Jeder ein Künstler

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
(Transskript des vom Radio DRS bearbeiteten Vortrags vom 8.11.89, Sonderdruck aus Kunst in der Exklusivität oder "Jeder ein Künstler"?, Universität Bern)

Zeitgeist und Kreativität

(Transskript des vom Radio DRS bearbeiteten Vortrags vom 8.11.89, Sonderdruck aus Kunst in der Exklusivität oder "Jeder ein Künstler"?, Universität Bern)

Ich möchte auf die Vorgabe der Veranstaltungsreihe eingehen, die ja auf die Beuyssche Behauptung zurückgeht, jeder Mensch sei ein Künstler - um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, worüber wir reden, wenn wir jetzt hier von Künstlern reden. Da geht es nicht darum, dass jeder Mensch ein Skulpteur, ein Maler, ein Architekt etc. sei; vielmehr könne jeder Mensch insofern ein Künstler sein, als man unter Künstlern Menschen versteht, die ihre Aussagenansprüche, die sie erheben, ausschliesslich selbst vertreten. Wenn Sie Parlamentarier sind, wenn Sie Geschäftsmann sind, wenn Sie Parteimitglied sind, dann brauchen Sie, um sich zu legitimieren in dem, was Sie sagen, immer den Hinweis darauf, Sie seien akademisch geprüft, Sie seien promoviert, habilitiert, Sie seien berufen, Sie seien gewählt, Sie seien delegiert etc., und das, was Sie dann sagen, sagen Sie mit dem Hintergrund dieser Legitimation. Die einzigen - und so ist hier die Definition "Künstler" verstanden -, die sich ausschliesslich selbst legitimieren, und zwar ganz bewusst, sind die Künstler. Insofern heisst es also: jeder, egal, ob er Mathematik betreibt - Einstein hat diese Definition seinerseits auch mit durchgehalten -, oder was immer er tut, er ist dann ein Künstler, wenn er seinen Aussagenanspruch eben nicht mit Verweis auf hinter ihm stehende, kollektiv getragene Auffassungen oder das Man oder wie auch immer begründet, sondern durch die Beispielhaftigkeit, dass einer sich hinstellt und etwas sagt, was kurioserweise interessant ist, obwohl es nur einer sagt, hinter dem niemand steht.

Das ist die Definition für den Künstler, die diesem Beuysschen Satz zugrundeliegt, jeder sei ein Künstler, d.h. jeder könnte eigentlich das, was er andern zu sagen hat, mit Bezug auf das sagen, was er selbst vertritt und nicht, was er delegiert ist zu vertreten und was er gewählt ist zu vertreten, was er durch die Kollegenschaft und die Akzeptanz der Kollegenschaft gezwungen ist zu vertreten, weil es die Fachmeinung ist, der Stand der Kenntnisse der Wissenschaft.

Insofern ist also hier mit dem Hinweis etwas Bedeutsames gesagt - mit dem Hinweis auf diese Beuyssche Vorgabe "jeder Mensch ein Künstler" nämlich - als wir ja nicht jeweils nur in einer Rolle auftreten, sondern in vielen. Ich bin ja auch Hochschullehrer, ich stecke in vielen verschiedenen Rollen und müsste mich da jeweils auch anders legitimieren. Das ist aber inzwischen durchsetzbar, oder ist jedenfalls akzeptabel, dass man das nicht tut, sondem dass man auch als Wissenschaftler sich tatsächlich in seinem Aussagenanspruch ausschliesslich selbst legitimiert.

Zweitens sollten wir im Hinblick auf das Thema sagen, was mit Zeitgeist gemeint ist. Was ist der Zeitgeist, der im Titel angekündigt wurde? Vielleicht eine geistige Infektion der Zeitgenossen? Womit waren oder sind diejenigen infiziert, die dem Zeitgeist folgen oder ihm unterliegen? Was glich und gleicht uns und unsere Mitlebenden so aneinander an, dass man glauben möchte, wir lebten alle wie in Trance oder unter einem Diktat, unsere Welt auf gleiche Weise zu sehen, so dass selbst grosse Genies der Abweichung zu Kindern ihrer Zeit werden?

Der Geist der Zeit, der Zeitgeist, wird in erster Linie durch die Zukunftserwartungen einer Gesellschaft in einer Epoche bestimmt. Das ist die Definition, auf die ich mich jetzt hier ausrichte. Vielleicht ist der Zeitgeist überhaupt nichts anderes als die Gestalt der Zukunftserwartungen einer Zeitgenossenschaft. Zwar unterscheiden sich die konkreten Lebensformen der Menschen einer Epoche erheblich, aber in ihrer Einschätzung der Zukunft gleichen sie sich doch erstaunlicherweise wieder an. Denn was die einen als Zukunft herbeisehnen, das fürchten die anderen, und auf diesem Wege wird, trotz aller Unterschiede in den Lebensformen, diese merkwürdige Übereinstimmung in vielen Haltungen und Einstellungen erklärbar. Die Furcht vor und die Hoffnung auf die Zukunft treten nämlich immer verschwistert auf, eben als Zeitgeist, dessen Kräfte alle erfassen, weil nämlich positive und negative Einschätzungen der Erwartungen sich wechselseitig hervorbringen und auch bedingen.

In den Entwürfen der Künstler für die dreissiger, vierziger, fünfziger, sechziger Jahre tritt uns, von heute aus gesehen, jeweils der Zeitgeist als die eigentliche Kraft der Gestaltung, des Formwillens als Vision und Wertung, als Wunsch entgegen. Diese Entwürfe zeigen uns, welches Bild einer Zukunft die Zeitgenossen hatten, und mit diesen Zukünften, die heute ja längst vergangene Zukünfte sind, den Hoffnungen und Befürchtungen konfrontiert zu sein, teilt sich uns in den Entwürfen als kollektive Kraft der Epoche, als deren Zeitgeist mit. Darin aber, so sagt man, liegt unter anderem auch ein wesentlicher Aspekt des künstlerischen Wertes solcher Arbeiten. Sie lassen uns nämlich die unsichtbaren und die unfassbaren Antriebskräfte erahnen, die die jeweiligen Zeitgenossen beherrschten.

Warum haben eigentlich - und das ist ja ein viel gehörtes Klagelied - heutige Künstler und Gestalter diese Fähigkeit weitgehend verloren? Ich will hier nicht näher ausführen, wie man das klagend vorbringt. Warum reizen uns ihre Produkte nicht in gleicher Weise wie diese vermeintlich längst überholten, aber eben doch so sprechenden, den Zeitgeist so prägnant ausdrückenden Beispiele, so dass heute jeder eine Vorstellung davon hat, was die sechziger, die fünfziger, die vierziger, die dreissiger Jahre gewesen sind? Weil in den heutigen Arbeiten - und das ist doch schon etwas Diagnostisches für die Situation, mit der wir es hier zu tun haben: Zeitgeist und Kreativität -, weil in den heutigen Arbeiten kaum noch eine utopische Dimension der zugleich erhofften und gefürchteten Zukunft enthalten ist. Unsere Zukunft scheint offensichtlich auch von Künstlern nur noch gefürchtet zu werden, also verzichten die Gestalter, die Künstler darauf, diese Zukunft bewusst anzusprechen und sich auf sie auszurichten. Die heutigen Produktionen und ihre Darstellung in der Öffentlichkeit erscheinen merkwürdig perspektivlos. Nur die Wiederholung des Gleichen, nicht aber die Erscheinung von etwas Neuem und wünschbar Anderem ist offensichtlich erwartbar. Wir haben offenbar den Zeitgeist aufgegeben, obwohl die Zeitgeist-Zeitschriften - denken Sie an "Wiener", "Tempo" und ähnliches - ja heute grassieren und von sich behaupten, sie hätten den Begriff Zeitgeist überhaupt erst geprägt, was eine merkwürdige, kuriose Annahme ist. Ich habe gerade mit einem Redakteur und dem Herausgeber von "Tempo" diskutiert. Denen war nicht beizubringen, dass dieser Begriff Zeitgeist ja nun mindestens seit Goethes Zeiten kursiert; sie bestanden darauf, sie hätten den Zeitgeist 1980 erfunden. Haben wir den Zeitgeist aufgegeben, weil er uns nur noch zu bedrohen und nicht zu ermutigen scheint - denn die Wiederholung des Gleichen und die Aussicht auf bestenfalls immer mehr vom Gleichen sind eben keine grossartigen Wunschvorstellungen, die man auf die Zukunft richten könnte? Es sieht so aus, als rechneten wir gar nicht mehr mit einer Zukunft.

Aber das Leben wird unerträglich ohne Aussicht auf eine mehr oder weniger offene Zukunft. Dann zerstreuen sich nämlich die sozialen Bindungen, Familie und Freundschaften, die Gesellschaft verliert ihren verbindlichen Zusammenhalt. Die Künstler, Entwerfer, die Denker, die politischen Planer und Gestaltenden treten auf der Stelle, sobald sie nicht mehr auf eine Zukunft hin arbeiten und leben. Obwohl, wie uns die Psychoanalyse ja gezeigt hat, es sehr prekär sein kann im Einzelfalle, sein gesamtes Leben jeweils nur auf die Zukunft auszurichten. Wie wäre die Zukunft denn wiederzugewinnen? Wie wäre die Kraft des Zeitgeistes wieder einzuholen in dieser Ambivalenz von zugleich Erhofftem und Gefürchtetem? Und wir alle gehören entweder zu denen, die Grund haben, das Erwartbare zu fürchten oder auf die Veränderung durch das Erwartbare zu hoffen, indem wir an unseren schlimmsten Zukunftsbefürchtungen eben auch die Zukunftshoffnungen entwickeln; das ist nämlich die Schlussfolgerung, die man in allen Zeiten aus diesem Problem gezogen hat. Man kann den Geist der eigenen Zeit in dieser Hinsicht nur stellen, sich ihm auch stellen, wenn man es wagt, die schlimmsten Zukunftsbefürchtungen so zu entfalten, dass sich aus ihnen die Möglichkeiten alternativen Handelns ergeben, aus denen sich dann auch die entsprechenden Hoffnungen auf Veränderungen entwickeln. Die Gestalter und Künstler sollten Furcht und Zittern vor der Zukunft in ihren Arbeiten auswerfen, in ihnen darstellen, damit sich an ihnen die Kraft des wünschbar Anderen eben wieder entfalten kann. Wer diese Qualität seinen Entwürfen und Gestaltungen mitzugeben versteht, darf damit rechnen, dass seine Arbeiten in zukünftigen Vergangenheiten als Ausdruck des Zeitgeistes unserer Epoche lesbar werden. Dann wird man sie intensiv und sehnsüchtig anschauen, wie wir heute die prognostizierten Zukünfte der Vergangenheit, die ja gar nicht so gute alte Zeiten waren, ansehen. Wir müssen von unserem Zeitgeist, vornehmlich in den Formen, wie er heute in den bildenden Künsten bis hin eben zu diesen Publikumszeitschriften wie "Tempo" und "Wiener" auftritt, den Sarglack runterkratzen. Die bloss technisch mediale Perfektion, die platte Selbstverständlichkeit professioneller Alleskönnerei muss aufgegeben werden.

Es kommt wohl darauf an, diese Vermittlung zwischen Furcht und Zittern auf die Zukunft hin doch dadurch zustande zu bringen, dass man - und damit bin ich bei der Vorgabe zum zweiten Stichwort: Kreativität -, dass man begreift: es gilt, Abschied zu nehmen von der Auffassung über die Leistungsfähigkeit menschlicher intellektueller Tätigkeiten, menschlichen Geistes, die ja bisher darauf ausgerichtet und danach eingeschätzt wurden, wie stark diese intellektuellen Anstrengungen dazu beitragen, Probleme zu lösen, die sich für Menschen einmal so stellen, und statt dessen zu akzeptieren, dass das eigentlich Kreative, Bedeutsame, das wir in die Welt setzen können, das Schaffen von Problemen ist. Das könnte man nun im längeren ausführen, das will ich mir ersparen. Ich will nur sagen, was inzwischen ja jeder kapiert hat: jede Problemlösung auf Erden für Menschen besteht nur in dem Schaffen neuer Probleme, ob Sie das auf der Ebene der Energieversorgung nehmen oder wie immer. Jede Lösung eines Problems ist nur dadurch eine, dass durch sie neue Probleme geschaffen werden. Man muss sich einfach fragen, ob es sich lohnt, ein Problem auf diesem Wege zu lösen, denn wenn die Nachfolgeprobleme grösser sind als das Ausgangsproblem, ist die ganze Veranstaltung sinnlos. In diesem Sinne besteht heute Kreativität nicht mehr als Inspiriertheit, plötzlichen Eingebungen folgend grosse Perspektiven zu entwickeln, die die Menschheit von entscheidenden Problemen befreien; die im Alltag bedeutsame, auch im Alltag der Forschung bedeutsame Kreativität besteht in der Fähigkeit zur Problematisierung, und zwar noch da, wo alle anderen Alltagsmenschen gut und gerne keine Probleme mehr sehen möchten. Wenn Sie beispielsweise ein Bild eines monochromen Malers ansehen, der auf seiner Leinwand, für einen Laien jedenfalls, nichts anderes aufträgt als eine mehr oder weniger unstrukturierte Farbgebung, dann ist das auf der Ebene einer Frage: was löst dieser Künstler als Meister seiner Zunft hier für ein Problem? natürlich schlecht beantwortbar. Da wird jeder sagen, ja das ist wohl keine grosse Meisterschaft. Aber sobald man fragt: was stellt er mit diesem monochromen Bild für ein Problem zur Diskussion? Was entdeckt er eigentlich für ein Problem, wo wir alle, die wir auf eine weisse Wand starren, überhaupt kein Problem sehen? Dann wird die Sache plötzlich ausserordentlich bedeutsam.

Schlimme Zeiten sind, wie behauptet wird, ja häufig grosse Zeiten der kulturellen Entwicklung, der Kreativität, d.h. Furcht und Hoffnung auf Veränderung und Besserung sind miteinander im Wechselspiel. Dafür könnte man in der jüngsten Vergangenheit vielleicht die Nachkriegszeit in Europa, vielleicht speziell in der Bundesrepublik ansehen. Hingegen wären schlimme Zeiten mit magerer Kulturleistung wohl der Ausdruck dafür, dass die Zeitgenossen ohne Hoffnung auf Perspektivwechsel leben. So etwas hat man häufig und reichlich aus der guten alten DDR gehört, die ja nun leider nicht mehr die alte ist - wir werden uns nach der noch zurücksehnen. Gute Zeiten sind Zeiten interesselosen Stumpfsinns, aus Furcht nämlich vor der Veränderung, dass das, was man hat, das Gute, verloren gehen könnte. Kurioserweise dominieren diese Einstellungen wohl gegenwärtig in ganz Westeuropa. Und schliesslich: gute Zeiten gibt es auch als Zeiten erwartbarer oder, historisch rückblickend gesehen, nachweislich grosser kultureller Blütezeiten. Das waren Zeiten und werden auch in Zukunft solche sein, in denen man tatsächlich in der Lage war, mit viel Muße das zu tun, was notwendig ist, nämlich sich in einem hohen Masse auf die Problematisierung auch dessen einzulassen, was man noch für völlig unbedenklich hielt. Aber wenn der Zeitgeist die Antizipation, die Vorwegnahme sozusagen der Zukunft in Gestalt der Erwartungen der Zeitgenossen ist, dann kommt es ja ganz wesentlich auch auf diese Fähigkeit an, nämlich, das notwendigerweise jetzt zum Thema zu machen, wovon alle behaupten, das seien die Probleme der Zukunft. Denn die Probleme der Zukunft existieren nur in der Gestalt unserer Erwartungen gegenüber diesem Geschehen, und wenn wir die Probleme der Zukunft in irgendeiner Weise ernstnehmen, dann sind die Probleme der Zukunft immer die Probleme der Zeitgenossenschaft. Anders existieren sie gar nicht.

Die achtziger Jahre werden mehr oder weniger im Einverständnis aller, die sich dazu geäussert haben, als das Jahrzehnt, als die Dekade des grossen "Re" aufgefasst, nämlich als Re-Dekade. Sie werden gleich sehen, in welchem Sinn das gemeint ist. Haben unsere achtziger Jahre kein eigenes Gesicht, wie beklagt wird? Keinen Stil? Keine unverwechselbare Eigentümlichkeit? Unsere achtziger Jahre, eine Dekade ohne prägende Kraft, ohne Identität, derer man sich je später erinnern wird? Ohne identifizierbaren Zeitgeist? Ist denn alles nur "Re", nämlich Wieder-Holung, alle Anmacher dieser achtziger Jahre nur Nach-Macher? Also, die Figuren der achtziger Jahre, Madonna nur ein remake, ein "Re"-Make von Marilyn Monroe, Rambo nur ein remake von John Wayne plus Vietnam-Leutnant Calley, Weltstardesigner Mendini nur ein redesigner, ein "Re"-Designer, wie er sich schliesslich selber nennt? Präsident Ronald Reagen nur ein remake des fünfziger Jahre-Schauspielers Ronald Reagen, Kanzler Kohl nur ein remake von Konrad Adenauer plus einiger Pfunde Ludwig Erhard-Speck? Selbst wenn das so gemeint sein sollte, dann wären das doch wohl merkwürdig abweichende remakes, bestenfalls Karikaturen, schlimmstenfalls tragikomische Selbstvergottungen. Das "Re", das Wieder, das Nocheinmal führen selbst dann nicht zur Wiederauferstehung, wenn man um jeden Preis als eine Re-Inkarnation erscheinen möchte, ja eine sein möchte. Madonna kann ja nur jemand für ein remake, gar eine Reinkarnation von Marilyn Monroe halten, der den Wolf nicht von der Grossmutter zu unterscheiden weiss, und das auch noch im Bett. Dass die Leute Hamburger fressen, heisst noch lange nicht, sie wüssten gutes Essen nicht zu schätzen. Ist Madonna aber mehr als Hamburger in Höschen, das sie zuweilen sogar auszieht - das ist eine historisch dokumentierte Tatsache -, um es dem Ministerpräsidenten Frankreichs in den Schoss zu werfen: alles bekleckert mit Ketchup-Flecken statt der alten Zeusschen Goldregenspuren? Alles nur ein Problem der Abfallbeseitigung? Bei der Abfallbeseitigung jedenfalls wäre das "Re" sehr angebracht, geradezu das grossartigste Programm der achtziger Jahre, nämlich recycling, Wiederverwertung: "Ich war eine Dose". Aber Blech bleibt eben doch nicht bloss Blech: eben noch Bierbehälter, jetzt Kruzifix - auch alles authentisch dokumentierbar. Recycling ist schöpferisch, wahrhaft kreativ, wahrscheinlich die Quelle der Kreativität der achtziger Jahre. Wahrscheinlich ist aber alle Kreativität eigentlich nur ein recycling des Vorhandenen. Madonna "recycelt" kreativ Marilyn Monroe, eben noch Hollywood-Opfer, jetzt Jungfrau Maria: denn auf sie hebt ja wohl der Madonna-Name ab - übrigens Maradona auch, vor allem in Neapel.

Merkwürdig, dass das nicht als Gotteslästerung empfunden wird, ebenso wenig wie Jeans, die "Jesus-Jeans" heissen, oder U-Boote, die offiziell auf den Namen "Corpus Christi" getauft werden. Wenn das kein tragikomischer Versuch der Reinkarnation ist, dann ist es eben schöpferisches recycling der Anverwandlung unserer Heilsgeschichte, Jesus-Jeans und U-Boote, die Corpus Christi heissen. Die zeitgemässe Madonna ergreift Besitz von den Wundergläubigen, indem sie sie elektronisiert. Der Geist der Video-Zeitmaschine kommt über sie, die Flucht nach Ägypten ist eine Tournee durch Europa, Joseph, der Handwerker, ein Medien-Manager. No kids Jesus? No kid, but Kids. Und die message, die frohe Botschaft? Es gibt nur eine, immer dieselbe: Wir fürchten uns nicht vor dem Verfall der Werte, vor der Umweltkatastrophe, nicht vor Aids, nicht vor dem Alter, vor dem Bösen, denn wir sind erlöst, weil wir daran glauben, die reinen jungen Frauen, die starken Leistungshelden, die auserwählten Big Bosses werden am Ende triumphieren. Sie werden damit fertig, wenn wir ihnen nur zum Erfolg verhelfen, denn nur der Erfolg bestätigt den Glauben. Yuppie, Yeah, Yeah: ein starker alter bewährter Gottesbeweis, aber eben recycled.

Wer nun meint, hier stemme ein typisch deutscher Kulturkritiker leichtsinnig sein mageres Schreiberärmchen in die Windmühlenflügel des Zeitgeistes, um die Verschrottungs- und Verwertungsmaschinerie anzuhalten, der irrt. Die scheinbar radikalen Schmähungen der achtziger Jahre kommen nämlich höchstpersönlich aus Amerika, sind da geradezu Bestseller. Sie werden nicht nur von den Medien-Ayatollahs effektvoll vorgetragen, jenen Prediger genannten Geldschnorrern, die soeben bei unfrommen Spielchen mit Privatmadonnen erwischt wurden. Nein, wohlbestallte Universitätsprofessoren wie Allan Bloom aus Chicago hauen den Videofreaks mit dicken Büchern auf den Kopf, wenn nicht gar in die Fresse. Der Bestseller der Saison von Allan Bloom heisst wörtlich übersetzt "Die Verkommenheit der amerikanischen Geisteskräfte. Wie die höhere Bildung die Demokratie zur Strecke brachte und die Seelen der heutigen Studenten verkümmem liess". Das klingt nun ganz nach Adorno, nur machte der nicht die höhere Bildung, sondern den Konsum und den Medienzirkus für die Verkümmerung der Geister und Seelen verantwortlich. Ein erheblicher Unterschied, wie man gleich sehen wird. Aber davon einmal abgesehen, lässt sich ja fragen, ob Adornos im amerikanischen Exil während der Nazidiktatur entwickelte Kulturkritik nun endlich auch in den Vereinigten Staaten zur Kenntnis genommen wird. Dafür sprechen kulturkritische Stellungnahmen wie die von Tom Shales in der amerikanischen Zeitschrift "Esquire", die radikale Abrechnung mit den achtziger Jahren durch den führenden Fernsehkritiker der "Washington Post". Shales‘ Leser müssten sich in Tränen der Scham, der Reue, der Bitternis selbst ersäufen, nähmen sie auch nur einen Teil der selbstmitleidigen Klagen ernst, die Shales ihnen vorlegt. Also grosser Appell zur letzten Wende? Fundamentalistische Radikalität zur Errettung der elektronisch gemarterten amerikanischen Seele, der Demokratie, der Freiheit und der Humanität? Dass Adorno nicht lache! Er hätte diese Kassandra in Madonnastrapsen weniger ernst genommen, als er seine barbusigen Studentinnen im Hörsaal 6 der Frankfurter Universität im Jahre 1968 emst nahm; denn Tom Shales und Kollegen sind sehr schnell als plumpe Beutegeier über Trümmern auszumachen, die sie erst selber erzeugen. Es ist irgendwie eine elende Dummheit, mit der man sich von Verantwortung freisprechen will, denn - und das ist der Mechanismus, mit dem diese Argumente alle laufen - wer das Elend der andern lauthals beklagt, kann es schlechterdings selbst nicht verursacht haben. Wären die Herren doch wenigstens Zyniker, die da jahraus, jahrein dem elektronischen Zirkus Höchstattraktionen abverlangen, mit Hinweis auf Leser- und Zuschauerzahlen alles aus ihren Zeitungen, TV-, Radio- und Theaterprogrammen rausschmeissen, was ihrer Meinung nach nicht die Auflagenhöhe und den Massenzuspruch erreichen kann. Aber sie sind nicht zynisch, sie sind naiv wie die Wundergläubigen, die sie als Opfer der elektronischen Anmache beklagen. Naiv zu sein, hat nämlich einen ungeheuren Vorteil, man braucht nicht zu bemerken, wenn man lügt. Deswegen ist eben Allan Blooms Lügengespinst zum Bestseller geworden. Er behauptet, in aller Naivität eines selber verkümmerten Geistes, die von europäischen Emigranten in Amerika erst entscheidend weiterentwickelten Wissenschaften hätten die amerikanische Demokratie versaut, indem sie deren Träger mit dem Geist der kritischen Rationalität infiziert hätten. Das ist die neueste, vermeintlich unverdächtigste Version des Antisemitismus, des Antihumanismus, des Antisozialismus und aller anderen neuen "Antis".

"Re" und "Anti", die amerikanischen Monster der achtziger Jahre, wie sie Shales im remake, recycling, redesign der achtziger Jahre beklagt und Bloom sie in antiamerikanischen Umtrieben aufzuspüren behauptet. "Re" und "Anti" Hand in Hand. Die Wiederkehr von McCarthys Hexenjagd gegen Antiamerikaner. Den Shales und Blooms zufolge wäre das die elektronische Verkörperung des Geistes der achtziger Jahre.

Aber das ist nicht das Resultat einer Analyse, sondern die Projektion einer Wunschvorstellung - also ganz Zeitgeist. So hätten die Herren es nämlich gerne, um sich in ihrer Naivität gerechtfertigt zu fühlen. Mit anderen Worten: um die zeitgenössische Naivität als angemessene Reaktion auf die beim besten Willen nicht mehr zu leugnende katastrophale Selbstzerstörung der Gattung Mensch empfehlen zu können, wollen sie so vorgehen. Alle wissenschaftliche Rationalität, aller spekulative Gedankenreichtum, alle künstlerischen Bildphantasien und kulturkritischen Alternativen werden für die drohenden Katastrophen verantwortlich gemacht. Also schliesst hier auch die Dummheit messerscharf und sie hat ja eine zwingende Logik -, das Gegenteil von kritischer Rationalität und phantastischer Spekulation, nämlich Naivität als Heilmittel zu verordnen, weil ja das Desaster angeblich aus einem zu hohen Mass an kritischer wissenschaftlicher Rationalität entstanden ist. An den amerikanischen Universitäten soll demzufolge wieder die Einübung in die natürliche Dummheit und Naivität des Menschen Vorrang haben - das stammt aus dem Programm -, also die Einübung in Anerkennung von Autorität, vorschriftsgemässem Verhalten, fragloser Etikette, denn noch höhere Auflagen als die Verdammungstiraden der fundamentalistischen Seelenheil-Verkäufer haben in den USA der achtziger Jahre nur noch Benimmbücher gehabt. Sechzehn, achtzehn, zwanzig Millionenauflage.

Die nach USA emigrierten Schüler von Marx, Max Weber, Freud, von Schopenhauer, Nietzsche, Picasso, also die Adornos, Horkheimers, Schönbergs, Thomas Manns werden verantwortlich gemacht für die Verkümmerung der amerikanischen Geisteskräfte und Seelengrösse. Die Boten werden geköpft, damit die Botschaft nicht gehört zu werden braucht. Die Videotechnik wird verantwortlich gemacht für den Verlust der Jetztzeit, für den Verlust der Kindheit, für den Verlust der Gottheit. Andersherum wird aus der Projektion der eigenen Machtgelüste die Analyse dessen, was tatsächlich vor sich geht. Und was geht vor sich? Shales argumentiert im Kern immer wieder so: Der Video-re-corder, die alle Zeiten zertrümmernde Maschine der endlosen Wieder-Holung, hindere uns daran, den alten Ballast loszuwerden. Eine denkwürdige Figur der Argumentation. Alles und jedes sei beliebig präsent, und das auch noch gleichzeitig. Das Wichtigste sei nicht mehr zu erkennen, wenn ihm das Verderblichste, das Zeitgebundenste, der reine Ausdruck des Zeitgeists gleichgeschaltet werden könne. Man habe keine Kontrolle mehr darüber, was die Leute sehen und was sie nicht sehen. Eben, eben, da liegt der Hund begraben. Man möchte Verbindlichkeit wieder verordnen können durch zeremoniös überhöhte Gleichschaltung: Gleichschaltung einer Nation, eines Programms, eines Willens, einer Macht.

Kurioserweise behauptet aber Shales, dass die Vielfalt der heutigen Programme nur die ewige Wiederholung der gleichen Muster biete. Da hätte er doch eigentlich den Einheitsfrass, die Kraftnahrung der Weltmacht - es gibt ja nicht nur einen Prätendenten -, um deren Sicherung es ihm, wie allen anderen scheinbar selbstkritischen Geisselbrüdern, gegenwärtig geht. Die Wahrheit ist, dass nie zuvor in der Geschichte so viele, wenn auch bei weitem noch nicht die Mehrheit der Zeitgenossen, aller Bildungs- und Statusränge zur kritischen Unterscheidung fähig sind wie gegenwärtig. Die Wahrheit ist, dass nie zuvor so viele landläufige Bürger bereit sind und waren, Konsequenzen aus ihren Einsichten zu ziehen. Die schmähliche Amtsvertreibung des Präsidenten Nixon, die Erzwingung des amerikanischen Abschieds aus Vietnam haben den amerikanischen Machteliten dieses Faktum zum Bewusstsein gebracht, das ihnen bis heute im Nacken sitzt. Sie fühlen sich von der Kritikfähigkeit ihrer Klientel bedroht und möchten sie gerne loswerden. Daher die Empfehlung patriotischer Naivität als Allheilmittel. Aber die kritische Analyse und Wertung von Irangate, kindischem SDI-Zauber, CIA-Totalitarismus und die schier endlosen Prozesse von Verbrauchern gegen die leeren Haftungsversprechen der Industrie nach dem Verursacherprinzip machen klar, wieviele Bürger nicht bereit sind, ihre Kritikfähigkeit gegen das hohle Versprechen imperialen Glanzes und feierlicher innerpolitischer Weiheruhe von Heldenfriedhöfen einzutauschen. Die amerikanischen Machteliten leben heute bereits wie die europäischen Aristokratien im Zeitalter des Viktorianismus und des Wilhelminismus, nämlich im blossen Reich der elektronischen Geister, die sie selbst als Helfershelfer ihrer Marktstrategien kreiert haben. Sie leben in der irrealen Welt total beliebiger Simulationen, die sie allen anderen verordnen möchten - und natürlich dann gleichzeitig beklagen. Nicht die breiten Massen versinken in der elektronischen Verblödung, sondern die Dirigenten, die Besitzer und Beherrscher der Medien sind ihren eigenen Fiktionen aufgesessen und beklagen lauthals ihr absehbares Schicksal als das der Zivilisation schlechthin.

Mit dem Untergang des Adels gingen zwar Machtkonstellationen zugrunde in Europa. Sie bedeuteten keineswegs das Ende der Gesellschaftsfähigkeit der Massen und schon gar nicht das Ende von Kultur oder Kulturen. Wo der Medienzirkus dirigistisch beherrscht wird, hat er fatale Ähnlichkeiten mit viktorianischen, wilhelminischen Adelsghettos. Da werden immerfort Prinzessinen und Herrschergestalten geschaffen. Da werden willkürliche höfische Zeremonien und Etiketten als verbindliche Normen ausgegeben und Traditionen vermeintlich wieder aufgenommen. Die Wahrheit ist, dass es keine Wiederholung gibt; die Wiederkehr des Gleichen ist eine Behauptung derer, die sich vor den zwingenden Notwendigkeiten des unbekannt Neuen und Anderen aus Angst, ihnen nicht gewachsen zu sein, drücken wollen. So billig, wie man sich das als abgetakelter Medienaristokrat und Big Boss der totalen Simulation wünscht, sind Traditionen eben nicht zu haben, schon gar nicht als Wiederkehr des Gleichen. Traditionen müssen aus den jeweiligen Gegenwarten in der Angst, in der menschlich völlig verständlichen Angst, in der Angst jedes Menschen vor dem unbekannten Neuen der Zukunft immer erneut erst nach rückwärts aufgebaut werden. Die achtziger Jahre sind nicht die elektronische Wiederholung der dreissiger, vierziger, fünfziger Jahre und erfüllen keineswegs die an diese Wiederholung geknüpften Erwartungen der Dauerhaftigkeit ewig gleicher Machtkonstellationen, verbindlicher Werte und gesicherter Autorität. Die achtziger Jahre sind darin bedeutsam, dass von unserer Gegenwart her so viele Zeitalter, so viele unterschiedliche Werthierarchien, Machtkonstellationen und Zielvorstellungen vergegenwärtigbar sind wie eigentlich nie zuvor. Das fördert über den Vergleich die kritische Distanz zur eigenen Gegenwart. Was da als mangelnde festgefügte Identität der achtziger Jahre beklagt wird, ihre Kulturlosigkeit, ihre unkreativen Wiederholungsstrategien, ist eine sehr sinnvolle Distanzierung und eine sehr sinnvolle Relativierung, wenn das auch bedeuten mag, dass gegenwärtig selbst die zukunftsträchtigsten gedanklichen Konstrukte und Visionen nicht die Aufmerksamkeit, nicht den Einfluss zu gewinnen vermögen, der ihnen - wie wir ja wohl alle glauben - eigentlich zukommen müsste.

Der Recorder vernichtet nicht die Zeit als Historie, er macht sie überhaupt erst zugänglich. Die Zeit wird durch ihn strukturierbar, anstatt als blosse unveränderbare Grösse hingenommen werden zu müssen. Dass vor allem den Programmherrschern die Zeit entschwindet, ist die Konsequenz ihrer eigenen Unbeherrschbarkeit durch ihre Machtgier, denn Macht ist letzten Endes nichts anderes als erzwungene Dauer, erzwungener Stillstand, erzwungene Verbindlichkeit, so sehr wir uns auch alle nach Dauer, nach Verbindlichkeit sehnen. Das ist ein nur allzu verständliches menschliches Gelüst, führt aber nur zu einer Kultur der steinernen Götzen, zur viktorianisch-wilhelminischen Maskierung. Und in derselben elektronischen Maskierung leben unsere Medienaristokratien, zu denen unter anderem auch die Universitäten gehören.

Shales beklagt die endlose Wiedererstehung der Toten im elektronischen recording, also das, was über tausende von Jahren der Inbegriff der Kultur gewesen ist, nämlich die Vergegenwärtigung der Toten, das wird von dieser Kulturkritik als der Inbegriff des Versagens jeder Kultur dargestellt und beklagt. Er sollte besser beklagen, dass sich die Medienherrscher längst als lebende Leichname erwiesen haben, Mumien der Selbstvergottung in Konzernzentralen, die es manchmal sogar mit Pharaonengräbern, aber nur in ihrer steinernen Pracht, aufnehmen können.

Die amerikanischen Kritiker werden sich noch gewaltig anstrengen müssen, um auch nur eine Ahnung davon zu erhalten, wie etwa ein Adorno als exilierter Europäer in der amerikanischen Konsum- und Medienwelt seine Dialektik der Aufklärung entwickeln konnte. Sie hindern sich selbst daran, das zu verstehen, solange ihnen dialektisches Denken ein teuflisches Instrumentarium der Zerschlagung aller Verbindlichkeit zu sein scheint, die die amerikanische Seele und Naivität zerstöre. Jenes dialektische Denken aber war gerade darauf gerichtet zu klären, warum die machtvollste Sicherung von Verbindlichkeit, sozusagen die autoritärste Sicherung von Verbindlichkeit am schnellsten zu deren Zerstörung führen muss. Dieses Denken versuchte, die Tatsache zu werten, dass Ideale nicht verwirklicht werden dürfen, sondern nur als kritisches Gedankenpotential ins Spiel gebracht werden können, um sich gegen ideologische Behauptungen ewiger Wahrheiten und Werte zur Wehr setzen zu können. Jene Dialektik zeigte auch, dass gerade die fatalsten Fehlentwicklungen Gegenkräfte hervorrufen, und dass die einzige Möglichkeit, Bestände, Bestandhaftes, auch Macht zu sichern, darin liegt, dass man bereit ist zur Veränderung. An dieser Einsicht mangelt es den Konjunkturkritikern des Zeitgeistes der achtziger Jahre, weil sie fürchten, die durch Veränderung gesicherte Macht sei eben nicht mehr ihre gute alte Macht. Da allerdings könnten sie Recht haben. Die von Madonna "recycelte" Monroe ist eben nicht die Wiederkehr der Fünfziger-Jahre-Monroe, der Präsident Reagen kann selbst dann in seinem Amte nicht seine alten Filmrollen durchsetzen, wenn er es mit aller Gewalt wollte - und wie man immer wieder las, hat er das ja des öfteren versucht. Die redesigner präsentieren uns nicht nur die alten Klamotten der fünfziger Jahre noch einmal, sondem sie verändern unsere Sicht auf und unsere Wertung dieser alten Klamotten, und zwar von heute aus gesehen. Und für wen anderes als für die heute Lebenden sollten denn alte Klamotten überhaupt eine Bedeutung haben? Sie alle schaffen uns bestenfalls ein neues Bild der alten Zeiten, können die selbst aber nicht wieder aufleben lassen. "Re" und "Anti" sind eben nicht "ex" und "hopp", wie sie in den sechziger Jahren lebten. Da ist Aids vor und das Ozonloch, die sterbenden Wälder und die Verschuldung der USA. Selbst die naivste Wiederholung des Gleichen produziert Abweichungen. So mussten alle erfahren, die es versucht haben, identisch zu reproduzieren. Meist schlimme Abweichungen, nicht nur im Sinne von Stilfragen. Naivität lässt sich auch nicht als Totstellreflex in Permanenz nutzen, das wäre nämlich die Existenzform der lebenden Leichname, die eben nicht wiederkehren sollen. Also: Nicht zuviel kritische Bildung ruiniert die Demokratie, sondern zu wenig. Nicht zuviel kritischer Rationalismus der achtziger Jahre führt ins Desaster, sondern die verführerische Behauptung einer selbstgenügsamen Naivität. Die Geisteskräfte werden nicht durch Relativismus und Pluralismus gelähmt, sondern durch die Macht, die korrumpiert, sobald sie sich ihrer eigenen Dialektik zu entziehen versucht. Und diese Macht, das ist wahr, sitzt heute vor allem in den Etagen der Programmacher des elektronischen Medienzirkusses.

Insofem ist also hier mit dem Hinweis etwas Bedeutsames gesagt - mit dem Hinweis auf diese Beuyssche Vorgabe "Jeder Mensch ein Künstler" nämlich - als wir ja nicht jeweils nur in einer Rolle auftreten, sondern in vielen. Ich bin ja auch Hochschullehrer, ich stecke in vielen verschiedenen Rollen und müsste da mich jeweils auch anders legitimieren. Das ist aber inzwischen durchsetzbar, oder ist jedenfalls akzeptabel, dass man das nicht tut, sondern dass man auch als Wissenschaftler sich tatsächlich in seinem Aussagenanspruch ausschliesslich selbst legitimiert.

Zweitens sollten wir im Hinblick auf das Thema sagen, was mit Zeitgeist gemeint ist. Was ist der Zeitgeist, der im Titel angekündigt wurde? Vielleicht eine geistige Infektion der Zeitgenossen? Womit waren oder sind diejenigen infiziert, die dem Zeitgeist folgen oder ihm unterliegen? Was glich und gleicht uns und unsere Mitlebenden so aneinander an, dass man glauben möchte, wir lebten alle wie in Trance oder unter einem Diktat, unsere Welt auf gleiche Weise zu sehen, so dass selbst grosse Genies der Abweichung zu Kindern ihrer Zeit werden?

Der Geist der Zeit, der Zeitgeist, wird in erster Linie durch die Zukunftserwartungen einer Gesellschaft in einer Epoche bestimmt. Das ist die Definition, auf die ich mich jetzt hier ausrichte. Vielleicht ist der Zeitgeist überhaupt nichts anderes als die Gestaltung der Zukunftserwartungen einer Zeitgenossenschaft. Zwar unterscheiden sich die konkreten Lebensformen der Menschen einer Epoche erheblich, aber in ihrer Einschätzung der Zukunft gleichen sie sich doch erstaunlicherweise wieder an. Denn was die einen als Zukunft herbeisehnen, das fürchten die anderen, und auf diesem Wege wird, trotz aller Unterschiede in den Lebensformen, diese merkwürdige Ubereinstimmung in vielen Haltungen und Einstellungen erklärbar. Die Furcht vor und die Hoffnung auf die Zukunft treten nämlich immer verschwistert auf, eben als Zeitgeist, dessen Kräfte alle erfassen, weil positive und negative Einschätzungen der Erwartungen sich ja wechselseitig hervorbringen und auch bedingen.

In den Entwürfen der Künstler für die dreissiger, vierziger, fünfziger, sechziger Jahre tritt uns, von heute aus gesehen, jeweils der Zeitgeist als die eigentliche Kraft der Gestaltung, des Formwillens als Vision und Wertung, als Wunsch entgegen. Diese Entwürfe zeigen uns, welches Bild einer Zukunft die Zeitgenossen hatten, und mit diesen Zukünften, die heute ja längst vergangene Zukünfte sind, den Hoffnungen und Befürchtungen konfrontiert zu sein, teilt sich uns in den Entwürfen als kollektive Kraft der Epoche, als deren Zeitgeist mit. Darin aber, so sagt man, liegt unter anderem auch ein wesentlicher Aspekt des künstlerischen Wertes solcher Arbeiten. Sie lassen uns nämlich die unsichtbaren und die unfassbaren Antriebskräfte erahnen, die die jeweiligen Zeitgenossen beherrschten.

Warum haben eigentlich - und das ist ja ein viel gehörtes Klagelied - heutige Künstler und Gestalter diese Fähigkeit weitgehend verloren? Ich will hier nicht näher ausführen, wie man das klagend vorbringt. Warum reizen uns ihre Produkte nicht in gleicher Weise wie diese vemmeintlich längst überholten, aber eben doch so sprechenden, den Zeitgeist so prägnant ausdrückenden Beispiele, so dass heute jeder eine Vorstellung davon hat, was die sechziger, die fünfziger, die vierziger, die dreissiger Jahre gewesen sind? Weil in den heutigen Arbeiten - und das ist doch schon etwas Diagnostisches für die Situation, mit der wir es hier zu tun haben: Zeitgeist und Kreativität -, weil in den heutigen Arbeiten kaum noch eine utopische Dimension der zugleich erhofften und gefürchteten Zukunft enthalten ist. Unsere Zukunft scheint offensichtlich auch von Künstlern nur noch gefürchtet zu werden, also verzichten die Gestalter, die Künstler darauf, diese Zukunft bewusst anzusprechen und sich auf sie auszurichten. Die heutigen Produktionen und ihre Darstellung in der Öffentlichkeit erscheinen merkwürdig perspektivlos. Nur die Wiederholung des Gleichen, nicht aber die Erscheinung von etwas Neuem und wünschbar Anderem ist offensichtlich erwartbar. Wir haben offenbar den Zeitgeist aufgegeben, obwohl die Zeitgeist-Zeitschriften - denken Sie an "Wiener", "Tempo" und ähnliches - ja heute grassieren und von sich behaupten, sie hätten den Begriff Zeitgeist überhaupt erst geprägt, was eine merkwürdige, kuriose Annahme ist. Ich habe gerade mit einem Redakteur und dem Herausgeber von "Tempo" diskutiert. Denen war nicht beizubringen, dass dieser Begriff Zeitgeist ja nun mindestens seit Goethes Zeiten kursiert, sondern die bestanden darauf, sie hätten den Zeitgeist 1980 erfunden. Haben wir den Zeitgeist aufgegeben, weil er uns nur noch zu bedrohen und nicht aber zu ermutigen scheint - denn die Wiederholung des Gleichen und die Aussicht auf besten Falls immer mehr vom Gleichen sind eben keine grossartigen Wunschvorstellungen, die man auf die Zukunft richten könnte. Es sieht so aus, als rechneten wir gar nicht mehr mit einer Zukunft.