Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 70

Zum Tod von Max Bense

Ungehorsam der Ideen (1990)

Häufig drückte er seine Position bei kleinen Anlässen am deutlichsten aus; so bei den Kunstgesprächen in Baden-Baden, die er im Herbst 1959 moderierte. Drei Themenkreise verknüpfte er für die prominenten Teilnehmer (Adorno, Gehlen, Kahnweiler, Farner) zu einer Problemstellung: das Kunstmanagement, die Entgegensetzung von Ost-Kunst und West-Kunst und die Frage nach der Leistung der nichtgegenständlichen Malerei. „Wenn die heutige Kunstproduktion ästhetisch beurteilt wird, darf man das Problem nicht unterschlagen, ob Kunst gemanagt wird. Ich halte es für etwas Positives, daß eine Verklammerung von gesellschaftlichen und ästhetischen Leitlinien hier gewünscht und bestätigt ist. Die „Verklammerung“ sei vom Kritiker zu leisten; aber „er ist hier am schlechtesten weggekommen. Vielleicht mit Recht, weil er sich nur ernährt von den üblichen Geisteswissenschaften, die sich nicht der angemessenen soziologischen, technologischen und ästhetischen Grundbegriffe und Vorstellungen bedienen, um ästhetische Qualität überhaupt erst einmal zu fixieren. Ich persönlich glaube, daß der ästhetische Prozeß der Hervorbringung eines möglichen Kunstwerks erst abgeschlossen wird durch und in der Kritik. Die Kritik gehört zum ästhetischen Prozeß.

Darum ging es ihm: ästhetische Qualität so umfassend zu lernen, daß ein kritisches Urteil auch gegenüber der ungegenständlichen Kunst möglich wurde. Ihr kam man nur, wie er meinte, mit Gedankenbewegung und nicht mit Gemütsbewegung nahe. Ungegenständliche Kunst, die mit den herkömmlichen Methoden der Kunstgeschichte und der Ästhetik nicht zu erfassen ist, konnte erst als „subtil und komplex“ wahrnehmbar werden, wenn man ihre Theorien der Hervorbringung ernst nahm. Diese geistige Arbeit der Künstler hatte die Kritik herauszuarbeiten und zu reflektieren. Nur so würde es gelingen, „Emotionalismus und Konfessionalismus aus dem Urteil über Kunst zu vertreiben und die Selbstauffassung der Künstler über das Niveau der Predigt und der Litanei zu erheben“. Denn die privatistische Schwafelei des Kunsturteils hatte den Zusammenhang von gesellschaftlicher und künstlerischer Arbeit in der Vergangenheit wie in der Periode des Kalten Krieges derart parallelisiert, daß das Verständnis sowohl der sozialen, der polit-technologischen wie der ästhetischen Prozesse weit hinter deren tatsächlichem Entwicklungsstand zurückblieb. Mit dieser Behauptung löste Bense allenthalben heftigen Widerstand gegen seine Arbeit aus; andererseits war er gerade deshalb für die jungen Intellektuellen, Wissenschaftler und Künstler der fünfziger und sechziger Jahre so interessant. Als einem der ersten Philosophen war ihm die Bedeutung der nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Informationstheorie und Kybernetik bewußt geworden. Er sah als Philosophieprofessor KULTUR 2 an der Technischen Hochschule in Stuttgart in diesen neuen Konzepten die Möglichkeit, technisch/zivilisatorische und ästhetisch/kulturelle Arbeit denselben Methoden der Hervorbringung und der Kritik zu unterwerfen, anstatt sie nur im humanistischen Pathos versöhnen zu wollen. Künstlerische und wissenschaftliche Produktionsprinzipien konnten unter dem Druck der industriellen Fertigung als Einheit betrachtet werden, wenn man „ihnen gegenüber die Seinsthematik vernachlässigte und die Zeichenthematik begünstigte“. Alle Klassen von Aussagen als Gefüge von Zeichen im kommunikativen Prozeß betrachten zu können, dazu bot die Informationstheorie einen brauchbaren Ansatz, den Bense und seine Schüler für ihre Zwecke über zwanzig Jahre zu modifizieren versuchten.

„Ästhetische Realisation hat den Charakter einer Nachricht oder Information, nicht den Charakter einer neuen Wesenheit oder Substanz;

sie unterliegt dem Schema der Kommunikation und Vermittlung; das wird die Ästhetik von einer metaphysischen in eine technologische Disziplin verwandeln. Alle Information ist ästhetische Information, insofern sie notwendig auf Zeichen bezogen sein muß; ihre Semantik hat. Die Information in der Überraschung, im unvorhersehbaren Neuen, das durch Verfahren der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht nur begrifflich (wie Theorien der Avantgarde), sondern numerisch, also in Zahlen, zugänglich ist.

„Es gibt nur eine Scala, die reich und fein genug wäre, die reduzierten Farb- und Linienzüge, die auf den Bildern des informellen Taschismus und denen der formellen geometrischen Kunst nur sich selber repräsentieren, zu unterscheiden: die numerische Scala, in der jedes Schema der Unbestimmtheit und der Überraschung rechnerisch zugänglich wird.“ Information als Unbestimmtheit und Überraschung läßt sich nicht als Offenbarung oder Inspiration, sondern nur als Auswahlprozeß sinnvoll beschreiben, deshalb muß die Freiheit zur Auswahl gegeben sein; aus der Notwendigkeit der Wahlfreiheit für die Hervorbringung von Information ergab sich nicht zuletzt für Bense die „Verklammerung“ von Technik und Kunst einerseits und Gesellschaftspolitik andererseits. Um cartesianische Rationalität, der das Hauptinteresse des jungen Bense galt, zu gewährleisten, müssen alle Aussagen, nicht nur die künstlerischen, in der Kritik auf die Mittel beschränkt werden, mit denen sie zustande kommen und kommuniziert werden. Diese Mittel sind eben Zeichenfigurationen. Die Formen, in denen die Botschaft der Zeichen, also ästhetische Botschaften, hervorgebracht werden, sind schlicht und einfach, so meinte Bense, Systeme der Mischung und Systeme der Anordnung. Als Theorie gefaßt, werden sie als Formen der Intelligenz und des Geistes wirksam. Kunstwerke befinden sich nur auf der Höhe der modernen Zivilisation, wenn sie durch bewußte und intelligible Prozesse und Techniken diese Formen repräsentieren. Sie sind weder wahr noch falsch, denn sie vermitteln keine Kenntnis, sondern demonstrieren die Operationsformen der Intelligenz und des Geistes. Sie sind gerade nicht als „Wahrheitswerte“, sondern nur als Realisationen erfahrbar.

Das einzige, was wir zu erkennen und zu steuern vermögen, sind die Ordnungen der Zeichengefüge, die aber sind redundant, das heißt, sie sind immer schon bekannt. Was wir KULTUR 3 nennen, bringt uns nicht weiter, und das Neue, das uns weiterbrächte, ist nur so lange neu, wie es unbestimmt bleibt. Aus diesem Dilemma der Kommunikation wollte die Bensesche Informationsästhetik herausführen, indem sie Information und Redundanz in ein rechnerisch bestimmbares Verhältnis setzte, also an die Stelle der Wahrheitswerte normative Werte. Damit vor allem die Kunst und die Technik auf solche Normen gelingender Kommunikation orientiert werden konnten, war nach Benses fester Überzeugung „die Wissenschaft der modernen Kunst und Technik eine Ästhetik schuldig“. Es hat schon tragische Züge, daß diese Bensesche Ästhetik gegenwärtig, da der Computer zum alltäglichen Mittel der Realisation von Information geworden ist, fast vergessen wurde. In den letzten Jahren vor seiner Erkrankung hielten die Künstler dem vitalen und berserkerhaften Informationsästhetiker Bense vor, was HAP Grieshaber ihm schon in jenem Baden-Badener Kunstgespräch entgegenschleuderte: „Der Markt ist für die Künstler wichtiger als die Ästhetik.“ Gerade davon war Bense ja ausgegangen.

Der fulminante Hochschullehrer Bense wurde bezichtigt, soziale und politische Ideen gegenüber technischen Mitteln der Kommunikation für bedeutungslos zu halten. Aber den „Ungehorsam der Ideen“, also die Unbestimmtheit des Neuen, wollte er vor allem produktiv werden lassen. Der konkrete Poet und Künstler Bense wurde zum Formalisten gestempelt, obwohl er doch Ordnung als bloße, aber notwendige Redundanz entdeckt hatte. Wir sind ihm alle eine neue Würdigung seines Werkes schuldig.