Symposium: Kunst und Krieg III - Teil 2: Krieg im Frieden

Mit Babette Babich, Marlene Baum, Bazon Brock und Matthias Winzen

Ausstellung "Lustmarsch durchs Theoriegelände" | Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, 2006
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Am zweiten Tag des Symposiums, der unter dem Titel "Krieg im Frieden" steht, sprechen Babette Babich, Marlene Baum, Bazon Brock, Matthias Winzen über "Krieg und Wissenschaft", "Tiere im Krieg" und "Kriegsspielzeug".

Bazon Brock: Einleitung

Marlene Baum: Krieg den Tieren

"Krieg den Tieren" meint provokativ den Krieg gegen uns selbst, gegen die Akzeptanz der eigenen Teilhabe an der Natur und die damit verbundene Notwendigkeit des Umdenkens. In künstlerischen Tierdarstellungen werden Projektionen und Verdrängungen als Vermeidungsstrategien gegen diese Herausforderung visualisiert.

Matthias Winzen: Krieg spielen. Der stumme Logos von Spielzeug im 19. Jahrhundert

Kaiser Wilhelm II. ist von Strukturhistorikern als „Schattenkaiser“ bezeichnet worden, mentalitätsgeschichtlich müsste er der „Spielzeugkaiser“ genannt werden. - Spielzeug war im Biedermeier erstmals durchgreifend pädagogisiert worden, wurde bald als Ware industrialisiert und in der Gründerzeit als Maschinenmodell technisiert und militarisiert. Damit kommt eine tief im damaligen Alltag, in der Sozialisation der Vielen wirksame Prägung in den Blick, eine außersprachliche, das instrumentelle Bewältigen schulende Dingebene. Im Vortrag wird nach den kindlichen Vorprägungen für das innige Zusammenspiel von positivistischem, letztlich naivem Technikvertrauen, unreifem Schwanken zwischen zukunftsstolzer Größenfantasie und altertümelnder Gegenwartsflucht, dem Verkleidungsspiel als in sich kreisendem Selbstzweck gefragt. Ein solches Zusammenspiel kennzeichnete nicht nur das Verhalten des letzten deutschen Kaisers, sondern auch das vieler Männer damals in Preußen und Deutschland: Ingenieure, Industrielle, Architekten, Juristen, Militärs.

Babette Babich: Nietzsches Sklavenmoral. Krieg, Umwertung/Revolution und Hallelujah

Mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod meinen Darstellungen über Nietzsche noch immer seine Nachwirkungen in der Politik, Geisteshaltung oder Ästhetik der Nazionalsozialisten hervorheben zu müssen, trotz seiner Sanitisierungsversuch durch Walter Kaufmann usw., sehen wir einmal von der obsessiven Neigung anderer Forscher ab, Nietzsche dadurch entnazifizieren wollen, dass sie die ganze Schuld seiner Schwester zuschreiben. Abgesehen davon, dass er Kriegslust, Unbarmherzigkeit und vor allem Grausamkeit verfechte, sprechen seine Kritiker Nietzsche des Antisemitismus und Antichristianismus schuldig wie auch des Rassismus und Frauenhasses, die sein Werk nicht nur stützen, sondern mit lauter raffinierten Beobachtungen durchziehen sollen. Nasty Nietzsche [der fiese Nietzsche] sagen seine Gegner (oder würden es zumindest sagen, wenn es tatsächlich ernstzunehmende Gegner Nietzsches gäbe). Nietzsche-Neulinge wie Nietzsche-Experten dagegen verehren ihn, als würde er ihnen eine Stimme für ihre wildesten und bösesten Gedanken verleihen: der Philosoph, der mit dem Hammer philosophiert, ein kämpferischer Denker. Nietzsche war jedoch Philologe und Gelehrter des Wortes, und als ein solcher fordert er unsere Vorurteile mitsamt unserer Vorliebe für den Krieg heraus.

Zu den Vortragenden:

Babette Babich, Professorin für Philosophie und Executive Editor der New Nietzsche Studies an der Fordham University New York; zur Zeit ist sie als Fulbright Fellow an der Humbolt Universität Berlin

Marlene Baum, Kunsthistorikerin, Wuppertal

Matthias Winzen, Professor für Kunstgeschichte an der HBKsaar, Saarbrücken, und Direktor des Museum LA8, Baden-Baden

Weiterführende Literatur zum Thema:

Krieg und Kunst, hrsg. von Bazon Brock und Gerlinde Koschik, München: Fink 2002: http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=132

Babette Babich: Nietzsche and War (Vortrag 2015): https://www.youtube.com/watch?v=jKg0_P-W7xY

Ross ohne Reiter. Das Pferd in der Kunst der Gegenwart, Katalog zur Ausstellung imKunstmuseum Solingen, hrsg. von Marlene Baum, Wuppertal: Nacke 2014.

Krieg spielen. Kunst und Propaganda vor dem Ersten Weltkrieg, Katalog zur Ausstellung im Museum LA8 Baden-Baden, hrsg. von Matthias Winzen, Oberhausen: Athena 2014:
http://www.athena-verlag.de/controller.php?cmd=detail&titelnummer=583