Neue Zeitschrift für Musik

Fake

Neue Zeitschrift für Musik | Fake. 5/2014.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 16

Faken als Erkenntnismittel

Die Lügner retten die Wahrheit. Denn nur das als solches erkannte Falsche ist noch wahr

Transkribierter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus einer Rede von Bazon Brock, gehalten am 9. April 2014 in der Berliner Akademie der Künste unter dem Titel «Über die Einheit von Schwindel und Schwindeln. Lügen, Tarnen und Täuschen als Erkenntnismittel».

Der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der 2011 wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, kommt seit diesem Frühjahr in dem Dokumentarfilm Beltracchi – Die Kunst der Fälschung zu neuen Ehren. Als Großfälscher wird Beltracchi weit unter der Bestimmung dessen gehandelt, worum es bei ihm tatsächlich geht. Die Leute, die nicht genügend Grips haben, um zu kapieren, was da läuft, nehmen an, es handle sich um einen Verbrecher, der die Leute hinters Licht geführt habe, indem er ihnen etwas für echt verkauft hat, was gar nicht echt ist. Also ich möchte mal wissen, wo sich jemand betrogen fühlen soll, der für ein bemaltes Stück Leinwand zwanzig, dreißig Millionen auszugeben bereit ist — das ist für die so, als wenn wir Einsfuffzig auf der Straße verlieren. Was soll da der Betrugsvorwurf? Lächerlicher, grotesker Unsinn!

Aber was kann man aus der Verschiebung dieses Problems auf die strafrechtliche Ebene — jemand hat sich schuldig gemacht und hat die armen Großsammler, die alle im Millionengeschäft mit Leinwänden herumhantieren und sich dicke tun, dass sie Kenner der Kunst sind — schließen? Diese Ebene der Orientierung auf das Problem ist kindischer Unsinn, denn hier kann es nicht um strafrechtliche Fragen der Fälschung gehen, sondern eben um eine tatsächliche Strategie der Entfaltung eines Wahrheitsanspruchs, der heute alleine noch aufrechtzuerhalten ist und damit der Konfrontation mit der Wirklichkeit standhält.

ORIENTIERUNG AUF DAS FALSCHE

Wir können nicht mehr sagen, was «das Wahre», was «das Schöne», was «das Gute» ist — es gibt keine Akademiedirektoren mehr, keinen Arbiter Elegantiarum, keine oberste Geschmacksinstanz, die uns sagen, was wahr, gut und schön ist. Im Alltag aber können wir jederzeit sagen, was falsch ist, was gelogen, was betrogen, was vorgetäuscht, weil wir im Alltag ja unterscheiden müssen: «Das will ich / Das will ich nicht», «Gefällt mir / Gefällt mir nicht». Schon muss ich abstrakt ein Kriterium, eben das der Schönheit, bilden, um diese Unterscheidung zu rechtfertigen. Obwohl niemand einem sagen kann, was schön, gut und wahr ist, kann ich mit dieser Entscheidung operieren, nämlich auf folgendem einfachen Wege: Ich kann sagen: «Die Aussage ‚Dies ist falsch’ ist wahr.» Denn wenn ich sage: «Das ist gelogen», dann ist es ja die Wahrheit. «Dies ist falsch ... dies ist verpfuscht ... dies ist betrogen ... dies ist vorgetäuscht ... dies ist bloß Heckmeck ... dies ist bloß Getue» — das sind alles wahre Aussagen. Man kann also auf die Wahrheit, die Schönheit und das Gute im Sinne der alten philosophischen Begriffssprache gar nicht mehr zu sprechen kommen, außer in der Orientierung auf das, was falsch, was gelogen ist. Im Hinblick auf die Feststellung «Dies ist falsch» ergibt sich in der Darstellung dessen, was da als «falsch» vorliegt, der Anspruch auf Wahrheit. Nur das als solches erkannte Falsche ist noch wahr. Oder kurz gefasst: Die Lügner retten die Wahrheit. Nicht mehr die Propheten, nicht mehr die absolutistischen Herrscher, nicht mehr die Akademiepräsidenten, nicht mehr die Herren über die Wahrheitsverfahren, Philosophen schon gar nicht, sondern die Lügner retten die Wahrheit.

Die Kunstfälscher muten uns die Herausforderung zu, im selbst für Fachleute Ununterscheidbaren des Gemäldes von Herrn Ernst und des Gemäldes von Herrn Beltracchi den Unterschied zu suchen. Doch diese Ununterscheidbarkeit, selbst für einen ausgefuchsten Kenner wie Werner Spies, sagt nicht, dass Herr Spies ein Idiot sei, sondern stellt das objektive Problem dar: «Wie kann man im Ununterscheidbaren unterscheiden?» Wenn selbst Fachleute einen «Max Ernst» von Beltracchi sogar im Hinblick auf den Alterungsprozess nicht von einem «Max Ernst» von Max Ernst unterscheiden können, wo ist das Problem? Das gibt es dann doch gar nicht.

Es sind also eingebildete Schmerzen, eine sozusagen Moliere'sche Verspätung im Hinblick auf zentrale Aussagen, die die Wissenschaftler gegenwärtig alle einholen. Inzwischen fälschen selbst Nobelpreisträger ihre Forschungsergebnisse. Es wird aber immer noch darauf reagiert, als seien das einzelne Kriminelle in der Wissenschaft. Dabei liegt die Logik des Ganzen in der Wissenschaft selbst, die ja nichts anderes ist als ein ständiger Grad des Hantierens mit Aussagen im Hinblick auf ihre Falsifikation. Denn seit fünfzig Jahren, seit ein berühmter österreichischer Wissenschaftstheoretiker das Postulat aufgestellt hat, geht es nicht mehr um die Verifikation — «Jawohl, dies ist gut, dies ist schön, dies ist wahr!» —, sondern darum, den Anspruch, den man mit einer Aussage erhebt, zu untermauern, indem man selbst zeigt, dass er falsch ist. Die Falsifikation der eigenen Aussagenansprüche — das ist der Fortschritt der Wissenschaft. Nur das als falsch Erkannte ist wirklich wissenschaftlich einwandfrei. Der Wissenschaftler kann nur dann wirklich Karriere machen, wenn er zeigt, dass das, was er da hypothetisch eingefordert und untersucht hat, tatsächlich falsch ist, denn er hat bewiesen: Es ist falsch. Das nennt man große Wissenschaft.

Dasselbe gilt für große Kunst. Neben Beltracchi gibt es achtzig solcher Genies allein im 20. Jahrhundert Die großen Künstler haben ihre Fälscher anerkannt. Picasso hat gesagt: «Ich zieh den Hut vor diesen Leuten, die so gut sind wie Braque, Picasso und Matisse zusammen.» Denken Sie an F for Fake von Orson Welles 1974/75. Die Düsseldorfer Zentralstelle für die Aufdeckung von Kunstfälschungen in Deutschland sagt, dass mehr als fünfzig Prozent der gesamten Bestände moderner Kunst in unseren Museen in Europa Fälschungen sind. Wo soll das Problem liegen, wenn selbst die Fachleute die gefälschten Gemälde als echt anerkennen? Wenn man doch sagen muss, es ist eine unwahrscheinliche Könnerschaft, dass jemand ja nicht nur irgendwas nachahmt, nicht nur irgendwas vortäuscht im Sinne von «Ich habe es gefunden und nicht selbst gemacht», sondern in der Lage ist, tatsächlich im Geiste von Picasso, im Geiste von Max Ernst, im konzeptionellen programmatischen Denken von Künstlern beliebiger Couleur selbst eigenständig Werke zu produzieren, die es mit den erstrangigen Leistungen dieser Leute aufnehmen können. Das ist doch eine grandiose Leistung. Kann man noch höhere Beweise für menschliche ingeniöse Fähigkeiten haben als diese?

UMGEKEHRTE BEWEISLAST

Die Beweislast kehrt sich um: Die wahren Genies der Kunst sind diese achtzig Fälscherpersönlichkeiten, die sich eines Tages selbst enthüllen müssen, weil sie es nicht aushalten, mit so dummen Menschen zu tun zu haben, die für diese Leinwände Millionen ausgeben, weil sie es wiederum nicht aushalten, sich die Frage gefallen zu lassen, wo denn der Unterschied zwischen einem von Herrn Spies nicht identifizierbaren falschen «Max Ernst» gegenüber einem von Herrn Spies identifizierten echten «Max Ernst» liege. Da ist objektiv kein Unterschied. Nicht einmal im Hinblick auf den Geruch der achtzig Jahre alten Farben, nicht mal im Hinblick auf taktile oder sonstige Reize. Der Beltracchi ist ja so genial gewesen, dass er die Bilder sogar mit dem entsprechenden Staubpotenzial versehen hat. Der züchtet Staub und füllt ihn in den Rahmen ein, sodass natürlich die Leute, die so dumm sind, dass sie die Wahrheit eines Bildes kennen wollen, sich eine Prüfung erlauben: «Ist es auch echt, liegt da denn Staub drin?» Da liegt Staub drin — und zwar Staub, der schon sehr alt zu sein scheint.

Diese Fälscherpersönlichkeiten sagen sich: «Was haben wir davon, dass dieses dumme Volk, allen voran die dümmsten aller Dummen, nämlich die Käufer dieser Bilder, sich erheben über uns in unserer Leistung im Hinblick auf die Marktwertigkeit?» denn das ist ja der einzige Bestätigungsfaktor, den die Käufer haben, und deswegen fangen sie erst an zu sammeln, wenn etwas 500 000 Euro aufwärts kostet, weil sie sonst kein Urteil haben, sie wissen ja gar nicht, worum es geht. Der geniale Fälscher ist ja ein genialer, weil er nicht entdeckt werden kann. Was aber hat ein menschliches Hirn davon, diese Leistungen auszuweisen, ohne die Bestätigungen im Hinblick auf diese Leistungen zu bekommen? Alle diese genialen Fälscher mussten sich selbst enthüllen, damit man ihnen endlich die Befriedigung zukommen ließ, sie seien großartige Könner. Das hat man dann sofort zurückgezogen, hat gesagt: großartige Kriminelle. Man hat dazu so eine kleine romantische Attitüde entwickelt, denn das findet das Volk natürlich grandios in der Bestätigung eines Talents.

Doch was ist der wahre Grund für die Verfolgung von Fälschern? In Wirklichkeit geht es um die Umkehr unserer Begründung von Wahrheitsanspruch, der nur noch durchhaltbar ist, wenn wir wissen, was erkanntermaßen falsch ist, was wir falsifizieren können, was sich als nicht richtig erweist. Es ist doch ein Triumph zu wissen, was nicht gilt. Anstatt zu sagen: «Der liebe Gott oder die Nachtigall oder sonst jemand hat mir ins Ohr geflüstert: Das ist die Wahrheit, dahinter steht das Volk, dahinter steht die Macht und das Kapital».

Es ist nicht eine einzige bedeutende Fälschung von außen aufgedeckt worden. Wir wissen davon nur durch die Selbstenthüllungen — und psychoanalytische Darstellungen geben, z. B im Fall Beltracchi, vor, dass er es anderthalb Jahre, bevor die Sache losging, bereits darauf angelegt hatte, nun endlich in den Genuss der Anerkennung als dieser geniale Künstler zu kommen. Warum? Ihm schwand die Lebenszeit, und er hatte keine Zeit mehr, sein eigenes Werk zu entwickeln, da selbst er so verseucht ist von der bürgerlichen Ideologie, dass er diese grandiosen genialen Fälschungen nicht als sein Werk anerkennen konnte. Er musste also sagen: «Ich will endlich als großer Künstler Beltracchi anerkannt werden», und im Film sieht man einen genialen Fälscher, der aus dem Handgelenk bis zur Unterschrift einen Matisse hinsetzt, der aber primitiv genug ist zu glauben, er müsse eigenständig an einem Werk herumpinseln. Und das sieht dann aus, wie wenn jemand auf dem Dorf den Volkshochschulkurs «Auch ich bin ein Maler» besucht hat. In diesem Konflikt steckt Potenzial, das ist etwas, womit man sich auseinandersetzen muss.

WIDERSTAND DER WIRKLICHKEIT

In der Vorgabe spielt der Anspruch auf Wirklichkeit eine entscheidende Rolle, nämlich als ein Kriterium der Begrenzung unseres Mutwillens. Wirklich ist nur das, worauf wir keinen Einfluss haben. Wenn es wie heute üblich heißt, jeder bastele sich seine Wirklichkeit selbst, das sei ein Zeichen aufgeklärter Autonomie, dann befindet man sich da in der Definition der Psychiatrie, denn das «wirklich» hätte keine Bedeutung, wenn es nicht das Gegenteil von dem wäre, was sich uns nach Belieben fügt. Statt der Letztbegründung, die wir nicht mehr haben — Wahrheit, Gott, Zukunft, Vaterland, alles das ist ja weg — steht der Wirklichkeitsbegriff jetzt als der Garant für die Durchsetzung der Realitätstüchtigkeit nach Freud — unsere Fähigkeit, uns auf die Wirklichkeit einzulassen —, nämlich als grundlegende Erfahrung des Scheiterns. Wenn man mit dem Kopf gegen die Wand stößt, merkt man, dass die Wand sich dem Bewegungsimpuls des Kopfs eben nicht beugt und damit eine Gegenbewegung gegen unsere Willkürintention entwickelt, die uns Halt gibt. Wirklich ist nur das, was sich unserem Belieben, unserem Willen, unseren großen Ideen, unseren großen Taten, unseren Parteiprogrammen und religiösen Vorstellungen nicht anpasst, was sich dem nicht anbequemt.

Normalerweise wird in unseren Gesellschaften die Wirklichkeit durch die Bürokratie repräsentiert, denn Bürokratie ist dazu da, um unseren Mutwillen zu zähmen. Stellen Sie sich vor, wir könnten jeden Tag jeweils umstandslos unseren Willen durchsetzen, es gäbe also keine bürokratischen Barrieren nach wie auch immer gesetzlich fundierten Verfahrensordnungen: Das wäre ein einziges Chaos. Umgekehrt werden unsere Kräfte nur dann geweckt, wenn wir gegen diese Gegenkräfte angehen. Woher weiß man das? Nehmen wir z. B. die Küstenseefahrt. Die war ein Kinderspiel, lächerlich. So in der Badewanne des Mittelmeers herumzuschippern, selbst mit homerischen Aussichten, der auch schon mal rübergefahren war. Aber Hochseeschifffahrt, das war ein Kunststück! Wo man dann nicht einfach nur vor dem Wind segelte, sondern zu kreuzen lernte, nämlich die Gegenkraft zu nutzen lernte, um voranzukommen — ein genialer Gedanke, der für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation das einzig Verbindliche ist. Menschen entwickeln ihre unglaublichen Fähigkeiten auf sämtlichen Ebenen ihres Weltvermögens durch die Akzeptanz des Widerstandes der Wirklichkeit — sie nehmen ihn ernst, sie gehen damit nicht um nach dem Motto «Ach, das interessiert uns nicht, wir zaubern das weg, wir erklären das für unerheblich». In der Akzeptanz des prinzipiell unlösbaren Problems, das uns entgegentritt, und in dem Augenblick, wo wir mit dem unlösbaren Problem zu arbeiten beginnen, werden wir intelligent. Wer glaubt, das Wetter seinem Willen unterwerfen zu können, ist ein Idiot. Doch sobald man die Tatsache anerkennt, dass das Wetter sich unserem Willen nicht beugt, entwickelt man intelligente Technik: Regenkleidung, Bewässerungssysteme, Sonnencreme. Das ist die Intelligenz, die bei der Anerkennung der Wirklichkeit als das, was uns prinzipiell in der Durchsetzung unseres Mutwillen entgegensteht, gilt. Das ist der Kern der evolutionären Strategie der Entfaltung der Großhirnrinden-Aktivitäten im Hinblick auf das, was es eigentlich heißt, «wirksam» werden zu wollen, etwas bewirken zu wollen, etwas bewegen zu wollen, etwas durchzusetzen. Und zwar nicht nur als Geste der Macht, denn dann kann ja jeder Idiot was. Wer heute ein paar Milliarden hat, setzt irgendwas in die Welt und die anderen haben drumherum zu tanzen und es anzubeten bzw. die Folgen zu tragen. «Atomkraft, das machen wir schon!» 280 Milliarden, schon steht so ein Ding da — und dann? Bis heute gibt es keine Annäherung an die Lösung der Endlagerungsproblematik, nicht mal im Anschein, also nicht mal in der vagen Hoffnung, sie eines Tages zu finden. Es ist aus prinzipiellen Gründen nicht möglich, das Problem zu eskamotieren, in der Wüste zu vergraben, ins Meer zu schmeißen, alles, was die dumme Menschheit, repräsentiert durch die Dümmsten aller, nämlich die Professoren, schon gemacht haben. Wenn Sie sich vorstellen, dass die Elite der Menschheit in Gestalt von Physik- und Mathematikprofessoren im Forschungszentrum Jülich die Abfälle ihres genialen Hantierens mit atomaren Zerfallsprozessen in Tonnen packt und wie die Kinder die Murmeln irgendwo hinschmeißt, das Ganze in die Asse reingekippt hat, wo diese Tonnen heute fröhlich übereinanderliegen und der Gesellschaft jetzt rund fünfzig Milliarden abverlangen, bis man irgendwann einen rettenden Einfall, den Beweis höchster menschlicher Intelligenz, vertreten durch Physikprofessoren, reinbekommt!

Da kann einem keiner sagen, das sei die Schuld von Politikern oder von ein paar Hausmeistern, die den Müll nicht anständig entsorgt haben — nein, die höchste Intelligenz der Menschheit geht so mit den Dingen um, leugnet so die Wirklichkeit im Allmachtswahnsinn ihrer Befähigung, die Wirklichkeit unter ihren Willen zu zwingen. Wer das anerkennt, ist in der Psychiatrie zuhause. Das hat nichts damit zu tun, wie gebildet jemand ist, wie viele Ausbildungsgänge er gemacht hat. Die gefährlichsten psychiatrisch Auffälligen sind ja die in den hochrangigsten Stellen. Unter Anerkennung des Prinzips der Wirklichkeit, so wie Freud es bestimmt hat —wirklich ist nur das, worauf wir mit keiner Macht einen Einfluss haben, das wir nicht unter unseren Mutwillen zwingen können, gilt: Für die Orientierung an der Wahrheit, der Gutheit, der Schönheit oder welch anderen universalen Abstraktionen auch immer gibt es keine andere Strategie als die Anerkennung von etwas als falsch, denn in der Feststellung «Dies ist falsch!» wird die Wahrheit als Kriterium der Unterscheidung realisiert. Das nennt man das Popper'sche Falsifikationsprinzip, als wissenschaftstheoretisches Modell können Sie es überall nachlesen.

DENKNOTWENDIGKEITEN

Man benutzt im Englischen für diese Art der Bewegung den Begriff «faken» als den entscheidenden. To fake meint nämlich, etwas als das Falsche anzuerkennen, aber in der Erkenntnis, dass man ohne die Bestimmung des Falschen gar keinen Hinweis auf das Wahre erhielte. Denn dann wäre das Rumgestocher in der Wahrheit oder der Schönheit nur irgendwelches Begriffsgeblase – völlig unerheblich. Faken ist also die entscheidende Form, in der wir unsere zeitgemäße Absicht im Begriff des Kreuzens formulieren: Kreuzen gegen die unlösbaren Probleme, Kreuzen gegen die Zumutungen der Wirklichkeit; unser Versuch, gerade gegen die Widerständigkeit voranzukommen; wo wir uns orientieren können, ohne allmachtswahnsinnig zu werden, was ja in der Auswirkung geschichtlich bewiesen die größten Katastrophen der Menschheit erzeugt hat — von Hammurabis Zeiten bis in die Gegenwart.

Die Beurteilung oder die Bewertung der Arbeiten von Künstlern wie von Wissenschaftlern wäre von der behaupteten Großartigkeit, der behaupteten Markterfolgsstrategie, der Anerkennung als das, was es zu sein behauptet, umzustellen auf die Anleitung zur sachgemäßen Orientierung auf das, was wir anerkennen: die Wahrheit; das, was wir schätzen: die Gutheit; das, was wir als Denkoperationen in der ästhetischen Unterscheidung implizieren: die Schönheit. Niemand kann sagen, was gut, wahr und schön ist, aber jeder kann in seinem Alltagsurteil nachvollziehen, wie die Differenzierung nach «Das gefällt mir / Das gefällt mir nicht» den Begriff der Ästhetik zwangsläufig erzeugt, «Das akzeptiere ich / Das akzeptiere ich nicht» den Begriff der Gutheit erzeugt und ihm zugrunde liegt, und «Das ist falsch / Das ist richtig» sich jedermann sofort erschließt. Ich brauche denknotwendig den Begriff der Wahrheit, der Schönheit, der Gutheit, um eine Alltags-Operation wie «Das gefällt mir / Das gefällt mir nicht» überhaupt zu begründen.

So banal es auch klingen mag: «Gefällt mir / Gefällt nur nicht» zu sagen reicht. Wenn ich das nicht in Mutwillen tue, sondern im Hinblick darauf, dass ich mich selbst ernst nehme, dann bilde ich in dieser Notwendigkeit der Unterscheidung die denknotwendige Kategorie der Schönheit, obwohl es kein Realisat in der Welt gibt, das dem entspricht — es ist eine Denknotwendigkeit. Gott ist eine Denknotwendigkeit, Wahrheit ist eine Denknotwendigkeit, Schönheit ist eine Denknotwendigkeit, Ganzheit ist eine Denknotwendigkeit etc. Und man nennt seit alters her, obwohl viele Philosophen leider zur Verwirrung beigetragen haben, alles das, was Sie als Menschen im Weltbezug nur denken, aber nicht anfassen oder in der Welt realisieren können oder irgendwo verifiziert sehen, Metaphysik.

Mit anderen Worten: Gegenwärtig gibt es eine Neubegründung der Notwendigkeit, metaphysisch zu denken, weil man fast alle Kriterien, nach denen wir die Wirklichkeitsbezüge behandeln, wie z. B. «Ökologie», nicht sehen oder anfassen kann — das können Sie nur denken. Weltklima ist nur denkbar, aber nicht realisierbar. Sie brauchen also heute mehr denn je die Fähigkeit, metaphysisch zu denken, also Ihr Urteil in Kategorien der Denknotwendigkeiten zu bewegen. Diese Begriffsarbeit ist als Notwendigkeit für eine vernünftige gedankliche Arbeit unabdingbar. Wir kommen nicht umhin, den Begriff Gott zu bilden, die Begriffe Schönheit, Wahrheit, Richtigkeit, Ganzheit, Leben, Tod, Ewigkeit, Zeitlichkeit, Diesseits, Jenseits, menschlich, göttlich, oben, unten, links, rechts etc. Das sind Denknotwendigkeiten, die in die Evolution unserer Großhirnrindenleistungszentren als sogenannte cognitiones minores eingeschrieben sind, die aus der evolutionären Anpassung dieses Organs an die Überlebensaufgaben, die es für den Organismus, der es trägt, leisten soll, entstanden sind. Wir sind befähigt dazu. Wir können ja das Falsche als das einzig als falsch erkannte noch Wahre anerkennen. Deswegen philosophieren wir ja. Deswegen beschäftigen wir uns ja mit der Kognitionsbiologie, mit all den Voraussetzungen, die in der Evolution liegen. Wir sind gezwungen, uns auf diese Grundbedingungen zu verlassen, damit wir überhaupt eine Chance haben, uns auf der Basis dieser Durchsetzung von vermiedener Irreführung durch absolutistische Herrscher, durch behauptete Letztbegründungen in religiösen Kontexten zu befreien und nicht in die Fanatiker-Irre, in die Diktatur-Irre usw. zu gehen.

INFO

In dem interdisziplinären Projekt «Schwindel der Wirklichkeit» stellt die Berliner Akademie der Künste die Frage nach Konstruktion und Dekonstruktion von Wirklichkeit in den Künsten. Eingeleitet von einem seit November 2013 wöchentlich tagenden «Vorbereitungsbüro», in dessen Rahmen auch Bazon Brock zu Gast war, mündet das Projekt diesen Herbst in eine großangelegte Ausstellung, die vom 17. September bis 14. Dezember in Berlin zu sehen ist.
Mehr über die Akademie der Künste unter wvvw.adk.de und in www.schwindelderwirklichkeit.de