Kunst, Krieg und Wissenschaft

Zweitägiges Symposium in Kooperation mit der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (3./4.11.2015)

Asmus Petersen,“Galathea“, Marschformation der englischen Schlachtkreuzer, aus der Seeschlacht vor dem Skagerrak, 31.5.1916, 16.00 Uhr  | 1982
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Symposium mit Vorträgen von Bazon Brock, Arno Bammé, Ulrich Heinen, Wolfgang Knöbl, Heiner Mühlmann, Christian Schwägerl, Andreas Rinke, Thomas Macho

3.11.2015, 18:30 Uhr, "Kunst & Krieg"
4.11.2015, 18:30 Uhr, "Wissenschaft & Krieg"

Alle Menschen möchten in Frieden leben. Und doch werden ständig Kriege geführt. Offensichtlich gehört der Krieg zu den Elementarerscheinungen zwischenmenschlichen Zusammenlebens und ist, unabhängig von Raum und Zeit, im tiefsten Wesen des Menschen verankert. Der Krieg ist eine der gewaltigsten Transformationskräfte der menschlichen Evolution, technologisch vermittelt, verstärkt und beschleunigt vor allem in der Moderne. Kunst und Wissenschaft haben in vielfältiger Weise daran mitgewirkt, im Positiven wie im Negativen. Während der Krieg als eine der Urkatastrophen menschlichen Zusammenlebens sowohl in der Belletristik, in den Bildenden Künsten als auch in der Publizistik einen breiten Raum ein-nimmt, ist er in den Sozialwissenschaften bis auf wenige Ausnahmen kaum präsent. Dieses Defizit zu beschreiben und zu erklären, ist eines der Anliegen unseres Symposions.

Programm

Dienstag, 3.11.2015, 18:30 Uhr, "Kunst und Krieg"

Bazon Brock: Einführung + Ausstellungseröffnung: Asmus Petersen "Bilder des Krieges"

Heiner Mühlmann (Karlsruhe/Recklinghausen): Der Kunstkrieg: Strategische Nachkriegsplanung & Re-education

»Dies ist die Geschichte von den genialen CIA-Boys, die die einzigen wirklichen Kunstwissenschaftler des 20. und 21. Jahrhunderts waren«.
So könnte Heiner Mühlmanns Buch "Der Kunstkrieg" beginnen, das nun in der Denkerei vorgestellt werden soll und »das wahre Gesicht« der Kunst des 20. Jahrhunderts zeigt. Die Kurzform der Geschichte um die CIA-Boys geht ungefähr so: Als Antwort auf das »Haus der deutschen Kunst«, dem gigantischen Monument einer nationalsozialistischen Propaganda, führte der amerikanische Staat mit Hilfe des MoMA einen raffinierten Gegenschlag. Taktisches Ziel: die Sabotage der nationalsozialistischen Mobilisierungskunst mittels Konstruktion einer modernen Weltkunst. So schleusten die CIA-Kunstwissenschaftler das Massenprodukt »Abstrakter Expressionismus« in die Kunst ein. Wie gut diese Geheimwaffe funktionierte, zeigt Mühlmann an der Documenta. Hier führten kreationistische Museumskuratoren, Fluxuskünstler und Kasselbesucher fort, was die CIA sich ausgedacht hatte. Unter ihnen und gegen sie: Bazon Brock (vgl. Heiner Mühlmann: Der Kunstkrieg. München 2014).

Ulrich Heinen (Wuppertal): Krieg und Frieden der Bilder. Bildhaftigkeit als Instrument europäischer Handlungsfähigkeit

Europa ist im Krieg - ohne eine Vorstellung oder einen Begriff davon zu haben. Wer sich in Fragen von Krieg und Frieden nicht in überkomplexen politischen, ökonomischen, militärischen und mentalen Konstellationen verloren gibt, muß die Überkomplexität modellhaft vorstellbar, begreifbar und denkbar machen. Gerade hier hilft Bildhaftigkeit, mit klarem Verstand wieder entscheidungs- und handlungsfähig zu werden.
Während Bilder in Fragen von Krieg und Frieden ihr Argument meist auf die Demonstration ausgewählter Fragmente sichtbarer Wirklichkeit reduzieren, läßt sich anhand der Bilddiplomatie der Frühen Neuzeit aufspüren, wie das Vorstellungspotential der Bildhaftigkeit aktiviert werden kann, um komplexe Konstellationen in Krieg und Frieden begreifbar und Europa handlungsfähig zu machen.

Mittwoch, 4.11.2015, 18:30 Uhr, "Wissenschaft und Krieg"

Arno Bammé (Klagenfurt): Einführung

Wolfgang Knöbl (Hamburg/Lüneburg): Kriegsverdrängung in den Sozialwissenschaften

Die menschliche, insbesondere auch die abendländische Kultur ist massiv durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt worden. Kämpfe und Konflikte als nie und nirgendwo fehlende Begleiterscheinung der menschlichen und sozialen Entwicklung haben aber in der soziologischen Begriffsarchitektur keine nennenswerte Berücksichtigung gefunden. Das ist umso verwunderlicher, als es zum Beispiel kaum einen Nationalstaat gibt, der seine Entstehung nicht kriegerischen Auseinandersetzungen verdankt. Oder, um ein anderes, zunehmend aktueller werdendes Beispiel zu nennen: Es gibt kaum soziologische Analysen über die sozialen Auswirkungen in der Kohärenz von Gesellschaften, wenn der Meeresspiegel um fünf Zentimeter steigen würde, also darüber, wie sich meteorologische Ereignisse als soziale Krisenereignisse darstellen (Migration, Ressourcenverknappung etc. bis hin zum Genocid). Würde man hingegen den Krieg in all seinen Erscheinungsformen vorbehaltlos als systematisches soziales Geschehen reflektieren, das heißt, nicht als Unglücksfall der Geschichte oder Rückfall in die Barbarei, sondern als strategische, periodische Veranstaltung, käme man zu einem vergleichbaren Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung in der Moderne wie Ulrich Beck mit dem Begriff des Risikos. Der im liberalen Denken wurzelnde Geschichtsoptimismus wäre längst erschüttert worden, hätte man nur einen Blick auf die durch Kriege verursachten Friedhofslandschaften Europas geworfen. Denn der Grund, auf dem Europa gebaut ist, sind seine Toten (vgl. Wolfgang Knöbl und Hans Joas: Kriegsverdrängung. Frankfurt am Main 2008).

Christian Schwägerl (Berlin) und Andreas Rinke (Berlin): Neue Kriegsformen künftiger Konflikte

In Zukunft wird es kaum noch zu Kriegen zwischen Staaten in Form von Massenschlachten kommen, sondern zu sogenannten Low Intensity Conflicts, in denen nichtstaatliche Gruppen versuchen, einen waffentechnisch überlegenen staatlichen Gegner mit flexibel gehandhabten Strategien, die vom Partisanenkrieg bis zum Terrorismus reichen, herauszufordern. An die Stelle der tradierten großen Kriege treten, wie gegenwärtig im Irak, in Syrien oder im Jemen, kleine, aber nicht weniger grausame bürgerkriegsähnliche Scharmützel, die von den regulären staatlichen Streitkräften kaum zu gewinnen sind. Sie lassen sich taxonomisch zu 11 typischen Szenarien verdichten. Zu den auslösenden Faktoren zählen demographische Umbrüche, technologische Entwicklungen, die Folgen menschlicher Eingriffe in Ökosysteme und Klima, geopolitische Verschiebungen, die wachsende Macht privater Akteure gegenüber den Staaten, die Verteilung der letzten rechtsfreien Räume sowie eine sinkende Hemmschwelle für den Einsatz von Gewalt. Es ist aber nicht nur die Summe, sondern auch die gegenseitige Multiplikation von Faktoren wie Bevölkerungswachstum und Klimawandel, von Ressourcenkampf und neuen Technologien, die das 21. Jahrhundert so gefährlich machen (vgl. Christian Schwägerl und Andreas Rinke: 11 drohende Kriege. München 2012).

Thomas Macho (Berlin): Die Stunde Null: Zu einem Kriegsfilm nach dem Krieg

Im Sommer 1947 drehte Roberto Rossellini den Film Germania, anno zero. Der Film schildert die Geschichte des zwölfjährigen Jungen Edmund, der in der zerstörten Stadt Berlin nicht nur das eigene, sondern auch das Überleben seiner kleinen Familie zu sichern versucht: Der Vater ist schwer krank, der Bruder versteckt sich vor den Soldaten, gegen die er bis zum Schluss gekämpft hatte, und mit denen sich die Schwester prostituiert. Der Regisseur stellte dem Film eine gesprochene (und nicht in allen Fassungen enthaltene) Absichtserklärung voran, in der er festhielt: „Dieser Film will nichts anderes sein als ein objektives und wahrhaftes Bild dieser riesigen und fast völlig zerstörten Stadt, in der dreieinhalb Millionen Menschen ein schlimmes, verzweifeltes Dasein fristen, fast so, als seien sie sich dessen gar nicht bewusst. Sie leben in der Tragödie, als sei diese ihr natürliches Lebenselement.“

Referenten und Moderatoren

Dr. Arno Bammé (Moderation), em. Prof. am Institut für Technik- und Wissenschaftsfor-schung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt; Direktor des Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society in Graz; Leiter der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle in Klagenfurt; Vorstand der Gesellschaft für Technik- und Wissenschaftsforschung

Dr. Bazon Brock (Moderation), em. Prof. an der Bergischen Universität Wuppertal, Gründer der Besucherschule auf der Kasseler Documenta 4, „Künstler ohne Werk“, Begründer der Denkerei in Berlin und des Amtes für Arbeit an unlösbaren Problemen.

Dr. Ulrich Heinen, Professor für Gestaltungstechnik und Kunstgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, Dekan des Fach­be­reichs Design und Kunst, 2003 bis 2013 Mit­glied und spä­ter auch Vor­sit­zen­der des Komi­tees des Wol­fen­büt­te­ler Arbeits­krei­ses für Barock­for­schung der Herzog-August-Bibliothek Wol­fen­büt­tel.

Dr. Wolfgang Knöbl (Referent), Professor für international vergleichende Sozialwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialfor-schung, Ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Dr. Thomas Macho (Referent), Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des „Minerva-Center für Interdisciplinary Study of End of Life“ an der Universität Tel Aviv, Preisträger der Aby-Warburg-Stiftung Hamburg, Gründungsmitglied des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik.

Dr. Heiner Mühlmann, em. Professor am Institut für Design und Technologie der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sowie Gastprofessor für Philosophie und Kulturtheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Mitgründer des neuroanthropologischen Forschungsprojekts TRACE in Zürich.

Dr. Ingrid Reschenberg (Moderation), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Dr. Andreas Rinke (Referent), politischer Chefkorrespondent der Nachrichtenagentur Reu-ters in Berlin, schreibt für die Hannoversche Allgemeine Zeitung und das Handelsblatt.

MSc. Christian Schwägerl (Referent), freier Journalist, der für GEO, Cicero und FAZ schreibt; hat als Korrespondent gearbeitet für die Berliner Zeitung (1997-2001), FAZ (2001-2008), und DER SPIEGEL (2008-2012); Autor zahlreicher Bücher; Mitbegründer des Anthropozän-Projekts im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) und der Anthropozän-Ausstellung im Deutschen Museum in München, für die er als externer Kurator arbeitet.