Ursula Neugebauer: en face

Kurfürstenstraße Berlin

Ursula Neugebauer: en face. Kurfürstenstraße Berlin | (Katalog, Ausstellung in der Denkerei Berlin, Juli/August 2015) Dortmund: Kettler, 2015.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Katalog anlässlich der Ausstellung in der Denkerei Berlin 07.07.-08.09.2015

Mit Texten von Johanna Di Blasi, Bazon Brock und Luca Di Blasi (dt./engl.)

"2014 habe ich mit Prostituierten in Berlin, Kurfürstenstraße, zusammengearbeitet. Entstanden sind zunächst Portrait-Zeichnungen, wobei für mich der berührendste Augenblick war, dass diese Frauen, über den Vorgang, gezeichnet zu werden, die Erfahrung gemacht haben, auf eine andere Weise als üblich wahrgenommen zu werden, sich selbst zu spüren. Für mich war sehr wesentlich, ihnen nahezukommen, ihnen als Mensch und nicht als Ware zu begegnen. Dieser Moment war sehr eindringlich und hat mich mit der Thematik sehr verbunden. Ausgehend von diesen Bleistift-Zeichnungen, habe ich mittels der mir gespendeten Haare dieser Frauen ihre Konterfeis angefertigt. Es sind 50 Haarzeichnungen entstanden."

- Ursula Neugebauer: Ein Gesicht geben

Seite im Original: 15

Der Ethos des Verbrechens

Die jüngsten Arbeiten von Ursula Neugebauer eröffnen uns ein Thema oder vielmehr ein Anathema bisher unausgesprochener Ahndungen. Ursulas Resultate legen nahe, dass „Offene Käuflichkeit“ als Tugend verstanden werden muss. Damit ist ein Unterschied zur Korruption bezeichnet, die ja gerade Preis-Leistungsverhältnisse verschleiert und die Frage unbeantwortbar lassen will, ob Korruptionsbereitschaft ihre Nutzung hervorbringt oder die Nachfrage die Korruptionsbereitschaft erst erzeugt. Es geht um die Aufklärung über das Ethos der Käuflichen, der Stigmatisierten wie auch der Opportunisten. Dazu hat Ursula Neugebauer ein paar sehr affizierende „Hurengespräche“ in der Berliner Kurfürstenstraße dokumentiert und ins Bildwerk gesetzt.

In subtiler Weise wird mit den Haarportraits auf die lange Tradition der Sinnfälligkeit von Reliquienverehrung verwiesen: Noch heute neigen Zeitgenossen zur spontanen Bewältigung einer Abschiedsszene durch das Überlassen eines markanten Kleinobjekts aus der Aura des Intimen. Die Locke im Medaillon auf dem Brustbein zu tragen, verleiht Innigkeit in der gedanklichen Orientierung auf die Abwesenden. Aus der Reklame für Körperhygiene kennen wir den Verweis auf Schuppen oder Haare auf der Kleidung. Bisher hat kaum jemand diesen Ab- und Ausfallsprodukten Beachtung geschenkt. Ursula fügt sie akribisch wie Duchamp zu figurativen Schemata unter Glas, wie es die Tradition der Bewahrung von Reliquien vorgibt.

Woher kommt dieses Interesse an dem Metier der offenen Käuflichkeit, ja den verschiedensten Formen von abweichendem Verhalten in jenen Bereichen, denen man herkömmlich die Wertschätzung verweigert? Wir müssen wohl der merkwürdigen Tatsache Rechnung tragen, dass nur noch in kriminellen Vereinigungen, etwa als Mafias, Regierungen oder Unternehmen, dem Ideal der Verbindlichkeit sozialer Beziehungen entsprochen wird. Das bedeutet in praxi, dass wir uns derartigen Organisationen anschließen müssen, wenn wir die Erfahrung von Unverbrüchlichkeit, Stabilität und Dauer aufrechterhalten wollen. Längst wissen wir, dass gerade die Lügner die Wahrheit retten. Nun wird auch offenbar, dass die Tugend des bürgerlichen Lebens in wechselseitiger Anerkennung aller Mitglieder eines Sozialverbands nur noch in den geschlossenen Gesellschaften der Kriminellenvereinigungen befolgt wird. Aus der Erfahrung, dass mit den angeblich geltenden Verpflichtungen im gesellschaftlichen Verkehr beliebig gebrochen werden kann, wenn nur hinreichend Geld, Geltung und Gewissensfreiheit gegeben ist, leiten die Kriminellen ihre Berechtigung zum Bruch mit den ihnen vorgegebenen Regeln ein, um in ihrer eigenen Gemeinschaft strikt darauf zu achten, dass niemand die selbstkodifizierten Regeln umgeht.
Aus der strikten Einhaltung dieser Verpflichtung auf absolute Verbindlichkeit nach innen entwickeln die Kriminellen in ihren Sozialverbänden ein hohes Ethos der Überlegenheit gegenüber den Wirtsgesellschaften.

Auch die religionsgemeinschaftlichen Kampfverbände heben deutlich auf die Überlegenheit ihrer Parallelgesellschaften ab, indem sie darauf verweisen, dass sie für sich, etwa mit der Scharia, das Rechtsverständnis ernstnehmen, das durch die „bürgerliche Kunsthurerei“ und „lustbare Moralverkommenheit“ zerstört worden sei.

In diesem Sinne kann man sogar die deutschen Unternehmer als Parallelgesellschafter verstehen, weil sie auf eine eigene Gerichtsbarkeit bestehen (siehe die TTIP-Verhandlungen), denn sie wissen am besten, dass der behauptete Rechtsstaat durch ihre Macht ins Wanken geraten ist, weshalb sie ihm nicht mehr vertrauen. Cocooning übernimmt die Strukturen der Kriminellenorganisationen. Zu deutsch: Exklusivität durch denkbar striktesten Inklusionszwang. Also gilt längst die offene Mafiotisierung, oder, vornehm ausgedrückt, die „Balkanisierung“ der Wirtsgesellschaften.

Seit langem diskutiert man die Etablierung von Faschismus und anderen Totalitarismen durch die Sehnsucht nach der Erzwingung von Verbindlichkeit, weil die Freiheit der Demokratien als bloße Auswahlfreiheit jeden Zeitgenossen im horror pleni, der Überwältigung durch die unübersehbare Vielzahl, zur Ohnmacht verurteilt. „Less is more“ heißt hier: Nur die Reduktion führt zu Verlässlichkeit.

Die im Milieu arbeitende Ursula Neugebauer verweist uns auf den problematischen Zusammenhang vom Bedürfnis nach Reduktion der Komplexität und der Sehnsucht nach Verbindlichkeit. Gut verständlich bleibt der Totalitarismus als eine Erzwingungsstrategie für das, was rigoros für alle gelten soll. Auf der Seite der Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit definiert man Verbindlichkeit mit Verweis auf das, was für alle gilt. So konnten brave Bürger den Faschismus als Ordnungsstifter begrüßen. Auf der Seite der Freiheit zur Beliebigkeit gilt für alle, dass sie bestechlich, egoistisch, machtgeil und in jedem Falle auf ihren Vorteil bedacht sind.

Offensichtlich vermittelt die mafiotische „Balkanisierung“ unserer Gesellschaft zwischen Freiheit zur Willkür nach außen und Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit nach innen. Es gilt nach wie vor das Motto der alten Lübecker Bürgerschaft: „Hol’ dir von außen, was du kriegen kannst, um es im Innern sicher verwahren zu können und mit allen anderen sogar brüderlich zu teilen.“