Albert Scopin: Asphalt

Ausstellung vom 19.02.-05.03.2016

Albert Scopin: Asphalt | Ausstellung Barlach Halle K, Hamburg 18.02.2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

 Weitere Informationen zur Ausstellung unter: www.scopin.info

Ölpest in den Kunst-Ödyllen

Einführung in die Ausstellung

Seit Jahren drängt sich mir tagtäglich ein Vorstellungsbild auf. In der Schwerölschmiere gefangene Kreaturen, die sich mit letzten Zuckungen gegen den Erstickungstod wehren, verformt die Phantasie zu Bildwerken, wie sie etwa Alfred Kubin dem selbstvergessenen Bürgertum zugemutet hat. Nahe liegt, dass der Begriff Ölmalerei als generelle Kennzeichnung für das Künstlerwerken die Transformation von ölverschmierten Vögeln zu im Kapital erstickenden Werken in Gang setzt. Die Vision der durch schwarze Finanzpropaganda verschmierten Kunstwerke verkrampft meine Muskulatur, als sei ich selbst schon in der Ölpest gefangen. Solche Phänomene kennt die Alltagssprache als Versumpfen, als verschlingende Macht des Beziehungsgeflechts in Wirtschaft und Gesellschaft, der Mafiosi wie der Regierenden, einem „Sumpf aus Korruption, Kumpanei, Indoktrination“, von dem täglich in der Presse zu lesen ist.
Nun fiel mir unerwartet die Meldung einer Freundin aus alten Zeiten, als man noch an das Trockenlegen von Sümpfen glaubte, zu. Da gebe es im Badischen, traditionsgemäß Heimat der deutschen Freiheitskämpfer und Sozialreformer,
Friedrich Hecker, Friedrich von Gagen und Robert Blum, den Künstler Scopin, der für seine Bildwerke Bitumen, also Teer, also Ölschmiere verwendet, weil dieses Zeugnis erdgeschichtlicher Wandlung am besten geeignet ist, die Bedingungen unseres Lebens auf Erden auszuweisen. Öl als fossile Energie für die Industriegesellschaften bezeichnet, jenseits aller Dialektik, das Treibmittel des Fortschritts wie der fortschreitenden Untergangsdrohung durch eben jenen Fortschritt. Und das Signum solcher schöpferischen Zerstörung, das signum mortificationis, ist das Bitumen als Basis der Chemie und insbesondere der Pharmakologie – Lebensförderung mit tödlicher Bedrohung.

Scopins Rückführung der Malerei mit Ölfarbe auf das künstlerische Gestalten mit Bitumen eröffnet eine höchst interessante Variante zum Thema „Kunst und Leben“. Denn das Arbeiten mit Teer/Bitumen im Straßenbau hat die Oberfläche des Erdkreises verwandelt wie nur wenige andere Materialien, etwa Düngemittel mit Herbi-/Pestiziden oder Sand/Silicium als Zement und in elektronischen Systemen.
Scopins Arbeiten werden ganz sicher nicht im Sumpf von Finanzindustrie und Pornografie, der hilflosen Definition der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, versinken. Denn sie ragen aus diesem Sumpf hervor als gespenstische Zeugnisse einstmalig hochgeschätzter Historien- oder Landschaftsmalerei. Sie
dokumentieren die Archäologie der Zukunft, denn wir wissen ja, dass alles noch Gegenwärtige zukünftige Vergangenheit ist. Die Scopin’schen Bituminierungen manifestieren die Einheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im engeren Sinne heißt das für Künstler und ihre Arbeiten, dass sie immer schon Vergangene sind, aber darin ein allgemeingültiges Zeichen setzen: Alles, was entsteht, ist so wertvoll für die menschliche Weltorientierung, weil es vergeht. Da sind wir doch tatsächlich weitergekommen als Goethe, der seinen Mephisto in kapitalistischer Selbstgefälligkeit sagen lässt: „Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

Scopin, ich grüße Sie zur Eröffnung Ihrer Hamburger Ausstellung mit dem Wunsch, es möge Ihnen gelingen, aus der Ewigkeitssuppe des Bitumen ähnlich sprechende Zeugnisse zu bergen, wie es den Archäologen in den Mooren gelungen ist. Sie erzählen von heidnischen Menschenopfern, als seien sie niemals wiederkehrende Formen der menschlichen Selbstüberhöhung in der Anbiederung an die Götter. Oder besser noch, Versuch der Erpressung der Götter mit der Drohung, das göttliche Geschenk des Lebens auszulöschen, wenn sich menschliche Gotteskonkurrenz nicht durchsetzen ließe. Die Menschenopfer des bitumengetriebenen Fortschritts sind weniger kenntlich als die Moorleichen. Ich hoffe, dass die Scopin’schen Arbeiten das ändern werden.