Bilder von Luther

Harald Birck: Zeichnungen und Plastiken

Bilder von Luther | Leipzig: edition chrismon, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Sprachschöpfer und Seelsorger, Gastgeber und Kapitalismuskritiker, Dichter und Übersetzer, Ehemann und Raubein – auch 500 Jahre nach der Reformation ist Martin Luther glücklicherweise nicht in ein Bild zu pressen. Und so haben sich in diesem Buch prominente Zeitgenossen neugierig der Frage gestellt, wer Luther für sie persönlich ist.

Zusammen mit Harald Bircks künstlerischen Annäherungen an Luther vermittelt es Wissenswertes, Vergnügliches, Hochpolitisches und Alltägliches rund um Luther und lädt ein, sich erneut oder erstmals auf die faszinierende Persönlichkeit und das Lebenswerk des Reformators einzulassen.

Mit Beiträgen von:

Heinrich Bedford-Strohm, Arnd Brummer, Malu Dreyer, Udo Di Fabio, Gundula Gause, Harald Martenstein, Ursula Ott, Nora Steen, Feridun Zaimoglou, Torsten Zugehör und anderen.

Harald Birk
geboren 1960, lebt und arbeitet als bildender Künstler in Berlin und Marval/Frankreich. 2012 hat er eine Lutherstatue aus Bronze für das Lutherhotel in Wittenberg geschaffen. Im Umfeld dieser Arbeit fand er mehr und mehr Freude daran, sich mit unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksmitteln dem Menschen Martin Luther zu nähern. Dafür nutzte er nicht nur historische Vorbilder, sondern es standen ihm auch leibhaftige Menschen Modell.

Seite im Original: 31

Experimenteller Tintenfasswurf auf der Wartburg

Man hört, dass puristische Entmythologisierer des Denkmalschutzes beschlossen hätten, im Lutherzimmer auf der Wartburg nicht mehr jene Zeichen an der Wand zu restaurieren, die herkömmlich als Verweis auf Luthers Abwehr der Versuchungen teuflischen Opportunismus und höllischer Verzweiflung durch einen Wurf mit dem Tintenfass gedeutet wurden.

Wir wollen den Einwänden der Denkmalpfleger gegen die volkstümliche Legendenbildung durchaus Rechnung tragen, indem wir an Ort und Stelle die Kritik durch historische Wahrheit mit dem populären Evidenzerleben in einer künstlerischen Aktion auf höherem Niveau versöhnen.

Wir baten um die Möglichkeit, im Lutherzimmer unter Wahrung aller konservatorischen Sicherheitsstandards, den hypothetischen Tintenfasswurf Luthers experimentell in verschiedensten Varianten nachzuvollziehen und dem Publikum das Resultat des Experiments in jeweiligen Unikaten im Museumsshop anzubieten. Das Ganze wurde ein Paradebeispiel für die wissenschaftliche Kritik am naiv-populären Evidenzerleben durch die künstlerische Kraft zur Evidenzerzeugung durch Evidenzkritik.

Diese Kurzfassung unsrer Geburtstagsaktion für Luther am 10. November 2009 bedarf einiger Erläuterungen: Wie schlägt man zum Beispiel die psychologische Brücke von der Volksmythologie zur positiven Wissenschaft? Beiden Seiten erweist man die Ehre, wenn man sich klar macht, dass der Übersetzer Luther gerade den Geist der biblischen Schrift aus dem Gefängnis seiner unzugänglichen Sprachlichkeit befreien wollte. Dafür entwickelte er den genialen Gedanken, die theologischen Begriffe aus der Differenz der Wortbedeutungen im Aramäischen, Hebräischen, Griechischen und Lateinischen zu erschließen. Die Bedeutung des Wortes offenbart sich gerade in der Unterschiedlichkeit seiner sprachlichen Fixierungen. Deshalb musste Luther Begriffsschöpfungen des Deutschen entwickeln, die nie zuvor gebraucht worden waren. Luther umging das Problem der fundamentalistischen Eindeutigkeit der Wortbedeutungen, das heißt der Versteinerung des Sinns in der Eineindeutigkeit, durch poetische Verschränkung von sprachlichem Ausdruck und innerer Anschauung.

Jedem Künstler oder alltäglichen Liebesbriefschreiber ist klar, wie schwer es ist, den Geist der Botschaft gegen die immer gegebene Beschränktheit der Worte und Zeichen zu behaupten. Nur zu gerne möchte man drohenden Missverständnissen entgehen, indem man jedem Brief oder Bild den Appell vorauseilen lässt, man habe es nicht so gemeint, sondern irgendwie ganz anders. Aber jeder Versuch, es dann ganz anders zu sagen, fordert wiederum den Vorbehalt heraus, man möge nicht am Buchstaben kleben, sondern das tatsächlich Gemeinte jenseits der Buchstäblichkeit zu erspüren trachten.

Es ist ja alltagspsychologisch jedermann als Erfahrung gegenwärtig, dass einen die Verzweiflung packen kann über die scheinbare Borniertheit der Adressaten, partout das Gesagte ganz anders verstehen zu wollen, als man es gemeint hat. Der ,,Tintenfasswurf“ kennzeichnet demnach die exzessive Reaktion auf die eigene Unfähigkeit, den Geist der Texte, gar als Gesetze, über die schriftliche Fixierung hinaus zu wahren. Jeder kann nachempfinden, dass der sich quälende Schreiber Tabula rasa machen will, indem er alles vom Tische fegt, um ganz von vorne zu beginnen.

Luthers Tintenfasswurf muss demnach als explosive seitliche Wegwischbewegung des Tintenhörnchens vorgestellt werden. Wobei die schwärzliche Tinte gerade die teuflische Versuchung markiert, sich mit der bloßen Fixierung der Bedeutung im Wort auf dem Papier zufrieden zu geben. Man unterliegt sozusagen der Versuchung, den Kerker der Buchstäblichkeit zu akzeptieren und unter der Qual der Schreibarbeit den heiligen, alle materielle Physik der Zeichengebung übersteigenden Geist zu verraten, um endlich dem ewigen Hin und Her der Abwägungen, des Zweifels und der voraussehbaren, aber unvermeidlichen Missverständnisse zu entgehen. Noch Goethes ,,Faust“ – ein veritabler Imitator Luthers – lässt uns diese Panik in der Verfehlung des Sinns nachempfinden, wenn Faust in seiner Studierstube analog zu Luther versucht, das griechische Wort ,,Logos“ sinnstiftend ins Deutsche zu übersetzen.

Seit dem 14. Jahrhundert versuchen bildende Künstler, das geschilderte Problem zu umgehen, indem sie von vornherein mit Bildzeichen operieren, die einerseits das sind, was sie materiell-physisch zu sein scheinen. Und andererseits über sich selbst hinaus verweisen auf die Welt jenseits der Zeichen, also auf die Sphäre des Lebens und des Geistes. Hätte Luther die teuflische Qual umgehen können, indem er seine Bibelübersetzung in Malereien fixiert hätte, als Bilder der inneren Gesichte, die bei Nennung von Worten oder Begriffen unvermeidlich in jedem Hörenden entstehen? Luther also in Wahrheit ein bildender Künstler? Die Reformation also eine Erweiterung des Zeichenbegriffs? Statt der buchstäblichen Einheit von Zeichen und Bedeutung entdeckte der Reformator die geist- und sinnstiftende Differenz von Bezeichnendem und Bezeichnetem – der reformatorische Geist also als Dynamo der Kommunikation über Vieldeutigkeit, Mehrwertigkeit, Doppelsinn und Hintersinn? Die Entdeckung der Bedeutung als das, was zwischen den Zeilen gesagt werden kann? Die Reformation also als Befreiung des Geistes aus den Fesseln der Dogmatik? Jawohl, so war es. Die lutherische Auffassung von Erkenntnisstiftung durch Übersetzungstätigkeit hat für so viele bildende Künstler zwischen Dürer und Michelangelo, zwischen reduktionistischer less is more-Pathetik des Minimalismus und der Konzeptkunst – nur der Geist zählt, nicht das materielle Substrat –, bis hin zu der grundsätzlichen Frage der Neurowissenschaften, ob es nichtverkörperten Geist geben kann, so große Fruchtbarkeit entwickelt. Wer darüber sich kunst- und kulturgeschichtlich informieren möchte, tut das am besten durch Beschäftigung mit Werner Hofmanns Publikation von 1983, ,,Luther und die Folgen für die Kunst“.