Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 8

Bitte keine Polemik

Um 1900 hatte jede (kaiser-)kritische Redaktion eines (Satire-)Blattes einen Sitzredakteur!

Der saß ein, nämlich im Gefängnis, wenn die Redaktion wegen Majestätsbeleidigung oder dergleichen amtlich zur Buße genötigt wurde.

Erstaunlich: Von Sitzphilosophen oder Sitzchemikern wurde nichts berichtet, außer dass sie zu preußischen Hauptmännern befördert wurden, wenn sie durch Erfindung von Giftgas oder ähnlichen Patriotismen dem Vaterland gedient hatten.

Der Sitzredakteur bewies: Das Kabarett war zur effektivsten Institution der Gesellschaftskritik geworden und ist es bis heute. Nicht Habermas, sondern Volkers Pispers wirkt nachhhaltig; nicht Parlamentarier, sondern ein Böhmermann tritt Diktatoren auf die Selbstbeweihräucherung als Freiheitsgaranten; nicht »aus dem Parlament«, sondern »aus der Anstalt« kommt das tatsächlich »neue« Zeugnis für die Verteidigung des Grundsätzlichen. Die Kabaretts sind heute moralische Anstalten schillerscher Mächtigkeit, wie es einst Theater und Universitäten waren.

Im Zentrum der kabarettistischen Stiftung von Vernunft steht die Polemik. Die fürchten die Deutschen wie den Verlust ihrer Währung, obwohl das griechische »polemos« stets als »Krieg« eingedeutscht wurde – und den verehrten die Deutschen als Vaterlandsmacht doch sehr. Aber »polemos« heißt so schlicht wie bedeutungsstark »Streit« oder Kampf der Meinungen oder Meinungsstreit. Alle Behauptungen sind nur so wahr wie ihre Widerlegungen oder alle sind wichtig, wenn niemand weiß, was richtig ist. Es geht um das Wahre, Gute und Schöne, gerade weil niemand sie kennt. Nur das als falsch Erkannte ist noch auf Wahrheit bezogen. Der Lügner, wenn er sich als solcher bekennt, gibt der Wahrheit die Ehre, die Ehrenmänner lügen noch beim Lügen.

Lange vor dem Wissenschaftsphilosophen Popper wusse ten die Kabarettisten, dass Aussagen nur verlässlich sind, soweit sie sich als falsch erkennen lassen. Wenn doch Frau Merkel wüsste, wie haltlos ihre Allmachtsposaunerei ist, würde man sie verehren müssen; aber leider betreibt sie nur Realsatire und macht uns Polemosophen unlautere Konkurrenz.