Ehrenpromotion von Rudolf Augstein

Festakt Ehrenpromotion Rudolf Augstein, Wuppertal 1987 | ©Alexander Burr

Rede des Dekans Bazon Brock zur Ehrenpromotion Rudolf Augsteins

Nach der Lobrede Martin Walsers ist es wohl evident geworden, warum wir heute Rudolf Angstein ehren wollen. Wie Sie, haben auch wir uns gefragt, warum nicht längst andere deutsche Hochschulen und in ihnen Historiker und Politologen Rudolf Augstein durch die Verleihung eines Ehrendoktors geehrt haben. Bevor ich Ihnen unsere Begründung für die Ehrung kurz vortragen möchte, erlaube ich mir jedoch einige Hinweise auf die Embleme, in die wir sie hier eingebunden haben. Zunächst: Wir sind in Wuppertal. Nicht nur Auswärtige muß man von Zeit zu Zeit daran erinnern, wie hier die halbwegs bekannten Fakten der jüngeren Stadtgeschichte zum Bild, zum Sinnbild sich zusammenschließen:

Das Urstromtal der ersten und teilweise auch zweiten industriellen Revolution und das flache Rinnsal durch Stadtplanungswüsten, dem die Stadt erst seit etwa fünfzig Jahren ihren Namen verdankt; die gotteslästerliche Entdeckung des Neandertalers westlich der Stadtgrenzen durch den Elberfelder Gymnasialprofessor Fuhlrott und die das Jahrhundert bestimmende Entwicklung der Farbchemie durch den Färbermeister Bayer;

die frühkapitalistische Triebkraft des reformierten Protestantismus und „die Lage der arbeitenden Klassen in England“, die Friedrich Engels hier 1845 schrieb.

Wie schließen Sektenbildung und das Wuppertaler Massenwohlfahrt zusammen? Das hiesige Anarchistenpotential der Kaiserzeit, eins der stärksten in Deutschland, und der Elberfelder Nationalsozialismus der Herren Goebbels und Strasser;

Else Lasker-Schüler und Arno Breker; der Elberfelder Enthaltsamkeitsverein und die Lustauen des Elberfelder Mäzens von der Heydt;

die weltweite Einmaligkeit der Schwebebahn und das gigantische Betongeschlinge des Sonnborner Kreuzes samt Stadtautobahn! Die hiesige Erfindung des Aspirins und die Sorgen der heutigen Stadtregierung?

Wie und worin das zusammenschließt? In der Bergischen Universität – und ich bin sicher, daß der damalige Wissenschaftsminister Rau die Universität schon als Sinnbild des scheinbar Unvereinbaren gegründet hat.

Aber wir verharren nicht in dieser Verbindung von Region und genius loci! Ich zitiere dazu eine der mir wichtigsten Selbstfestlegungen: Günter Eich hat mit einem Gedicht in den „abgelegenen Gehöften“ von 1948 eine weiter ausgreifende Verbindung Wuppertals, die Vermittlung von Heimat und Weltgeist folgendermaßen vorgeschlagen:

Aurora Morgenröte,
Du lebst, o Göttin, noch,
der Schall der Weidenflöte
tönt aus dem Haldenloch.

Wenn sich das Herz entzündet,
belebt sich Klang und Schein,
Ruhr oder Wupper mündet
in die Ägäis ein.

Dir braust im Ohr die Welle
vom ewigen Mittelmeer –
Du selbst bist die Stelle von aller Wiederkehr.
In Kürbis und in Rüben
wächst Rom und Attika.
Gruß Dir, Du Gruß von drüben, –
wo einst die Welt geschah.

Wann und woran entzündet sich das Herz?

Wann wird man selber zur Stelle aller Wiederkehr?

Eben nicht, wenn man in industriezeitalterlichem Heroismus Mauern türmt oder auf dem Weg zu Eichenlaub mit Schwertern und Brillianten Mauern stürzen läßt (beides hat Wuppertal in übergroßem Maß erfahren), sondern wenn man in Kürbis und in Rüben, auf einer Kokshalde, auf dem dreckigen Rinnsal der Wupper Rom und Attika als geschichtliche Größe erinnern kann. Solche Erinnerungen an das, was wir nicht sind und nicht sein können, was die Menschheit ein für allemal verlor und nur als Verlorenes sich gegenwärtig halten kann, entzündet das Herz und läßt im Ohr die Welle des ewigen Mittelmeeres brausen. Kürbis, Rüben, Wupper, Kokshalden; also das Banalste, das Alltäglichste, das Unauffälligste und Selbstverständlichste gilt es, ernst zu nehmen, ja zu heiligen.

Heilig der Provinzialismus, die selbstgenügsame Beschränkung aufs Nächstliegende.

Heilig die Filzpantoffeln, in denen man nicht schneller sein kann als der Schwächste.

Heilig der sinnierende Blick und die Hände im Schoß.

Heilig das matte Blatt, dem kein Gärtner droht, es zu pflegen.

Heilig, was geht, wie es immer ging, und nicht wünscht, anders zu gehen.

Sehen Sie, verstehen Sie, verehrte Anwesende, daß Wuppertal in diesem Ernstnehmen des Banalsten und Alltäglichsten seine Verbindung mit der Geschichte knüpft, ja die Stelle der Wiederkehr dessen ist, worin „einst die Welt geschah?“

Auf diese Vermittlung von Gegenwart und Geschichte heben auch die beiden anderen Embleme ab, in die wir sie hier eingebunden haben!

1966 führten Martin Heidegger und Rudolf Augstein ein Gespräch, das 1976 nach dem Tode Heideggers im Spiegel veröffentlicht wurde.

Das Großfoto von Digne Meller Marcovicz zeigt Augstein und Heidegger auf dem Wege zur Behausung Heideggers:

Ein Emblem der Zeitgenossenschaft!

Vor taumelndem Horizont spazieren auf dem Feldweg in Richtung Todtnauberg:

der Intellektuelle und der Denker –

der Büroarbeiter und der Hüttenbewohner –

der Journalist und der Universitätsprofessor –

der Städter und der Wäldler –

(zusammen ergeben sie gerade einen Wuppertaler).

Bis in die Details ihrer Attribute (Kleidung, Gepäck) wirken sie wie in Szene gestellte Repräsentanten der unvereinbaren, geschichtlich wirksamen Kräfte und Lebensformen, die uns alle zerrissen haben und die doch Zwillingsgrößen sind. Das Bild einer verlorenen Einheit, die gerade darin mächtig und wirksam ist, daß es sie nicht mehr gibt – besser, daß es sie niemals gegeben hat, wodurch sie, zumal im Deutschland dieses Jahrhunderts so virulent gewesen ist. Alle Kulturkritik, alle Machtkritik setzen bei der sehnsuchtsvoll herbeiphantasierten Einheit von Welt und Geist, von Natur und Technik, von Wort und Tat, von Rationalität und Intuition, von Analyse und Offenbarung an. Beide, Heidegger wie Augstein, sind Kritiker dieser unserer Machtphantasien und unserer Kulturohnmacht, aber sie vertreten zwei ganz unterschiedliche Positionen auf dem Weg, den sie gemeinsam da ein Stück gehen.

Nur in einem Punkte (zu mehr bleibt mir hier nicht die Zeit) sei diese Differenz angedeutet; wir wissen ja, was sie sprachen, als sie dort nebeneinander gingen. Erlauben Sie mir, die Gesprächsfolge so abzuwandeln, daß unmittelbar einsichtig wird, warum wir uns in diesem Gespräch durch Rudolf Augsteins Position repräsentiert glauben.

Augstein:
Sie haben vor ungefähr zwei Jahren in einer Unterhaltung mit einem buddhistischen Mönch von einer ganz neuen Methode des Denkens gesprochen und gesagt, diese Methode sei zunächst nur für wenige Menschen vollziehbar. Wollten Sie damit ausdrücken, daß nur ganz wenige Leute die Einsichten haben können, die nach Ihrer Ansicht nötig sind?

Heidegger:
„Einsicht haben“ in dem ganz ursprünglichen Sinne, daß sie sie gewissermaßen sagen können.

Augstein:
Ja, aber die Transmission zur Verwirklichung ist auch in diesem Gespräch mit dem Buddhisten von Ihnen nicht sichtbar dargestellt worden.

Heidegger:
Das kann ich auch nicht sichtbar machen. Ich weiß darüber nichts, wie dieses Denken wirkt. Es kann auch sein, daß der Weg eines Denkens heute dazu führt, zu schweigen, um das Denken davor zu bewahren, daß es verramscht wird in einem Jahr. Es kann auch sein, daß es 300 Jahre braucht, um zu wirken.

Augstein:
Ich verstehe sehr gut. Aber da wir nicht in 300 Jahren leben, sondern hier und jetzt, ist uns das Schweigen versagt. Wir, Politiker, Halbpolitiker, Staatsbürger, Journalisten müssen unablässig irgendeine Entscheidung treffen ... Hilfe erwarten wir vom Philosophen, wenn auch natürlich nur indirekte Hilfe. Und da hören wir nun: Ich kann euch nicht helfen.

Heidegger:
Kann ich auch nicht.

Augstein:
Das muß den Nichtphilosophen entmutigen.

Heidegger:
Kann ich auch nicht, weil die Fragen so schwer sind, daß es wider den Sinn dieser Aufgabe des Denkens wäre, gleichsam öffentlich aufzutreten ... Mein Denken steht in einem unumgänglichen Bezug zur Dichtung, zu der Hölderlins. Hölderlin ist für mich der Dichter, der in die Zukunft weist, der den Gott erwartet.

Augstein:
Sollte nicht doch der Philosoph bereit sein, sich Gedanken zu machen, wie die Menschen ihr Miteinander in dieser von ihnen selbst technisierten Welt, die Sie vielleicht übermächtigt hat, einrichten könnten? Erwartet man nicht doch zu Recht vom Philosophen, daß er Hinweise gibt, wie er sich eine Lebensmöglichkeit vorstellt, und verfehlt nicht der Philosoph einen, meinetwegen kleinen Teil seines Berufs und seiner Berufung, wenn er dazu nichts mitteilt?

Heidegger:
Soweit ich sehe, ist ein Einzelner vom Denken her nicht imstande, die Welt im ganzen so zu durchschauen, daß er praktische Anweisungen geben könnte und dies gar noch angesichts der Aufgabe, erst wieder eine Basis für das Denken selbst zu finden. Der schwierigen Lage, in die das Denken selbst hinsichtlich seiner eigenen Aufgaben versetzt ist, entspricht daher eine gerade durch die Machtstellung der Wissenschaft genährte Befremdung gegenüber dem Denken, daß sich eine für den Tag geforderte Beantwortung praktischer Fragen versagen muß.

Augstein:
Herr Professor, Sie sagen, im Bereich des Denkens gibt es keine autoritativen Aussagen. So kann es eigentlich nicht überraschen, daß es auch die Kunst schwer hat, autoritative Aussagen zu machen. Gleichwohl nennen Sie die Kunst destruktiv. Die moderne Kunst versteht sich als experimentell. Ihre Werke sind Versuche ...

Heidegger: Ich lasse mich gern belehren!

Augstein:
Und unter 100 Versuchen, so ist das überall, findet sich nur hie und da ein Treffer.

Heidegger:
Das ist eben die große Frage: Wo steht die Kunst? Welchen Ort hat sie?

Augstein:
Da verlangen Sie etwas von der Kunst, was Sie vom Denken auch nicht mehr verlangen.

Heidegger:
Ich verlange nichts von der Kunst! Ich sage nur, es ist eine Frage, welchen Ort die Kunst einnimmt.

Augstein:
Wenn die Kunst ihren Ort nicht kennt, ist sie deshalb destruktiv?

Heidegger:
Gut, streichen Sie das! Ich möchte aber feststellen, daß ich das Wegweisende der modernen Kunst nicht sehe, zumal dunkel bleibt, worin sie das Eigenste der Kunst erblickt oder wenigstens sucht.

Augstein:
Auch dem Künstler fehlt die Verbindlichkeit dessen, was tradiert worden ist. Er kann sagen: So hätte man vor 600 Jahren malen mögen oder vor 300 oder vor 30 Jahren. Aber er kann es ja nun nicht mehr. Selbst wenn er es könnte, er dürfte es nicht, sonst wären ja die genialen Fälscher wie van Megeren die größten Künstler! So ist also der Künstler, Schriftsteller, Dichter in einer ähnlichen Situation wie der Denker. Wie oft müssen wir doch sagen: Mach die Augen zu.

Unschwer werden Sie, meine Damen und Herren, diesen gerafften und leicht umgestellten Passagen aus einem langen, sehr viel längeren Gespräch entnehmen, warum wir uns mit der Ehrenpromotion Rudolf Augstein zum Gesprächspartner gewählt haben – Gesprächspartner nennt man heute diejenigen, die früher Schutzheilige oder Geber des guten Beispiels genannt wurden.

In einem Fachbereich, an dem in erster Linie angewandte Künste und angewandte Kommunikationswissenschaften gelehrt werden, stehen wir täglich vor Fragen nach der Wirkung, der Transmission von künstlerischen Konzepten und gedanklichen Konstrukten, Fragen wie sie Augstein sein Leben lang an Machtrolleninhaber, Politiker, an Denker, Wissenschaftler und Künstler gerichtet hat.

Diese Fragen zu stellen, heißt nicht, ihre unbillige Beantwortung zu erzwingen, die Fragen erreichen vielmehr schon ihr Ziel, wenn sie den Befragten auf kritische Distanz zu sich selbst und den eigenen Aussagenansprüchen bringen: „Gut, streichen Sie das!“

Derartige Reaktionen auf Fragen sind heute von uns verlangt, wenn wir nicht mit unseren Anwendungsstrategien dazu beitragen wollen, die Verheerungen der Welt nur noch zu vergrößern.

Dennoch, wir müssen handeln, wirken wollen, gestalten wollen; und verkennen nicht, daß heute vieles Mögliche nicht zu tun, es zu verhindern, vielleicht schon die bedeutendste Form des Handelns ist. Darüberhinaus bleiben mir die Taten der genialen Fälscher – wir sind bestenfalls geniale Dilettanten, das heißt, zur Fälschung Unfähige.

Ins Schweigen aber oder in die beflissene Erwartung des Gottes und der Erlösung können wir uns nicht zurückziehen.

Vielleicht zu den vorsokratischen Denkern und Erzählern, bei denen sich Heidegger zu Hause weiß und die Augstein so gut kennt wie kaum ein anderer Zeitgenosse? Ans ewige Mittelmeer? Augstein plädierte dafür, Ilias und Odyssee wie die Bibel in die Reihe der hundert bedeutendsten Bücher der Weltliteratur aufzunehmen. Er meinte, daß wir die dort entwickelten Sinnbilder für die Odyssee des Menschen als Politiker und Denker, als Krieger und Techniker schätzen könnten, weil sie die Fragwürdigkeit seines Tuns versinnbildlichen. Darauf verweist unser drittes Emblem. Der Turniertriumph des listenreichen, heute würden wir sagen des intellektuellen Odysseus über die machtgierigen Usurpatoren, indem er zwölf Axt-Öhre mit einem Pfeil durchschoß, ist auch schon der Beginn seiner eigenen Verfallenheit an die Macht: Kaum hat der große Dulder, der heimatlose Intellektuelle sich seine Heimatrechte erstritten, wird er selber zum Täter, der Blut vergießt.

Das alltägliche Arbeitsgerät (die Axt) wird zum Hoheitszeichen totalitärer Macht, den Fasces, denen noch in unserem Jahrhundert eines der machtvollsten Herrschaftskonzepte, der Faschismus, seinen Namen entlehnt.

In Augsteins listenreichem Kampf gegen diese Konzepte wird gerade der Anteil der Intellektuellen, der Denker, Künstler und Wissenschaftler an solcher Ambivalenz der Macht sichtbar; das gilt so gut für die „Axt im Walde“, wie für das Gestell der Technik, das die Macht trägt. Was nach Augsteins Erfahrung und Einsicht allein zu helfen verspricht, ist Begründung unserer Auszeichnung für ihn:

Nur wenn der Streit öffentlich ausgetragen wird und die Macht der Künstler, der Wissenschaftler vor der Öffentlichkeit begründungspflichtig wird, besteht die Chance – mehr nicht –, daß alle Beteiligten und Betroffenen wenigstens wissen, was da gespielt wird und was sie selber spielen. Das heißt, es besteht durch Öffentlichkeit die Chance, - mehr nicht –, daß die Beteiligten und Betroffenen verantwortungsfähig und verantwortlich werden.