, das Weltbild (im einzelnen Führungsbereich: den Systemzusammenhang) derer zu repräsentieren weiß, von denen sie in der Rolle erlebt wird; man erwartet von ihr, daß sie Entscheidungen im Hinblick auf vorgegebene Ziele trifft, die nicht nur ihre eigenen Ziele sind; man glaubt, an ihr die Ausstrahlung von Handlungskraft (Charisma) wahrnehmen zu können.
Von der Abweichungspersönlichkeit, die auch als solche anerkannt wird, erwartet man ein eigenes Weltbild, die eigene Sicht auf die Dinge; man erwartet, daß sie eigene Wege geht im Verhalten, Handeln und Erleben; daß sie Entscheidungen im Hinblick auf selbst gesetzte Ziele trifft; man glaubt an ihr die Ausstrahlung von Schöpfungskraft (Aura) wahrnehmen zu können.
Von der autonomen, in sich ruhenden Persönlichkeit erwartet man, daß sie nicht alle Beziehungen zu anderen unter dem Aspekt von Führen oder Abweichen sieht; daß sie andere als gleichwertige Partner betrachtet, denen sie dazu verhelfen möchte, die eigene Autonomie zu entwickeln bzw. zu entfalten; man erwartet von ihr keine deklarierten eigenen oder fremden Weltbilder, sondern erlebt sie selbst als lebendiges Beispiel dafür, daß dem Menschen das Leben gelingen kann. Man glaubt an ihr die Ausstrahlung von Lebenskraft (Fluidum) wahrnehmen zu können.
Aus folgendem Grund halten wir es für sinnvoll, in dieser Weise Persönlichkeitsrollen zu unterscheiden: Im Hinblick auf bestimmte Erwartungen, die in unsere vielen Rollen eingehen (siehe oben - Rolle spielen) stellt jeder mehr oder weniger deutlich die Fragen:

1. Folgt jemand anderen oder folgen sie ihm?
2. Weicht jemand willentlich von Erwartungen der anderen ab oder nicht; bemerkt er, daß andere von seinen Erwartungen abweichen?
3. Ist jemand autonom oder nicht, bemerkt er, daß andere autonom sind, das heißt, daß sie oder er relativ unbeeindruckbar sind von der Tatsache, ob seine oder ihre Erwartungen erfüllt werden beziehungsweise nicht erfüllt werden.

Diese drei Einstellungen zu dem Spiel der Erwartungen und dem Erwarten von Erwartungen entwickelt jeder. (Erwartungen von Erwartungen: Ein Mitarbeiter kennt die Erwartungen des Chefs; der Chef weiß, daß der Mitarbeiter die Cheferwartungen nicht nur kennt, sondern sie auch zu erfüllen bemüht ist. Wenn der Mitarbeiter aber die Cheferwartungen tatsächlich zu erfüllen in der Lage ist, dann könnte der Mitarbeiter ja selber der Chef sein. Also muß der Chef Erwartungen erheben, die der Mitarbeiter nicht vollständig kennen darf.)
Welche der drei Einstellungen zum Spiel der Erwartungen jemand in einer Situation oder für zusammenhängende Situationen zur Geltung kommen läßt, das hängt von den situativen Möglichkeiten, seinen Fähigkeiten und von seinen Erfahrungen ab.
Folgen ihm andere, dann haben offensichtlich seine Handlungen den anderen ermöglicht, ihre und seine Erwartungen als identische zu erleben. Da seine Handlungen ihnen das ermöglichen und nicht die ihren, akzeptieren sie ihn als Führungspersönlichkeit. Durch die Führungspersönlichkeit können die anderen ihre eigenen Erwartungen als die anderer, ja als die aller erleben. Ihre Erwartungen werden bestätigt und gerechtfertigt.
Weicht jemand willentlich von den Erwartungen anderer ab, dann akzeptiert man ihn als Abweichungspersönlichkeit, solange er gerade nicht darauf besteht, akzeptiert zu werden; würden nämlich andere das gleiche tun wie er, ließen sich seine Handlungen nicht mehr als abweichende rechtfertigen. Man akzeptiert jemanden als Abweichungspersönlichkeit, wenn der Betreffende es ertragen kann, ausdrücklich gesagt zu bekommen, daß er für andere keine Bedeutung hat, weil er deren Erwartungen nicht prägt. Deswegen ist es ganz verständlich, wenn das Publikum von Künstlern als klassischen Abweichungspersönlichkeiten nichts anderes erwartet als die bloße, beliebige Abweichung von Erwartungen, die gar nicht bestimmt werden können.
Der Fehler, den dies Publikum begeht, liegt darin, daß es nicht weiß oder nicht berücksichtigt, wie sehr Abweichung Bestandteil auch der als vollkommen erlebten Erfüllung von Erwartungen ist. Jedes >Verstehen< zum Beispiel ist zu einem erheblichen Teil ein Mißverstehen, aber ein produktives. Wir können nämlich selber nie genau wissen, was wir erwarten, wie wir die Erwartungen anderer zu erwarten haben, bevor wir handeln. >Das böse Erwachen< zwingt uns, die Erwartungen zu verändern.
Jemand wird als autonome Persönlichkeit akzeptiert, wenn man ihm glaubt, daß er weitgehend von der Erfüllung bzw. Nichterfüllung seiner wie der Erwartungen anderer unbeeindruckbar ist. Er scheint beides für gleichermaßen wünschbar oder selbstverständlich zu halten. Das scheint ihm zu gelingen, weil er all die vielen einzelnen Handlungen im Spiel der Erwartungen von Erwartungen von vornherein nicht für einmalige und endgültige hält.

Persönlichkeitsentfaltung:
Versuche einer Persönlichkeit, alle Persönlichkeitsrollen an sich zu entwickeln; vorausgesetzt, sie weiß sich stets in der Lage, Exponierung wagen zu können. Eine entfaltete, entwickelte Persönlichkeit vermag es weitgehend, in den verschiedensten Situationen und in den unterschiedlichen P-Rollen den gleichen Persönlichkeitsausdruck (siehe oben) zu vermitteln.

Persönlichkeitstests:
Verfahren zur Messung des Entfaltungsgrads einer Persönlichkeit. Diese Tests müssen - wie immer sie angelegt sind als äußerst zweifelhaft angesehen werden, da die Entfaltung einer Persönlichkeit sich nur in konkreten Handlungen erfahren läßt. Wollte man solche Handlungen im Test simulieren, so wären sie genauso geld- und zeitaufwendig wie entsprechende >reale< Handlungen. Also bedürfte man der Tests nicht.

Persönlichkeitstheorien:
Theorien werden gebildet aus Folgen von Aussagen, an deren Zusammenhang bestimmte formale Forderungen gestellt werden: zum Beispiel die nach Widerspruchsfreiheit oder die nach Verwendung von Begriffen, deren >Bedeutung< sich im Laufe der Argumentation nicht verändern darf. Über die Gesamtheit solcher Forderungen besteht unter Wissenschaftlern keine Einigkeit.
Es gibt eine Vielzahl von Persönlichkeitstheorien. Gordon W. Allport, dessen Arbeiten auf diesem Gebiet große Auswirkungen hatten, zählte etwa fünfzig Vorschläge seiner Kollegen, den Gegenstand der Persönlichkeitstheorien, die Persönlichkeit, zu definieren. Als Fazit aller dieser Versuche arbeiteten Calvin S. Hall und Gardner Lindzey in ihrem Vergleich der ihrer Meinung nach wichtigsten Persönlichkeitstheorien folgende Definition heraus, der jeder Wissenschaftler zustimmen kann: »Persönlichkeit wird definiert durch die besonderen empirischen, eine Beobachtung beschreibenden Begriffe, die Bestandteil der vom Beobachtenden benutzten Theorie der Persönlichkeit sind. Persönlichkeit ist ein Konstrukt aus einer Reihe von Maßzahlen oder beschreibenden Begriffe, die aus der Beobachtung des Individuums mit Hilfe der Annahmen hervorgehen, die eine zentrale Stellung in der jeweils angewandten Theorie haben.« Zur Verdeutlichung eine Umformulierung: Wenn jemand Menschen beobachtet, um herauszufinden, was eine Persönlichkeit ausmacht, dann braucht er Grundannahmen, anhand deren er seine Beobachtungen auswertet und bewertet. Diese Grundannahmen muß er als Aussagenzusammenhang - als Theorie - vorweg formulieren. Je nachdem, welche Theorie er voraussetzt, wird seine Antwort auf die Frage »Was ist eine Persönlichkeit?« ausfallen. Es kann also für die Wissenschaftler nie eine einzige verbindliche Definition von Persönlichkeit geben.

Für Ausstellung und Katalogbeiträge wurde nicht ausdrücklich eine wissenschaftliche Theorie der Persönlichkeit zugrunde gelegt. Die Beitragenden geben diejenigen Aussagen an, die für sie im Alltag brauchbar sind, um dem Problem »Persönlichkeitsausdruck« standzuhalten. Es hängt also von der Problembetroffenheit und dem Problembewußtsein der einzelnen ab, welche Aussagen für sie brauchbar sind, um für sich im Alltag die Frage nach der Persönlichkeit zu beantworten. Ob man diese Aussagen Theorien nennen will - Theorien von Nichtwissenschaftlern -, ist unwichtig. In jedem Falle dürften diese Aussagen nicht danach beurteilt werden, ob ihr Zusammenhang bestimmten formalen Anforderungen genügt; sie können nur danach beurteilt werden, ob sie den einzelnen tatsächlich dabei helfen, ihre Lebensanstrengungen zu bewältigen.

Literaturnachweise:
Peter L. Berger; Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Stuttgart 1969
A. W. Burckhardt, H. Binder: Mode im Unterricht, Stuttgart 1974
Enk H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt a. M. 1970
Hans Jürgen Eysenck; Glenn Wilson: Teste dich selbst, München 1977
Erving Goffman: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum, Gütersloh 1971
Ders.: Stigma - Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt a. M. 1974
Ders.: Das Individuum im öffentlichen Austausch, Frankfurt a. M. 1974
Calvin S. Hall; Gardner Lindzey: Theorien der Persönlichkeit, (dt. Übers., 2 Bde.) München 1978
Peter R. Hofstätter: Persönlichkeitsforschung, Stuttgart l977
Siegmar Holsten: Das Bild des Künstlers - Selbstdarstellungen, Hamburg 1978
Lothar Krappmann: Soziologische Dimension der Identität, Stuttgart 1973
Rudolf zur Lippe: Bürgerliche Subjektivität; Autonomie als Selbstzerstörung, Frankfurt a. M. 1975
Bernd Neumann: Identität und Rollenzwang, Frankfurt a. M. 1970
Richard Pokorny: Über das Wesen des Ausdrucks, München 1974
Joachim Ritter: Subjektivität, Frankfurt a. M. 1974
Albert E. Scheflen: Körpersprache und soziale Ordnung, Stuttgart 1976
Lucien Seve: Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt a. M. 1972
Anselm Strauss: Spiegel und Masken - Die Suche nach Identität, Frankfurt a. M. 1968
Das Porträt - vom Kaiserbild zum Wahlplakat, Schriften des Kunstpädagogischen Zentrums im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg 1977

Hans Ebeling (Hrsg.): Subjektivität und Selbsterhaltung. Beiträge zur Diagnose der Moderne, Frankfurt a. M. 1976