GLOBALE: Das Tribunal – Ein Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhundert

Symposium vom 19.-21.06.2015 im ZKM Karlsruhe

GLOBALE: Das Tribunal – Ein Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhundert | Nürnberger Prozesse GLOBALE: Das neue Kunstereignis im digitalen Zeitalter | ZKM Karlsruhe, 19.-21.06.2015
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:

ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie
ZKM_Foyer
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe
Info: +49 (0)721 - 8100-0
info@zkm.de
www.zkm.de

Beginn Fr, 19.06.2015, 10:00 Uhr Ende So, 21.06.2015, 14:00 Uhr

Die GLOBALE beginnt mit einem Prolog am 19. Juni 2015 im ZKM: mit einem Prozess gegen die Verfehlungen des 20. Jahrhunderts und seine Verbrechen gegen Mensch, Tier und Natur.

Die dreitägige Veranstaltung wird vom ZKM in Anlehnung an den Roman »Der Prozess« von Franz Kafka sowie an historische Prozesse wie die Prozesse der Surrealisten, die Nürnberger Prozesse oder an das »Vietnam War Crimes Tribunal« inszeniert. Letzteres wurde 1966 von dem Mathematiker, Philosophen und Literaturnobelpreisträger Lord Bertrand Russel als private Nichtregierungsorganisation ins Leben gerufen.

Programm
Freitag, 19.06.2015 10:00–21:00 Uhr
Samstag, 20.06.2015 09:30–17:00 Uhr
Sonntag, 21.06.2015 10:00–13:00 Uhr
Link zum Programm: http://zkm.de/event/2015/06/globale-das-tribunal-ein-prozess-gegen-die-verfehlungen-des-20-jahrhundert/programm

Das Tribunal wird als Livestream übertragen.

SprecherInnen
Jörg Baberowski, Boris Barth, Roger Berkowitz, Bazon Brock, Mihran Dabag, Lutz Dammbeck, Frank Dikötter, Paul N. Edwards, Raphael Gross, Terike Haapoja, Clive Hamilton, Kerryn Higgs, Ben Kiernan, Claude Klein, Hans-Werner Kroesinger, Norman M. Naimark, Antonio Negri, Jan M. Piskorski, Saskia Sassen, Karl Schlögel, Peter Sloterdijk, Hannibal Travis, Jürgen Zimmerer

Moderatoren
Joseph Cohen, Peter Weibel, Raphael Zagury-Orly

Impressum
Peter Weibel (Konzeption)
Organisation / Institution ZKM | Karlsruhe
Ein Projekt im Rahmen des Stadtgeburtstags – 300 Jahre Karlsruhe –

Universal, nicht bloß global

Die Ideologie der Globalisierung zielt auf die Zerstörung des Universalismus (Vortragsmanuskript)

Es verwundert den gutwilligen Zeitgenossen, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass ausgerechnet westliche Künstler und Wissenschaftler mit geradezu ekstatischer Verzückung das Programm der Globalisierung begrüßen und befördern. Warum geben sie sich mit der Welt als bloßem räumlichen Kontinuum zufrieden, obwohl sich Globalisierung ausdrücklich gegen die Ideen der Einheit der Menschheit richtet? Wirtschaftsinteressen zielen ganz klar (und diese unumwundene Klarheit muss man ihnen zugute halten) auf die Verhinderung der Durchsetzung universaler Werte, das heißt der Weltzivilisation, zugunsten eines Werterelativismus oder der Schrankenlosigkeit von Unternehmertum.
Da es die grundgesetzlich garantierte Freiheit von Künstlern und Wissenschaftlern erst gibt, seit diese sich im 14. Jahrhundert ausdrücklich von jeglicher kultureller und religiöser Kontrolle abkoppelten, ist ihr Wirkungsrecht prinzipiell an den Gedanken der transkulturellen Universalität gebunden.

Zurück zur Kultur

Bedeutet die Feier der Globalisierung, dass sich Wirtschaft und Kultur, Religion und traditionelle Lebensformen wieder zu Herren über die Künste und Wissenschaften erheben wollen? Ist Globalisierung der Ruf „Zurück zur Kultur“, also die Forderung nach erneuter Unterwerfung der Freiheit der Individuen unter die polytheistische Religion des Kapitalismus mit zeitweiliger Unterstützung herkömmlicher Religionsstiftungen in den unterschiedlichsten Kulturräumen? Triumphieren mit der Ideologie der Globalisierung die „Kulturträger wieder über die Kunstträger“, wie das Gottfried Benn formulierte?
Aber hat nicht Karl Marx dem Kapitalismus die Kraft zugestanden, alle kulturellen Einheiten zu zerstören und folgt nicht heute ein Großteil der westlichen Globalisierungsfanatiker der zynischen Ideologie, Kapitalismus und Pornografie würden schließlich alle kulturellen Identitäten zerstören?

Unschöpferische Zerstörung

Das mag schon sein, aber dieser Zerstörung aller Differenzen fallen dann eben auch Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat und Freiheit der Individuen zum Opfer. Gerade wegen der Feuerkraft des Kapitals gegen allen Widerstand, aus welchen Motiven auch immer, ist der Kapitalismus als Ordnungskraft zu selbstwidersprüchlich – als „schöpferische Zerstörung“, aber gegen jede Schöpfung, auch gegen sich selbst.
So weit geht kein Kapitalglaubender. Er redet sich ein, er könne seinen Gott durch Opfer und Gebete besänftigen und an die Stelle der Allmacht seines Gottes die verständlichen Interessen der an ihn Glaubenden setzen.
Zwar hebt der Globalismus die Schranken zwischen den Territorien auf, errichtet aber neue kulturell definierte Mauern. Im Namen angeblicher kultureller Identität preist man die Verweigerung einer über alle kulturellen Einmaligkeiten hinausführenden universalen Zivilisation.

Imperien für die Weltzivilisation

Dabei kann doch niemand die Überlegung verweigern, wie die vielen kulturellen Einmaligkeiten miteinander umgehen können sollen, ohne etwas gemeinsam zu haben. Das ist die transkulturelle Einheit, der sich alle unterwerfen müssen, wenn die Behauptung kultureller Identitäten nicht zu deren Auslöschung in der Vernichtungskonkurrenz religiöser Überzeugungen, von Sitten und Machtgebrauch, von sozialer Ordnung führen soll. Die Fernhändler und Diplomaten wussten am besten aus eigener Erfahrung, wie dringend man eine transkulturelle Verständigung benötigte, wenn man global operieren wollte. Seit römischen Zeiten nennt man die alle Kulturen überwölbende Einheit Weltzivilisation, die Kaiser Augustus und zur gleichen Zeit die chinesische Han-Dynastie durch die politische Gestalt eines Imperiums zu sichern versuchten.
Unter dem Banner der Globalisierung hingegen behaupten die heutigen Chinesen, man benötige eine Weltzivilisation nicht. Finanzkapitalismus, Warenaustausch und Entwicklung von Hochtechnologien seien ohne jedes Zugeständnis an die Freiheit der Individuen, an verfassungskonforme Gewaltenteilung, also an Rechtsstaat und Demokratie, möglich. Man brauche universale Werte nicht, weil sich traditionelle chinesische Sozialethiken wie Gehorsam gegen etablierte Machtrollenträger, Unterwerfung unter Kollektivismus und patriotischen Nationalismus viel besser mit dem Geist des Kapitalismus vertrügen als alle westlichen Ideologien. Die sogenannten universalen Werte seien in Wahrheit nur europaspezifisch; Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit der Individuen vom Rest der Welt zu fordern, heiße, im Namen des Zentralismus erneut, wie im Imperialismus und Kolonialismus, Weltherrschaft anzustreben.

Eurozentrismus?

Noch einmal: Es verwundert aufs Äußerste, dass ausgerechnet Künstler und Wissenschaftler, Intellektuelle und Politiker mit größter Geläufigkeit den Vorwurf des Eurozentrismus gegen jede Art des Universalismus erheben. Wissen diese Leute nicht, wollen sie nicht wissen, dass über Jahrhunderte in Europa selbst blutige Auseinandersetzungen um die Geltung universaler Werte wie Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit der Individuen geführt wurden? Wie kann also der moderne Begriff der Universalität als eurozentristisch geschmäht werden, wenn um ihn doch innerhalb Europas oder insgesamt der westlichen Welt mindestens so radikal gestritten, ja gekämpft wurde wie heute zwischen Europa und der Dritten Welt?
Zumal dieser Kampf gegen den Eurozentrismus zu grotesken Situationen führt. Flüchtlinge aus der Dritten Welt verlangen Aufnahme in Europa auf Grund derselben universalen Werte, die sie als eurozentristisch rundheraus verneinen. Da lehnt man in China ausländische Urheberrechtsansprüche mit verschmitztem Lächeln ab, um dann eigene Ansprüche umso radikaler durchzusetzen. Das Ganze unter dem Postulat eines sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsverständnisses, das man aus Europa übernahm gerade wegen seiner universalen Geltung.
Solche Verschmitztheit gab und gibt es auch in Europa, etwa in südlichen Sphären, wo die Erfahrung mit dem Opportunismus und der Korruption staatlicher Autorität die Auffassung rechtfertigen muss, die Bürger dürften ihrerseits korrupt und opportunistisch sein.

Selbstjustiz – Paralleljustiz

Nichts kennzeichnet das westliche Rechtsverständnis so eindeutig wie das Verbot von „Zahn um Zahn“, Blutrache und Paralleljustiz. Auch in dieser Hinsicht fordern unsere besagten Globalisierungshymniker das größte Erstaunen heraus, wenn sie etwa meinen, selbst Brutalismen und Grausamkeiten seien dann verständnisvoll hinzunehmen, wenn die als Reaktion auf vorgängige Gewalt, etwa durch frühere Kolonialisten oder Imperialisten, begründet würden. Auch hierin herrscht nicht angebliche eurozentristische Besserwisserei. Es war hierzulande immer schon unerträglich, wenn Willkürtötungen, Vergewaltigungen, Raubzüge als Reaktion auf zuvor erlittenes Unrecht der gleichen Art erfolgten.
Wollen in Europa Intellektuelle und Politiker, Künstler und Wissenschaftler nicht sehen, was sie mit ihrer Ideologie der Durchsetzung kultureller Identitäten gegen allen Universalismus angerichtet haben? Die Mehrzahl der gegenwärtig 48 Kriege/Bürgerkriege im globalen Raum wird mit der Pflicht selbst von Minderheiten gerechtfertigt, ihre kulturelle Identität mit allen Mitteln gegen jegliche Einschränkung durchzusetzen. Dass dabei religiöse Überzeugungen häufig nur vorgeschoben werden, ist kein Einwand gegen die Wirksamkeit der Religion als Träger kultureller Identität. Dabei nimmt man ebenfalls das universale Menschenrecht auf freie Religionsausübung in Anspruch, das man zugleich als Beleg für Eurozentrismus bekämpft. Solche religionslegitimierte Auseinandersetzungen gab es in Europa noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts mit abnehmender Kraft, auch heute noch in Nordirland als radikale Konfrontation von Katholiken und Protestanten. Da sollten wir uns die grundgesetzliche Garantie der Religionsfreiheit nicht von Leuten zerstören lassen, die mit dem Vorwurf des Eurozentrismus ihre historische Unkenntnis respektive ostentative Gleichgültigkeit demonstrieren.

FIFA-Globalismus

Gibt es eigentlich eine zuverlässige Rekonstruktion des Konzepts Globalismus? Wie kam es zur Aufgabe der zuvor selbstverständlichen Orientierung auf Universalität? Die Vermutung liegt nahe, dass mit „global“ allen im Erdenraum auffindbaren sozialen Entitäten das gleiche Existenzrecht zugestanden werden sollte, unabhängig von der Zahl ihrer Mitglieder und ihrem wirtschaftlichen Gewicht. Die Geschichte der FIFA könnte für dieses Argument sprechen, weil sie den kleinsten Fußballverbänden mit nur wenigen tauend Mitgliedern das gleiche Stimmrecht zugesteht wie Verbänden mit Millionen Mitgliedern. Jüngst hat man erfahren, welchen Grund diese antidemokratische Kuriosität hat: Sie lässt, zu wirtschaftlichem Frommen und Blühen, die Schwächeren korruptionsanfällig werden, weil diese aus eigenen Mitteln die Ansprüche auf Eigenständigkeit nicht erfüllen könnten.
In der EU erlebt man ähnliche Argumentationsakrobatiken, wenn man für eine Abgeordnetenstimme sehr. sehr unterschiedliche Legitimationen per Wahl erbringen muss. Nicht hoffnungsvolle Korrumpierungsmöglichkeit und Opportunismus sei das Resultat der Gleichgewichtung des Ungleichen; vielmehr erzwinge die Integration aller in ein System den „Wandel durch Annäherung“. Solcher Wandel und Handel zwischen allen lasse Kriege unmöglich werden, argumentierte man noch im Sommer 1914, weil ja Krieg die Interessen der Handeltreibenden zu Schaden kommen lassen würde.

Wandel durch Annäherung?

Und Wandel durch Annäherung heißt keinesfalls, dass sich das weniger entfaltete Regime in jedem Falle dem überlegenen anpassen müsste. Um nicht nur „deutsch“ zu argumentieren, sei in diesem Zusammenhang auf Frankreich verwiesene. Dort schreibt die Kulturministerin gerade die Anverwandlung des französischen Schulregimes an das der Heimatländer der Migranten fest, und zwar mit dem Argument, Migrantenkinder hätten es schwerer, sich den französischen Bildungsvorstellungen anzupassen als umgekehrt die französischstämmigen Schüler etwa den nordafrikanischen.
Das ist Logik der Globalisierung auf dem Höhepunkt subtiler Argumentationskunst. Sämtlichen universellen Bildungszielen werden gerade die entfremdet, die ihr Selbstbewusstsein als Einwanderer aus den Errungenschaften der Französischen Revolution begründen. Die Ministerin meint, dass Einwanderer keiner Verpflichtung auf Kenntnis der europäischen Geschichte, das heißt Kenntnisse des Kampfs um universelle Werte zu erwerben brauchten, denn in der globalen Welt seien nun einmal alle „Erzählungen/Narrative“ gleichwertig. Außerdem kann die Ministerin für sich geltend machen, dass die europäischen Schulsysteme eh schon zur Aufkündigung jeglichen Bildungskanons geführt hätten. Hat sie nicht alles Recht dazu und entspricht das nicht den Tatsachen? Wohl doch. Aber dafür kann man nun gerade nicht Einwanderer oder Flüchtlinge, welcher religiösen oder kulturellen Überzeugung auch immer, verantwortlich machen, denn die hatten ja bis vor kurzem keinerlei Einfluss auf die Gestaltung von Schul- und Studienplänen, den Bildungskanon oder die Lebensformen der indigenen Europäer.

Europäische Satanismen

Dass die Unterwerfung unter gleiche technische Standards weltweit, etwa unter die von Straßen-, Luftverkehr, Medizin, automatisch eine Garantie für die Suprematie der Weltzivilisation über die lokalen Kulturen mit sich bringt, haben die Piloten von 9/11 sehr nachhaltig widerlegt. Die „Teufel der westlichen Ideologie“ können durchaus von jenen geistlichen Herren geschmäht werden, die sich der westlichen Waffentechnologie bedienen, um die europäischen Satanismen auszurotten. Kurz, das Konzept „Wandel durch Annäherung“ hat sich im Politischen als kontraproduktiv erwiesen. Die Verpflichtung auf die Einhaltung höchster Standards der Zivilisation ist selbst in den Politiken des Westens nicht garantiert. Das Rationalitätsgebot, die Verpflichtung auf Funktionalität, Gestaltqualität und Moral sind auch in weltmarktführenden europäischen Firmen äußerst diskussionsbedürftig. Wer häufig in Hotelbetten zu nächtigen hat, beklagt, dass selbst simple Produkte wie Leselampen kaum je ihrer Funktion gerecht werden. Der Rationalität als Anerkennung übergeordneter Zusammenhänge wie zum Beispiel der von Nachhaltigkeit huldigen bestenfalls Lippenbekenntnisse. Immer noch wartet man auf die der Produzentenhaftung entsprechende, moralisch gebotene Konsumentenhaftung. Und dass heutige Produzenten wie Konsumenten noch wüssten, was die Verpflichtung auf Gestaltqualität bedeutet, kann rundheraus verneint werden. Von der das Verhalten von Menschen prägenden Kraft der Gestaltung hört man nicht einmal mehr in Sonntagsreden der Stadtentwickler und Kunsterzieher. Sie folgen der allgemein geforderten Lizenz zur Selbstverwirklichung ohne jede Verpflichtung auf Verantwortlichkeit.

Einheit durch Verschiedenheit

Damit diese zugegebenermaßen pointierten Bemerkungen nicht als beliebige Meinung abgetan werden können, skizziere ich kurz die Darstellung und die wissenschaftliche Argumentation mit Blick auf die Entwicklung des Konzepts „Universalismus“ – in der spezifischen Orientierung auf mein Metier der Ästhetik und Kunstgeschichte. In der zweiten Auflage seiner „Geschichte der Kunst des Althertums“ von 1769 erwähnt Johann Joachim Winckelmann beiläufig sein Verfahren der Begründung von Universalität. Die Artefakte unterschiedlichster Kulturräume der Antike werden gleichzeitig an einem Ort versammelt. Dann versuchen die Archäologen, Beziehungsgefüge zwischen den Objekten herzustellen – zunächst hypothetisch und dann nach der Empirie ihrer historischen Unterscheidbarkeit. Dabei benutzen sie jedes scheinbar noch so unbedeutende Artefakt, um die Positionen der offensichtlich reichhaltigeren, elaborierteren und ikonografisch aufgeladeneren Objekte zu bestimmen und zu begründen. Das aber bedeutet, dass die tatsächliche oder behauptete Suprematie/Vorherrschaft einer Kultur die der unterlegenen nicht auszulöschen oder ins Bedeutungslose zu verdrängen vermag. Die Ordnung der Archäologen oder Kunsthistoriker wird in Kennzeichnungen von Epochen oder ganzen historischen Entwicklungssträngen überführt, das heißt, die Wissenschaftler erreichen eine Einheit der Artefakte durch ihre Verschiedenheit. So kommt das wissenschaftliche Arbeiten zur Beispielhaftigkeit der zivilisatorischen Transkulturalität. Gerade die Unterschiedenheit der Kunst- und Kulturzeugnisse führt zur Einheit, aus der heraus ihre Verschiedenheit qualifiziert werden kann. Das heißt, universell zu denken und es markiert das Gegenteil von Globalität des Kapitalismus, der schließlich aus der Vielheit eine Einheit bilden will. Grandioses Zeugnis dafür ist die amerikanische melting pot-Devise „e pluribus unum“. Der bloß räumlichen Vereinheitlichung der Welt im Globalismus widerspricht im Universalismus das Ziel, durch die Würdigung der Verschiedenheit von Kulturen und ihren Artefakten (Kunst gab es in dieser Vormoderne der alles umfassenden und prägenden Kulturen noch nicht) Einheit tatsächlich als Denknotwendigkeit und nicht als beliebigen Ausweis von Menschenfreundlichkeit zu fassen: „Per differentiae ad unum“, das heißt, durch die Bestimmung der Unterschiede nach einheitlichen Kriterien ergibt sich die Einheit als denknotwendige Konsequenz des Unterscheidens. Wer Anspruch auf kulturelle Identität sinnvoll erheben will, muss die Kriterien der Abgrenzung auch für die gelten lassen, von denen er sich abgrenzen will. Das aber führt zu der Einsicht, dass die Kriterien der Unterscheidung nicht nur für eine Kultur reklamiert werden können. Damit ist die Akzeptanz der universellen Einheit durch sinnvoll begründete Verschiedenheit für jeden verbindlich, der für sich überhaupt Unterschiedenheit von anderen reklamiert. Genau das aber heißt, Mitglied einer Zivilisation zu sein. Per Geburt und Enkulturation ist jeder Mensch unabweisbar auf eine Kultur, Religion, Sitte, Tradition, Sprache etc. verpflichtet. Will er diese Verpflichtung anderen gegenüber behaupten, muss er zwangsläufig anerkennen, dass von anderen Kulturen Geprägte für sich das gleiche Recht in Anspruch nehmen. Es sei denn, er bestreitet mit dem Versuch, den anderen gewalttätig zu unterwerfen, dessen Recht, das Gleiche zu tun. Das ist aber zumindest unter heutigen Bedingungen der objektiven Wirkmächtigkeit von Instrumenten der Unterwerfung von dem höchsten Risiko begleitet, selber dabei unterzugehen. Das dürfte einzelnen Märtyrern kurzfristig Befriedigung verschaffen, Kollektiven aber nützt es nichts, den eigenen Untergang als wahrhaft rettende Auferstehung zu werten.
Im globalen Kontext mag diese Widersinnigkeit durchaus noch als Kampf aller gegen alle in kapitalistischer Auslöschungskonkurrenz einige Suggestivkraft entfalten. Für Zivilisten der universellen Selbstbestimmung ist das bloß ideologisch oder religiös/kulturell verbrämte Dummheit. Müssen wir annehmen, dass „dumm sein und Arbeit haben“ der kapitalistischen Weisheit letzter Schluss für alle Kapitalgläubigen ohne Kapital ist? Schließlich hat man sich ja sogar an Glauben ohne Gott gewöhnt. Die FIFA und ihre Nutznießer geben den von ihnen erzeugten Massenekstasen genau diese Glaubwürdigkeit. Noch nie und in keiner Verhaltensweise hat das ganz offene System des Opportunismus und der Korruption im Fußballgeschäft das Begeisterungsverlangen des Publikums auch nur für Augenblicke einschränken können. Je weniger Gottanmaßung von Funktionären und Kapitalisten nötig ist, desto größer das Wunder des Geschäftserfolgs.