Käuflichkeit - Ethos des Verbrechens

Gespräch und Ausstellung mit Christina von Braun, Ursula Neugebauer und Bazon Brock

Aileen | Kurfürstenstraße Berlin, 2013/14, Haarzeichnung einer Prostituierten, Haare auf Museumskarton, gerahmt, 40 x 40 cm.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort:

Denkerei
Oranienplatz 2
10999 Berlin
Tel. 030-61671001
www.denkerei-berlin.de

An diesem Abend sprechen Christina von Braun und Bazon Brock in der Denkerei über „offene Käuflichkeit als Tugend“. Die offene Käuflichkeit steht im Gegensatz zur Korruption, die Preis-Leistungsverhältnisse verschleiert und die Frage unbeantwortbar lassen will, ob Korruptionsbereitschaft ihre Nutzung hervorbringt oder die Nachfrage Korruptionsbereitschaft erzeugt.
Es geht um das Ethos der Käuflichen, der Stigmatisierten wie auch der Opportunisten. Dazu hat Ursula Neugebauer einige sogenannte „Hurengespräche“ in der Kurfürstenstraße dokumentiert und ins Bildwerk gesetzt. Die Gespräche wie auch die bildnerischen Arbeiten werden in Form einer Ausstellung in der Denkerei zu sehen sein.

Woher kommt dieses Interesse am Metier der offenen Käuflichkeit bzw. den verschiedenen Formen abweichenden Verhaltens, denen man herkömmlich die Wertschätzung verweigert?
Wir müssen wohl der merkwürdigen Tatsache Rechnung tragen, dass nur noch in kriminellen Vereinigungen wie etwa Mafias, Regierungen oder Unternehmen dem Ideal der Verbindlichkeit sozialer Beziehungen entsprochen wird.
Aus der Erfahrung, dass mit den angeblich geltenden Verpflichtungen im gesellschaftlichen Verkehr beliebig gebrochen werden kann, wenn nur hinreichend Geld, Geltung und Gewissensfreiheit gegeben ist, leiten die Kriminellen ihre Berechtigung zum Bruch mit den vorgegebenen Regeln ein, um in ihrer eigenen Gemeinschaft strikt darauf zu achten, dass niemand die selbstkodifizierten Regeln umgeht.
Das bedeutet in praxi, dass man sich derartigen Organisationen anschließen müsste – jüngstes Beispiel sind die religionsgemeinschaftlichen Kampfverbände –, um die Erfahrung von Unverbrüchlichkeit, Stabilität und Dauer aufrechterhalten zu können.
Offensichtlich muss zwischen der Freiheit zur Willkür nach außen und der Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit nach innen vermittelt werden. Es gilt nach wie vor das Motto der alten Lübecker Bürgerschaft: „Hol' dir von außen, was du kriegen kannst, um es im Innern sicher verwahren zu können und mit allen anderen sogar brüderlich zu teilen.“

Prof. i.R. Dr. Christina von Braun unterrichtet Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Sie ist Co-Direktorin des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.
www.christinavonbraun.de

Prof. Ursula Neugebauer ist bildende Künstlerin und lehrt an der Universität der Künste Berlin Bildende Kunst.
www.ursula-neugebauer.de

Katalog: Ursula Neugebauer. en face. Kurfürstenstraße Berlin. Dortmund: Kettler, 2015.
Mit Texten von: Johanna Di Blasi, Bazon Brock und Luca Di Blasi