Giebler & Götze: Grand Tour

Made in Kaisersaschern

Giebler & Götze: Grand Tour | Halle/Saale: Hasenverlag, 2016
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das fiktive Kaisersaschern aus Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ liegt unterhalb von Halle an der Saale und dieser Ort ist das imaginäre Zentrum des Konzeptes von Bazon Brock für einen "Lehrpfad der historischen Imagination". Dieser „Lehrpfad“ lässt sich faszinierenderweise als Intention der Grand Tour von Rüdiger Giebler und Moritz Götze lesen. Seit dreißig Jahren sind die beiden Maler befreundet. In dieser Zeit haben sie öfter zusammen ausgestellt, gemeinsam gearbeitet und etliche Reisen unternommen. Mitteldeutschland mit seiner verqueren, gebrochenen, aber über lange Zeit hinweg stabilen, gemütvollen Geschichte ist eine bildreiche Inspiration. (...)“

Auszug aus der Verlagsankündigung

Seite im Original: 6

Deutschaschern. Konzept für einen Lehrpfad der historischen Imagination

Nach 1989 war Mitteleuropa wieder in die zentrale Position der kulturellen und politischen Dynamik des Kontinents gerückt. Die historischen Konstellationen, wie sie bis 1914 den Kontinent prägten, erwiesen erneut ihre Geschichtsmächtigkeit. Das wiedervereinigte Deutschland wurde gezwungen, sich auf diese Konstellation völlig neu einzustellen. Das fällt schwer, weil der Primat der Bindung an Westeuropa und das transatlantische Machtgefüge es noch nicht zulassen, die historische Bedeutung Mitteleuropas zu akzeptieren. Insbesondere der Majorität der Westdeutschen fehlen die historischen Kenntnisse, obwohl seit Jahren die Verschiebung des Mittelpunkts Deutschlands nach Osten von Politikern ins Gespräch gebracht wird.

Die alten Fragen – „Deutschland, wo liegt es? Was ist des Deutschen Vaterland?“ – gewinnen brisante Aktualität, besonders unter dem allseits akzeptierten Globalisierungsgebot.

Unser Lehrpfad der historischen Imagination soll dazu beitragen, den Fixpunkt sichtbar zu machen, um den die exzentrischen Schwungmassen der historischen Dynamik Mitteleuropas rotierten. Dieser Verankerungspunkt liegt in einem uns heute noch völlig fremden Kulturraum, den wir als „Deutschaschern“ kennzeichnen. Dieser Name lehnt sich an Thomas Manns synthetische Fiktion „Kaisersaschern“ an, den Ort der Deutschheit, auf den hin er seinen Roman über das Leben von Adrian Leverkühn orientiert.

Der Name soll zugleich signalisieren, daß die alteuropäische Welt nicht mehr existiert, sondern zu Asche verbrannt ist. Nach 1989 zeigt sich, daß nicht nur die Lebenswelt der faustischen Kulturschöpfer zugrundegegangen ist, sondern Deutschland als wirkmächtige Fiktion eines nationalen Kulturstaats die spannende Frage für alle Zeitgenossen stellt: In welche neuen politischen Formierungen werden sich die historischen Kräfte einstellen lassen, wenn die Fiktionen eines vereinheitlichten Europas in der Weltpolitik wirksam werden?

Denn die Kulturlandschaften zwischen Magdeburg, Quedlinburg, Wittenberg, Halle, Weimar, Naumburg und Prag sind wesentlich älter als die Vorstellungen eines deutschen Nationalstaats. Sie bildeten das Zentrum Deutschlands seit dem 10. Jahrhundert, seit der ersten Gründung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. „Reich“ und „Nationalstaat“ waren nie eine Einheit, worüber auch die Gründung des Zweiten und Dritten Reiches nicht hinwegtäuschen kann. „Deutschaschern“ war das Zentrum der Kultur des Reiches, niemals das Zentrum des Nationalstaats, obwohl im Zweiten und Dritten Reich mit der Errichtung des Kyffhäuser-Denkmals oder der Vereinnahmung Quedlinburgs in die SS-Mythologie versucht wurde, die Geschichte des Reiches mit der Geschichte des Nationalstaats zu identifizieren.

Mit Blick auf die neue politische Einheit „Europa“ wird deutlich, daß die Konstruktion von Imperien/Reichen seit Augustus’ Zeiten über Karl den Großen, die Ottonen und Staufer, die Habsburger bis zu Napoleon im Gegenteil darauf ausgerichtet waren, umfassende Klammern um Staaten und Kulturen zu bilden. Diese Reiche waren im tatsächlichen Sinne transkulturell, vielsprachig und universell gedacht. „Deutschaschern“ ist die Region des Kulturraums Deutschland, die durch solche Reichsvorstellungen und die ebenso universell gedachten Formierungskräfte des römischen Katholikos wie der protestantischen Bekenntnisgemeinschaft geprägt wurde.

Politisch gedacht, orientiert sich die Vorstellung von einem zukünftigen gemeinsamen Europa an den universalen Zivilisierungsprojekten der Imperien und nicht der Nationalstaaten. In Deutschland erfüllte das Weimar des 18. Jahrhunderts eine Scharnierfunktion zwischen den alteuropäischen Imperien und der neuen universalen Zivilisation, getragen von der Aufklärung. Die Spiritualität der alteuropäischen Reiche – und damit auch die Deutschascherns – vermittelte Weimar mit Rationalität und Säkularisierung der neuen Weltzivilisation (goethisch „Weltkultur“). Die Weimarianer wehrten sich z.B. gegen die Romantiker, soweit die nur auf die spirituelle Kraft der mittelalterlichen Kultur orientiert waren und sich dorthin aus den Anforderungen der Zivilisation zurückzuziehen schienen.
Die Weimarianer wehrten sich ebensosehr gegen die einseitige Orientierung an westlicher Rationalität, sprich an der bloß „praktischen Philosophie“ der französischen Enzyklopädisten oder der englischen Empiristen. Sie vermittelten also zwischen Kultur und Zivilisation – eine Aufgabe, die gegenwärtig allen Europäern gestellt ist.

In Werk und Person Goethes wird diese Vermittlung noch in ihrer heutigen Perspektive repräsentiert: Straßburger Münster (Huldigung an Meister Erwin von Straßburg) einerseits und rationales Kalkül für den Aufbau von technischer Infrastruktur andererseits. In seinem Faust werden diese unabdingbaren Verklammerungen von mittelalterlicher Kultur und moderner Zivilisation weit über seine Zeit hinaus zur Kennzeichnung europäischen Verständnisses von Modernität.

Damit Deutsche die Erwartung erfüllen können, Europäer zu sein, fehlt ihnen nicht nur die Kenntnis der alten Reichskultur „Deutschaschern“, sondern auch die Vorstellung ihrer Vermittlung mit technischer Rationalität, auf die sie sich soviel zugute halten. Unter der Perspektive der Weimarianer der Goethezeit soll der Kulturlehrpfad ein heute zeitgemäßes Modell dieser Vereinheitlichungsperspektive von Mittelalter und Moderne, von Imperium und Sacerdotium, von Kultur und Zivilisation zur Diskussion stellen.

Aus: Bazon Brock: Der Barbar als Kulturheld. Köln: DuMont, 2002.