Die Junggesellenmaschine

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Jungfrauenzeugung und Jungesellenmaschine

Von der Gottwerdung des Menschen und der Menschwerdung Gottes – Schöpfungsmodelle

1 Das Problem der Schöpfung

Es ist höchst bemerkenswert, daß jahrtausendelang in unseren mediterran-europäischen Hochkulturen die Problematik der Jungfrauengeburt eine so zentrale Rolle, zumindest in der Religionsgeschichte, gespielt hat, ohne daß das Pendant, nämlich die Junggesellenschöpfung (die Junggesellenmaschine) jemals stärkeres Interesse beanspruchen konnte. Dabei wandelt sich doch der Schöpfungsbegriff seit dem Mittelalter von der Schöpfung per analogiam naturae zur creatio ex nihilo; er nähert sich ausdrücklich dem religionsgeschichtlich ausgewiesenen göttlichen Schöpfungsakt an - so weitgehend, daß sich jeder 'schöpferische' Unternehmer und 'schöpferische' Künstler als eine Miniausgabe des Schöpfergottes persönlich ansehen konnte; und der Begriff des Schöpferischen ist heute noch für jede Industriegesellschaft zentral.

Das heißt: man hatte es im wesentlichen mit Schöpfung als 'Nachahmung der natürlichen Evolutionsprozesse' bzw. 'Weltschöpfung aus dem Nichts' zu tun, wie sie der biblische Gott in sieben Tagen vorexerzierte; 'aus dem Nichts' ist dabei etwas übertrieben, da Gott ja von seinen Vorstellungen ausgeht. "Mami, worauf hat der liebe Gott gestanden, als er die Welt aus dem Nichts schuf?" 'Göttliche Schöpfung' heißt also eher Verwirklichung von Vorstellungen ohne vorgegebene Mittel. Der eigentliche schöpferische Akt besteht darin, Mittel der Verwirklichung zu finden; genau das aber ist auch die Vorstellung von künstlerischer Kreativität, soweit sie etwa in den vergangenen fünfhundert Jahren vor allem auch danach bemessen wurde, wie weit ein Künstler durch seine Arbeit die Mittel der Verwirklichung von künstlerischen Vorstellungen erweitert oder erstmalig zur Verfügung gestellt hat. 

Obwohl das so ist, wurde der Kern der (männlichen) Schöpfungslehren kaum jemals so eindeutig und andererseits so vielschichtig von der theologischen und philosophischen Reflexion bestimmt wie die Problematik der Jungfrauenzeugung. Als 'Junggesellenschöpfung' verstehen wir jede Hervorbringung, die nicht dem Muster der Naturevolution, d.h. dem Muster der Vereinigung von 'Sperma und Ei', 'Biene und Blüte' usw. folgt. 'Jungfrauenzeugung' hingegen folgt dem Muster, wenn auch das schöpferische Mysterium einer gebärenden virgo intacta im Vordergrund steht.

2 Die Jungfrauenzeugung als Schöpfungsmodell

So variantenreich auch in den mediterran-europäischen Hochkulturen die einzelnen Aktions- und Verlaufsvorstellungen einer Jungfrauenzeugung sind: in allen geht es um die Begründung einer nicht-menschlichen, zumeist göttlichen Abstammung eines Menschen. Benötigt wird die Vorstellung der nicht-menschlichen, das heißt zugleich nicht-natürlichen Hervorbringung eines Menschen, um zu erklären, wieso er bestimmte 'übernatürliche' Fähigkeiten besitze und bestimmte 'unmenschliche' Ansprüche erhebe, über die normalerweise nur die Götter verfügen. In der Jungfrauengeburt geht es um die Frage der Menschwerdung von Göttern, wobei die gebärende Menschin durchaus nicht jungfräulich ist, da sie in eindeutiger Absicht zuvor von einem Gott besucht und heimgesucht wurde. In Ansehung der Funktion solcher Vorstellungen von der Jungfrauenzeugung spielt es keine Rolle, ob der Gott in Gestalt eines Goldregens in den Schoß der Jungfrau fällt oder ob das immaterielle goldene Strahlen als Gestalt des Heiligen Geistes die Verkündigung erfüllt. In vielen Fällen nimmt der Gott für den Akt der Jungfrauenbegattung die Gestalt der ihm ohnehin naheliegenden Göttertiere an (Schlange, Schwan, Stier).

Eine durchaus eindeutige, wenn auch naive Reaktion auf solche Vorstellungen zeigen regelmäßig Kinder, die die angebliche Omnipotenz eines Gottes schlecht mit dessen Ähnlichkeit zu Faschingsballbesuchern in Übereinstimmung bringen können: "Warum hat der das nötig, sich zu verkleiden und zu verwandeln?" Ganz offensichtlich müssen diese Verwandlungskunststücke, diese Transsubstantiationen vorgenommen werden, um den menschlichen Partner kooperationsbereit zu machen. Denn die Menschinnen scheinen sich derart auf die Göttlichkeit der Götter eingerichtet zu haben, daß ihnen ein unumwundener Beischlaf als Gotteslästerung vorkommen müßte.

Auf dieses Problem, auf diese Kinderfrage, die im christlichen Mittelalter zu der entscheidenden Philosophen- und Theologenfrage geworden war, antwortet die mittelalterliche Theologie mit einer der denkwürdigsten intellektuellen Konstruktionen: mit der katholischen Lehre von der jungfräulichen Empfängnis, die ihre erste volkstümliche Formulierung in der Legenda Aurea des 13. Jahrhunderts gefunden hat. Nicht Maria, die Mutter Jesu, empfangt jungfräulich, sondern Maria als weltlich-leibliche Mutter des Christos ist jungfräulich empfangen worden. Welche Bedeutung dieses neue Denkmodell hatte, geht unter anderem daraus hervor, daß GIOTTO in die Schilderung der Heilsgeschichte, die er in den Arena-Fresken zu Padua gab, ausdrücklich den Verweis auf Joachim und Anna, die Eltern der Maria, aufnahm. Die Bedeutung liegt in der Absicht, das 'Weib' als Ursündenüberträgerin weiterhin in niederer sozialer Geltung zu halten, Maria aber aus diesem Verdikt auszuklammern.

Für eine moderne Theologie ist diese Konstruktion in einem anderen Sinn als für die mittelalterliche wieder aktuell. Damals ging es um die Durchbrechung der mit jeder Menschengeburt weitergegebenen Ursünde, d.h. jeder Mensch konnte sich bei seinen nur allzu menschlichen Taten darauf berufen, daß er als Mensch geboren und damit immer schon entschuldigt sei; denn Menschsein heißt, gewissen unabdingbaren Naturdeterminationen ausgeliefert sein, gegen die auch die entschiedenste Heiligkeit der Seele und die extremste Ausformung des Willens zum Guten nicht ankomme. (Indem wir uns bei unseren Taten auf diese Einschränkung unseres menschlichen Wesens berufen, begehen wir tatsächlich die Ursünde immer erneut.)

Heute wird die jungfräuliche Empfängnis, wie sie die katholische Lehre seit der Mitte des 16. Jahrhunderts kanonisiert hat, wieder aktuell, vor allem für radikale Protestanten, weil ein gekreuzigter Christos ohne ausschließlich menschlichen Ursprung keine bemerkenswerte Figur ist. Den Kreuzestod so menschlich wie Jesus zu erleiden, wäre für einen Halbgott kaum mehr als eine Schaustellung.

Jungfrauenzeugung ermöglicht geschlechtliche Fortpflanzung der Götter bzw. durch den Geschlechtsakt mit Menschen qualitative Wandlung von Göttern. Die Menschen ermöglichen den Göttern gleichsam eine nicht-identische Übertragung bzw. Mutation. Im Extremfall heißt das, die nun einmal hervorgebrachte und als Schöpfung abgeschlossene Welt, die dem Schöpfer, da sie sein Werk ist, kaum noch verändernde Eingriffe erlaubt, wird fortentwickelbar durch die nicht-identische Übertragung des schöpferischen Potentials auf die Menschen. (Parallel dazu das Verhältnis des Künstlers zu dem von ihm hervorgebrachten abgeschlossenen Werk, das, wenn es gelungen sein soll, auch keinerlei entscheidende Veränderung mehr zuläßt. Erst die Interpreten, Dirigenten, Schauspieler, Kritiker, sorgen für die nicht-identische Transformation des ein für allemal Abgeschlossenen.)

Durch die dominierende Vatergestalt von höheren Göttern bzw. Gottes wird in einigen Religionen die Jungfrauenzeugung das einzige Instrument der Verwandlung von Welt. Ein Mann ist eben nicht gebärfähig. Seine Zeugungskraft bedarf des Mediums, um produktiv werden zu können. Die Kenntnis der natürlichen Hervorbringung von Kreaturen durch den Vollzug des Geschlechtsaktes zwischen Mann und Frau, männlichem und weiblichem Tier war ein offensichtlich unübergehbares Modell.

3 Die Junggesellenmaschine als Schöpfungsmodell

Interessant ist, wie die Griechen, die ja keinen Schöpfergott kannten, die Analogie von Jungfrauenzeugung und männlicher Schöpfung entwickelten. Im homerisch-hesiodischen Mythos vollzieht sich unter den übermenschlichen Lebewesen ein sozialrevolutionärer Prozeß, in dem die Söhne jeweils gegen ihre Väter rebellieren und diese Väter umbringen. Aus Angst vor einem solchen Vaterschicksal in der dritten Generation der Evolution verschlingt, freudianisch gesprochen, Zeus seinen eigenen Samen. Evolution und göttliche Absicht bringen ein überraschendes Resulatat hervor: Zeus bekommt unerträgliche Kopfschmerzen, woraufhin ihm Hephaistos mit seinem Schmiedgerät den Kopf aufmeißelt. Aus der Öffnung des Schädels gebiert Zeus Pallas Athene in voller Rüstung, das heißt als Erwachsene, als fertiges Produkt. Das ist bedeutsam, denn Maschinenprodukte werden ja auch nicht erst in einer noch des Wachstums und der Veränderung bedürfenden Gestalt hervorgebracht, wie das bei den gezeugten Lebewesen der Fall ist. Pallas Athene (Parthenos) ist das Produkt einer der ersten Junggesellenmaschinen, von denen der mediterran-europäische Mythos berichtet.
Der wie ein Starkünstler völlig mühelos ("ohne Schweiß im Angesicht") ex nihilo weltschaffende Gott des Alten Testaments produziert als Junggeselle; allerdings stößt er strafend sein Ebenbild aus 'seiner Welt' in die irdische Welt der Naturevolution, in die tierische Form der Produktion, das heißt Nachkommen zeugen zu müssen und ums Futter zu kämpfen. Pallas Athene bleibt von solchem Schicksal verschont. Sie bleibt 'Kunstwerk'.

Es ist seltsam, daß ausgerechnet PLATON, dessen Vorstellungen vom idealen Staat unter Voraussetzung der Sklavenhaltergesellschaft und der soziokulturellen Dominanz von Zweierbeziehungen zwischen Männern nichts anderes als eine gigantische Konstruktion einer Junggesellenmaschine sind, gegen die homerisch-hesiodische Männergeburt des Zeus polemisiert hat. Es scheint, als hätte PLATON die spartanische Kriegergesellschaft als vollendete Erfüllung der Junggesellenmaschine aufgefaßt. Er mußte die spartanische Aristokratengesellschaft der homerischen vorziehen, weil die homerische noch auf einer reinen Ackerbauerngesellschaft beruhte, wogegen die spartanische schon die Produktivkräfte der Sklavenmaschine nutzen konnte. In ihr wurde die niedere Ebene der Reproduktion des Lebens den Sklaven und den mit ihnen auf einer Stufe stehenden Frauen überlassen, während den Männern die unblutige, direkte, voraussetzungslose Form der Schöpfung vorbehalten blieb. Öfter bestand diese aristokratische Schöpfung in der Vernichtung, Zerschlagung des Vorgefundenen. Hier sind ihm bis in die jüngste SS- und Ledernackenvergangenheit viele aristokratische Junggesellenmaschinisten gefolgt. Der Männerbundmythos, die Heroengemeinschaft gehören unmittelbar zu den im vergangenen Jahrhundert ins Extrem getriebenen Vorstellungen vom Schöpferkünstler und -unternehmer. Konsequent ist, daß sich Künstler wie BEARDSLEY und WILDE auf aristokratische Lebensformen berufen und daß innerhalb der Aristokratie der Gedanke einer Verweigerung von Lebensreproduktion durch bisexuellen Geschlechtsakt zum ersten Mal mit voller Rücksichtslosigkeit diskutiert und realisiert wurde. Thomas MANN hielt es noch für notwendig, die Einstellung, ja Verweigerung der Lebensreproduktion mit dem Versiegen der natürlichen reproduktiven Kräfte von aristokratischen Spätlingen zu bemänteln. Fin de Siècle wurde da noch zu einer vorhersehbaren Station natürlicher Evolution des Gehirns; das Verschwinden der Aristokratie wurde als Naturprozeß geadelt; weniger als Resultat sozialer Veränderungen begriffen.

Heute erfaßt weite Teile der bürgerlichen Gesellschaft eine ähnliche Verweigerungshaltung. Auch sie wird im wesentlichen mit Naturgeschehen begründet (nämlich, daß die Welt ohnehin schon mit Menschen überftUlt sei), anstatt sie als Reflex auf soziale Veränderungen, auf die Androhung des Klassenkampfes und die Aufhebung gesellschaftlicher Sonderstellung des schöpferischen Künstlers/Unternehmers zu begreifen. Noch heute wird in bestimmten Berufen (nicht nur dem des Künstlers, sondern auch dem des Forschers, Sportlers, Krankenpflegers, Militärs und kaufmännischen Agenten) der Junggesellenstatus als besondere Qualifikation gewertet: Rücksichtslosigkeit gegen Ansprüche von Nahestehenden, Unabhängigkeit von einmal eingespielten Lebensformen und festen, traditional gebundenen Bezugsgruppen, Wandlungsfähigkeit auf Grund autonomer Identität.

Merkwürdigerweise geht es in der bürgerlichen Emanzipationsdebatte genau um den Erwerb dieser Qualifikationen, und zwar sowohl für Männer wie für Frauen. Logischerweise werden die Versuche zum Qualifikationserwerb damit eingeleitet, daß man die herkömmlichen Familienstrukturen aufzubrechen versucht. Schöpfung wird in diesem Sinn zur Rückverwandlung des Bürgers in einen Junggesellen, in ihr wird der erste Schritt zur Emanzipation des Menschen aus seiner gesellschaftlichen Kümmerlichkeit verstanden, ihre Verwirklichung verläuft genau in jenen religionsgeschichtlich tradierten Formen, die als Vergöttlichung des Menschen begrifflich faßbar sind. Zu diesen Verlaufsmustern gehört die Isolation des einzelnen Subjekts, der Austritt aus Dienst- und anderen Abhängigkeitsverhältnissen, der abenteuerliche Schritt in die Bedingungslosigkeit der Existenz, was vor allem heißt, das abenteuerliche Selbstvertrauen in die eigene Kraft und eine Alles-oder-Nichts-Haltung, die jeden Gedanken an allmähliche, schrittweise Veränderung als unerträglich empfindet und ihn durch die Erzwingung des qualitativen Sprungs ersetzen will. Erst heute erfüllt sich also die bisher mitleidig belachte Selbstdarstellung des Bürgers als Gottvater, wobei die Analogie im wesentlichen im Barttragen und autoritären selbstherrlichen Gebaren besteht. Eine WAGNERsche Götterdämmerung spielt sich heute alltäglich in den Familien ab, als Konkurrenzkampf der emanzipierten Subjekte mit den nur noch in der Vorstellung vage existierenden und deshalb als haltlos abgetanen Leitbildern des ehemals göttlichen Himmels der Vorstellungen. Daß Figuren wie MARX, ENGELS, FREUD dabei einerseits völlig unproblematisch als Götter auftreten, andererseits aber in jünglingshafter Leichtfertigkeit zugleich durch siegreiche Konkurrenz entmachtet und aus dem Himmel gestoßen werden, entspricht der Lage in den Wohnschlafzimmern unserer Komfortwohnungen.

Die Verweigerung des folgenreichen Beischlafs, d.h. die Ablehnung der leiblich-natürlichen Reproduktion ist allerdings eine ganz andere Art der Emanzipation zum Gottmenschen, als sich das etwa die Griechen vorgestellt haben. Der Bürger als göttliches Subjekt besteht auf dem Hervortreiben des Besonderen und Einmaligen (die einmalige Künstlerpersönlichkeit mit einer nur ihr zugehörigen und von niemandem mehr ersetzbaren Schöpfungspotenz), während die griechische Heroenwerdung nur dadurch zu erreichen war, daß sich das soziale Subjekt völlig in den Dienst des Kollektivs stellte. Zahllose griechische Kriegerdenkmäler bezeugen, daß auch die größte Individualleistung nur dann etwas bedeutete, wenn sie im Namen der Gemeinschaft vollbracht wurde.

In den Hauptströmungen ihrer Philosophie haben die Griechen konsequent den Gedanken der Vergöttlichung des Menschen dem der Vermenschlichung der Götter vorgezogen. Die Vermenschlichung der Götter, so könnte man sagen, war eben eine selbstverständliche Voraussetzung, da Anthropomorphisierung des Göttlichen, also die Einkleidung der Götter in Menschengestalt, für sie nicht nur einer naiven Gemütslage angemessen war, sondern auch das Resultat aller philosophischen Spekulation darstellte: wo Menschen reden, meinen sie, auch wenn sie von den Göttern sprechen, immer nur sich selber. Demzufolge kann auch das Abstrakteste, können auch Vorstellungen und Ideen nur in Gestalten Erscheinung haben, die menschlich sind; weil man nur an der Aktion und Reaktion von Menschen die reale Wirkung der Abstraktion erkennen kann.

Wie es in der mediterran-europäischen Geschichte unterschiedliche Ausbildungen der Vorstellungen von Jungfrauengeburt, bei relativ konstant bleibender Funktion dieser Vorstellungen gibt, so gibt es auch für das Pendant, die Junggesellenmaschine, unterschiedliche Ausformungen bei relativ konstant bleibender Funktion. Diese Funktion kurz zu umreißen, heißt sagen, daß die Herausbildung des autonomen Individuums als Vergöttlichung des Menschen gerechtfertigt wird, bis hin zu dem Punkt, an dem solche Individuen als homo creator, als Unternehmer/Künstler an die Stelle der Götter bzw. Gottes treten. Der Zustand der Welt wird nicht mehr verstanden als ein evolutionär gewordener, sondern als ein gemachter und gebauter, ganz so, als habe man es mit einer Maschine zu tun. Maschinen wachsen nicht. Sie werden konstruiert und gebaut. Die Maschinen und ihre Produkte sind definitiv abgeschlossen, sobald sie hergestellt sind.

Einen ersten Höhepunkt erreichte diese Auffassung mit den Konstruktionen LEONARDOs einerseits und gewissen königlichen Maschinistendiensten andererseits. Im 16. Jahrhundert hatte sich der Absolutismus schon so weitgehend als Vorstellung angekündigt, daß es Könige und Prinzen gab, die sich umfangreiche Uhrensammlungen zulegten, um als Maschinisten der Maschine gegenüber die gleiche Stellung einnehmen zu können, wie Gott sie gegenüber dem Weltlauf hatte und wie sie im 17. Jahrhundert schließlich die Könige gegenüber der Gesellschaftsmaschinerie beanspruchten.

Diese Weltanschauung der Junggesellenmaschine basiert auf zwei entschiedenen menschlichen Bedürfnissen, nämlich

erstens alle Weltzustände auf den menschlichen Schöpfer/Unternehmer zurückzuführen und

zweitens nach Belieben aus evolutionären, langfristigen Prozessen aussteigen zu können, indem man den eigenständigen Lauf dieser Prozesse, ihre relative Unveränderbarkeit nicht anerkennt, sondern zu bloßen Fiktionen der Spekulation erklärt.

Die Welt der Junggesellenmaschinen zu betreiben, heißt, die Welt nur als das zu nehmen, als was wir sie sehen oder verstehen bzw. als was wir sie auf völlig beliebige Weise zusammenbauen.
Darin äußert sich Bedürfnis nach Dauer; Bedürfnis nach einer statischen unveränderbaren Welt, in der logischerweise auch leiblich-natürliche Reproduktion nicht mehr notwendig ist. Die Welt als Junggesellenmaschine zu betrachten, heißt, den Ewigkeitsanspruch göttlicher Existenz endlich auf die des Menschen zu übertragen, heißt, den Tod abzuschaffen bzw. wenigstens nach eigenem Willen die Weltmaschinen an- und abschalten zu können vgl. ‚Todesinszenierungen‘ (in Band IV, Teil 4 C).

Der Schaltknopf ist an jeder Maschine der entscheidende Teil; gottherrscherliche Entscheidungen über das Einschalten und Ausschalten, ob an der Herz-Lunge-Maschine oder an einem Fließband, an einer Fernsehkamera oder im Atomraketensilo, sind die eigentlichen Schöpfungsakte des autonomen Individuums, wenn es rabiate Lustphantasien und das heißt Omnipotenzvorstellungen entwickelt. Vor ihnen müssen wir uns fürchten, wie einst vor den omnipotenten Göttern und Geistern. An die Stelle der Omnipotenz autonomer Individuen, die die Junggesellenmaschine betätigen, müssen wir die Potenz aller setzen, die sich als Mitglieder einer Gemeinschaft verstehen. Man sollte nicht darauf vertrauen, daß die Vorstellungen von der Konstruktion und Betätigung der Junggesellenmaschine auf die gleiche Weise ins Bedeutungslose abtreiben wie einst die mächtigen Vorstellungen von der Jungfrauenzeugung. Denn die Jungfrauenzeugung war an die Existenz der Götter gebunden, die Junggesellenmaschine aber ist das Signum der Existenz des schöpferischen Unternehmers/Künstlers, der erst dem Untergang ausgeliefert sein wird, wenn der alte Traum von den sich selbst erzeugenden Maschinen in Erfüllung geht.

Erst in den sich selbst regenerierenden Maschinen sind Jungfrauenzeugung und Junggesellenschöpfung in einem neuen Mythos zusammengeschlossen: wo sie bisher nur Pendants waren, werden sie dann identisch. Damit wäre dann auch die Vormachtstellung der mediterran-europäischen industriegesellschaftlichen Zivilisation gebrochen. Auf dem Wege dahin befanden sich Junggesellenmaschinisten vom Typ JARRY s oder DUCHAMPs. Technisch-naturwissenschaftlich betrachtet, setzen sie die Tradition jahrhundertealter Bemühungen um das Perpetuum mobile fort. Ihre Junggesellenmaschinen verhalten sich zu den alltäglichen Junggesellenschöpfungen der Künstler/Unternehmer wie das Perpetuum mobile zu einer normalen Energieumwandlungsmaschine. Bemerkenswert bleibt allerdings, daß in einer Welt als Perpetuum mobile kein Platz mehr für den schöpferischen Unternehmer/Künstler wäre. Tatsächlich aber machen die Konstrukteure des Perpetuum mobile, ob naturwissenschaftlich-technische oder künstlerische, gegenüber ihren Konstruktionen einen entscheidenden Vorbehalt: sie setzen sich selbst in die Rolle des ersten Bewegers ein. Der Stillstand der Welt in der fortdauernden Wiederholung des Immergleichen ist die Garantie der Unsterblichkeit jener ersten Beweger. Das wird ein genauso hoher Preis für die Unsterblichkeit, wie ihn bisher naive Welteroberer mit der Zerstörung dessen, was sie erobern wollten, in Kauf nahmen.