Tun oder Nichttun - Zwei Formen des Handelns

Convoco! Edition

Convoco Edition | 2015
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gedanken zum vorsätzlichen Unterlassen.

Bewusstes Unterlassen als Handeln steht im Mittelpunkt der Beiträge dieses Bandes. Nichttun ist nicht nur eine Alternative zum Tun, sondern - in Zeiten, in denen es gilt, sich durch Aktivität auszuzeichnen - vielleicht die anspruchsvollere Form des Handelns. Es bedarf eines Mehr an Energie und Stärke, etwas zu unterlassen, als es zu tun, wenn beide Formen des Handelns möglich sind. Agieren kann nicht unbedingt mit effizientem, nachhaltigem Handeln gleichgesetzt werden. Um langfristige Ziele zu erreichen, ist es oft erforderlich Naheliegendes zu unterlassen. Durch Unterlassen schaffen wir uns wichtige Frei- und Denkräume. Oft erkennt man erst aus dem bewussten Nichttun heraus, was wirklich wesentlich ist. Beim Unterlassen geht es auch um die Verantwortung für die Wirkung des eigenen Tuns. Die Autoren der Convoco Edition beleuchten die Frage »Tun oder Nichttun?« aus unterschiedlichen Perspektiven und in Hinblick auf verschiedene Fragestellungen.

Mit Beiträgen u. a. von Bazon Brock, Elke Holinski-Feder, Peter M. Huber, Kai A. Konrad, Stefan Korioth, Rudolf Mellinghoff, Friedhelm Mennekes, Christoph Paulus, Jörg Rocholl, Wolfgang Schön, Roger Scruton, Pirmin Stekeler-Weithofer.

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Seite im Original: 49

Gegen Eventkultur in den Wissenschaften

Für eine Historiografie des Unterlassens

Nach der Feier zum 60. Geburtstag der Kanzlerin Angela Merkel wissen wir, was an ihrem Wirken tatsächlich historisch groß genannt werden kann. Sie antworte nüchtern auf die Worte des Laudators mit der Bemerkung, er hätte ja ganz schön dargestellt, was sich in den zurückliegenden Jahrzehnten ereignet habe. Sehr viel bedeutender sei aber, was sie und andere Politiker an historischen Leistungen durch Unterlassen und Verhindern vollbracht hätten. In der Tat, das gesagt zu haben, ist das wirklich vorbehaltlos Rühmenswerte an ihrem politischen Handeln.

Die Geschichte ist mindestens so stark durch das Unterlassene, also das Nichtgeschehene bestimmt wie durch das Geschehene. Doch den positivistisch gestimmten Quellenfetischisten namens Historiker interessiert nun mal nur das, was aus der Fülle der potenziellen Handlungsalternativen tatsächlich aktualisiert wurde, was zum „Haupt- und Staatsereignis“ geronnener Vollzug geworden ist, und so bleibt er blind für die Tatsache, dass Geschichte wesentlich aus dem Unterlassen als Handeln entsteht. Stattdessen machen die Historiker uns glauben, dass zur Geschichtsmächtigkeit nur derjenige taugt, der eben nicht unterlässt, sondern agiert, also vom kategorischen Imperativ des unentwegten Geschehen-Machens angetrieben wird. Kein Wunder also, dass die Politiker – mit Ausnahme von Frau Merkel – stets mit scheelem Blick auf ihren Nachruhm sich dies zur Maxime machen, anstatt in aufgeklärt-humanistischer Gelassenheit darauf zu vertrauen, dass gerade ihr Unterlassen als ihre eigentliche historische Leistung anerkannt werden wird. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Ex-Kanzler und Ex-Historiker Kohl, der 1989 leider gerade deshalb so wenig unterlassen hat, weil er glaubte, er gehe in die Geschichtsbücher nur durch das ein, was er tue. Er wäre eine viel bedeutendere Persönlichkeit geworden, hätte er die Strategien des Unterlassens auch im Hinblick auf die Volkskammererpressung befolgt, anstatt den Historikern Futter für die spätere Berichterstattung über seine der Reichsschöpfung Bismarcks analoge Staatsgründung liefern zu wollen.

Es sei daran erinnert, dass unsere westliche Zivilisation sich tatsächlich immer nur weiterentwickelt hat durch die Verständigung darüber, was zu unterlassen sei und was nicht geschehen dürfe. Dieses westliche strategische Verbot von Zerstörung und Selbstzerstörung bei der Durchsetzung eines wie auch immer gearteten Geltungsanspruchs nenne ich „Ernstfallverbot“ (1). Die handlungslegitimierende Selbstberauschung am Eichmaß „Zerstörung als Erlösung“ ist schlichtweg Märtyrerlogik, die ihr eigenes Maß an Großartigkeit am Grad des Widerstands bemisst, auf den die Durchsetzung des eigenen Exklusivitätsanspruchs im Moment des Geschehen-Machens stößt. Der Terrorismus in Geschichte und Gegenwart fußt ganz wesentlich auf der barbarischen Selbstrechtfertigung des eigenen Handelns beim Verstoß gegen das zivilisatorische Ernstfallverbot, also bei der rigiden und rüden Nichtbeachtung der Verpflichtung zur Unterlassung – und all dies immer garniert mit der Rhetorik und den Postulaten pathetischer Kulturkampfstrategien, denen zufolge die Bereitschaft zu Zerstörung und vor allem Selbstzerstörung als Beweis für die Richtigkeit der eigenen kulturellen, ethnischen, politischen, religiösen, ökologischen Position gilt. Der martyrologisch legitimierte Verstoß gegen das zivilisatorische Ernstfallverbot mündet immer wieder in das erzwingende Realisieren solcher Programmatiken und wird dadurch zur historischen Faktizität als systematische Zerstörung dessen, was es angeblich gerade zu erhalten und zu mehren galt.

All das ist in der Tat grundlegend für den Terrorismus in der und an der Geschichte. Wahrhafte Terrorismusbekämpfung funktioniert nur im Herstellen des Normalnull der Ereignislosigkeit, ist also erst und nur dann erfolgreich im Sinne historischer Relevanz, wenn nichts geschieht, wenn jemand daran gehindert wird, seine selbstherrliche Missachtung des Ernstfallverbots in historische Ereignishaftigkeit umzusetzen.

Wie kann man das Nichtgeschehen als Zielpunkt historischen Handelns zu einem historischen Ereignis werden lassen? Wie lässt sich die Ereignishaftigkeit des Nichtgeschehenen im Vergleich zur Ereignishaftigkeit des Geschehenen darstellen? Die Darstellungsproblematik des Nichtgeschehenen führt zur philosophischen Überlegung, dass nicht nicht nichts ist.

Kulturnationen wie etwa unser westlicher Kulturkreis rekrutieren sich bekanntlich aus der Befähigung von Individuen, sich als Mitglieder sozialer Kollektive zu bewähren, indem sie deren Geltungsansprüche sichern. Dieses Selbstverständnis zeigt sich daran, dass die Mitglieder derart kultivierter Kollektive nichts anderes zu lernen haben, als sich zu beherrschen. Individualpsychologisch von Freud als Sublimierungsfähigkeit dargestellt, funktioniert dies aber in noch bedeutenderem Sinne als Befolgung niedergelegter Regeln. Berühmtestes Beispiel sind die Zehn Gebote, von denen immerhin neun die Bedeutung ihrer Befolgung als ein Unterlassen feiern, wie etwa „Du sollst nicht stehlen!“, „Du sollst nicht ehebrechen!“, „Du sollst nicht begehren...!“ Das sind Handlungsformen, die auf das Unterlassen ausgerichtet sind. Damit sie wirksam werden, muss es jeweils zu einer kollektiven Würdigung von Handeln als Unterlassen oder von Nichthandeln kommen.

Das erforderte jahrhundertelange Einübung in entsprechende Wahrnehmungs- und Darstellungstechniken. Man denke etwa an die Sorgfalt, die Shakespeare und nachfolgende Dramatiker auf die Beschreibbarkeit dieser Handlungsform verwendet haben, die es vergleichbar in der Geschichtsschreibung kaum gibt. Louis-Sébastien Merciers Konzept der Uchronie als Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ verweist zwar auf Unterlassen als Handeln, aber wurde faktisch nur wirksam für das strategische Denken der Militärs. Auch die Malereigeschichte hat solche Würdigungen des Nichttuns entwickelt. Das bekannteste Beispiel lieferte Marcel Duchamp mit seinem pathetischen Abschied von der Malerei als Selbstverwirklichungsgeste. Es gilt, das ist seine Botschaft, das Denken als Einheit der Darstellung und Bearbeitung von Problemen auszubilden. Statt vorgeblich „Werke“ zu schaffen, sollten sich auch die Künstler darum bemühen, in ihren Arbeiten Werkzeuge für die Erkenntnistätigkeit zu sehen. Stillsitzen und Schachspielen seien jeder Art von Ausdruckstanzerei überlegen. Auch das von den Kultur- und Kunstaktivisten gewesener und gegenwärtiger Kulturkämpfe so übel zerpflückte Biedermeier zeigt die gelungene Eichung am verbotenen Ernstfall. In den Darstellungen der Biedermeier-Malerei ist absolut nichts zu sehen von den Jahrhundertprogrammen und Volksbeglückungsstrategien der „Schöpferischen Zerstörung“, vom „Wüten“ und vom „künstlerischen Terrorismus“ (Richard Wagner), wie dies selbst noch nach 1945 von den Avantgardisten in Malerei und Architektur mit revolutionärem Gestus wohlfeil verkündet wurde. Im Biedermeier herrscht im Gegenteil stille Genügsamkeit, Bewegungslosigkeit und gelungenes Nichttun. Unüberbietbar ist das in Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer dargestellt.

Es gibt also tatsächlich eine Kunst der Unterlassung, in der man sich durchaus besser einrichten kann, als es unter dem Terror des „Lasst uns endlich Großes verwirklichen, lasst uns historische Ereignisse zeugen!“ jemals möglich wäre. Wie wichtig es wäre, die Künste des Unterlassens durchzusetzen, beweist die Kritik sogar eines Karl-Heinz Bohrer an der Weigerung der Bundesbürger, seinem Kriegspathos anlässlich des Falklandkrieges zu folgen. Er schmähte die „Mainzelmännchenmentalität verzwergter Deutscher“. Bohrers Beispiel hat wieder Konjunktur, denn viele fordern, die Krim auf gleiche Weise von den Russen zurückzuerobern wie die Engländer, Bohrers Helden, die Falklandinseln nach der Besetzung durch die Argentinier.

Auch an Universitäten und in den Kulturinstitutionen sollte dringend Abstand von jeder Legitimation im Sinne der angeführten Märtyrerlogik geschichtsmächtiger Großtäter genommen werden. Seit dem 18. Jahrhundert gilt: Wissenschaften und Künste dürfen sich nicht auf kulturellen Rückhalt stützen, sie haben sich von jeglicher kultureller Legitimation abzukoppeln – also auch von der Verpflichtung auf Dankbarkeit gegenüber den nationalen Kulturstaaten, die ihnen durch Finanzierung ihre Arbeit erst ermöglichen. Es gibt nun einmal keine nationale, kulturell geprägte Mathematik, Chemie, Physik – keine chinesische, keine jüdische, keine amerikanische sondern nur eine universale, also transkulturelle. Das gleiche gilt für die Künste, für den Fernhandel wie auch für die Diplomatie! Wissenschaftler wie Künstler sind wie alle Menschen kulturell, sprachlich, ethnisch, religiös geprägt, aber die Wissenschaften und Künste sind es eben nicht. Daraus beziehen sie ja gerade ihre die gesamte Moderne bestimmende Kraft, dass sie universale Geltung beanspruchen können, was keine einzelne Kultur, Religion oder Ethnie vermag. Der Anspruch auf universale Geltung entstand historisch durch den Versuch von Imperien oder imperialer Ordnung, das halbwegs friedliche Zusammenleben von Kulturen zu erreichen. Mit der Mathematik war eine Sprache gefunden, in der Gesetze von universaler Geltung transkulturell, also jenseits jeder noch so großartigen kulturellen oder religiösen Weltsicht, formuliert werden konnten. Mit der Darwinschen Erkenntnis der Funktionslogiken von Evolutionen wurde einsichtig, dass das beliebige Potential von Mutationen und Variationen eingedämmt werden muss. Das bedeutet aber, dass wir auch in den sozialen Evolutionen das Verhältnis von überschießenden Möglichkeiten zu deren sinnvollen Realisierungen beachten müssen.

Notwendigerweise wird also Kulturgeschichte wie Geschichte überhaupt unter dem Gesichtspunkt des Unterlassens und Verhinderns geschrieben werden müssen. Denn unserem Theorem vom Verbotenen Ernstfall zufolge ist die Eichung kultureller Aktivitäten immer am Maßstab des Nichtgeschehenden, weil aktiv Unterlassenen, vorzunehmen, weshalb in die Geschichtsschreibung und in die politische Prospektion auch jene Ereignisse als bestimmend, großartig oder folgenreich aufzunehmen sind, die nicht geschahen, weil man sie verhinderte. Die Geschichte dessen, was nicht geschah, die Geschichte des Verhinderns, des Unterlassens oder des Nichttuns gilt es, in politischer, sozialer und vor allem kultureller Hinsicht zu entwickeln.

(1) Siehe das Kapitel „Der verbotene Ernstfall“ in: Bazon Brock: Lustmarsch durchs Theoriegelände, Köln 2008, S. 64 ff.