Designing Public

Perspektiven für die Öffentlichkeit

Designing Public. Perspektiven für die Öffentlichkeit. | Hrsg. v. Michael Erlhoff. Basel u.a.: Birkhäuser, 2008.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Alles, was im öffentlichen Raum herumsteht oder sich bewegt, ist mehr oder weniger gut gestaltet: Papierkörbe ebenso wie Verkehrsschilder, Straßen und Parkbänke, alle Informationen und Wegweisungen, sogar die Bäume und natürlich auch die Kleidung der Menschen. Und dennoch oder gerade deshalb entpuppt sich der öffentliche Raum immer auch als chaotisch. Das Empirische und das Gestaltete verwickeln sich und geraten durcheinander. Ebenso aufregend aber ist der permanente Wandel der Öffentlichkeit, da die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum längst nicht mehr offensichtlich und erkennbar sind. Inmitten dieses Getümmels nun bewegen sich die Beiträge der Autoren dieses Buches, die von der Köln International School of Design (KISD) versammelt wurden. Ihre Projekte, Beobachtungen, Beschreibungen und Kommentare erkunden die Möglichkeiten und Chancen, die Notwendigkeit oder auch Unfähigkeit von Design im pulsierenden Lebensraum unseres Alltags.

Seite im Original: 22

Über die Parallelisierung von Discours und Parcours

1. Die Synchronizität sozialer Bindungen

Im Folgenden behandeln wir die Frage, was man als öffentlichen Raum definiert. Bei einer derartigen Betrachtung ist der Verlust oder die Zerstörung von Öffentlichkeit immer synchron zu dem Prozess ihrer Entwicklung zu untersuchen. So wäre es beispielsweise unsinnig zu behaupten, dass bis in die siebziger Jahre hinein eine großartige Entwicklung statt fand, auf die dann die Zerschlagung derselben folgte. Vielmehr hatten wir es immer schon mit einer wechselseitigen Durchdringung beider Positionen zu tun, sofern der Entwicklung auf der einen Seite stets die Zerschlagung auf der anderen Seite gegenüber stand. Es gilt also das Urbane sowohl in Bezug auf dessen Entwicklung wie dessen Zerschlagung zu betrachten.

Im Grunde genommen behandeln wir das Thema der Parallelisierung von Discours und Parcours. Der seit der Antike vermuteten Parallelität zwischen körperlicher und geistiger Aktivität entspricht das Urbane als diskursives Element. Das urbane Leben bringt Öffentlichkeit hervor, die dort hergestellt wird, wo Menschen sich gemeinsam einem Problem stellen. Dieses Problem betrifft sie unmittelbar in ihrem Leben insofern, als das Problem prinzipiell nicht lösbar ist. Man muss sich immer klar machen, dass die Geschichte der res publica, der Demokratie und dann des Rechtsstaates, daran gebunden ist, dass man einsieht, dass niemand auf der Erde – und hätte er auch die größte Macht - dazu in der Lage wäre, schwerwiegende Probleme zu lösen; denn deren Wichtigkeit bemisst sich daran, dass sie eben nicht lösbar sind. Daher wird es auch nie eine idealstädtische Repräsentation geben. Bereits im 16. Jahrhundert musste man feststellen, dass die tatsächlich realisierten Idealstädte – beispielsweise die Planstadt Palmanova – sich immer als Systeme der Paranoia darstellten und nur als Kaserne oder Irrenhaus genutzt werden konnten; das Ideale führt in der Realisation meistens in Dimensionen des Wahns. Diese Erfahrung sollte darüber belehrt haben, dass der Aufbau sozialer Lebensräume nicht mit der Lösung irgendwelcher Probleme der Menschen koinzidiert, sondern lediglich die Möglichkeit zur Entwicklung dieser unlösbaren Probleme schafft. Was den Discours seit Descartes ausmacht, ist eben nur im Parcours zu bewältigen. Erst wenn der Druck der Einsicht in die Unlösbarkeit dieser Probleme durch Gestaltung, Kapitalinvestition oder allgemeine Beschlüsse anerkannt wird, ist man in der Lage, daraus eine Bewegungsdynamik zu generieren. Dynamisierung heißt aus dem Discours einen Parcours werden zu lassen bzw. beide ineinander zu überführen. In der Philosophie Nietzsches begegnet man des Öfteren der Behandlung dieses Themas: „Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“.

Nietzsche spricht sich in ideengeschichtlicher Anknüpfung für die Aktivierung der auf Aristoteles zurückverweisenden Bestände der peripatetischen Schule aus. Die Peripatetiker gingen davon aus, dass nur was in der Bewegungsdynamik sozialer Prozesse als Gedanken entsteht, auch vertrauens- bzw. glaubwürdig sei. Ganz im Sinne der Überführung eines Discourses in einen Parcours hat Aristoteles seine Schüler ausgebildet, wie dann schließlich auch die Römer in der Parallelität von körperlicher und geistiger Dynamik eine Erziehung im Geiste des mens sana in corpore sano-Gedankens vertraten.

Die Diskussion über die hier anzusprechenden Probleme ist von der Frage bestimmt, wie es gelingen kann, den Discours, d.h. die Orientierung auf prinzipiell unlösbare Probleme, mit dem Parcours, der prinzipiell die Dynamisierung dieser Denkbewegung ausmachen soll, in einer sozialen Energie der Bindung zu synchronisieren. Nur dann ist man bereit, sich sozial zu binden bzw. Verbindlichkeiten einzugehen, wenn man einsieht, dass man mit einem Problem nicht fertig wird. Da man aber weiß, dass auch alle anderen mit dem Problem nicht fertig werden – selbst wenn sie Stalin, Mao oder Hitler hießen – sucht man andere Menschen auf. Aber nicht weil man denken würde, die anderen wüssten die Lösung, gesellt man sich zu ihnen, sondern weil man hofft, die anderen wüssten, wie man es mit dem Problem aushält. >Die städtisch-urbane Gemeinschaft bevorzugt nicht mehr soziale Bindung durch ethnische, rassische, sprachliche oder kulturelle Gemeinsamkeiten. Stattdessen bietet sie ja die gemeinsame Orientierung auf prinzipiell unlösbare Probleme. Was man sich also gegenseitig beibringt und worin man sich unterstützen sollte, ist das Managen dieser Probleme. Der Manager-Begriff ist entstanden, seitdem man weiß, dass Führer sozialer und ökonomischer Verbände keineswegs mehr wie Moses die Lösung bieten, sondern nur noch aufzeigen können, wie mit dem allgemeinen Unvermögen umzugehen ist.

Die eigentlichen Probleme sind ohnehin unlösbar, die ideale Befriedigung der Bedürfnisse prinzipiell unerreichbar und die Sterblichkeit schlicht nicht aufzuheben. Bedürfnisse, die befriedigt werden, sind eben keine Bedürfnisse mehr, wenn das Wesen des Bedürfnisses ist, dass es nicht befriedigt werden kann. Man muss sich also klar machen, das Bedürfnis nach Schönheit, nach Wahrheit und nach Gutheit eine Denknotwendigkeit im Hinblick auf die reale Erfahrung von Kaputtheit, Falschheit und von Hässlichkeit ist.

Die große Dynamik des Westens ergibt sich daraus, dass an die Stelle von kulturalistisch-religiösen Bindungen von Menschen, die in einem Agglomerat namens Stadt zusammen wohnen, die gemeinsame Befähigung tritt, sich frei den Problemen und Themen des Lebens zu stellen: Stadtluft macht bekanntlich frei. An dieser Stelle wird natürlich jeder Religionsstifter oder kulturalistische Führer widersprechen und auf seiner Lehrmeinung insistieren, die Welt sei klar und eindeutig strukturiert. Genau diese Strategien der evidenten Demonstration sollten jedoch im Urbanen unterbunden bleiben, da sich zwischen Plan und Ausführung immer eine unaufhebbare Differenz einschleicht. Dies zwischen Idee und Realisierung verbleibende Restrisiko ist nicht beherrschbar.

Im Grunde genommen entstehen ästhetische und ethische Dimensionen aus der prinzipiellen Nichtidentität von Vorstellungen, Plänen oder Konzepten und den daraus resultierenden Handlungsanweisungen. Wer also in einer Stadt lebt, wird dadurch urbaner Bürger, dass er sich auf andere Bürger bezieht. Urbane Bürger bilden untereinander Gemeinschaften jenseits von Kultur und Religion. Urbane Bürgerschaften sind in der Lage, Probleme als unlösbare auszuhalten, ohne nach einem Diktator zu rufen. Urbane Bürgerlichkeit setzt folglich auch individuelle Reife voraus.


2. Städtisches Leben, Kunst, Design und das Prinzip der Autorschaft

Das Prinzip der auctoritas, der Autorität durch Autorschaft, das man seit dem 14. Jahrhundert in Europa erfunden und entwickelt hat, besagt, dass man sich nicht auf andere Autoritäten berufen kann. Der Gedanke, dass es keine andere Autorität als die des Individuums gibt, ist daher das Zentrum urbaner Bildung. Der urbane Bürger wagt es, sich ohne die Anleitung Dritter seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Die Kunst entsteht im gleichen Atemzuge im 14. Jahrhundert als Beginn einer notwendigen Organisierung der Evidenzkritik, also einer Kritik am schier Gegebenen und nur noch Abzunickenden. Die Kunst setzt sich gleichermaßen mit den Phänomenen der denkerischen und optischen Täuschbarkeit wie mit den Scheinlösungen von Problemen auseinander. Die überaus bedeutsame Einsicht ist der Kunst zu entnehmen, dass man aus solchen Verhältnissen zwischen den Erscheinungen keine andere prinzipielle Lösung folgern kann, als: durch die Kunst in der Kritik geübte Bürger zu trainieren, die soweit realitätstauglich sind, dass sie im Angesicht von prinzipiell unlösbaren Problemen nicht in Religion oder Kultur flüchten. Realitätstauglichkeit zeichnet sich durch die Anerkennung der Tatsache aus, dass die Gesetze der Natur und der Evolution keineswegs durch uns selbst beeinflussbar sind. Kein Priester, kein Papst und auch kein lieber Gott können uns von der konfrontativen Wahrnehmung der Wirklichkeit als einer Sphäre, auf die wir keinen Einfluss haben, befreien. Innerhalb der Stadtmauern gelingt es einer urbanen Gemeinschaft, den Druck der Realität als ein grundsätzlich über ihr waltendes Phänomen anzuerkennen und gerade unter dem Wirken dieser Gesetze das Leben zur allgemeinen Zufriedenheit zu gestalten.

Die natürliche Reaktion auf eine drohende und nicht beinflußbar wirkende Situation zeigt sich darin, aktiv zu werden. Aktiv werden bedeutet, aus dem Discours in den Parcours überzugehen. Das große dynamische Handeln der westlichen Menschen besteht darin, dass sie den Discours der realitätstüchtigen, der d.h. auf Probleme und dadurch auf den Zusammenhalt orientierten Gemeinschaften in eine Aktionsform – eben den Parcours – überführen.

Als eine typische Vereinheitlichung von Discours und Parcours ist auch die via sacra der antiken Stadt zu deuten. Auf dem Prozessionsweg von der agora zu den höher gelegenen Tempelanlagen der Oberstadt konstituierte sich der Parcours, indem die einzelnen Stationen des Discours – Propyläen, Erechteion, Glyptothek, Pinakothek, Tempel – in einer Bewegung durchschritten werden.

Immerfort muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Entwicklung von Öffentlichkeit nicht an das materielle Herstellen von beliebigen Gebäuden, Fassaden oder pleasure grounds gebunden ist, sondern weiterhin an die Entwicklung von Themen, also an den Discours. Urbanität und Öffentlichkeit entwickeln sich daher immer in einer gemeinsamen Orientierung auf Probleme, die dann beispielsweise zu Symposien, wie zu dieser Design-Konferenz Anlass bieten.

Auch das Design handelt in erster Linie von der Entwicklung von Themen und nicht zwangsläufig von deren direkten Umsetzung. Seit mindestens 2.500 Jahren werden immer die gleichen Fragestellungen erschlossen und unter der Prämisse verhandelt, dass hier nichts zu machen ist, denn nie mündet die Erörterung der Probleme bzw. Themen in eine Lösung. Aber genau diese permanente gemeinsame Konfrontation mit der Unlösbarkeit stiftet Kontinuität im historischen Bewusstsein der Menschen. So ist beispielsweise das individuelle Sterblichkeitsdiktat der genetischen Entfaltung inhärent, da das Absterben der Individuen notwendig ist, um die genetische Reduplikation überhaupt erst zu ermöglichen. Diese Fragen zu erörtern, hat dazu beigetragen, diskursive Kontinuitäten durch alle historischen und prähistorischen Zeiten hindurch zu bilden. Im Westen wurde eine Entwicklung angestoßen, die auf der Entfaltung des im zunehmenden Maße städtisch organisierten Individuums beruhte. In den urbanen Räumen Europas fand die Abkopplung menschlicher Weltbilder von der Religion und Kultur statt, so dass sich die Individuen gezwungen sahen, selbst die Begründungen für das zu entwickelten, was sie öffentlich äußerten. Autorität resultiert aus der Individualität, also aus der individuellen Urheberschaft von Aussagen; nichts anderes meint auctoritas im Sinne von Autorität durch Autorschaft. Alle Bürger sind Autoren, denn sie müssen das, was sie behaupten, ausschließlich durch sich selbst begründen. Man muss also schon etwas zur Geltung bringen wollen, um am Discours teilhaben zu können. Ein Künstler, der sich auf eine Schule, ein Zeugnis oder den Markt verließe, wäre daher kein auch kaum als Künstler zu bezeichnen. Nur derjenige ist ein Künstler, der die von ihm behauptete Sache als das signiert, was er aussagt und nur durch sich selbst begründet. Im Übrigen ist dieser Zusammenhang auch für die griechische polis und den römischen civis das Kardinalproblem, das sich dann allerdings in jeweils anderer Hinsicht entwickelt hat.

Von heute aus gesehen besteht die Spannung nicht mehr zwischen der Verbindlichkeit des Glaubens und der Rationalität des Wissens, sondern sie geht aus der Irrationalität und in der Kontrafaktizität der Aussagen hervor. Man leugnet rational ja nicht die irrationale Seite, sondern man lernt nur, wie man mit dem Irrationalen umgeht. Den Leitgedanken für dieses Verhältnis hat Tertullian als credo, quia absurdum ausgewiesen: ich glaube, weil es die rationale Vernunft überschreitet. Somit gelangt man zu der nächsten Erkenntisstufe – scio, ut credo: Ich weiß, dass ich glauben muss, denn wenn man sich auf das Jenseits seiner eigenen Vernunft bezieht, weiß man, dass jedes Wissen auf das Nichtwissen, das Absurde oder auf die Irrationalität bezogen sein muss. Aus dieser Überlegung gewinnt man die nächste Einsicht – scio absurdum: ich leugne das Absurde nicht, sondern ich kenne es, denn ich kenne mich selbst. Alles, was durch Sigmund Freud als das Unbeherrschbare und Unbewusste im Rahmen unseres Triebhaushalts entdeckt wurde, kann nicht einfach wieder verdrängt werden; das wäre popengleiche Bigotterie. Stattdessen gilt es anzuerkennen, was nicht zu leugnen ist. Genau dies macht die Überlegenheit in der städtischen Gemeinschaft aus, die ja gerade frei macht, weil sie das Irrationale zulässt und sogar honoriert. Die Kunst ist nichts anderes als jenes spezifische Verfahren zur Kritik an jeder Sinnfälligkeit von evidenten Behauptungen. Die westlich-zivilisatorische Strategie besteht darin, dass die mit einem Geltungsanspruch versehenen und in den Discours eingebrachten Behauptungen nur Auskunft über das Verhältnis des Aussagenden zu anderen Menschen geben, die ihrerseits den gleichen Problemen ausgesetzt sind.

3. Urbane Musealisierungs-, Fake- und Vermüllungsstrategien

Das Museum kann als ein Kernmodell der Einheit von Discours und Parcours betrachtet werden. Denn im Museum wird sowohl der diskursive Zusammenhang durch das räumliche Nacheinander des Abschreitens, also durch den Parcours, gestiftet, als auch das Verhältnis des Aussagenden zu anderen Menschen, die ihrerseits den gleichen Problemen ausgesetzt sind, demonstrativ wiedergegeben. Die Wirkung dieses Reflexionsprinzip lässt sich auch sehr gut anhand des folgenden Beispiels nachvollziehen: Im Jahr 1711 wird der Spectator als eine Zeitschrift der Beobachtung erster Ordnung gegründet, in welcher das Verhältnis des Menschen zur Welt als das eines Zuschauers dargestellt wird. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erschien jedoch als Medium der Beobachtung zweiter Ordnung eine Zeitschrift namens Observer, gewissermaßen ein Beobachter des Zuschauers. So beginnt die große moderne Aufklärungswelle als eine Bewegung des Parallellaufs von Discours und Parcours, in welcher die Individuen selbst die Vermittlerrolle zwischen den großen beherrschenden Themen und dem übernehmen, was in der Bewegungsdynamik eines Individuums bedeutsam wird. In diesem Zusammenhang dürfte der durch PET-Untersuchungen erbrachte Beleg von Interesse sein, dass die Regungsmuster neuronaler Aktivität eines Zuhörers jener des Sprechers entsprechen. Sprechen und Zuhören sind somit Aktivitäten, die operational auf Parallellauf angewiesen sind. Der Sprecher organisiert parallel zu den Zuhörern das neuronale Impulsgeschehen. Dieser Vorgang muss jedoch keineswegs in eine Erfüllung des Wunschverlangens, sondern kann auch in der Enttäuschung münden.

Ein Beispiel aus der Kunst soll von der Wirksamkeit der Enttäuschung im Rahmen von Fake-Strategien berichten: Die Trompe-l’œil-Künstler begannen für das bürgerliche Publikum Kunstwerke anzufertigen, die vor allem die intellektuelle Fähigkeit zur Selbstbegründung eines Anspruchs – also Autorität durch Autorschaft – trainierten. Das Trompe-l’œil-Bild ermöglichte zunächst den Eindruck der Evidenz, weil der Betrachter genau zu erkennen glaubte, was dort abgebildet ist. Es stiftete aber zugleich die Enttäuschung über dieses Phänomen, da dem Betrachter die eigene Täuschbarkeit vor Augen geführt wurde. Der Bürger hatte somit am Bild ein Gutteil seiner Täuschbarkeit erfahren und eingebüßt. Er ist durch die Erfahrung der Enttäuschung wirklichkeitstauglicher geworden. Die Bilder in unseren Köpfen – seien es Engel oder Teufel – lassen sich durch Zeichen realisieren. Die groß aufgebauschte Rede von der Virtualisierung der Realität ist zweitrangig gegenüber der Einsicht in die realisierte Virtualität, die sich auf die eigenständige Dimension der Abbildung, in einer prinzipiell uneinholbaren Differenz zum Abgebildeten, bezieht. Die damit einhergehende Nichtidentität wird auch durch die Dialektik nicht aufgehoben. Die unüberbrückbare Differenz erlaubt es vielmehr, die Gegensätze unversöhnt zu lassen und nicht durch märchenhafte Erzählung aufzuheben. Doch diese Einsicht hat einen Preis: mit Emphase und Pathos ist durch Enttäuschung, ist mit Leidenschaft durch das Leiden hindurchzugehen. Denn Aufklärung ist prinzipiell Enttäuschung; urbane Menschen sind zum Glück prinzipiell ziemlich Fake trainiert, enttäuschungsresistent und zugleich erfinderisch.

Städtische Bürger erfinden Strategien von verbindlicher Bedeutung in dem Verhältnis von schöpferischer Bedeutungslöschung und Bedeutungswiedergewinnung. Seit den 60er Jahren ist die Vermüllungsstrategie eine entscheidende Form der Wertschöpfung für den urbanen Bürger geworden. Man erkannte, dass der Nutzen eines Objekts nicht nur auf den Gebrauch beschränkt ist, sondern sich auf sein Vermüllt-Werden als dem Löschen seiner Bedeutung ausdehnen lässt. Im Hinblick auf die Herstellung eines neuen zyklischen Zusammenhangs zwischen Schöpfung und Zerstörung ist das Vermüllt-Werden das entscheidende Bindeglied. Die faustische Weisheit, dass alles, was entsteht, auch wert ist, dass es zugrunde geht, ist im Rahmen wirtschaftstheoretischer Modellbildung seit Schumpeter als „schöpferische Zerstörung“ bekannt. Da die Dinge ihre Information durch den Gebrauch wieder verlieren, muss der Bürger Sinn stiftend eingreifen, indem er den Müll sortiert, recycelt, unterscheidet etc.

Auch unser Geschichtsbewusstsein konstituiert sich als ein Problem der Mülltrennung, denn alle Sinnstiftung entsteht durch Unterscheidungen treffen. Etwas wird erst dann zum Problem, wenn das Ununterscheidbare unterschieden werden soll. So besteht die Aufgabe des modernen Individuums genau darin, gewissermaßen archäologisch vorhandene Unterschiede im Zuge einer thematisierenden Erdverwertung aufzudecken.
Der Ort, an dem dieser Zusammenhang exemplarisch vorgeführt und ausgestellt wird, ist wiederum das Museum. Dort wird das Verhältnis von Discours und Parcours, von Hängeordnung und Diskussionsordnung, der Entwicklung einzelner Probleme und ihrer Präsentationsform in idealer Weise dargeboten. Die Dynamik, die sich aus dem Vorgang der Musealisierung ergibt, ist gerade gegenwärtig, da sich die kulturalistisch-religiöse Seite der Verbindlichkeitsstiftung wieder auf dem Vormarsch befindet, von vorzüglicher Bedeutung. Mehr denn je brauchen wir Bürger in den westlichen Gemeinschaften, die in ihrem Selbstbewusstsein auf jene Kriterien von Autonomie rekurrieren, welche die Autorität des Individuums in seiner Autorschaft und nicht in seiner kulturalistisch-religiösen Herleitung gewährt sehen. Den Kern des Problems stellen hierbei weniger die kulturalistisch-religiösen Strömungen qua ihrer Macht, sondern vielmehr jene Individuen dar, die es nicht für notwendig erachten, Autoritäten zu sein, die sich also verabschiedet haben von der Individualisierung und der permanenten Anstrengung, im Rahmen der Sozialgemeinschaft den Discours in einen Parcours zu überführen. Diese Leistung der einzelnen Autoritäten wäre als Ganzes wirklich ein Designing Public.


Designing Public: Drei Kriterien zur Realitätsprüfung des städtischen Bürgers

Doch wie der soziale Discours in einen Parcours überführt werden kann, scheint in den unterschiedlichen Institutionen wie Schule, Familie und Elternhaus heute nicht mehr vermittelt zu werden. Man braucht sich deswegen nicht wundern, wenn viele Menschen wieder die Gemeinschaft in den einzelnen ethnischen, kulturellen, sprachlichen oder religiösen Ausprägungen aufsuchen. Wissenschaft und Künste – also jenes Spannungsfeld, in dem auch die Designer tätig werden – waren neben Fernhandel und Diplomatie die ersten universalen sozialen Formen der Dynamisierung sozialen Verhaltens jenseits kulturell-religiöser Legitimation. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst müssen Aussagen durch individuelle Autorität begründet werden.

Das Wesen bürgerlich-demokratischer Handlungsfähigkeit ist es, sich in der allumfassenden Unwissenheit zu bewähren. Die Demokratie ist nichts anderes als ein operatives Verfahren, mit dieser allgemeinen Beschränktheit umzugehen. Historisch wird dieser Prozess durch die Tatsache in Gang gesetzt, dass jeder für die Gesellschaft nur in dem Maße etwas wert ist, wie er etwas kann bzw. beherrscht. In dem Maße man sich allerdings spezialisiert, um den eigenen Wert für die Gemeinschaft zu erhöhen, muss man in jeder anderen Hinsicht Dilettant bleiben. In diesem Sinne steht der aufgeklärte Bürger ständig vor dem Problem, auch bei völliger Ahnungslosigkeit handeln zu müssen. Die universaldilettantische Avantgarde dieser Entwicklung waren die Künstler. Jeder Künstler weiß, dass er nur in dem Maße Autor durch Autorität ist, wie er durch seine Kunst ein unlösbares Problem zur Geltung bringt. Als Perugino seinen Schüler Raffael ausbildete, ging es ihm keineswegs darum, diesen zu einer vollendeten Projektion seiner selbst zu erziehen, sondern vielmehr darum, ihn dazu zu veranlassen, die Probleme so darzustellen, dass kein anderer sie (als Problem) überbieten kann.

Designing Public meint nichts anderes, als die Entwicklung eines Parcours aus dem Discours über jene Themen, die allen Menschen eine Realitätsprüfung zumuten. Ziel ist es darum, aus diesen allgemein unlösbaren Problemen die Synchronizität einer gemeinsamen sozialen Bewegung zu generieren. Wer nämlich ein Problem als solches erkannt hat, muss lernen, mit dieser Zumutung umzugehen, was nichts anderes bedeutet, als sofort zu agieren, indem man sich auf andere Menschen einlässt. Zunächst einmal bieten sich diejenigen an, die im Umgang mit diesen Problemen erfahren zu sein scheinen und über die notwendige Souveränität verfügen, ihre eigene Unwissenheit anzuerkennen. Diesem Gedanken folgend ist eigentlich erst ein Professor der ideale Student, da er in seiner Rolle über die notwendige Autonomie und Freiheit verfügt, ein Problem als solches darzustellen und die Unkenntnis einer Lösung zu bekennen.

Darüber hinaus aber sollte man diese Überlegungen noch einmal mit den folgenden Tatsachen vergleichen:

Erstens: Im Arbeitsfeld des Designers – wie auch in Kunst und Wissenschaft – gibt es keinen Kulturalismus und keine religiöse oder kollektive Verbindlichkeitsstiftung; jeder ist Individuum, als solches Autor und somit Autorität.

Zweitens: Man hat sich in seiner bürgerlichen Autonomie gerade deshalb zu bewähren, weil die Sinnstiftung nicht mehr durch den gemeinsamen Glauben, eine Offenbarung oder kollektive Gewissheitsorientierung erzeugt wird, sondern durch die gemeinsame Erfahrung der Unhaltbarkeit und der Bodenlosigkeit des Lebens sowie des permanenten Scheiterns.

Drittens: Jeder sollte Evidenzkritik, als das wichtigste Verfahren zur Erlangung jeglicher Autonomie, einüben und Kritik an der Evidenzerzeugung betreiben . Allerdings ist diese Kritik an der Propaganda des Visuellen und des Augenscheinlichen nur durch die erneute Evidenzerzeugung – also als Bild – zu leisten. Daher evoziert die Kunst ihre permanente Evidenzkritik gerade durch das Herstellen von Evidenz.

Als Beispiele sind Barnett Newman oder Mark Rothko zu erwähnen, die das Bilderverbot in Form von Malerei realisierten. Auch auf das wissenschaftliche Bilderverbot Rudolf Carnaps aus den 20er Jahren kann nur mit Mitteln der Evidenzerzeugung eingegangen werden. Kunst und Wissenschaft ermöglichen die Kritik an der eigenen Täuschbarkeit im Sinne einer ad oculus geführten Demonstration – also als Evidenz. Hier setzt die Funktion des Designers ein: Die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung muss soweit erhöht werden, bis niemand mehr der Versuchung erliegen kann zu glauben, dass zwischen Abbildung und Abgebildetem ein Identitätsverhältnis bestünde. Die designerische Darstellung dieser Differenz bedeutet Aufklärung über die Grundlagen des Ethischen, des Epistemologischen und natürlich auch des Ästhetischen, denn – esse est percipi – nur was beobachtbar ist, kann unterschieden werden.

Abschließend ist zu den Bedingungen der Möglichkeit für Evidenzkritik durch Evidenzerzeugung eine weitere Anmerkung nötig: Zunächst einmal muss für alles Darzustellende ein Namen gefunden werden. Die Begriffsbildung ist die Urform der Kognition; sie erst ermöglicht die Imagination. Die Frage ist also, wie sich das Verhältnis zwischen der begrifflichen Seite (cognitio), den inneren Vorstellungsbildern (imaginatio) und der Art ihrer Vergegenständlichung als Sprachzeichen (repraesentatio) organisiert. In der Wissenschaft ist zumeist die vollständige Abkopplung von Kognition und Imagination vorzufinden, wobei sich die Repräsentation vollkommen tautologisch zur Kognition verhält. Erst die Psychologie erkannte, dass in uns unkontrollierbare Vorstellungen und Triebe herrschen, die durch Kognition nicht zu erreichen sind – beispielsweise Phobien. Die Kunst entwickelt sich demgegenüber als Ausdifferenzierung der Repräsentationssysteme, also der zeichenhaften und selbstständigen Verweise auf Kognition und Imagination. Besonders herauszuheben ist an dieser Stelle die Eigenschaft der Selbstständigkeit, denn es existieren auch Kunstwerke als Zeichensysteme ohne jeden Bezug auf eine Kognition oder Imagination. In der informellen Malerei begegnet man der Tatsache, dass der Wahrnehmungsanlass keinen distinkten Rückbezug auf Kognition oder Imagination mehr zulässt. Ein tachistisches Bild demonstriert eindrucksvoll, dass die Entwicklung der bildenden Künste tatsächlich auf der Entfaltung von reiner Repräsentation gründet. Erst durch die Entwicklung eines Codes kann die Kunst auch mit imaginativen und kognitiven Potenzialen verbunden werden. Es geht also immer um das Verhältnis von begrifflicher Bestimmung, unvermeidlich hervorgerufener innerer, psychologischer Bewegung und die Notwendigkeit zu einer Repräsentation. Wann immer man ästhetische Urteile bildet, spielt die Kognition eine entscheidende Rolle. Erkennt man etwas als hässlich, kann dieser Erkenntnisvorgang nur vollzogen werden, wenn denknotwendig ein Begriff der Schönheit gebildet wurde. Bezeichnet man etwas als kaputt, dann nur im Hinblick auf die kognitive Fähigkeit, einen Begriff der Ganzheit zu entwickeln. Selbst die Lügenhaftigkeit erblickt man nur in der denknotwendigen begrifflichen Bestimmung der Wahrheit. Nicht etwa als normativer Kodex, sondern nur auf der dialektischen Ebene existieren für den urbanen Bürger Ganzheit, Schönheit und Wahrheit; nur in diesem kognitiven Rahmen sind Urteile in Kategorien möglich.

Die wahren Bürgerschulen sind daher die Universitäten, Kunst- und Designhochschulen, denn dort werden dem Bürger seine Beschränktheit und sein Scheitern ständig vor Augen geführt. Allerdings wird der Bürger erst als Professor oder Meister in die Lage versetzt, souverän mit dieser Situation umzugehen und sich mit jenen Dingen auseinanderzusetzen, von denen er nichts weiß. Das eigentliche Ziel der Wissenschaft bzw. der Kunst ist es nämlich, die eigenen Grenzen zum Ausdruck zu bringen, also die Wissenschaft oder Kunst als solche zu problematisieren. In dem Augenblick also, in dem ein Designer sein Diplom erhält, kann er sich nicht mehr als Dienstleister für eine erzwungene Einheit von cognitio, imaginatio und representatio hingeben, sondern muss vielmehr als Beispielgeber für seine Adressaten arbeiten. Jedes zukünftig vergebene Diplom sollte also mit folgender Anmerkung versehen werden: „Hiermit wird bestätigt, dass der oben Genannte ab heute autorisiert ist, sich nur noch mit den Dingen zu beschäftigen, von denen er keine Ahnung hat.“