GERHARD THEEWEN: PRODUKTION/REPRODUKTION

Ein Buch für Gerhard Theewen zum 60. und zum 20-jährigen Bestehens seines Salon Verlags

GERHARD THEEWEN: PRODUKTION/REPRODUKTION | Köln: Walther König, 2015.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

1976 erschien die Nummer 1 des von Gerhard Theewen herausgegebenen Salon Magazins, 1995 der erste Titel des von ihm gegründeten Salon Verlags, der mit seinen Reihen Edition Ex Libris und Edition Séparée unter den Sammlern autonomer Künstlerbücher viel Aufmerksamkeit erhielt. Seine Künstler und Autoren erweisen ihrem engagierten und mutigen Kollegen ihren Dank: Thomas Ruff, Mark Dion, Berlinde De Bruyckere, Rosemarie Trockel, Thomas Struth, Thierry De Cordier, Thomas Demand, Marcel Dzama und viele mehr. Bazon Brock, Walter Grasskamp, Reiner Speck, Kay Heymer, Dieter Koepplin und Lawrence Weiner mit einem Exlibris "Gerhard Theewen".

Seite im Original: 97

Wie Theewen das Offenbare zum Geheimnis macht, die Zukunft als Vergangenheit zu erfahren

Bazon Brock bekennt sich als Sehnsüchtling der Salongewissheiten

Als Schüler freute man sich, wenn der Unterricht endlich als Experiment im Physiksaal stattfinden konnte. Der Lehrer als Zaubermeister der Physik oder Goldmacher der Chemie hantierte mit Substanzen und Instrumenten in einer Weise, dass wir uns wie auf Jahrmärkte früherer Zeiten versetzt fühlten. Der Unterricht wurde spannend, weil wir mit aller Macht versuchten, hinter das Geheimnis der Handlungen und Reaktionsbildungen zu kommen. Der Lehrer beschrieb das Geheimnis als Naturgesetzlichkeit. Aber etwas ein Naturgesetz zu nennen, heißt keineswegs, seinen Wirkungen nicht mit ungläubigem Staunen folgen zu müssen. Wissen schützt vor Weihe nicht und völlige Transparenz nicht vor der Magie der Klarheit. Schauen wir heute den Demonstrationen der Medienmagier wie David Copperfield im Fernsehen zu, dann betonen wir ausdrücklich unser Wissen, dass prinzipiell niemand zaubern kann. Dennoch fasziniert der Anschein des Wunderbaren. Die Differenz zwischen dem unmittelbaren Augenschein des Zuschauers und seinem Bemühen, den Eindruck von Zauberei durch sein Wissen zu entkräften, begründet das Vergnügen, das wir an solchen Demonstrationen finden.

Erkenntnis geht aus diesem Vergnügen hervor, sobald wir die Unvereinbarkeit von Evidenzerlebnis und Reflexion produktiv werden lassen, nämlich durch Kritik des Evidenzerlebens. Wir beginnen also sinnvollerweise mit der Aufforderung, dass man eine Ausstellung von Bildwerken, Skulpturen, Objektensembles in erster Linie besucht, um zu lernen, den eigenen Augen nicht zu trauen. Kunstwerke nennen wir diejenigen Exponate, denen es gelingt, die Kritik am Augenschein ihrerseits evident werden zu lassen. Denn Kunstwerke lehren so überzeugend wie kaum etwas anderes, dass die Kritik an der Überwältigung durch Evidenz ihrerseits wieder evident gemacht werden muss. Das gilt auch für die radikalste Form der Kritik nach dem frommen Gebot: Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen. Dem kann man nicht durch bloßen Verzicht aufs Bildermachen gerecht werden, man muss vielmehr das Bilderverbot im Bildermachen befolgen. Das hatte sich etwa eine ganze Generation jüdischstämmiger Künstler im Amerika der fünfziger Jahre zum Ziel gesetzt und sie haben tatsächlich Evidenzkritik durch Evidenzerzeugung geleistet. Ein Rothko-Gemälde zum Beispiel ist der gelungene Beweis für die Bildwerdung des Verbotes, sich von Gott ein Bildnis zu machen. Ähnliches gilt für die Vergegenwärtigung mythischer Erfahrungen oder von Kulten und Ritualen anderer als unserer gegenwärtigen Gesellschaften. Man kann deren Veraltetsein nicht einfach behaupten, sondern muss es in einer Art experimenteller Archäologie oder fiktiver Kulturgeschichte durchspielen, um die Leistungsfähigkeit dieser Vermittlung von aktuellem Erleben und uneinholbarer wahrer Bedeutung zu bewerten. Die Würde der Relikte ehemals fremder, nun vergangener Kulturen besteht gerade darin, dass wir prinzipiell niemals in der Lage sein werden, ihre Bedeutung in vollem Umfang zu rekonstruieren.

Also müssen wir versuchen, die schlussendlich uneinholbaren Leistungen der alten Seelenführer, Steuermänner und Seher dadurch zu würdigen, dass wir ihnen die Vorgehensweisen unserer Vorausseher, Vorausweiser und Vorausführer parallel setzen. Professionalisiert heißen diese Vorwitzigen Psychoanalytiker, Kunstpädagogen, Lebensberater und Unternehmungsphilosophen. Im Vergleich zu den Propheten, Weisen, Ältesten, Schamanen und Priestern historisch gewachsener Kulturen besitzen unsere Wirtschaftsweisen und Prognostiker nur eine kümmerliche Methode der Vermittlung von Diagnostik und Prognostik. Diese eine Methode heißt Hochrechnung gegebener Entwicklungen auf die Zukunft. Die Alten aber wussten, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kein Zeitkontinuum bilden und deshalb Hochrechnungen äußerst bedenklich sind. Die Zeit macht Sprünge wie ein Wasserfall oder wird träge wie Wasser in einem Becken mit winzigen Zu- und Abflüssen. Noch bis ins Barockzeitalter hinein versinnbildlichte man die höchst unterschiedlichen Zeitcharaktere durch die Gestaltung von Fließprogrammen für die Wasserführung in Parks. Jedenfalls hielten es die Alten für dringend geboten, unsere allzu selbstverständliche, also naive Auffassung vom Charakter der Zeit zu kritisieren. Der Kirchenvater Augustin, Vorbild des Dummen August als Zirkusphilosoph, meinte, einen klaren Begriff vom Wesen der Zeit zu besitzen, stellte dann aber fest, dass der Gedanke eines gleichmäßigen, kontinuierlichen Fließens der Zeit aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft angesichts historischer Erfahrungen wie der der Völkerwanderung sich als unbrauchbar erwies. Er musste erleben, wie etwa das tausendjährige Bestehen der römischen Kultur und des römischen Imperiums in kürzester Zeit von sich immer verschnellenden Ereignisfolgen der Völkerwanderung fast vollständig aufgehoben wurde. Die Zeit schien sich punktuell zu gewaltiger Kraft stauen zu können, die in kürzester Frist die Welt grundlegend veränderte, um sich daraufhin erneut in langen Perioden quälender Entwicklungs-, ja Ereignislosigkeit richtungslos auszubreiten oder träge stillzustehen. Erst in solchen Zeiterfahrungen lassen sich Phänomene wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen oder der Fortschritt als Führungsanspruch des zeitlich Ältesten klären. Augustin erlebte ja, dass hoch entwickelte römische Technologie, Verwaltung, Straßen- und Wasserbaukunst oder Chirurgie und Finanzwesen von den Einwanderern völlig unbeeindruckt als ihren Infrastrukturen bestenfalls gleichwertig betrachtet wurden, ja, dass sie das Fortschreiten der historischen Entwicklung gerade in der Ablösung des dekadenten römischen Systems durch die archaische Kraft der Hinterwäldler begrüßten und durchsetzen wollten.

Theewen fragt: Worüber spricht man mit den Neuen Menschen im Salon? Man spricht über das Vorbild des Krals, über die Überlegenheit der Stammesversammlung im Vergleich zum Parlament, über die unbezweifelbare Autorität des Clans. Die Neuen Menschen fliehen vor dem Verlust an Autorität, vor der Korrumpiertheit der Stammesführer und vor der Aufhebung des Krals durch Straßenbau und Elektrifizierung.

Wer flieht, sucht, was er vermisst. Helfen wir ihnen, das heißt uns, zu finden, was wir suchen: den Salon als Kral, das Parlament als Stammesversammlung, die Autorität der Justiz für die Solidarität mit den Opfern!

In den Neuen Menschen treten uns die alten in Vollendung gegenüber. Die Zukunft gebiert die Vergangenheit, die Zeit kehrt sich um. Wenn wir Glück haben, werden wir in 30 Jahren wieder leben wie unter Ludwig XVI. Theewen wird beauftragt, das Komitee zur dann wieder fälligen Revolution als Salonversammlung zusammenzustellen.