Formwerdung III - Formkraft & Entformung

Symposium in der Denkerei Berlin (08./09.04.2016)

Sozio-Design: Einfluss der Gestaltung auf ihre Nutzer. Die Gestaltung von Leitstangen vor Schaltern erzeugt die soziale Formation „Schlange stehen“. Daher bedeutet Information, sich in eine soziale Form einzustellen.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Mit Inigo Bocken, Bazon Brock, Katrin Heimann, Nils Röller 

Teil 1: Formkraft

Freitag, 08.04.2016, 18:30 Uhr
Denkerei, Oranienplatz 2, 10999 Berlin

Bazon Brock: Sozio-Design – Objekte werden gestaltet, um das Verhalten von Subjekten zu beeinflussen

1972: Der Begriff Design muß eine Erweiterung erfahren. Wo bisher Design in erster Linie die Gestaltung von Industrieprodukten meinte, sollte künftig unter Design auch Gestaltung von Lebensformen, Werthaltungen, sprachlichem Gestus bestimmbar sein.
Der Grund für diese Erweiterung liegt in der Tatsache, daß zwischenmenschliche Beziehungen wie auch Prinzipien der Lebensorganisation sowie Eigentümlichkeiten sprachlicher Kommunikation nicht so getrennt von der gegenständlich realen Welt auftreten, wie das bisher angenommen wurde. Man kann sagen, daß die Gegenstände, wie etwa Industrieprodukte, dazu benutzt werden, solche abstrakten und nichtgegenständlichen Bedingungen des Lebens herzustellen.
Die produzierten Gegenstände sind immer auch Mittel zum Aufbau von sozialen Beziehungen. Die dringend zu beantwortende Frage ist, wie sich soziale Beziehungen verändern, bzw. wie soziale Beziehungen zugrunde gehen, wenn sich die Gegenstände verändern, über die solche Beziehungen aufgebaut werden.
Eine Antwort kann mit Gründen vermutet werden: Es gibt eine direkte Relation zwischen Sozialbeziehungen und den Mitteln, mit denen sie aufgebaut werden; oder es gibt eine direkte Relation zwischen Sozialbeziehungen und der Art und Weise, in der sie sich äußern. Veränderung des Gegenstand-Designs wird so also auch in jedem Fall Veränderung des Lebens-Designs bedeuten.

Siehe: http://bazonbrock.de/werke/detail/?id=54&sectid=412

Frank Schmitz (FU Berlin) wird im Anschluss daran einen Erfahrungsbericht über den Workshop "Auratische Räume der Moderne" (Zürich 2015) in Bezug auf das Konzept des Sozio-Design geben: http://arthist.net/archive/11266

Katrin Heimann: Formwerdung im Film

Bewegtbilder wie Film, Fernsehen und Video gehören seit langem zu unserem Alltag. Sie werden eingesetzt, um uns zu amüsieren, zu informieren, zu bilden, zu überzeugen und zu beeinflussen. Tatsächlich berichtet die „American Time Survey“, dass der US-Normalbürger 1/5 seiner Wachzeit Bewegtbilder betrachtet. Auf die Frage hin, was Bewegtbilder so erfolgreich macht, erhält man oft die Antwort, dass ihre starke „Wirklichkeitsnähe“ (als Resultate audio-visueller Live-Aufnahmen der Realwelt) einen stark immersiven und damit attraktiven Charakter begründeten). Tatsächlich allerdings ist nicht schwer zu illustrieren, wie stark sich Film und Fernsehen zumeist von den Bildern unterscheiden, die wir „mit unseren eigenen Augen“ aufnehmen würden.
Filme zeigen uns die Welt aus körperlich (oder gar geistig) unerreichbaren Perspektiven, springen von einem zum anderen Tag oder Zeitalter oder von der Erde zum Mond in weniger als einem Augenschlag; ja es ist ihnen noch nicht einmal versagt, den Lauf der Dinge auf den Kopf zu stellen. Und dies alles scheint uns (als dem Großteil der Weltgesamtbevölkerung aller Altersklassen) in ihrer Rezeption kaum zu irritieren.
Seit Jahrzehnten fragen Philosophie wie Film- bis hin zu Kognitionswissenschaften (bzw. die ihr vorangehenden Fächer), wie dies möglich ist. Die derzeit am häufigsten vertretene Meinung hierzu in den Cognitive Film Studies lautet, der Film habe sich über die letzten Jahrzehnte an menschliche Wahrnehmungs- und Kognitionsgewohnheiten so stark angepasst, dass die Erfüllung unserer stärksten Erwartungen uns blind für geringere Abweichungen mache. Film forme sich an uns bzw. habe sich an uns geformt.
In meinem Vortrag werde ich Studien aus Psychologie und Kognitionswissenschaften präsentieren, die diese These untersucht haben und sie dem ersten Anschein nach zu unterstützen scheinen. Im Anschluss werde ich darauf eingehen, inwiefern allerdings auch die genaue Gegenthese zu vertreten wäre – dass sich unsere Wahrnehmung und Kognition am Film formt(e) – weshalb Psychologie und Neurowissenschaften auf qualitative Forschung und Theorie angewiesen sind, und welche Möglichkeiten sich aus neurophänomenologischen Ansätzen ergeben – auf der Suche nach der Formwerdung im Film – die uns alle interessieren sollte.

Katrin Heimann forscht zur Zeit als Postdoktorandin am Interacting Minds Centre der Universität Arhus in Dänemark. Sie ist Philsophin und hat an der Universität Parma im Bereich der kognitiven Neurowissenschaften promoviert.
www.interactingminds.au.dk

Teil 2: Entformung

Samstag, 09.04.2016,
Denkerei & St. Elisabeth-Kirche

16 Uhr, Denkerei, Oranienplatz 2, 10999 Berlin

Inigo Bocken: Form – Transformation – Information. Theorien der Form zwischen Mystik und Metaphysik


Inigo Bocken ist Philosoph und wissenschaftlicher Leiter des Titus Brandsma Instituuts der Radboud Universität Nijmegen, Niederlande.
www.titusbrandsmainstituut.nl


Nils Röller: Steindenken – Zur Formgeschichte der Polarität

Ein äußerlich unauffälliger Stein avanciert im Spätmittelalter zu einem Modell für den Kosmos. Diesen Aspekt der Geschichte des Magnetismus untersucht der Vortrag in Hinblick auf ein Paradigma für Gestaltung von Steinen an der epistemisch variablen Grenzen zwischen belebt und unbelebt.

Nils Röller ist Professor für Medien- und Kulturtheorie an der Zürcher Hochschule der Künste. Er veröffentlichte u.a.: Magnetismus – Eine Geschichte der Orientierung (Paderborn: Fink, 2010); Über Kräfte – Eine Untersuchung des Journals für Kunst, Sex und Mathematik (gemeinsam mit Barbara Ellmerer und Yves Netzhammer Berlin: Merve, 2014).
www.journalfuerkunstsexundmathematik.de

19 Uhr, St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin

(nur nach Anmeldung unter: bazonbrock@bazonbrock.de, begrenzte Platzzahl)

Bazon Brock: Entformung – zur Ausstellung „Aphalt“ von Albert Scopin

Meister Scopin entsteigt der Arche Noah, denn auch die wurde nur durch „Teer“ schwimmfähig gemacht. Die Noah-Gesellschaft überlebte durch die Verwandlung des Lebens in den Tod, denn das ist es ja, was wir Teer nennen – unter höchstem Druck verwandelte Fossilien.
Unsere gesamte Zivilisation lebt von der Verlebendigung des Toten seit der altägyptischen Medizin über persische Leuchtfeuer bis zur Gründung der Bayer-Chemie in Elberfeld (heute ins Kunstprodukt Wuppertal gepresst). Meister Albert, ein Fossil des echten badischen Liberalismus der deutschen Revolution von 1848 ff., bewährt sich als Agent unserer Kulturgeschichte. Die startete zwar einerseits durch die Verpflichtung der Pallas Athene auf das göttliche Geschäft des Gelingens, gewann aber andererseits aus der Schmiede des Vulkans Waffengewalt, die Reiche gründete und Kulturen zugrunde gehen ließ.
Bei demiurgischen Temperaturen von 230 Grad aufwärts verarbeitet Scopin großflächig Bitumen. Seit Yves Klein und Otto Piene mit Flammenwerfern Bildträger traktierten, hat niemand sich mit der Erhabenheit stiftenden Gewalt der Natur so konfrontiert wie Scopin. Und in der Tat hat der Betrachter der Scopinschen Großformate ein Enthobenheitsgefühl. Er erkennt den Übermut künstlerischer Willkür und selbstherrlicher Gestaltungsmacht im üblichen Kunstbetrieb.
Scopins Arbeiten belegen, dass Wirklichkeit nur das ist, was sich unserem Willen nicht beugt. Sein Schaffen gilt der Anerkennung dieser Wirklichkeit.

Mehr zu den Arbeiten von Albert Scopin unter: www.scopin.info