Freude am Einkauf – Papiertüten in der DDR

Freude am Einkauf - Tüten in der DDR | Berlin: Bien & Giersch Projektagentur, 2015.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die stempelartigen Druckmuster von DDR-Papiertüten haben weit vor der Wende Künstler wie Joseph Beuys zu eigenen Werkkomplexen angeregt. Und noch heute beeindruckt die ornamentale Vielfalt  dieser wortgewaltigen Mantras über die gute Ware, die Freude am Einkauf oder den zufriedenen Kunden. 

Mit der hier vorgelegten Bestandsaufnahme einer großen Sammlung von Verpackungshilfen werden das Wesen der Ware, die ökonomischen Prinzipien ihrer sozialistischen Distribution und die dahinter stehenden grafischen Parallelwelten anonymer Meister thematisiert. Angesiedelt zwischen Mantra und Matrize sind zahlreiche dieser Druckspuren abgebildet, deren faszinierende Einmaligkeit sich der uralten Dialektik von Repetition und Differenz verdankt. 

So formiert sich vor den Augen des Lesers eine Straße der Ornamentik, die mitten ins Zentrum einer gerade erst vergangenen Antike führt, an deren Nachgeschichte er nun teilhaben kann.

Mit Beiträgen von Prof. Bazon Brock, Prof. Dietrich Mühlberg, Dieter Mink, Ulrich Giersch und Jeannine Fiedler.

Gestaltung: Theres Weishappel, Typoly

www.panorama-berlin.de

Seite im Original: 15

Ornamente der Freude

Zweites Gespräch zwischen Bazon Brock und Ulrich Giersch

F: Gaben und Gegengaben gehören zu den ältesten Formen ritualisierter Kommunikation unter den Menschen. Je stärker diese Art des Austauschs ausdifferenziert wurde, desto deutlicher geraten die Rückschlüsse auf gesellschaftliche Strukturen, auf sich gegenseitig bedingende und fördernde soziale Handlungsmuster und Tätigkeiten.

Wie würdest du den Warenfluss in der DDR – in dieser sozialistischen Versuchsanordnung unter Mitwirkung von 17 Millionen Probanden – beschreiben, wenn dir nur das Verpackungsmaterial als Beleg, als Ausweis für das größte soziale Experiment der Menschheitsgeschichte vorliegen würde?

A: Im Sozialismus erarbeitet die Gemeinschaft die Waren. Das kaufende Individuum wird mit diesen Produkten „beschenkt“. Auf den individuellen Zugriff erfolgt der Genuss der kollektiv erzeugten Waren. Hier ist also der Schenkende das Kollektiv oder die warenproduzierende Gesellschaft; vermittelt werden die Waren an den Beschenkten, nämlich das kaufende Individuum, durch das Kaufhaus oder die Markthalle. Das Schenken wird kombiniert mit dem Einkauf. Die sozialistische Gesellschaft macht das Einkaufen zu einer Aktion der Geschenkannahme. Denn in einer Mangelwirtschaft fühlt man sich durch alles beschenkt und ist rasch zufrieden zu stellen. In einer Überflussgesellschaft haben solche Geschenke keinen Wert. Über den Preis erhält der Beschenkte die Bestätigung für den „Guten Einkauf“. Doch bekommt er deutlich mehr für seine Bezahlung als nur die Ware: Ihm wird durch diesen Akt des Austauschs das Wohlwollen der Gesellschaft zuteil.

F: Zu interpretieren wäre der Kaufvorgang demnach nicht nur auf der Ebene der Grundbedürfnisse, die befriedigt werden müssen, sondern auf dem pseudo-religiösen Tableau einer Weihe?

A: Produktion und Verwertungsvorgang beschreiben einen Kreisverlauf, der am Ende Individuum wie Kollektiv zufriedenstellt und der gegenseitigen Verlässlichkeit versichert. Die höchste Auszeichnung im Sozialismus ist ergo die Garantie, dass dieser Warenkreislauf auf Ewigkeit Bestand hat. Diese Auszeichnung erhielten die Bürgerin und der Bürger bei jedem Einkauf, der sich – wenn man so will – als ein alltägliches sozialistisches Weihespiel präsentierte. Die Prämierung einzelner Individuen als „Helden der Arbeit“ war folglich reinster Mummenschanz, ein Spektakel, mit dem das Kollektiv im erhabenen Gestus des Anheftens von Blechorden das Individuum öffentlich wirksam auf die Dauer beiderseitiger Verlässlichkeit verpflichten wollte.

F: Ich fasse zusammen: Der Warenmehrwert ist der Überschuss an Freude darüber, an einem gesellschaftlichen System partizipieren zu dürfen, das die Grundversorgung seiner Mitglieder zur höchsten Form des Austauschs, des Gebens und Nehmens stilisierte.

A: Richtig, dieser Mehrwert der gesellschaftlich erarbeiteten Produkte ist das wahre Surplus des Sozialismus. Tatsächlich handelt es sich beim Kaufvorgang nicht um den reinen Erwerb einer Ware, sondern um die reale Teilhaftigkeit an der sozialistischen Idee, die mit jedem Kaufvorgang erneut bestätigt wurde als Belohnung des Konsumenten. Dahinter steht eine Geschenk- oder Gaben-Ideologie, die völlig absieht vom materiellen Wert des Geschenkten. Idealiter existierte im Sozialismus nämlich kein Potlatch, auf welchem soziale Ränge durch wertvolle oder eben unbedeutendere Gaben symbolisiert wurden. Dass diese Idee in den Kadern der Partei oder unter ZK-Sekretären erneut zu einem ursprünglich vom jungen DDR-Staat bekämpften Partei-Bonzentum degenerierte, steht auf einem anderen Blatt der Geschichte ... Einkauf bedeutet in diesem Sinne: Ich, das Individuum im Kollektiv, bin ermächtigt am sozialistischen Warenkreislauf teilhaben zu dürfen!

F: Kann man demnach festhalten, dass das Entgeld, das für die Ware hinterlegt wird, bei weitem nicht abdeckt, was das Kollektiv dem Individuum dafür bietet?

A: Ja, denn die Formel lautet folgendermaßen: Ich werde erzogen, diese Ware, die mehr wert ist, als das Geld, das ich dafür hinterlegt habe, auch als Gabe zu würdigen. Die soziale Handlung des Einkaufens wird abkoppelt von dem, was man einkaufen kann ...

Das Einkaufen selbst soll Freude bereiten, nicht bedingt die Produkte, deren defizitäre Natur sich vielen Fällen ohnehin kaum verleugnen ließ.

A: Nun ist eine Mangelwirtschaft grundsätzlich genötigt, die Defizite in ihrer Produktion zu überhöhen. Aber auch allgemein gilt: Man wickelt etwas ein, um allen zu demonstrieren, wie kostbar der verpackte Gegenstand ist. Die Japaner haben, das nur nebenbei, das Verpacken – wie all ihre anderen sozialen Kommunikationsriten auch – zu höchster Meisterschaft geführt. Wobei die Verpackung hier tatsächlich der Träger ist, der mit Bedeutung aufgeladen wird; das Verpackte an sich ist nur noch leeres Zeichen, das heißt, die Geschenkeschachtel könnte auch leer sein.
Aber auch in der DDR war die Tüte das eigentliche Wunder, und nicht das, was drin war. Ähnlich funktionierte es früher bei den Schultüten: Sie waren so aufwendig gestaltet, dass man als Kind gar nicht glauben konnte, dass sich innen noch etwas Besseres befände. Der Zeigegestus ist wichtiger als das, was gezeigt wird.

Doch zurück zu sozialistischen Verpackungsritualen: Auf diese Weise erfolgt die Aufbereitung des gekauften Produkts zu einem Geschenk, und je geringer sein Wirtschaftswert, desto bedeutender kommt seine Verpackung daher. Wir sprechen
hier von der ausweislichen Erhöhung des Produkts in Form der alten kulturgeschichtlichen Geste der Gabe.

F: Wie gerade erörtert, wird die weihevolle Verpackung zur Intentionalgeste oder Aufforderung, an der sozialistischen Idee zu partizipieren.

A: Die Waren erleben eine ornamentale Erhöhung durch die Art, wie man sie präsentiert ...

F:... es bietet sich an dieser Stelle an, konkret über die Gestaltung der Papiertüten zu sprechen und vielleicht einige exemplarisch zu beschreiben.

A: Ist recht die Tüten bedienen sich einer Ornamentalität und eben nicht einer individualisierbaren künstlerischen Aussage oder gestalterischen Leistung. Durch exakt diesen Schritt wird das Ein-verständnis in die schöpferische Kraft des Kollektivs dokumentiert. Wir sehen hier Tapeten- oder Sternchenmotive, erleben den Gewinn an Freude durch Kinder-, Blumen- und Blütendarstellungen doch ausschließlich im Rapport und versehen mit dem einen oder anderen Vokativ, dem Aufruf für einen „Guten Einkauf“. Aber was ornamental ist, ist gleichzeitig kollektiv und anonym erzeugt und damit Ausdruck eines kollektiven Geistes.

F: Müssen wir bei der Gestaltung von Gegenständen des täglichen Gebrauchs zwischen Modernitäts- und Abstraktionszeichen unterscheiden?

A: Der Osten wusste, dass die Abstraktion in die Ornamentgeschichte und nicht in die Kunstgeschichte gehört. Das Einkaufspapier oder die Einkaufstüte ist folglich die „Tapete der Ware“, denn die eher minderwertige Ware musste „dekoriert“ werden. In der Kunst ließ der sozialistische Realismus Abstraktion nur auf der Ebene des Ornamentalen zu. Andernfalls hätte man es mit westlicher Dekadenz in Gestalt von autonomen künstlerischen Werken zu tun gehabt. In den Abstraktionsleistungen der Tütengrafiker ist der Versuch zu erkennen, die Abstraktion in die Alltagswahrnehmungen einzuschmuggeln, ohne dass das Primat des Realismus gestört würde.

F: Das Schmetterlingsmotiv in Verbindung mit der Mutter verweist auf die Psyche ...

A: ... in der Tat wird hier angedeutet, welche seelischen Energien hinter dem sozialistischen Menschen stehen: Sozialismus ist die Ökonomie der Seele. Hier geht es nur um innere Werte, nichts kann sich beweisen durch seinen äußeren Schein. Kollektive haben eine eigene Seele, einen eigenen Lebendigkeitsausdruck. Der Einzelne wird als Adressat der kollektiven Produktion ernstgenommen. Die spezifische Ausdruckskraft solcher Energien wird durch die Umsetzung in Ware ökonomisiert.

F: Interessant sind auch die Sinnsprüche und Aufforderungen an den sozialistischen Kunden ...

A: ... ja, denn „Gute Laune“ ist Belobigung für die Erfüllung der Pflicht einzukaufen, ohne zu murren, kurz: die sozialistische Tat zu akzeptieren! Autosuggestion bedeutet in diesem Zusammenhang: Ich überzeuge mich selbst von der Tatsache, dass ein individueller Willensausdruck wie der meine immer kleiner sein muss und falscher liegen kann als der kollektive. Genau das bringen die Tüten zum Ausdruck. Die sozialistischen Mantras, die auf einigen der Tüten abgedruckt sind, bestärken mich als sozialistischen Bürger überdies im Ziel, mich mit mir selbst zu versöhnen sowie mit dem Regime oder mit den Zumutungen des Lebens.

Auch heißt es im Osten „Freude“ und nicht „Spaß“. Überhaupt hat in der DDR das alteuropäische bürgerliche Begriffsregime überlebt. Wer die Überforderung durch Individualismus erfahren hatte, kompensierte das mit bürgerlichem Verhalten. Wenn es noch ein Bürgertum gab – das nicht im Streben nach Besitz gründete, sondern in zivilem Benehmen – so existierte es in der DDR, einer Bastion bürgerlicher Verpflichtung auf Verbindlichkeit. Hier konnte man noch das alte Europa erkennen, das im Westen längst verschwunden war.

F: Joseph Beuys nobilitierte die DDR-Einkaufstüten in seinen Multiples zu sogenannten „Wirtschaftswerten“.

A: Sie dienten ihm als Paradebeispiel dafür, wie das bürgerliche Konzept hervorzuheben sei. Der Osten war für ihn vor allem eine Art von Purgatorium, ein Labor zur dringend benötigten Reinigung von allem Überfluss. Der Osten symbolisierte die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Dinge, die wirklich zum Leben gebraucht wurden: Die Waren im Osten sind ergo jene existentiellen Güter zum täglichen Gebrauch und Grundnahrungsmittel gewesen, die das Fundament zur asketischen Selbstbeherrschung des sozialistischen Menschen bildeten.

F: Die auf den Tuten dargestellten Figuren sind die Repräsentanten des sozialistischen Staates und strahlen eine wundersame Selbstzufriedenheit aus. Sie scheinen von allen Sorgen des Alltags befreit. Betont wird darüberhinaus der familiäre Zusammenhalt, auch die Grund-bedürfnisse des Alltagslebens werden hervorgehoben ...

A: Wenn ich zufrieden bin, entspricht etwas meiner Erwartung. Die Erwartung besteht darin, dass Gerechtigkeit herrscht, dass sich alle den gleichen Normen unterwerfen müssen, damit sich alle gleichwertig behandelt fühlen.
Die Souveränität des sozialistischen Menschen gründet darauf, mit wenigem auszukommen und sich qua eigener Diszipliniertheit nicht blenden zu lassen. Er rebelliert erst, wenn er merkt, dass diese Gleichheit aller von einigen wenigen außer Kraft gesetzt wird, die sich anderes und scheinbar Besseres in Spezialläden leisten können. Insofern war die Bückware der Tod der DDR-Wirtschaft. Man muss rückblickend feststellen, dass die „Exquisit“-Geschäfte dieses labile Gleichgewicht zerstört haben.

Im westlichen Konsum hingegen erfolgt die Abkoppelung des Kaufaktes von den Produkten durch spektakuläre Verpackungs- und Wareninszenierungen. Wenn in der DDR die Ware mit dem Tütenpapier tapeziert wird, handelt es sich sozusagen um das Höhlengleichnis des Sozialismus. Im Kosmos des nur Denkbaren sind die Ideen das Wirkliche in der Welt, während die real oder greifbar erscheinenden Phänomene der uns umgebenden Raumwelt nur als Schattenbilder jener Ideen gelten können.

F: Die Glaubensüberzeugungen, die durch die Tüten transportiert werden, sind unendlich viel mehr als ein Individuum zu erzeugen vermöchte ...

A: ... denn nur jene Persönlichkeit ist sozial fähig, die sich dem Kollektiv unterzuordnen vermag, um damit an der höheren Idee des Kollektivs teil-nehmen zu können, was ihr aber verwehrt wäre, wenn sie auf ihrer individualisierten Persönlichkeit beharrte.

Die Fähigkeit des entwickelten Individuums, sich kollektiv zu integrieren, wurde etwa in den mittelalterlichen Bauhütten beispielhaft vorgeführt. – Das bedeutet, dass die Bindung von individualisierten Persönlichkeiten an den Staat als höchste Leistung der DDR proklamiert werden kann. Nur wer dem Regime zustimmte, war von höchster individueller Entwicklung geprägt, denn nur hochentwickelte Individuen sind kollektiv leistungsfähig, und nur wer Individualität reklamierte, war sozial bindungsfähig, das heißt im allgemeinen sozial fähig.

Die anderen waren dagegen Wählvolk oder Stimmvieh. Diejenigen, die das Kollektiv akzeptierten, demonstrierten damit gleichzeitig, dass sie ihre höchste Individualität im kollektiven Ausdruck erfüllt sahen.

F: Was bedeutet das nun für die künstlerische oder gestalterische Kraft eines Individuums in einem sozialistischen System?

A: Dass wir hier die Übersteigerung des Künstlers erleben: Der Künstler ist ein autonomes Individuum. Wenn er es fertigbringt, das vom ihm Produzierte von einem Groß-Kollektiv akzeptiert zu sehen, hat er es vollbracht, sich ins Tausendste zu vervielfachen. Wir empfinden deshalb heute das Tütendesign als Ausdruck eines großen Kollektivs, das seine ganze Autorität darin ausweist, dass jedes modern erzogene gestalterische Individuum, das durch historische Abweichung auf Überbietungsstrategien trainiert ist, dem zustimmt – als einem haptischen, handgreiflichen Beweis für kollektive Leistungsfähigkeit.

Es liegt ein hoher Trost darin, Zuversicht, Zustimmung und Versicherung über ein jahrzehntelang unverändertes Verpackungsmaterial zu erhalten. Hier wird demonstriert: Das System hat Konstanz! Ich persönlich hätte großes Zutrauen zur Bleibekraft des Regimes, Vertrauen zu seiner Beständigkeitsbehauptung, wenn ich beim Einkauf dreißig Jahre lang die gleiche Tüte ausgehändigt bekäme!

F: „Wirtschaftswert" bedeutet bei den Tüten, Verbindlichkeit durch Dauer –

A: Genauso entsteht unsere heutige Faszination, nämlich aus dieser Gewissheit, Unbeirrbarkeit und Dauerhaftigkeit – die übrigens hüben wie drüben funktionierte: „Persil bleibt Persil.“ Und die DDR bleibt eben die DDR. Man beachte einfach die Großartigkeit dieser Geste: Wir, das Kollektiv, schenken Dir, dem Individuum, zum privaten Konsum etwas aus kollektiv erwirtschafteter Masse ...

F:... zurück zur Gestaltung, die sich im Tütendesign gleichsam unverrückbar auf dem Gestaltungsniveau der frühen 1950er Jahre hielt.

A: Das Design der Tüten hebt nicht ab auf Blendung, Überforderung oder Übervorteilung. Was im Westen übrigens schnell Konsens wurde: oft genug einem Verpackungsschwindel aufgesessen zu sein und über den Tisch gezogen zu werden. Die DDR-Ware ist durch die Art ihrer Präsentation kaum jemals dem Verdacht ausgesetzt gewesen, eine Fälschung zu sein.

Ganz im Gegenteil scheint durch die beruhigende ewig gleich bleibende Gestaltung jegliche Betrugsabsicht ausgeschlossen. Aus heutiger Perspektive müsste man sagen: Das hier ist die Avantgarde des Zukunftsversprechens! Wobei Zukunftsversprechen etwas anderes ist als Fortschrittsversprechen. Zukunft bedeutet, wir werden soviel Gewinn machen, dass wir das Überleben auch in zehn Jahren noch garantieren können. Ein Fortschritt kann sich durch neue Erkenntnisse – seien sie wissenschaftlicher oder ökonomischer Natur – rasch erledigen oder selbst ad absurdum führen. Im Zukunftsversprechen liegt das Vertrauen in das Angebot, in die Waren, in ihre Herstellung – denn sie besitzen Vertrauenswürdigkeit und Authentizität. Mit anderen Worten: Wir in der DDR garantieren durch diese Form der Verpackung, dass die Zukunft sicher ist. Hier wird nicht weniger als die Garantie auf Ewigkeit und Langfristigkeit ausgesprochen.

F: Du erwähntest vorhin, das, was ornamental sei, gleichzeitig kollektiv und anonym erzeugt würde und sich somit als Ausdruck eines kollektiven Geistes präsentiere.

A: Die jahrtausendealte Tradition des Ornamentes unterliegt nicht dem Individualismus Wenn ein Gegenstand gleichzeitig anonym und kollektiv produziert wird, überwindet er jede Form gestalterischer oder gar geschmäcklerischer Individualität, wie sie singuläre Wesen etablieren würden. Die Verlässlichkeit der Natur ist unüberbietbar. Gestaltungsausdruck ohne subjektive künstlerische Eingriffswillkür auf dem Niveau der Natur ist kollektiver Ausdruck schlechthin. Dagegen kommt keiner an. Betrachten wir allein die Höhlenzeichnungen von Chevet, Lascaux und Altamira. Den Menschen ist es vor 30.000 Jahren gelungen, die Bewegungsabläufe von Jagdtieren so anmutig und für die einzelnen Arten so charakteristisch zu fixieren, wie es kaum einem heutigen Tierbeobachter oder bildenden Künstler gelänge. Es gibt keinen Fortschritt in dieser Art von Darstellungen geschweige denn eine Form der Optimierung. Also kann man durchaus behaupten, dass Papiertüten die Höhlenzeichnungen der DDR oder des Sozialismus wären, weil sie eben unüberbietbar auf Dauer bestehen. Wie auch Höhlenzeichnungen unüberbietbar waren. Es wird niemals etwas geben, was sie gestalterisch was sie gestalterisch übertrumpfen könnte.

Zum Beispiel ist das Ornament der Wellenbewegung nicht zu überbieten, die Zirkulationsbewegung der Kreisform lässt sich nicht optimieren – angesichts der Geometrie ist jeder Fortschritt lächerlich. Bei der Betrachtung der Tüten ist es wie bei den 30.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen: Sie wirken auf den Betrachter, als würde er in einen uralten historischen Zustand hineintreten.
Wenn heute noch etwas Vertrauen in die Gestaltungkraft von Künstlern und Grafikern erwecken könnte, so wäre der Ornamentalismus der Weg, wie man dieses Vertrauen erzeugen würde.
Sollte ich heute einen Parthenon errichten dürfen, der den ewigen Prinzipien geweiht wäre, dann würde ich diese Tütenornamente an die Wände bringen. Das wäre die folgerichtige Lehre aus einer Ornamentgeschichte, die eine 7500-jährige Tradition aufweist.