Die Re-Dekade

Kunst und Kultur der 80er Jahre

Die Re-Dekade – Kunst und Kultur der 80er Jahre | Titel
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Reihe »Zeit Zeuge Kunst« beschäftigt sich mit den Entstehungsbedingungen und der Rezeptionsgeschichte von Kunstwerken. An ausgewählten Beispielen der historischen und zeitgenössischen Kunst werden verschiedene Interpretationsmodelle vorgestellt, um zu einem besseren Kunstverständnis beizutragen.

Bazon Brock, einer der führenden Ästhetiker, Kulturtheoretiker und Diagnostiker des Zeitgeistes, wertet in dem Band »Die Re-Dekade« die wichtigsten Ereignisse aus Kunst und Kultur der 80er Jahre unter der Perspektive unserer Zukunftserwartungen für das letzte Jahrzehnt dieses Jahrtausends. Die 80er Jahre sind nach Meinung des Autors durch Wiederholungen, Wiedergewinnung von Gewesenem, von Vergangenern, durch Rückbezüge und Rückkehr bestimmt. Wenn er auch dieser Haupttendenz nicht jegliche Qualität und Legitimation absprechen will, bleibt er doch in einer überwiegend kritischen Haltung. Zwar haben die bildende Kunst und die künstlerisch engagierte Architektur in diesem Zeitraum einen enormen Zuwachs an gesellschaftlicher Bedeutung erfahren, Bazon Brock sieht jedoch den Preis dieses Erfolgs im Zerfall des künstlerischen Anspruchs, der zugunsten einer leichten Konsumierbarkeit und eines schnellen Verschleißes aufgegeben werde. Zwischen diesen Polen bewegt sich die vorliegende Untersuchung.

Illustration: Wassermann, Simon

Seite im Original: 275

2.12 Vom Stil des Mannes zum Lifestyle

George Louis Leclerc de Buffon erklärt vor der Academie Française »Le style est l'homme meme«

Man sollte nicht glauben, was dennoch so ist: Stilfragen sind offenbar beherrschende Fragen unserer Gegenwart. Die Verkaufshitlisten führen Bücher an, die sich Stilfragen widmen: Wie führe ich ein stilvolles Leben? Wie verhalte ich mich stilgemäß? Welcher Stil paßt zu mir? Wie passe ich mich den vorherrschenden Stilen an?

Life Style, also Lebensstil, ist das Zauberwort heutiger Produktwerbung. Den Konsumenten wird nahegelegt, die Produkte als Ausweis ihres Lebensstils zu benutzen. Kauf und Gebrauch von Uhren, Autos, Anzügen und Kleidern bestimmter Marken und Preisklassen signalisierten zumindest das Bemühen, Stil zu haben, und das bedeute, eine ausgeprägte Individualität zu besitzen. Man hat angeblich Stil, wenn man ein Kenner ist, wenn man das Vollendete und Veredelte bevorzugt, und wenn man auf Exklusivität bedacht ist. Frechheit siegt also. Hat demnach Stil, wer die Menschen so zu nehmen versteht, wie sie nun einmal sind? Was nützt aber alle Exklusivität, wenn man sie mit ein paar Schmeichelworten, mit angemaßtem Status oder ein wenig Schmiergeld so leicht umgehen kann? Wie sollte man Individualität behaupten können durch den Kauf und Gebrauch von Produkten, die sich, selbst wenn sie teuer sind, immerhin noch zahllose andere ebenfalls leisten können? Die Fragen sind offensichtlich so grundsätzlich, daß man ihnen tiefschürfende Symposien mit Tanzpause und Paukenschlag, wie 1985 im Internationalen Design Zentrum zu Berlin, widmen muß. (91)

Aber auch die deutsche Männer-Vogue weihte ein ganzes Heft der Glanzformel STIL, die, wie Vogue vorausschickt, „nun einmal so schwer wiegt, daß es wirklich eine Stillosigkeit wäre, sie allzu leicht zu nehmen“. (92) Die Männer-Vogue bringt es fertig, 30 definitive Antworten auf die Stilfrage in munterer Bebilderung vorzustellen, zum Beispiel so:

René Kollo – Stil haben heißt: Sich steigern. Kollo fing als Schlagersänger an, jetzt ist er ein tüchtiger Wagnertenor.
Dagegen Peter Hofmann – Stillos sein heißt: den Hals nicht voll kriegen können. Besonders peinlich: Peter, der Beat-Star – aber sein Beat ist Schiet. Der Supermann sollte erst mal seinen erlernten Beruf – das Opernsingen – solide ausüben und nicht im zweiten Parsifal-Akt schlappmachen.
Juan Carlos von Spanien – Stil haben heißt: im entscheidenden Augenblick seinen Mann zu stehen. Als Putschisten die junge Demokratie bedrohten, hat er sofort gekontert und Spanien vielleicht vor einem neuen Bürgerkrieg bewahrt.
Dagegen Konstantin von Griechenland – Keinen Stil haben heißt: Im entscheidenden Augenblick nicht da zu stehen, wo man hingehört. Als die Obristen putschten, verließ Konstantin samt Familie Athen. Möglicherweise in bester Absicht. Aber der König im Schach ist ja auch kein Läufer.“

Folgt man der Männer-Vogue, dann bestünden Stilfragen vornehmlich darin, sich für die klassische Coca-Cola-Flasche gegen die Coca-Cola-Dose, für Donald Duck gegen Wim Thoelke, für die Boeing 707 gegen die Concorde, für den Hamburger gegen das Zigeunerschnitzel, für Wochenmärkte gegen Fußgängerzonen deutscher Städte zu entscheiden.

Da bliebe es ja eigentlich doch bei der Kennerschaft, der Exklusivität, der Absetzung von der blöden Mehrheit, die nichts verliert, wenn sie etwas riskiert; denn ihr Risiko besteht nur darin, andere zu kopieren. Da heißt Stil haben eigentlich doch nur, ehrlich, nett und gepflegt zu sein, vom Höheren erbaut und vom Niederen betroffen, weil einem das allzu Menschliche selber ganz fern liegt und man sich als geistige Größe, eben als stilvoller Mensch, schaudernd von jenen abwendet, die sich stillos in den Wonnen der Gewöhnlichkeit suhlen: die also problemlos Cola aus der Dose trinken, Wim Thoelke für witziger als Donald Duck halten, Concorde-FIiegen als Inbegriff modernsten Lebensstils bewundern und in Fußgängerzonen Zigeunerschnitzel mampfen.

Heißt demnach Stil haben, sein Leben der Kunst und der Schönheit zu weihen? Unbestreitbar ist jedenfalls, daß Stilfragen in der Kunst und Literatur, der Musik und Architektur lange Zeit zentrale Fragen gewesen sind. Stil meinte seit der Renaissance zunächst eine individuelle Handschrift, eine Manier – Maniera, von lateinisch Manus, die Hand. Stil beschrieb also Eigentümlichkeiten, die den Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit charakterisieren.

Diese Auffassung eben formulierte am Samstag, dem 25. August 1753, der berühmte Biologe Graf Buffon in seiner Antrittsrede vor der französischen Akademie in der bis heute sprichwörtlichen Aussage „Le style est l’homme même“. Die Übersetzung „Stil, das ist der Mensch, das ist der Mann, das ist das Individuum“, wirkt etwas blaß. Der Buffon’schen Auffassung entspräche besser die Übersetzung, „Stil ist das, was den einzelnen Menschen charakterisiert“, was also die Ausdruckskraft des einzelnen Menschen unverwechselbar werden läßt: der literarische Stil, die Art und Weise zu denken, den Gedanken auszudrücken und zu argumentieren, Stil also als unverwechselbare Handschrift, anhand derer ein Individuum eindeutiger zu identifizieren ist als anhand seines Wissens, seines Standes und Einkommens, seines Berufs und seiner Anerkennung durch andere. Denn das Wissen teilt er ja mit vielen anderen; von gleichem Stand und Rang sind ebenfalls viele andere; und Anerkennung gewinnt man vornehmlich dadurch, daß man sich anderen anpaßt.

Buffon und seine Aufklärerkollegen des 18. Jahrhunderts definierten aber den Einzelmenschen, das Individuum, aus seiner unverwechselbaren Besonderheit, der vor allem Anerkennung verdient, wenn und insofern er anders ist als andere. Buffon war kein Kunsthistoriker, sondern, wie gesagt, Biologe, und er suchte nach einer Möglichkeit, den Menschen vom Tier zu unterscheiden. Und für ihn kennzeichnete gerade der Stil, das individuelle Ausdrucksverhalten, den Menschen im Unterschied zum immer auf gleiche Weise röhrenden Hirsch. Heute wissen wir, daß zumindest die Säugetiere sich untereinander auch als konkrete Individuen zu erkennen vermögen, daß sie also auch im Buffon’schen Sinne Stil haben.

Das für die Aufklärer, also auch für Buffon, Entscheidende war: Tiere entwickeln ihre unverwechselbaren Ausdrucksmerkmale nicht selber. Die Natur gibt ihnen diese Charakteristiken mit. Der Stil der Menschen hingegen charakterisiert sie erst dann, wenn sie ihr kulturelles Ausdrucksverhalten, ihre Lebensformen, ihren Stil gegen ihre animalische Natur als Naturbeherrschung des Menschen entwickeln. Der Stil bezeichnet also alles das, was die Menschen über ihre tierische Natur erhebt, was sie frei macht von ihren Instinkten und was sie aus dem zwanghaften mechanischen Reagieren auf Auslöserreize entläßt.

Da wir Menschen aber in all unseren Lebensregungen, selbst den kulturellen und politischen, immer noch überwiegend durch unsere tierische Natur beherrscht werden, drückt sich in unserem Stil, soweit wir ihn tatsächlich erarbeitet haben, jene Freiheit aus, mit der allein die Würde des einzelnen Menschen begründet werden kann.

Natürlich hat diese Buffon’sche Definition des Stils einen gewaltigen Pferdefuß, nämlich den des Teufels: denn ein so verstandener Stil als Ausdruck individueller Abweichung ist ja häufig von purer Willkür nicht mehr zu unterscheiden. Bis heute haftet deswegen der Stilisierung Einzelner der Ruch des willkürlich Gewollten an. Die Maniera wird zur Manier; der Stil verselbständigt sich zur Masche, zum inhaltlosen Formenritual, zum hohlen Formalismus, zur bloß behaupteten Andersartigkeit, die auf keine Verbindlichkeit zu verpflichten ist.

Buffons Definition von Stil als individuellem Ausdrucksverhalten (bis hin zur willkürlichen Abweichung) hat – zumindest in der Kunstgeschichte – nicht die Vorherrschaft gegenüber dem Stilbegriff erringen können, der gerade auf die Verbindlichkeit von Ausdrucksformen jenseits aller Individualität und der persönlichen Manier ausgerichtet war und ausgerichtet ist. Das ist der Stilbegriff, den wir meinen, wenn wir vom Stil der Gotik oder des Barock sprechen. Stil meint da eine Kraft der Formen, die sich selbst der ausgeprägtesten Individuen, der größten Künstler bemächtigt. So groß auch z. B. das Genie des Michelangelo gewesen sein mag, in seiner Zeit etwas Neues und Abweichendes zu behaupten – jeder halbwegs informierte Durchschnittsmensch vermag im nachhinein festzustellen, daß auch Michelangelo dennoch ein Kind seiner Zeit gewesen ist, daß er also gezwungen wurde, sich unter bestimmte charakteristische Merkmale einer allgemein verbindlichen Kraft seiner Zeit zu beugen.

Stil bezeichnet also hier Zeitgeist, der sich auch gegen die stärksten individuellen Handschriften durchsetzt. Was aber diese prägende und nachträglich auch beschreibbare Kraft des Zeitklimas, der Kollektivseele oder des Zeitgeistes ist, hat bis heute niemand ausmachen können. Es gibt nicht einmal eine brauchbare Vermutung über die stilprägenden Kräfte einer Zeit. Da hat auch Goethe nur gekalauert, wenn er den Stil als Kraft des Zeitgeistes zum bloßen anmaßenden Geist der Mächtigen, der Herren einer Zeit, erklärt.


Von unserem heutigen Kulturverständnis her können wir Stil wohl am sinnvollsten als unsere eigene prägende Kraft verstehen, durch die wir in der Lage sind, unser Leben selbst zu gestalten. Darin steckt natürlich immer noch ein Anteil an Freiheit im Sinne willkürlicher Abweichung. Diese Willkür wird aber dadurch eingeschränkt, daß wir sie als Stil nur dann akzeptieren, wenn es viele Stile gibt. Um den für uns akzeptablen Stil zu entwickeln, dazu gehört ein hoher Grad an Selbstkontrolle und Unterscheidungsfähigkeit. Kultur hat, wer sich seine Arbeit selber schafft, wer sich seine Aufgaben selber vorgibt, und Stil hat, wer dabei kompromißlos ist. Wenn also beispielsweise Politik in unserer Gesellschaft als die Kunst des Kompromisses definiert wird, müssen wir uns nicht wundern, daß es in unserer Politik keinen Stil gibt. Stilfragen sind immer Wertfragen und Wahrheitsfragen, die man nicht im Kompromiß lösen kann. Wertfragen sind immer, soweit es um Lebensformen und Ausdrucksverhalten geht, Stilfragen – zumindest in der Kunst.

Deshalb signalisiert der heutige massenhafte Gebrauch des Begriffs „Lebensstil“ das Bedürfnis, sich an Werten zu orientieren und die Verbindlichkeit von Werten zu sichern. Bloß individuell repräsentierte Werte ermangeln der Verbindlichkeit; andererseits würde die Unterwerfung unter verbindliche Werte und damit Stil, gäbe es sie noch, den Grad der Freiheit des Individuums erheblich einschränken.
Trotz aller Werbung für verbindliche und also repräsentative Werte grassiert die Stillosigkeit, die man natürlich auch wiederum zum Stil erheben kann. Da wird uns nur etwas eingeredet, nämlich, daß angeblich alles geht. Alles geht aber nur, wenn man es kann, und wenn man es nicht kann, dann geht es eben nicht. Das ist die Macht des Stils. Man gesteht uns große Freiheit in den individuellen Lebensformen zu, aber aufs Ganze gesehen, als Gesellschaft betrachtet, scheinen wir doch alle von den gleichen Zwängen der Zeit beherrscht zu sein: der Stillosigkeit.

Wir glauben, unser Leben gestalten zu können; wir benutzen Stilisierungen des gesellschaftlichen Aufstiegs als Kampfprinzip gegen Konkurrenten. Da aber alle anderen das genauso machen, landen wir doch wieder in der Unverbindlichkeit des bloß willkürlichen Stils.

Aber immerhin – das sei anerkannt – ist doch die Stilisierung eine Form des Widerstands, des Anspruchs auf Distanz. Stil soll und kann immerhin noch signalisieren, daß man fähig ist zu unterscheiden, und daß man durch diese Kraft des Unterscheidens auch fähig sei, den Dingen der Welt eine eigene Bedeutung zuzugestehen. Diese eigenständige Kraft der Bedeutung von Formen und Ideen anzuerkennen und zwar in den von uns geschaffenen wie den natürlich entstandenen Dingen, das könnte heute heißen, einen Stil zu haben. Wer sich nicht diese eigenständige Bedeutung der Dinge ausreden läßt oder auf jeden mächtigen Werbeappell hin seine Orientierung ändert, dem könnten wir Charakter zugestehen. In diesem Sinne kann nur Stil haben, wer Charakter hat Der Stil eines Menschen, das ist sein Charakter und seine Charakterstärke.

Wenn das eine angemessene Übersetzung von „Le style est l’homme même“ ist, dann hat der Graf Buffon mit seiner Rede vor 235 Jahren uns alle zu Mitgliedern der hohen Akademie gemacht; denn wer würde schon akzeptieren, ein charakterloser, also stilloser Zeitgenosse zu sein?

• (91), (92) Bazon Brock/Hans Ulrich Reck (Hg.): Stilwandel als Kulturtechnik, Kampfprinzip, Lebensform oder Systemstrategie, in: Werbung, Design, Architektur, Mode, Köln 1986.