Inszenierung und Politik

Szenografie im sozialen Feld

Inszenierung und Politik. Szenografie im sozialen Feld | Hrsg. von Ralf Bohn und Heiner Wilharm. Bielefeld: Transcript, 2015.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Szenografische Entwurfsvorgaben bieten Gestaltungs- und Handlungsanweisungen zur Deutung und Handhabung im sozialen Feld.
Gerade weil der szenografische Entwurf vom Funktionszusammenhang der Dinge absehen und auf das Utopische sich richten kann, wird er zur Offerte vielfacher Interpretation und seine Umsetzung zum Prüfstein von Freiheit.
Welche Freiheit aber lässt die Inszenierung im sozialen Feld zu, wenn sie sich freiwillig als alternativlos geltenden Sach- und Handlungszwängen und einer entsprechenden Politik unterwirft?
»Inszenierung und Politik« fragt nach der Macht der einschlägigen Strategien und der Kraft ästhetischer Verführung. Aus unterschiedlichen Fachrichtungen beleuchten die Beiträge Inszenierungen, die sich als »Politik« in Szene setzen, aber nur die Simulation qualifizierten politischen Handelns offenbaren.

Ralf Bohn (Prof. Dr.) lehrt Medienwissenschaften an der FH Dortmund.
Heiner Wilharm (Prof. Dr.) lehrt Gestaltungswissenschaften an der FH Dortmund.

Seite im Original: 91

Lügen, Tarnen und Täuschen als Erkenntnismittel

Die schärfsten Kritiker von Inszenierungslügen sind selber ahnungslos

Gewidmet den Kuckuckseiern des kommenden Frühlings

Warum sitzen Sie hier, meine Damen und Herren, warum gehen Sie ins Theater, warum gehen Sie in Ausstellungen – doch wohl nicht, um Maler zu werden, um Schauspieler zu werden, um Dramatiker zu werden, sondern Sie sehen und hören sich das an im Hinblick auf den Nutzen für sich selbst als soziale Existenz. Das ist seit Nietzsche eine bekannte Umkehrfigur des künstlerischen Adressaten, denn er sagte: Wagner hat dafür gesorgt, dass das Publikum im Bayreuther Kunsttempel interessanter ist als das, was dort auf der Bühne passiert. In der Tat zielte Wagner auf die Formierung der Kraft der Zeitgenossenschaft. Denn sein Vorhaben, einen „blonden Christus“ zu stiften, beschränkte sich ja nicht auf die Erfindung eines Bühnenereignisses, sondern beabsichtigte die Neuausrichtung des sozialen, politischen, ökonomischen und religiösen Lebens der Deutschen. Und dazu wollte er sein Publikum heranbilden. Das heißt, er realisierte sich nicht auf der Bühne als der Bühnenmeister, sondern er wollte partout auf die Politik in München und in Berlin einwirken, was ja auch gelungen ist. Denn zum Beispiel die jährlichen 9. November-Feiern der Nationalsozialisten waren strikt nach Bayreuther Vorbild angelegt. Sogar die Kulissen wurden von Bühnenbildnern aus Bayreuth geschaffen. Ich hatte noch Ende der 1950er Jahre Gelegenheit, mit zwei Mitarbeitern aus Bayreuth zu sprechen, die für die Nazi-Demonstrationen am 9. November die Inszenierung beeinflusst hatten.

Es ist ja bekannt, dass die Nationalsozialisten sehr häufig die Nachtstunden für ihre Aufmärsche nutzten, weil in der Dunkelheit die Bühneneffekte, die sie von Bayreuth her kannten, auch tatsächlich umgesetzt werden konnten. Man brauchte dazu eine gewisse Abschattung, epoché nennt man das, eine Ausblendung: Dunkelheit ist die bekannteste Form der Abschattung und Ausblendung dessen, was wir nicht unmittelbar sehen sollen, um auf anderes umso intensiver die Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Es ist eine der großen Wirkungen Wagners, dass er tatsächlich Millionen von Menschen von der Bühne weg auf öffentliche Plätze locken konnte. Viele haben das verstanden und in den Bayreuther Blättern, den Wagner-Vereinen, Wagner-Bünden, Wagner-Gesellschaften nachhaltig propagiert. Der Wagner-Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain kennzeichnete Wagner als den großen Zuchtmeister der wilhelminischen Ära; er habe das Publikum zur Nation erweckt. Wer nach Bayreuth ging, war Profi in der deutschen Ideologie, Profi in der Mythologie, Profi der deutschen Ikonographie. Kurz: Das Bayreuther Publikum stiftete die Brücke zwischen der „heil’gen deutschen Kunst“ und der ebenso heiligen deutschen Weltmission aus der Sicht des Wilhelminismus und der Hitlerei.

Ab 1900 entstand als Reaktion auf diesen friedlosen Wagner-Wahn die Kabarettbewegung in München und Berlin und das ist die Aufklärung in der eigentlichen Form der Rationalität des 20. Jahrhunderts. Kabarettistische Ironie ist immer schon reflexiv, immer schon Form und Dynamik der Selbstkorrektur und der Selbstkritik jenseits von Dialektik.

Bedenklich ist das leichtfertige Verständnis von sozialer Wirklichkeit als Transformation des Vormachtheaters ins Nachahmungslernen. Was man auf der Bühne hört, sieht oder sich sonstwie aneignet, soll erst in der Übertragung auf das tatsächliche Leben bedeutsam werden. Das ist in der Tat ein entscheidendes Kriterium, denn wenn es, wie heute üblich, heißt, jeder bastele sich seine Wirklichkeit selbst und das sei Erfüllung des Anspruchs auf Autonomie, dann ist ja wohl gemeint, dass jeder Zuhörer, Betrachter das Gehörte und Geschaute nach eigenen Bedürfnissen in die jeweils eigene Lebenswirklichkeit überträgt. Damit bestimmt er aber nicht seine Lebenswirklichkeit, sondern interpretiert sie und erfährt dabei umso unausweichlicher, dass das Wirkliche nur das ist, was sich dem Willen/Mutwillen des Einzelnen gerade nicht fügt. Die kabarettistische Ironie zielt auf die Verwechslung von Autonomie der Subjekte und deren Belieben, sich ihr Leben selber zusammenzustückeln. Das heißt, der Wirklichkeitsbegriff steht (statt der Letztbegründungen, denen wir nicht mehr mit Wahrheit, Gott, Zukunft, Vaterland gerecht werden können) für den Verzicht auf die Gleichsetzung von individuellem Verständnis der eigenen mit der Akzeptanz der sozialen Gegebenheiten jenseits des je individuellen Wünschens und Wollens. Man mag es nun mit Aristoteles oder Lessing oder dem Thomas Mann der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ für tragisch, also den Individuen als Schuld nicht zurechenbar, halten, wenn sie der Intervention von Ironie ausweichen wollen und sich lieber dem Pathos des Opfers fürs Allgemeine ergeben. Nicht nur der Tod fürs Vaterland, sondern der Tod für die Verwirklichung der Bayreuther Mission sei ehrenvoll gerade im Scheitern; da helfe keine kabarettistische Vertauschung des lateinischen dulce mit dem italienischen dolce, um sich durch Gelächter von dem stillen Vorwurf zu entlasten, man habe feigen Egoismus als Aufgeklärtheit über weltmissionarische Phrasendrescherei ausgegeben.

Wirklich ist nur das, worauf wir keinen Einfluss haben. Das heißt, wirklich ist alles, woran unser Belieben, unser Wille, unsere großen Ideen und Taten, unsere Parteiprogramme, unsere religiösen Vorstellungen scheitern. Was aber bedeutet das für das Wirksamwerden, also das Übertragen von Bühnen- oder Vortragskonzepten auf die soziale Wirklichkeit – was also heißt das für unsere Absicht, die auf Bühnen, in Hörsälen, Parlamenten und an Biertischen gewonnenen Einsichten zumindest für das Verständnis des eigenen Lebens „anwenden“ zu wollen? Es könnte heißen, vor der Wirklichkeit in Phantasmagorien zu fliehen, was allerdings ziemlich unsinnig erscheint, weil die eigenen Phantasmagorien immer viel schwächer ausfallen als die von den Dichtern, den Filmern, Politprogrammatikern oder Professoren professionell vorgetragenen. Das könnte auch heißen, man spiele selber Theater, wir alle spielten immerzu nur Theater. Aber dann wird doch schnell klar, wie schlechte Schauspieler selbst mächtigste Politiker sind, wie doof ihre Stücke-/Redenschreiber und wie provinziell verkümmert die Claque der Kritiker.

Wir müssen wohl langsam zu akzeptieren lernen, dass der Einsichtsgewinn beim Betrachten, Zuschauen, Zuhören, Nachahmen als Erfahrung des Scheitern zum Beweis ex negativo verstanden wird und verstanden werden muss. Der größte Wagnerianer aller Zeiten, der GRÖWAZ Adolf Hitler, teilt der Nachwelt in seinem Testament mit, dass ihm die Verwirklichung von Bayreuth in der sozialen Existenz eines Volkes in der Perspektive der Evolution auch dann gelungen sei, wenn das Volk dabei zugrunde gegangen ist. Hitler argumentiert, er habe der sozialen Evolution im Wettkampf der Systeme sinnvoll genützt, indem durch seine Taten bewiesen worden sei, dass die Zukunft der Weltkulturen von Asiaten und nicht mehr von Europäern bewerkstelligt werden wird. Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges sei der von ihm erbrachte Beweis dafür.

Der Volkswitz rechnete immer schon mit dieser Psychodynamik des Scheiterns – dafür steht der grausame Witz, den man über eine Berliner Göre im bitteren Winter erzählt: „Es geschieht meiner Mutter ganz recht, wenn mir die Hände erfrieren – warum gibt sie mir keine Handschuhe!“

Viel verbreiteter, als man annehmen möchte, ist die Einstellung von outcasts, von Existenzen am Rande des noch Erträglichen, also des untersten Sozialstandards. Sie weisen häufig auf ihre stille Genugtuung hin, mit ihrem Schicksal den Beweis der Unmenschlichkeit des Systems erbracht zu haben und mit diesem demonstrierten Erkenntnisgewinn ihr Leben als sinnvoll zu empfinden. Heikel wird dieser Beweisgang, wenn man als Opfer Anspruch auf Fürsorge oder Entschädigung bei denjenigen erhebt, deren Regime für sie Inbegriff totalitärer Bösartigkeit ist.

Mit welchem Siegerinfantilismus haben die Deutschen beziehungsweise die Europäer und Amerikaner geglaubt, der Mauerfall 1989 und der Zerfall der Sowjetunion 1991 hätten bewiesen, dass die uneingeschränkte Macht des Kapitals nach Belieben der Kapitalbesitzer die Wirklichkeit zu prägen vermöge. Das Ende der Geschichte sei gekommen, was bedeute, dass von nun an keinerlei Einspruch der Wirklichkeit als dem unserem Willen nicht Gehorchenden zu erwarten sei. Längst hat der Weltlauf die noch so machtvollen Erzwingungsstrategien im Irak, in Afghanistan, im Libanon, in Syrien, in Georgien oder Moldawien zuschanden werden lassen. Mit all dieser Macht war nichts getan, außer sie selbst in Ohnmacht zu verwandeln. Wenn aber prätendierte Macht des Westens sich als tatsächliche Ohnmacht erweist, besteht die Hoffnung, dass die Einsicht in diese Ohnmacht uns intelligenter werden läßt. Anstatt den prinzipiell unlösbaren Problemen ewigen Streitens um Vorherrschaft durch gottgefälligen Verzicht auf die Teilnahme an den Konflikten entgehen zu wollen, wenn man sie schon nicht zu eigenem Nutzen beherrschen kann, gilt es, Wege zu finden, wie man angemessen mit ihnen umgehen kann. Anstatt weiterhin mit ungeheurem Aufwand Wetterzauber zu betreiben und sogar durch Menschenopfer zu beglaubigen, entwickelte man sinnvollerweise wirksamen Regen-, Kälte- und Sonnenschutz.

Die Lehrsammlungen für derartige Strategien dürften die zahllosen Fälle erkannter Fälschungen, Lügen, Tarn- und Täuschmanöver in ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Feldern sein, die angeblich unseren Glauben an Rechtsstaat, an Moral, an Kennerschaft und Marktlogik erschüttern.

Wer den Bankern pathetisch mit der Anklage entgegentritt, sie hätten sich gegen Moral und Anstand versündigt, wird über dieses lächerliche Lamento nicht hinauskommen und vor allem nicht hinauskommen wollen. Was wir tatsächlich aus dem Scheitern des Allmachtwahnsinns von Investmentbankern zu lernen haben, ist die Einsicht, dass wir selbst mit der Behauptung, die Gesetze des Marktes regelten quasi als Naturgegebenheit die ökonomischen Austauschprozesse, einem ideologischen Popanz beziehungsweise einer Ideologie als Popanz gehuldigt haben. Wir sollten den Investmentbankern dankbar dafür sein, uns unsere eigene Dummheit unabweisbar und unentschuldbar demonstriert zu haben. Wer als Wähler eben jene Politiker ins Amt rief, die ihn mit dem Zynismus intellektueller Überlegenheit die Bankenrettung für 15 Billionen Euro als alternativlose Politik, als schicksalsgegebene Notwendigkeit verkaufen, ist doch der eigentlich Verantwortliche für Rechtsbrüche am laufenden Band. Nicht mehr Merkel & Co, die internationale Mafia der Banker sind für die Misere seit 2007 haftbar zu machen, sondern die Wähler, die dieses Regime ausdrücklich legitimiert haben und ja nun auch tatsachengemäß ihre Verantwortung akzeptieren, indem sie auch für ihre Kinder und Kindeskinder die Bereitschaft beweisen, für alle Kosten des ideologischen Verblendungszusammenhangs „Marktmacht“ zu zahlen. Gibt es einen noch besser begründeten Triumph der Entlastung von Tätertypen aller Provenienzen, seit die rot-grüne Regierung mutwillig und bedenkenlos die Maastricht-Verträge gebrochen hat?

Das lächerliche Spektakel um die sogenannten Kunstfälscher-Affären der jüngeren Vergangenheit belegt, wie weit wir noch von der Einsicht entfernt sind, allein das als solches erkannte Falsche verweise uns auf die Wahrheit; wie wenig wir bisher den doch allseits geübten, sogar raffinierten Techniken des Lügens, Täuschens und Tarnens zutrauen, uns zu intelligenterem Rechnen mit der Beschränktheit unserer eigenen Könnens zu veranlassen. Gegenwärtig werden in den Kinos „Werke und Tage“ (ein ehrwürdiger griechischer Titel für Leben und Wirken) des Herrn Beltracchi gezeigt. Er wird als Großfälscher weit unter Wert dessen gehandelt, worum es bei ihm tatsächlich geht. Die guten Leutchen, die das Nachdenken immer noch den sogenannten Experten, den durch erfolgreiche Machtbehauptung legitimierten Politikern, den durch Reichtum interessant gewordenen Zeitgenossenen glauben, dankbar überlassen zu dürfen, sehen in Beltracchi einen Verbrecher, der etwas Falsches als echt verkauft habe. Man diskreditiert ihn als Fälscher, als könnten diese Ärmsten sich selbst betrogen fühlen. Damit ersparen sie aber all denjenigen die Anstrengung des Begriffs, die mit dem Kauf von Kunstwerken glauben beweisen zu können, dass sie auch Kunstkenner seien und als realitätstüchtige Marktteilnehmer genau wüssten, was seinen Preis wert sei. Wer aber durch die Marktgläubigkeit anderer Hunderte Millionen Euro für sich persönlich zu vereinnahmen weiß, sollte den Verlust von ein paar Millionen für angebliche Fälscherware, auf die er hereingefallen sei, so verschmerzen, wie unsereiner den Verlust des Portemonnaies mit 150 Euro darin.

Zum anderen ist doch wohl klar, dass diejenigen, die die Kriterien der Unterscheidung zwischen Echt und Falsch gar nicht kennen, schwerlich ein interessantes oder gar geliebtes Bildwerk plötzlich nur deswegen nicht mehr zu schätzen vermöchten, weil es nicht von Max Ernst, sondern von Wolfgang Beltracchi erarbeitet worden sei. Derartige Fragen muss man nicht für systemrelevant halten. Wenn aber ausgewiesene Fachleute objektiv nicht in der Lage sind, Originale von Fälschungen zu unterscheiden, obwohl sie die Kriterien der Unterscheidung kennen – weil es da nichts zu unterscheiden gibt –, dann erreicht der Fälscherprozess die Höhe exquisiter philosophischer Erkenntnistheorie, statt Privileg niederkriminalistischer Entdeckungsfreude zu sein, womit die Enthüller glauben, über jeden Zweifel an ihrem Begriffsvermögen sich erheben zu können.

Erkenntnistheoretisch hochrangig ist nämlich die Frage nach der Unterscheidung im Ununterscheidbaren. Denn in der Tat wurde Beltracchi nur als Fälscher „enttarnt“, weil die Provenienzen der Bilder fragwürdig waren, nicht aber dadurch, dass irgendwer und schon keiner der Skandalschreier an irgendeiner Leinwand objektiv die Differenz zwischen einem originären und einem „gefälschten“ Max Ernst oder Heinrich Campendonk erwiesen hätte. Den Begriffsstutzigen ist es gar nicht möglich zu denken, dass jemand besser in Komposition und Technik eines Max Ernst malen könnte als dieser selbst. Denn sie sind kindliche Fetischisten oder primitive Reliquienverehrer geblieben, denen die Kraft des Glaubens schon durch eine irritierende Behauptung genommen werden kann. Ein Picasso hingegen bekannte mehrfach (zu unserem größten Vergnügen in Orson Welles’ legendärer Fälscherstudie „F wie Fake“ von 1973/1976 ), dass andere ihn mindestens genau so gut fälschen könnten wie er sich selbst. Einer derartigen Aussage sollten die autoritätsgläubigen Beltracchi-Ankläger intellektuell zu entsprechen versuchen, die Aussage also als Wort eines wirklichen Kenners der Wahrheit des Falschen akzeptieren.

Die Künstlerautorität des Orson Welles ist ja gerade durch dessen eigene Versuche bestärkt worden, mit der Wahrheit als dem für falsch Erkannten sozialpsychologische Aufklärung zu betreiben. Seither sprechen die Informierten nicht mehr über Fälschen, sondern über Faken, wenn sie mit der Differenz zwischen Wahr und Falsch, Originär und Imitiert oder Primär und Sekundär rechnen. Ich gebe zu, dass gerade den Begriffsstutzigen die Wahrheit manchmal nicht zumutbar ist, so dass pädagogisch raffiniertere Eltern, Priester, Ärzte, Künstler und Politiker immer wieder genötigt sind, ihre bessere Einsicht in die Wahrheit des als falsch Erkannten mit einer frommen Lüge zu tarnen; aber immerhin mit einer Lüge erreichen sie das wohlmeinend Beabsichtigte.

Wann solche frommen Lügen im Interesse der Kranken oder Dummen zu unfrommem Betrug pervertieren, lässt sich im Einzelnen sehr gut herausfinden. Schwieriger wird es, wenn man zu bewerten hat, was die Bekundungen von Falschheit bewirken, wenn es sich tatsächlich um Echtheiten handelt. Immer wieder gibt es Berichte über Bildwerke, die auf Flohmärkten oder bei Entrümpelungen erstanden wurden von Leuten, die sehr wohl den wahren Wert der Billigware einzuschätzen vermochten. Auch solche Streitfälle sind ohne Überanstrengung richterlicher Fähigkeiten gut zu lösen.

Seit Beginn der Moderne gilt: Wer kauft, muss sich nicht rechtfertigen, er ist per se der Herr des Verfahrens; er kauft ja, weil er das Erstandene für bedeutsam, begehrenswert, in jedem Fall aber den Preis für angemessen hält. Er ist nicht einmal verpflichtet und hat es nicht nötig, uns seine Gründe mitzuteilen. Er braucht nicht einmal Argumente.

Wie kam es zu dieser Überhöhung des Käufers zum König? Als ich einst im lockigen Haar beim Galeristen Alfred Schmela in Düsseldorf zu erkunden versuchte, wie er beliebige Besucher seiner Galerie zu Käufern von Werken machen konnte, wurde mir der entsprechende Psychomechanismus schnell klar. Herren mit Staubmantel, Hut und Regenschirm wurden unter Argumentationsdruck gesetzt, dem sie als prätendierte Bildungsbürger nur entgangen wären, wenn sie aus wahrer Kennerschaft heraus die Argumentation selbst hätten bestimmen können. Gegenüber aktuellster Kunstproduktion war es um 1960 herum für einen Kaufmann extrem schwierig, Sachkennerschaft zu erwerben, weil er dazu viel zu wenige Voraussetzungen erfüllen konnte. Also entzog er sich dem Argumentationsdruck durch Kauf der in Frage stehenden Resultate der Arbeit zeitgenössischer Künstler. Ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass jemand genötigt worden wäre, seinen Kauf zu rechtfertigen; im Gegenteil, dem Käufer wurde von allen Seiten unverhohlen überlegene Kennerschaft und Entscheidungsvermögen zuerkannt. Man bewunderte ihn geradezu, obwohl außer der Kaufsumme keinerlei Beleg für seine Urteilskraft vernehmbar geworden war. Ich bin heute mehr denn je überzeugt, dass die fulminante Entwicklung des Kunstmarkts mit Blick auf die individuellen Käufer dadurch zustande kam, dass man im Kunstbetrieb Entscheidungen gerade ohne Begründung und damit ohne Rechtfertigung höher schätzte als das mühselige Hin und Her der Abwägungen in den üblichen Führungsfunktionen.

Zusammengefasst: Nur das als Solches erkannte Falsche ist noch wahr, die Lügner retten die Wahrheit, nicht mehr die Propheten, nicht mehr die absolutistischen Herrscher, nicht mehr die Akademiepräsidenten, nicht mehr die Herren, die über die Wahrheitsverfahren verfügen, die Philosophen schon gar nicht. Das heißt aber, die Fälscher muten uns die Herausforderung zu, im selbst für Fachleute Ununterscheidbaren zu unterscheiden nach Kriterien, die mit dem eigentlichen Sachverhalt nichts zu tun haben. Mit dieser Verschiebung auf unsachgemäße Argumente verlieren wir die Sache selbst aus dem Blick oder erheben Marginalien zu Strafprozeßaffären. Damit erwecken aber die Debatten in der Öffentlichkeit notwendigerweise den Eindruck, sie verliefen alle gleichermaßen am Problem vorbei und blieben ohne jede Konsequenz. Erstaunlicherweise hält uns dieser Eindruck nicht davon ab, jederzeit wieder an Veranstaltungen teilzunehmen, deren Resultate uns von vornherein als die üblichen Vergeblichkeiten erkennbar sind.

Wie kommt diese Faszination zustande? Wir entwickeln, ohne es zu bemerken, ein Interesse für den Grad der Könnerschaft, mit der sich die Teilnehmer wechselseitig als uninformiert, unreflektiert, unselbstständig, rückständig etc. ausstellen. Wenn Politkaliber wie Franz Joseph Strauß oder Herbert Wehner auftraten oder Zauberkünstler uns unverschämterweise als Naivlinge erscheinen lassen, ist das Vergnügen an der eigenen Intelligenz, Falschheit zu durchschauen, Grund genug, uns immer wieder denen anzuvertrauen, die ihre Souveränität im Umgang mit dem Falschen demonstrieren, anstatt denen zu folgen, die uns die Gewißheit der Wahrheit aufnötigen wollen. Strauß signalisierte: Achtung, ich werde lügen und ihr müsst intelligent genug sein, das zu erkennen. Der Zauberer signalisiert: Ich biete euch eindeutigen Augenschein der Zauberei gegen euer besseres Wissen, dass niemand zaubern kann. Die angeblich immer wieder enttäuschten Zuschauer genießen das meisterhafte Jonglieren zwischen Evidenzerweis und Evidenzkritik in immer weitergehender Öffnung der in Frage stehenden Problematik. Das veranlasst uns, der nächsten Diskussion doch wieder Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl wir wissen, dass bei der auch nichts anderes herauskommen kann als eine erneute Eröffnung der Problemlage ohne jede Aussicht auf Problemlösung.

Derartiges intellektuelles Vergnügen bei der Bewegung im erkennbar Falschen boten im 17. Jahrhundert, der Epoche des zum Selbstbewusstsein erwachenden Bürgertums, Künstler ihrem Publikum in höchster Raffinesse mit der „Augentäuschermalerei“. Bis heute kann man nachvollziehen, wie Trompe-l’œil-Malerei zum Erkenntnismittel werden konnte. Der Betrachter entdeckte seine eigene Täuschbarkeit, die ihn eigentlich in Zweifel über sein Weltvertrauen stürzen sollte und ihm doch seine intellektuelle Fähigkeit zu beweisen vermochte, eben dieses Getäuschtwerden zu erkennen. Das ist die Ebene, auf der wir die Inszenierungen der Programmatiken und Skandale in Politik, Kunst, Pädagogik, Technoevolution und Marktgeschehen oder das Drama der notwendig falschen Rankings zu bewerten lernen sollten.

Das ist gar nicht so schwer. Eine ganze Generation ist durch e-Gurus verführt worden, von Zeichenwelten als virtual realities zu sprechen und Gebrauch zu machen. Aber eine Wirklichkeit ist eben keine, wenn sie virtuell ist. Simple Begriffsarbeit würde die Richtigstellung ermöglichen, dass es sich bei den besagten Zeichengebungsverfahren um realisierte Virtualität, also um materiell repräsentierte Gedanken, Vorstellungen, Begriffe und dergleichen innerpsychische Operationen handelt. Wir stehen von Natur aus unter Vergegenständlichungszwang, fachwissenschaftlich heißt das, wir sind auf embodiment, also Verkörperung geistiger, seelischer, emotionaler und anderer intrapsychischer Kräfte angewiesen, da sich diese Kräfte ja nur dann als gegeben erweisen, wenn sie sich als wahrnehmbare Elemente, als Entitäten unserer Welt beweisen. Mit ein bisschen Aufmerksamkeit für die Begriffe verstehen wir dann, dass es um realisierte Virtualität, also realized virtuality statt um virtual realities geht, um sich der Verhexung des Verstandes durch das Zeichengebungsbrimborium nach Kräften zu erwehren.

Ich hoffe, Ihnen mit diesem Vortrag ein hinreichendes Vergnügen dadurch bereitet zu haben, dass Sie bemerkten, wie außerordentlich problematisch und deshalb interessant meine Gedankenführung war. Lernen Sie selber zu lügen mit den Philosophen und Künstlern, dann können Sie sich als aufgeklärt genießen, anstatt sich über die Zumutungen der Lügen anderer aufzuregen.

[Publikation des Vortrags vom 29.11.2013 zum 5. Szenografie-Symposium „Inszenierung und Politik – Politik der Inszenierung“. Veranstaltet vom Zentrum für Kunst-, Medien-, und Designwissenschaften am Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund.“]