Documenta: trendmaker im internationalen Kunstbetrieb?

[Symposion, Kasseler Hochschulbund, 19.-21.06.1982]

Documenta: trendmaker im internationalen Kunstbetrieb | Hrsg. von Volker Rattemeyer. Kassel: Stauda, ca. 1984.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Seite im Original: 27

Grundannahmen der d 5 und deren Auswirkung auf die Konzeption thematischer Kunstausstellungen überhaupt

Vortrag von Bazon Brock, aufgezeichnet und zusammengefaßt vom Herausgeber

Die Grundannahme der documenta 5 („Befragung der Realität – Bildwelten heute“) war das heilige Thema „Thematische Ausstellung“. Sie geht von der Beobachtung aus, daß jede Ausstellung, die nicht dem Prinzip des Basars folgt, sondern mehr oder weniger gezielt Künstler auswählt, bereits durch das Auswählen thematisch ist. In diesem Sinne kann es keine nicht-thematische Ausstellung geben, wenn Auswahlkriterien für das Zustandekommen einer Ausstellung herangezogen werden.

Ausgehend von dieser Entdeckung (die grundsätzlich zwar nicht neu war, die sich damals aber in der Kunstwelt noch nicht so sehr herumgesprochen hatte), ging der Streit um das Konzept der documenta 5 daher nicht um die Frage, thematische oder nicht-thematische Ausstellung, sondern um das Thema der documenta selber und die Art und Weise seiner Kenntlichmachung. Der eigentliche Kern der Auseinandersetzung unter den Ausstellungsrealisatoren bezog sich darauf, ob das Thema der documenta 5 explizit ausgewiesen werden muß oder ob es implizit unausgesprochen bleiben darf.

Künstlerische Praktiker haben fast immer etwas dagegen, wenn Begründungen für ein Ausstellungsthema, für eine Künstler- und Werkauswahl ausdrücklich genannt und schriftlich fixiert werden. Sie befürchten, daß Ausstellungen durch solche Festlegungen angreifbarer werden, größere Anforderungen auf Begründung nach sich ziehen und Veränderungen der ursprünglichen Konzeption, die sich gegebenenfalls aus dem zeitlichen Abstand zwischen Ideenformulierung und Realisierung der Ausstellung ergeben, kaum noch zulassen. Der Ausstellungsmacher ist damit zugleich verpflichtet, jede Änderung und Weiterentwicklung (und sei sie noch so klein) den beteiligten Künstlern wie auch anderen kunstöffentlichen Instanzen und Personen gegenüber zu begründen. Wenn ein Ausstellungsrealisator dagegen das Thema, die Konzeption der Ausstellung, die Künstlerauswahl nicht explizit veröffentlicht, dann kann er sich in den Auseinandersetzungen, die größere Ausstellungen grundsätzlich nach sich ziehen, viel leichter aus der Affäre ziehen. Im Grunde genommen möchte ein Ausstellungsmacher daher, daß das Thema, die Konzeption und Künstlerauswahl immer implizit bleiben, um unter Legitimationsdruck besser jonglieren zu können.

Die Entscheidung ist gefallen: das Konzept der d 5 wird schriftlich fixiert

Dadurch, daß sich die verantwortlichen Ausstellungsrealisatoren entschlossen, das Thema der documenta 5 explizit, eindeutig und in schriftlicher Form vorzugeben, wurden sie (auch im Vergleich zu allen anderen documenta-Machern) im allerhöchsten Maße angreifbar. Und diese Angriffe sind dann auch sehr lautstark und vielfältig vorgetragen worden. Es war seinerzeit ja nicht so, daß die documenta 5, wie dies aus heutiger Sicht erscheint, positiv bewertet wurde. (Die ersten positiven Reaktionen kamen erst 3 1/2 Jahre nach der documenta) Im Gegenteil. Mit Ausnahme der französischen Presse wurde das Konzept der documenta 5 und die Ausstellung von den Journalisten mehr oder weniger niedergemacht. Die damalige Kritik hat den Anspruch, das Thema der documenta explizit zu machen, als eine Art Präpotenz, als ein „Theoretisieren“ verstanden. Der allgemeine Tenor der Kritik hub insbesondere darauf ab, daß die künstlerischen Arbeiten nurmehr Illustrationen eines Themas seien, und daß die Werke durch den thematischen Rahmen, in den sie gestellt wurden, entweiht und entwürdigt und damit nur noch als Dokumentations-und Argumentationshilfe für das Thema mißbraucht würden.

Von der Vorbereitungskommission der documenta 5 bin ich 1970/71 beauftragt worden, ein Konzept in schriftlicher Form zu entwickeln; mit dem ganz bewußten Risiko der Angreifbarkeit. Im März 1971 habe ich, in Rückkoppelung mit Szeemann und Ammann Erläuterungen zum Ausstellungsmodell documenta 5 „Befragung der Realität – Bildwelten heute“ vorgelegt (s. Anhang).

Von diesem Konzept her sollte Harry Szeemann, der als der entscheidende Ausstellungsmacher die documenta 5 als Ausstellung ja realisieren mußte, Hilfestellung bekommen, um die Ineinanderschachtelung der verschiedensten Bildwelten mit einiger Klarheit vollziehen zu können. Szeemann hat sich auch nie gescheut, den Anspruch dieses Konzeptes bis in Einzelheiten hinein gegenüber den Mitarbeitern, die Teilaspekte der Ausstellung vorbereiteten, zu vertreten. Umgekehrt war es genauso. Der Leiter der Berner Klinik, in der im Umfeld der Psychiatrie schon 60 Jahre lang Malereien von geisteskranken Patienten gesammelt wurden, bereitete unter dem thematischen Gesichtspunkt des documenta-Konzeptes die Auswahl und Präsentation von „Bildnereien der Geisteskranken“ auf. Er akzeptierte also einen thematischen Zuschnitt, der im deutlichen Gegensatz zur bisherigen Veröffentlichung dieser Arbeiten, die viele Jahrzehnte lang an vielen Stellen unter Themen psychiatrischer Provenienz gezeigt worden waren, stand. Aber nicht nur in diesem Fall wurde der Zuschnitt des Konzeptes akzeptiert, sondern auch die künstlerischen Mitarbeiter der anderen Bereiche, wie etwa „Bilderwelt und Frömmigkeit“, „Spiel und Wirklichkeit“, „Utopie“, „Die Realität von Kunst als Form der Kunst“ usw. fügten sich mehr oder weniger in das Konzept ein.

Unabhängig davon, ob und inwieweit die documenta 5 die Erfüllung des eigenen Anspruchs, der im Sinne einer Begründung eines thematischen Zusammenhangs gegenüber den Objekten gesetzt worden war, in Gänze tatsächlich gelungen ist, ist nicht zu bestreiten, daß von der documenta 5 her und vor allem auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um das Konzept der sechsten documenta sich so etwas wie ein Bewußtsein für thematische Ausstellung herausbildete. Das Schlagwort „thematische Ausstellung“ stellte sich in der Diskussion über Kunstausstellungen plötzlich als etwas völlig selbstverständliches heraus, wurde aber in gewisser Weise mißverstanden.

Thematische Ausstellungen sind plötzlich „in“

„Thematisch“ hieß nun jede Ausstellung, die sich ein spezifisches Thema setzte bzw. wenn auf dem Plakat ein Thema stand, wie z.B. „Geschichte des Genusses von Tabak“, „Schwarz in der Malerei“ oder „Berührung mit der Erde“. Das Entscheidende bei all diesen Ausstellungen war aber nicht zum Zuge gekommen, nämlich die Verbindlichkeit einer solchen Themenvorgabe für die Konzeption und Präsentation der Ausstellung selbst. Das Offenbacher Schuhmuseum hat beispielsweise unter dem Hinweis ‚thematische Ausstellung’ genau das gezeigt, was es zuvor auch immer gezeigt hatte; von nun an aber unter dem Vorzeichen „thematische Ausstellung“.

Eine thematische Ausstellung im Sinne der documenta 5 hat aber den Anspruch, das Thema auch für das Erarbeiten der inneren Struktur der Ausstellung (bis hin zum Aufbau jeder einzelnen Einheit) wirksam werden zu lassen wie auch eine Ausstellung zu realisieren, die ohne das gewählte Thema und der dafür entwickelten Struktur mit demselben Ausstellungsmaterial nicht zustandekommen kann. Wann immer eine Ausstellung mit einem bestimmten Ausgangsmaterial zustandekommt, ohne thematischen Gesichtspunkt, dann wird zwar eine Ausstellung realisiert, aber eben keine thematische Ausstellung. Eine thematische Ausstellung liegt nur dann vor, wenn das Ausstellungsmaterial unter dem Gesichtspunkt der thematischen Fragestellung strukturiert und aufbereitet wird, d.h. das einzelne Exponat oder die einzelnen Werkgruppen in bezug auf den Gesamtzusammenhang thematisch eingeordnet sind. In der Konsequenz bedeutet dies dann allerdings, daß sich der Stellenwert eines Exponats je nach thematischem Kontext ändern kann. Und genau dieser relative Stellenwert, den ein Kunstwerk oder eine Werkgruppe durch Einfügung in eine Thematik einnehmen kann, ist bereits 1972 an der documenta vehement kritisiert worden.

Aus dieser Kritik an der documenta ergab sich eine sozusagen verbindliche Festlegung, die besagte: im Bereich der Kunst sind thematische Ausstellungen nicht möglich. Durch Einfügungen in Themata werden Exponate in ihrem autonomen Anspruch herabgemindert. Es sei denn, es werden immanente, aus der Kunst selbst entwickelte Gesichtspunkte aufgegriffen, die zu behandeln in den letzten 10 Jahren allerdings niemand den Mut hatte. (Es gibt bis heute keine einzige Ausstellung, die von immanenten Gesichtspunkten aus solche Probleme erörtert hat.)

Das Diktum, keinerlei Thematisierung zuzulassen, kommt bei der documenta 7 voll zu tragen. Was bleibt, ist den autonomen Anspruch des Werks als Kunstwerks gegenüber jeder anderen Art von menschlichem Werkschaffen abzusetzen. Es zählt (Fuchs hat das in den letzten Monaten ausdrücklich bekundet) das Templum der ausgegrenzten Bezirke. Die Tempeltüren werden zugeschlossen. Man sitzt innen betet das Allerheiligste an und wird zum Statisten in einer Prozession.

Bezogen auf die documenta 5 und unser damaliges Ausstellungskonzept wäre das vorläufige Fazit zu ziehen, daß das Thema „Befragung der Realität – Bildwelten heute“ für den Kunstbereich faktisch keine Wirkung hatte. Wohl aber für die Bereiche, in denen man bewußt (wie Jean Leering es einmal sagte) den „Anspruch auf Übertragung der Leistung der Künstler auf das Alltagsleben der Gesellschaft in den Vordergrund“ stellte. Nur dort hatte das documenta 5-Konzept ungeheure Auswirkungen. (Jean Leering selber ist hierfür eine Paradefall. Nach der documenta 4 gab er die Leitung des Eindhovener Museums auf. Er übernahm die Leitung eines anthropologischen Museums, das von seinem Material her solche Arten von Thematisierungen und Verschränkungen auf das Alltagsleben der Gesellschaft ermöglichte. Die Kollegen bewunderten diesen Schritt sehr und sahen es als eine Art „Heldentat“ an, daß jemand den schönen Job in Eindhoven an den Nagel hängt, um in ein Museum, in einen Handlungsraum einzusteigen, in dem diese Art von Thematisierung von vorneherein gefordert war.)

Das Konzept der thematischen Ausstellung ist für den Bereich der Kunst folgenlos geblieben

Auch wenn sich das Konzept der thematischen Ausstellung innerhalb der Kunstwelt selbst (im Sinne einer expliziten Vorgabe, einer Argumentation, einer Legitimationspflicht) nicht durchgesetzt hat, so hat es doch im Bereich der Rezeption für die, die nicht im Kunstfeld selbst als „Profi“ arbeiten, durch das Konzept der thematischen Ausstellung sehr gute Arbeit geleistet. In einem sehr hohen Maße ist der „fördernde Zugriff“ nicht als Manipulation, sondern als lernen wollen (als Anleitung erhalten wollen) erst durch die Thematisierung der Szeemannschen documenta erschlossen und verdeutlicht worden.