Konferenz "Pop! Goes the Tragedy"

The Eternal Return of Friedrich Nietzsche in Popular Culture (23.-25.10.2015)

Zürcher Hochschule der Künste
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Ort: 

Zürcher Hochschule der Künste
Departement Kunst und Medien
Toni-Areal
Hörsaal 1, Ebene 3
Pfingstweidstrasse 96
CH-8005 Zürich

Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Philosoph hat Friedrich Nietzsche Spuren in der Populärkultur hinterlassen. Ob in Erbauungs- und Ratgeberliteratur, Trash-Filmen oder Comics - Nietzsches Aphorismen, Schlagworte, Parolen und Invektiven entfalten noch in den entlegensten Kontexten ein Eigenleben. So unterschiedliche Jugend- und Subkulturen wie der Wandervogel, Black-Metal oder Punk verwiesen oder beriefen sich auf Nietzsche und betrieben so eine unorthodoxe Exegese, die je ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten oder besser gesagt: Gesetzlosigkeiten folgte.

Diese widersprüchliche Verwertung eines Werkes "für alle und keinen" ist in Nietzsches Denken selbst angelegt. Hier wird kein System gebaut, sondern das Denken nachgerade theatralisch vor- und aufgeführt, der Denker zu einer Figur stilisiert, die in manchem an die Figur des Popstars denken läßt. In einer einmaligen Mischung aus kruden Slogans (Umwertung aller Werte, mit dem Hammer philosophieren), subtilsten Beobachtungen, Zivilisationskritik und allegorischem Spektakel, antizipiert Nietzsche die heterogene Ästhetik und Mentalität der Medienkultur des 20. und 21. Jahrhunderts, in der high & low unauflöslich ineinander verquickt sind. Diese sein Werk kennzeichnende proto-postmoderne Simultaneität von high & low lädt geradezu zu banalisierenden, frivolisierenden und ästhetisierenden Vereinnahmungen ein – Vereinnahmungen, die damit nicht auf willkürliche Weise von Aussen an das Werk herangetragen werden, sondern diesem, latent und potentiell, innewohnen.
Nicht zuletzt um der Mortifikation durch die academia zu entgehen, imprägnierte der Vitalist Nietzsche sein hochdifferenziertes Denken mit einer schützenden Schicht Vulgarität. So erfand er etwas, das man „Hyperfeuilletionismus“ nennen könnte - einen diskursiven Gestus, der gewissermassen den special effect in die Philosophie einführte. Nietzsche schuf die Grundlage für eine populärkulturelle Rezeption, die zudem - wenn nicht im Einzelfall, so doch in der Gesamtheit - komplexer ist, als gemeinhin angenommen. Sie wirft nicht zuletzt implizit die Frage auf, was Philosophie dies- und jenseits der Universität heute sein könnte.

Die Konferenz "Pop! Goes the Tragedy. The Eternal Return of Friedrich Nietzsche in Popular Culture" wird erstmals die Eigendynamik des Denkens Nietzsches in der Populärkultur - zu der spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch weite Teile der zeitgenössischen Kunst zählen - eingehend thematisieren. Forschende aus unterschiedlichen Bereichen wie Philosophie, Soziologie, Kunstwissenschaft, Filmwissenschaft, Medienwissenschaft, Psychologie oder Artistic Research sind eingeladen, jene verschlungenen Wanderwege entlang der Wegmarken Vulgarität und Raffinesse, Banalität und Subversion, Provokation und Kritik nachzuzeichnen und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, über die Nietzsches Denken in die Populärkultur eingedrungen ist. 

Programm

Freitag, 23. Oktober 2015

Ort: Hörsaal 1, Ebene 3, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

13:00: Apéro

14:00: Martin Jaeggi, Jörg Scheller: Einführung

14:30: Christian Saehrendt: Von der Monumentalisierung zur Verniedlichung, vom Nietzsche-Kult zum Nietzsche-Nippes? Nietzsche als Faktor im Tourismusmarketing

15:15: Xenia Vytuleva: The Power of Transcending. „Pop – to Tragedy“ in Contested and Liminal Spaces

16:30: Lukas Germann: „Der Rest ist bloss die Menschheit!“ – Black Metal und Friedrich Nietzsche

17:15: Dennis Bäsecke-Beltrametti: Industrial-Music als ultimativer Soundtrack des Niederganges

18:30: Keynote Lecture. Bazon Brock: Desperate Nietzscheans in the City? Das große Ja-Sagen zur nichtigen Welt

Samstag, 24. Oktober 2015

Ort: Hörsaal 1, Ebene 3, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

10:00: Paul Stephan: Langeweile im Dauerexzess. Nietzsche, der Rausch und die Gegenwartskultur

10:45: Anne Kramer: Wonach riecht der Übermensch? Überlegungen zum erkenntnistheoretischen Aspekt von Parfüms

12:00: Ken Hollings: Welcome to the Labyrinth: Nietzsche Online

14:00: Thomas Hecken: Helden des Alltags

14:45: Liat Steir-Livny: Who is Dead? God or Nietzsche? The Killing of God and his Rebirth in Israeli Cinema

16:00: Thomas Kramer: Shatterhand, Zarathustra & Skywalker – (angel)sächsische Heldenreisen

16:45: Tobias Brücker: Lebenskunst und populäre Literatur bei Friedrich Nietzsche

Konferenzsprachen: Deutsch, Englisch, Französisch

Organisiert von Martin Jaeggi und Jörg Scheller

http://blog.zhdk.ch/popularnietzsche/2015/09/20/international-conference-pop-goes-the-tragedy-the-eternal-return-of-friedrich-nietzsche-in-popular-culture/

Desperate Nietzscheans in the City?

Das große Ja-Sagen zur nichtigen Welt

Bazon Brock und Norbert Bolz führten zum 100-jährigen Geburtstag des Philosophen vor 20 Jahren einen Disput, der sich als bestimmend für die heutige Nietzsche-Rezeption erwiesen hat.

Nicht nur für das 19. Jhd., sondern seit jeher antworten Philosophen auf die Frage, wie man zu dieser Welt Ja sagen kann und damit auch zu sich selbst als Bestandteil der Welt. Welchen Strategien der Affirmation kann man heute vertrauen?