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Kunsthalle Wilhelmshaven 2012 | Jubiläumsmagazin

kw3 | Kunsthalle Wilhelmshaven 2012 | Jubiläumsmagazin
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Verein der Kunstfreunde für Wilhelmshaven 1912-2012

Die Zeitschrift ist anlässlich der Ausstellung  "100 Meisterwerke - Inszenierte Malerei im Raum. Von Botticelli bis Rothko" (16.09.-18.11.2012) erschienen. 

Seite im Original: 48

Fortschritt durch Kunst und Seefahrt

Das Transkript ist eine gekürzte Fassung von Bazon Brocks Festvortrag am 13. Mai 2012 im Rathaus Wilhelmshaven.

Verehrte Gastgeber und Freunde der Kontinuitätsstiftung,

Hundertjährigkeit zu feiern, heißt in diesem Fall, eine kontinuierliche Begründung von Geltungsansprüchen als Leistung anzuerkennen – nämlich die Leistung, an einem Marinestandort, unterstützt durch die Admiralität, einen Kunstverein zu betreiben. Vor 100 Jahren, im Mai 1912, erschien die wichtigste Programmschrift der Moderne, nämlich Wassili Kandinskys Abhandlung Über das Geistige in der Kunst. Ein Jahr zuvor hatte Kandinsky in propagandistischer Meisterschaft das Thema schon weit verbreiten lassen, bis hin ins Militär, zum Stab des Großadmirals von Tirpitz. Die Seefahrer, nicht nur in der Karikatur, sondern auch als geschichtlich Handelnde, wussten immer schon wie abhängig sie vom „Geistigen der Seefahrt“ waren. Denn, wer die Küsten verlässt und auf die Hochsee vordringt, kann sich dort nur ganz minimal an natürlichen Markierungen wie Windrichtung, Sternenlauf, Sonnenstand oder Wolkenbildung orientieren, weil deren Wahrnehmung zumeist im grauen Grau des Hochseewetters erschwert ist. Deshalb kann sich der Seemann nur noch auf seine geistigen Kräfte verlassen. Da ergeben sich plötzlich Parallelen zwischen Künstlern und Hochseefahrern, zwischen Mathematikern und Steuermännern. Diese hatte man im Wilhelminischen Reich wegen der Vorherrschaft des Adels in den terrestrisch-gebundenen militärischen Organisationen lange verdrängt. Die Marine hatte ja ein eigenes Bewusstsein ihrer Bedeutung, die sie aus der Parallelentwicklung zu den Künsten in Europa ableitete. Denn die Entwicklung der Hochseefahrt ist genau parallel zu den Fortschritten des Verständnisses der künstlerisch-wissenschaftlichen Abstraktionsleistungen entstanden.

Nach Ende des Römischen Reiches beginnen die europäischen Großentwicklungen allesamt mit dem begabtesten Staatengründervolk, den Wikingern. Ihr Steuerruder „rus“ stiftete den Namen Russlands. Als Normannen, als Nordmänner, waren sie die Gründerväter Englands, der Normandie, des Königsreichs beider Sizilien. Ihre Auseinandersetzungen mit dem Oströmischen Reich, regiert von Konstantinopel aus, hatten geschichtliche Langzeitfolgen, die bis heute wirksam sind. Legendär sind die Entdeckerzüge der Wilkinger bis an die Küsten Amerikas mit der Besiedlung Grönlands. Zusammenfassend lässt sich die unvergleichliche Staaten gründende Kraft der Wikinger am Vorstellungsbild festmachen, dass sie den Kulturraum zwischen Skandinavien und Nordafrika, zwischen Sibirien/Kaukasus und der Atlantikküste von Nordirland bis hin zu den Kanaren über eine Achse falteten, sodass die Baltische See, das Bernsteinland, zur Parallelerscheinung des Mittelmeers und seiner glanzvollen Kulturentwicklung wurde. Durch die von den Wikingern bevorzugten Eroberungsstrategien gerieten sie verständlicherweise schnell in Misskredit. Ihre großen intellektuellen Leistungen als Staatengründer und Seefahrer verblassten vor den Erinnerungen an den Schrecken, den sie überall dort, wo sie erschienen, auslösten.

Die neuere Geschichte der Hochseefahrt und damit der geistigen Leistungen der Seefahrer beginnt mit den Portugiesen und ihrer Fähigkeit, den Indischen Ozean zu bemeistern. Ende des 15. Jahrhunderts haben Portugiesen, Spanier, Italiener den Atlantik erschlossen. Was ist daran so besonders? Sie müssen sich vorstellen: Vor 1770 gab es kein Uhrwerk, das in der Lage war, einer Besatzung und vor allen Dingen den verantwortlichen Steuerleuten oder Kapitänen, ein objektives Zeitmaß zu bieten, weil die Uhren Pendeluhren waren und sich bei Seegang ständig selbst widerriefen. Es wurde damals der kulturgeschichtlich höchste aller Preise, der jemals ausgeschrieben wurde, gestiftet, um eine entsprechende Uhr zu entwickeln. In den 1770er Jahren ist das schließlich gelungen und der Preisträger und alle damit verbundenen Würdigungen sind nachzulesen bei Dava Sobel in ihrem brillianten Buch Längengrad. Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, das das größte wissenschaftliche Problem löste (Berlin 2003).

Bevor es ein solches Uhrwerk gab, das die genaue zeitliche Distanz von der Abfahrt eines Schiffes in einen bestimmten Ausgangshafen maß, gab es keine Möglichkeit, sich auf die Längengrade hin zu orientieren. Man war darauf angewiesen, sich in einen reinen Denkraum zu begeben, weil zumeist ja auch die Sterne als Fixpunkte nicht zur Verfügung standen und sich im Laufe eines Jahres ständig in ihrer Position veränderten. Es gab Sternpositionsbücher, die so groß waren, dass sie kaum ein Schiff an Bord haben konnte. Zur damaligen Zeit reichte selbst die Kapitänskajüte eines Schiffes nicht zur Lagerung der notwendigen Atlantik-Navigations-Bücher aus.

Das Abenteuer bestand also darin, Menschen zu finden, die in der Lage waren, ihrem eigenen Vorstellungs- und Abstraktionsvermögen zu vertrauen. Man konnte sich weder auf eine eindeutige Horizontlinie, noch auf Fixpunkte irgendeiner Form beziehen, auch wenn ab und zu mal Sonne, Mond und Sterne zu sehen waren. Diese Seeleute haben die europäische Geschichte der gedanklichen Orientierung auf die Welt in entscheidender Weise vorangebracht, und zwar genau parallel zu den Entwicklungen in Kunst und Wissenschaft.

Ab 1400 konnten sich die Europäer eben nicht mehr auf autoritätsgestützte Behauptungen über den Zustand der Welt verlassen, die die Traditionen und Sitten, geistlichen und weltlichen Führer, den eigentlichen Clanchef oder Vater vorgaben. Jedem war geboten, sich gedanklich Kraft eigener Fähigkeit zu orientieren, Aussagen über die Welt zu entwickeln und sich im eigenen Tun zu behaupten, also: selbständig eine Aussage zu begründen. Denn auf See nützt einem weder ein Richter noch der liebe Gott, da nützt einem ausschließlich die eigene Kopfleistung, um sich vor wahnhaften Erscheinungen zu schützen. Erst die Seefahrt eröffnete also überhaupt das Zutrauen zur menschlichen Fähigkeit, ausschließlich und allein aus der interpsychischen, das heißt, kognitiven Fähigkeit zu agieren, und nicht darauf zu warten, das einem etwas vorgegeben wird. Zugleich ist dies die Definition von Kunst seit Petrarcas Zeiten. Er war der erste Humanist, der sagte, dass Künstler Menschen sind, die die Kraft besitzen, sich ohne Autorität des Vaters, weltlicher oder geistlicher Führer, Tradition und Sitten, ohne Rücklage auf den Markt oder Erfolg ausschließlich auf sich selbst zu besinnen, mit natürlich all den Risiken des Scheiterns, das diese begründen können.

Damit beginnt die Entwicklung der Autorschaft. Ein Autor ist eine Autorität, weil er ohne Bezug auf den Vater, den Papst, den Fürsten oder den Markt einen Geltungsanspruch erheben kann. Das drückte sich darin aus, dass, wenn der Fürst sprach, alle wussten, wenn ich jetzt pfeife oder weggehe, droht mir eine Bestrafung. Wenn ich applaudiere, kann ich Belohnung erwarten. Das galt im Prinzip für alle, die ihren Geltungsanspruch im Hinblick auf die Zustimmung oder Ablehnung anderer ausrichteten oder sich auf Geld, Gewalt oder Amtsmacht stützten. Das alles fiel bei Künstlern und Wissenschaftlern, die es ja erst seit dem 14. Jahrhundert, seit dem Beginn des Humanismus, gibt, vollkommen weg. Sie mussten also ihre Aussage so gestalten, z. B. als bildliche, textliche oder musikalische Aussage, dass man auch aufmerksam folgte, wenn sie nicht die Macht hatten, Zustimmung zu belohnen und Missachtung zu bestrafen.

Das Entscheidende ist nicht die objektive technologische Entwicklung – die war zur gleichen Zeit in China oder Korea bereits viel weiter vorangeschritten als in Zentraleuropa – sondern die Begründung eines geistigen Anspruchs als eines Aussagenanspruchs. Diese ist völlig anders, wenn sie von einem Individuum geleistet wird, hinter dem nichts steht. Hinter den Künstlern und Wissenschaftlern steht kein Volk, kein Markt, kein Papst. Sie müssen es selber fertig bringen, diesen Anspruch zu begründen und durch die Begründung überzeugend und glaubhaft zu wirken, sodass sie damit auch ins Soziale hinein wirken können (...). Jeder, der in der Lage ist, aus sich heraus eine Aussage so zu begründen, dass andere zuhören, ohne aus Angst vor Bestrafung zuzuhören und dazubleiben, ohne Spekulation auf ein Belohnen – der hat Autonomie.

Ab 1830 hat in ganz Deutschland das bürgerliche Autonomiestreben, die Abkopplung von der Führerschaft des Adels, von Herrschaft und Struktur, sich dadurch durchgesetzt, dass die Bürger in Kunstvereinen für sich selbst reklamierten, Aussagen so begründen zu können, dass sie ohne Schielen auf andere Autoritäten ihre eigene Autonomie als Bürger durchsetzen. Nicht als Staatsbürger: Bürgerliche Autonomie war gerade an dieses Momentum geknüpft, sich nur durch Kraft ihrer Intelligenz in abstrakten Denk- und Vorstellungsräumen, die aus der Seefahrt bekannt waren, zu bewegen.

Die Übernahme des Prinzips der künstlerischen Autonomie in die Bürgerschaft hat sich durch die Kunstvereine, die seit 1830 wie Pilze aus dem Boden schossen, in der jüngsten Vergangenheit in ganz besonderer Weise entwickelt. Sie alle kennen das Diktum von Beuys: „Jeder ist ein Künstler“. Gesagt hat er jedoch nicht, dass jeder malt, Violine spielt oder Architekturen entwirft, sondern, dass jeder sich als ein bürgerliches Individuum begreift, das einen Autonomieanspruch erhebt und aus eigener Überlegung und Fähigkeit heraus urteilt. Das ist natürlich nicht nur ein kultureller Gewinn gegenüber den Autoritäten der üblichen Steuerung, also Fürsten, Machthabern oder Fabrikdirektoren, sondern das ist eine durchgesetzte Rolle, die man sich selber in der Verpflichtung auf menschliche Würde zugestehen muss.

Das phantastische Resultat der Arbeit von Künstlern und Wissenschaftlern, wie bei der Mannschaft auf See, ist, dass man ungeheures Zutrauen haben muss, zu der Fähigkeit, sich nicht einzubilden, dass man Techniken entwickelt, mit denen man das Wetter macht oder den Wind beeinflusst. Die Künste / Wissenschaften / Forschung lehren uns, dass unsere Autonomie als Bürger nur darin bewiesen werden kann, wie reif und fähig wir sind, die harten der Naturgewalten nicht mehr durch Gesundbeten, durch Dankopfer an die Götter oder durch windige Beschwörungsgeschäfte zu leugnen.

Insbesondere nach Tschernobyl sind wir auf die Autonomie des eigenen Urteils angewiesen. Damals erfuhr jeder unabweislich, dass er selbst zu entscheiden habe, ob er kontaminiertes Rentierfleisch, Pilze oder Gemüse isst bzw. seinen Kindern erlaubt, im höchstwarscheinlich kontaminierten Sandkasten zu spielen. Von den Wissenschaftlern erfuhren die Bürger nur, in welchen Regionen die in Becqherel angegebene Belastung für Menschen gefährlich werden konnte. Die Wissenschaftler gaben den Bürgern keine Entscheidungen vor, sondern vermittelten ihnen nur die Kenntisse, die man braucht, um ein eigenes Urteil zu fällen. Das hieß, wie Künstler und Wissenschafler eigenständig ein Urteil zu begründen und sich nicht nur Sachzwängen oder anderen Autoritäten zu unterwerfen.

Autonomie in der Fähigkeit zu einem eigenen Urteil zu behaupten, heißt jedoch nicht, sich asozial oder egoistisch zu gebärden – und damit untauglich für die Integration in eine soziale Gemeinschaft zu sein. Im Gegenteil, autonome Individuen wissen, warum sie sich mit anderen Menschen zusammenschließen müssen. Sie haben nämlich die Erfahrung gemacht, dass mit „unserer Macht nichts getan ist“, will sagen, Menschen haben keine göttlichen Kräfte, obwohl sie allzu gern Allmachtsphantasien produzieren. Zum Beispiel wissen sie, dass es eigentlich unsinnig ist, Probleme als gelöst zu betrachten, wenn die Problemlösung zur Erzeugung neuer Probleme führt. Seit 1991 wird den Bürgern diese Leistung sogar mit Gesetzeskraft abverlangt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker.“ – weil man mit einem wirksamen Herzmedikament Nebenwirkungen erzeugen kann, die dann für den Patienten ein völlig neues Problem darstellen. Also: Probleme sind nur durch das Schaffen neuer Probleme lösbar, also unlösbar. Im Übrigen und vielleicht noch grundsätzlicher gilt es zu bedenken, dass der wissenschaftliche Fortschritt als Erarbeitung von Wissen gleichzeitig und notwendig zur Vergrößerung unseres Nichtwissens führt.

Angesichts dieser Tatsachen heißt Autonomie nicht, Herr über jedes Problem zu werden, sondern intelligent und situationsgerecht mit prinzipiell unlösbaren Problemen umzugehen. So entsteht ein natürliches Verlangen nach Kooperation mit anderen Menschen – weil es in der Gemeinschaft von Seefahrermannschaften, Wissenschaftlerteams und Kunstvereinen einfacher ist, das eigene Urteil zu gewichten und anhand der Urteile der Kollegen, Partner, Freunde möglicherweise zu revidieren. Aus dieser Einsicht entsteht jedes Verständnis für soziale Bindungen.

Hochseefahrt ist die Schule der Menschheit gewesen, in der die Menschen lernten, sich ersten zum Mal vollkommen auf sich selbst und ihren Kopf zu verlassen – und gerade dadurch kooperationsfähig zu sein.

Das ist die Schule, die wir heute feiern – 100 Jahre gibt es eine solche Vereinigung auch in Wilhelmshaven, und wie ich finde, in der sensationellen Offenlegung einer damals aus dem Stab Tirpitz herausentwickelten Strategie. Die Marine definiert sich nicht wie die militärische Formation der Landheere über territoriale Markierungen, sondern über geistige Leistungen. Schon allein um die Fernwirkungswaffen derartig präzise einsetzen zu können, müssen die Marineangehörigen intelligent – man kann fast sagen – intellektuell sein und damit eben fähig zur bürgerlichen Autonomie. Das war der Grund, weswegen den Marinern ein Dünkel z. B. gegenüber der Kavallerie nachgesagt wurde. Aber wir ziehen die Poesie der Seeschäumer und Wellenreiter dem Begeisterungsgeheul der Kavalleristen vor.

Der Führungsanspruch der Engländer, Maßstab für alle Marinen der Welt vor hundert Jahren, wurde mit der intellektuellen Abstaktionskraft dieser Seefahrernation begründet. Den Beweis für diese lieferte die Weltherrschaft des englischen Empire – größer und mächtiger als jedes von Landheeren zuvor gestiftete Reich. Man versteht, dass das Kontinentalreich Deutschland wusste, welche Bedeutung der Seefahrt für die Sicherung eines „Platzes an der Sonne“ zukommt. Deshalb wurde der Marine unter Tirpitz‘ Leitung eine gewaltige Entfaltung abverlangt – leider nicht nur in Konkurrenz, sondern in Feindschaft. Legendär, fast mystifiziert, sind bis auf den heutigen Tag zahlreiche Episoden des Krieges der Seemächte. Von den frühesten Verträgen zur Regelung von Konflikten zur See ging eine entscheidende zivilisierende Wirkung aus, die sich im Umgang von feindlichen Seeleuten miteinander in erzählenswerter Weise manifestierte. Insofern beförderten seefahrende Nationen den Gedanken einer Weltzivilisation.

Dass hier die Marine einen Kunstverein mitbegründete, ist sozusagen die schönste Eröffnung des Programms „Fortschritt durch Kunst und Seefahrt“. Ich hoffe, Ihnen die Bedeutung dieses Gedenkens hinreichend dargestellt zu haben und bedanke mich für Ihre Bereitschaft zuzuhören.