Der Selbstmord des Abendlandes

Die Islamisierung Europas

Michael Ley: Der Selbstmord des Abendlandes | Osnabrück: Hintergrund, 2015.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 7

Europa muss fallen!

Ein Projekt ausgleichender Gerechtigkeit

So gut wie jeder Hinweis auf den Selbstbehauptungswillen von Europäern enthält den Vorwurf des Eurozentrismus. Es heißt, Demokratie, Rechtsstaat, Sozialstaat, unantastbare Würde der Individuen, Freiheit von Presse, Kunst und Wissenschaft, Religionsfreiheit als universelle Werte darzustellen, sei Allmachtsanmaßung zur Durchsetzung eines europäischen Dogmas. Eurozentristisch eben! Wie aber kann etwas eurozentristisch, dogmatisch, ja fundamentalistisch genannt werden, das über Jahrhunderte heftigster, blutiger Kämpfe in Europa erfochten wurde? Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde etwa in Deutschland, Russland, Spanien, Italien gerade nicht anerkannt, was heute als eurozentristisch diffamiert wird. Für die Niederwerfung des Großdeutschen Reichs starben 25 Millionen Europäer, Amerikaner und Sibirer. Sie befreiten Deutschland vom Terror mit dem Resultat, dass etwa im Stalin-Sowjetreich eben solche Verhältnisse totalitären Machtmissbrauchs aufrecht erhalten werden konnten. Das erfüllt doch alle Kriterien der historischen Tragödien als Dialektik in der Geschichte.

Der Vorwurf des Eurozentrismus missachtet jene, die für die Durchhaltung rechtsstaatlicher Ordnungen demokratisch verfasster Gesellschaften getötet wurden. Es ist geradezu pervers, im Namen der Opfer des Kolonialismus die Opfer der Sicherung von Recht- und Sozialstaat als Eurozentristen abzuqualifizieren! Wer das, sogar in humanistischer Selbstbeweihräucherung, immer wieder tut, hat keinerlei historische Kenntnisse und vor allem kein Gewissen, in dessen Namen er den Vorwurf des Eurozentrismus glaubt erheben zu können. Kein Wunder, dass sich solche Ahnungslosen mit dem Konzept der Globalisierung abspeisen lassen, weil sich endlich überall auf dem Erdball die gleichen Zustände gescheiterter Hoffnung einstellen, anstatt auf Universalität eben jener hochwertigen Kriterien zu bestehen, die heute mit dem Vorwurf angeblichen Fortschrittsmodernismus’ des Westens verbunden werden. Universelle Werte gegen globale Gleichheit des Scheiterns, der failed modernity, das ist die Aufgabe: Europäische Standards für die Welt durchzusetzen, anstatt sie zu nivellieren!

Für die heute in Europa (völlig ohne Zutun irgendwelcher muslimischer Machtstrategen) täglich gellenden Stimmen vermeintlicher Repräsentanten der globalen Menschheit sei folgende Selbstgeißelung eines europäischen Funktionsträgers aus den Bereichen „Kunst und Kultur“ zitiert: „Die universelle Geltung der Menschenrechte war beschränkt auf jene weißen Menschen, denen die großen Denker der Aufklärung einen Subjektstatus zuerkannten, den sie mit der Befähigung zum vernunftgeleiteten und vorurteilsfreien Denken begründeten. Der größere Teil der Menschheit dagegen erlebte die kapitalistische koloniale Moderne als Terror und die europäische Rede von Freiheit und Gleichheit als Ideologie.“

Hat so ein Schreiber nie etwas davon gehört, dass die europäischen Freiheitskämpfer „in Ketten lagen“? Dass die Gewerkschaften über 150 Jahre offensiv und zum Teil aus dem Gefängnis und stärksten Repressionen heraus dafür kämpfen mussten, jenen „weißen Menschen“ Grundrechtrechte zu sichern, und dass vornehmlich derartige Vorkämpfer der Freiheit dem Terror der Regime Europas ausgesetzt waren – bis nahezu in die Gegenwart? Eines ist unabweisbar dem zitierten Geißelbrüdertext zu entnehmen: dass nämlich der Verfasser nie auch nur über Dritte vermittelt einen „der großen Denker“ gelesen hat. Gerade die Ahnungslosigkeit gegenüber dem, was Aufklärung hieß und vor allem heißt, erlaubt ihm, seine Dummheit und die Böswilligkeit des Dummen so gnadenlos zu demonstrieren. Er rechnet gar nicht mehr mit Einwänden durch historische Fakten; für ihn ist die Willkür kenntnisloser Behauptungen im Namen politischer Korrektheit allein noch globale Tugend. Diese heute weit verbreitete Attitüde der Westspieler als Lügenbarone in höherem Auftrag kommt ganz ohne islamistische Intervention aus. In keiner anderen Hinsicht lässt sich die Furcht vor Islamisierung als Untergang des Abendlands, generell Westdämmerung genannt, begründen als mit den bedenkenlos kriminellen Dummheiten europäischer Selbsterhöher. Zu fürchten ist nicht der Islam, sondern seine hiesigen Wegbereiter in welterlösender Mission im Namen des Anti-Kolonialismus. Der zitierte Wiener Kurator und Mitarbeiter einer dortigen Hochschulzeitung verwendet den Begriff Terror, ohne dass er überhaupt zu ahnen scheint, was historisch wie systematisch mit diesem Begriff gefasst wurde – im Befreiungskampf, in der Befreiungstheologie, in der kommunistischen Revolution. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist der Terror [...]. Seit den Tagen Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes zurückzuführen.“ Seine „Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, eine Übergangsform vom heidnischen Staat zum Himmlischen Reich [...]. Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch sein und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute.’ [...] Der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und Diesseits, von Geist und Macht muss vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne. ‚Und der Träger des Terrors?’ Das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich kapitalistischen Verrottung entgegenstellt.“

Ich zitiere diese Passage aus dem Disput zwischen Naphta und Settembrini auf dem Zauberberg in Davos, um daran zu erinnern, dass die von besagtem Wiener Kurator vorgetragenen Positionen seit mindestens 100 Jahren erörtert werden. Man kann heute nicht so tun, als hätte sich Europa mit diesen grundsätzlichen Fragen nicht gründlich beschäftigt. Die Europäer, insbesondere die Deutschen, haben aus historischen Erfahrungen den Schluss gezogen, mit derartigen Weltbeglückungsspielen ein für alle Mal aufzuhören. Das gilt es vor allem gegenüber den hiesigen Begriffsstutzern zu vertreten. Ihnen muss zugemutet werden, dass man mit der Aufnahme von Flüchtlingen in Europa nicht eben jene Zustände herstellen darf, vor denen die Menschen gerade geflohen waren. Naphtas Forcierung des Gottesstaates auf Erden ist erst recht nicht akzeptabel, wenn sie als Durchsetzung von Religionsfreiheit maskiert wird. Im Namen solcher Freiheit die Unfreiheit zu fördern, ist Masochismus, der für die individuelle Sexualstimulierung hinnehmbar sein mag, nicht aber als Programm sozialer Kollektive. Tugendterror, den uns vor allem Saint-Just und Robespierre nahebringen wollten, ist den Europäern nach den Erfahrungen im 20. Jahrhundert in keiner Hinsicht verordenbar, nicht einmal mit der Autorität von Gregor, Moses oder Mohammed.

Wenn ich das derartig betone, versuche ich meinen Zweifel daran zu beruhigen, dass die europäischen Akteure in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft dem Tugendterror tatsächlich radikal widerstehen wollen. Ich begründe meinen Zweifel damit, dass die in dieser Hinsicht von mir bei jeder Gelegenheit angesprochenen Persönlichkeiten keineswegs über die historischen Kenntnisse verfügen, um für eine realistische Einschätzung der anstehenden Probleme gerüstet zu sein. Die erhoffte oder befürchtete Islamisierung Europas kann auch nur erörtert werden, wenn man aus 1300-jähriger Auseinandersetzung zwischen den Hoffenden und den Fürchtenden wenigstens fünf Ereignisse, fünf Namen Beteiligter, fünf Jahreszahlen, fünf Ereignisorte und fünf historische Schlussfolgerungen benennen kann. Ich schäme mich, wahrheitsgemäß angeben zu müssen, dass diese unabdingbaren Kenntnisse unter deutschen Kollegen noch weniger vorhanden sind als unter eingewanderten. Da ist es verständlich, dass die Ahnungslosen sich mit der Behauptung entlasten, es gebe gar keine „unlösbaren“ Konflikte und Probleme in der Perspektive einer absehbaren Zukunft Europas. Sie vertrauen so gut wie alle auf die Macht von Kapital und Pornografie, die über kurz oder lang allen religiös-kulturalistischen Aberwitzigkeiten, Auswüchsen oder kurzfristigen Verständigungsproblemen ein Ende bereiten werde. Sie hantieren so gut wie alle mit Zaubervokabeln und Begriffsleuchten wie ‚Völkerverständigung durch Handel und Wandel’, ohne zu wissen, dass derartige Sinnsprüche expressis verbis die gesamte Entwicklung des Kapitalismus begleiten. Diese Sinnleere aus Denkfaulheit nötigen uns nicht die Islamisten auf. Wir sollten sie deshalb nicht mit Vorwürfen traktieren, die wir uns selbst zu machen haben. Die Islamisierung Europas ist nicht als Projekt des Islam zu fürchten, sondern ein Resultat europäischer Geschichtsvergessenheit. Dahinter steckt ein Psychomechanismus, den endlich auch die europäischen Selbstermächtiger als in ihrem Handeln wirksam erkennen müssen. In Demokratien unter rechtsstaatlichen Bedingungen wird todesbereite Aggression nur den Opfern zugestanden. Also bemühen sich hierorts die schwachen Charaktere um einen Opferstatus. Sie stilisieren sich zu Opfern ihrer eigenen Aggressivität, die sie den Gegnern wie sich selbst unterstellen. Diese tragische Identifikation von Opfern mit Tätern kennt man gerade auch aus tapferen Selbsterkenntnissen von Entführten. Sie akzeptieren den Zwang, die Täter „zu verstehen“, indem sie diese ihrerseits als Opfer äußerer Zwänge darstellen.

Eine erstaunliche Anzahl der schwachen Charaktere in Europa behauptet lauthals und auf allen Ebenen wie in allen Medien, bei uns grassiere ein bedenklicher Antiislamismus. Und Antiislamismus sei der neue Antisemitismus. Wie einst den Juden grundlos Weltherrschaftspläne unterstellt wurden, so jetzt den Moslems. Aber, so hört man, selbst wenn dem so wäre, ginge es nicht um eine gewalttätige Unterwerfung Europas, denn Europa sei längst nicht mehr christlich, die Europäer hätten ja aus freien Stücken den Kontinent für eine neue religiöse Prägung geöffnet. Ein Vakuum zu füllen, sei keine Eroberung, sondern natürlicher Ausgleich zwischen unterschiedlichen Niveaus von Wirkungspotenzialen.

Das ist immerhin ein Argument, dem man Beachtung schuldet, weil wir uns als Westler dadurch in unserem unerschütterlichen Glauben gekränkt fühlen, der Kapitalismus sei die entscheidende Religion. Aber zumindest seit Marxens Analysen und den Erfahrungen der Weltgesellschaft mit den grundstürzenden Krisen der Weltwirtschaft ist der Glaube an den Kapitalismus schwer erschüttert – ein sehr sterblicher Gott!

Gemäß Nietzsches „Was fällt, das soll man auch noch stoßen!“ fühlen sich die Kapitalisten geradezu herausgefordert, ihren Gott als heidnisches Idol zu demaskieren. Ganz ohne jede Hilfe von Islamisten und anderen angeblichen Weltunterwerfungsprätendenten heben sie Vetragstreue so grundsätzlich auf wie die Maastrichtverträge, die EZB-Regeln oder Fundamente des Rechtsstaats. In dieser Hinsicht brillierte die Phalanx der Antifaschisten und Antitotalitaristen im deutschen Bundestag, als sie im Sommer 2012 gnadenlos unbedenklich zur wirtschaftlichen Stabilisierung von Versicherungsgesellschaften in den von ihnen ebenso bedenkenlos akzeptierten Null-Zins-Zeiten beschlossen, dass besagte Versicherungen die Verträge mit ihren Kunden rückwirkend ändern dürften. Das ist der bisherige Gipfel der Selbstüberhöhung angeblicher antifaschistischer, antitotalitaristischer Rechtsstaatsrepräsentanten.

Will man das nicht für blanken Hohn oder gar intentionale Rebarbarisierung beziehungsweise Rekriminalisierung der Politiker halten, bleibt nur eine Erklärung: Deutsche Parlamentarier bewundern das Machtbewusstsein, die Glaubensstärke sowie die Opferbereitschaft zur geforderten Unterwerfung unter unabdingbare Gebote, wie sie für Moslems mit dem Begriff Islam vorgegeben sind. Diese Westler ahnen, dass sie im täglichen Opportunismus der Anpassung ihr Mandat nicht zu erfüllen vermögen. Auch sie möchten endlich in der Unterwerfung gerechtfertigt sein, statt der Charakterlosigkeit bezichtigt zu werden. Die Rechtfertigung wird reichlich geboten, wenn selbst das deutsche Verfassungsgericht bei Entscheidungen für Deutschland, den „Empfehlungen des Islamischen obersten Religionsrates der Türkei“ folgt; wenn allenthalben Parallelgerichtsbarkeiten errichtet oder geduldet werden wie in der stillschweigenden Akzeptanz von Scharia-Regeln für zivilrechtliche Auseinandersetzungen oder bei der Etablierung von Sondergerichtsbarkeiten für die Wirtschaft entsprechend dem TTIP-Abkommen.

Die Selbst- wie Fremdachtung schwindet, wenn deutsche Minister gewissheitsstolz formulieren, „Hilfe aus Deutschland tut Not, wo Menschen und Völker ihr kulturelles Erbe bedroht sehen“, und doch jeden als Neofaschisten stigmatisieren, der es wagte, die eben zitierte Feststellung des deutschen Außenministers vom 15.05.2015 auch für Bürger in Deutschland zu reklamieren. Es sind nicht Moslems oder gar Islamisten aus aller Herren Länder, die deutsche Grundrechte ruinieren, sondern hochmögende Herrschaften hiesiger Machtverhältnisse. Die grundrechtliche Zusicherung, politisch Verfolgte genießen Asyl, haben sie aufgehoben, indem sie alle Zuwanderungsmotive als politische darstellten, sodass die geforderte Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Wirtschaftsmigranten diskreditiert wurde. Für die aus dieser Grundgesetzsabotage resultierenden Folgen interessieren sie sich nicht. Sie nehmen diejenigen in ihre „Willkommenskultur“ auf, die für die Aufrechterhaltung der Produktion in Deutschland nötig sind. Unerwünschte gäbe es gar nicht, wenn man endlich ein Einwanderungsgesetz verabschiedete, das alles regele, wie zum Beispiel in den USA, dem „klassischen Einwanderungsland“. Der Hinweis auf die 14 Millionen Illegalen allein in den USA – trotz strikter Einwanderungsgesetzgebung – darf nicht zählen, weil man sich an den Buchstaben des Einwanderungsgesetzes zu halten habe. Darf man sich angesichts dieser durchgängigen Argumentation der Westspieler nicht ganz und gar berechtigt fühlen, zu behaupten, die wahren fundamentalistischen Buchstabengläubigen seien diese Europäer selbst?

Das bezeichnet den wahren Anlass aller Befürchtungen um das Ende des Abendlands.

Selbst unfrommste Europäer haben den frommen Wunsch, die
innerislamischen Konflikte könnten ein Beweis dafür sein, dass auch
Moslems ein Heiliges Buch als Menschenwerk zu akzeptieren bereit sind. Der naive Wortwörtlichkeitsfanatismus wird durch die streitbaren Interpretationen der Koran-Texte ganz von allein verschwinden. Was bis dahin in angemaßter Autorität des Gotteswortes geschieht, muss jeden Kundigen beängstigen, aber die Hoffnung auf Einsicht geben wir nicht auf.