Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 176

Der Teufel steckt zwar im Detail, Satan aber im System der Ernstfalldenker

Carl Schmitt, Heinrich Meier (1987)

Das Publikum steht immer noch gaffend und fasziniert vor der Schaubude eines Illusionisten namens Carl Schmitt. Man gaffte ihn an, weil er als „Kronjurist des Dritten Reiches“ in der Aura jener Macht stand, die durch das Ernstnehmen von geistigen Konstrukten die größten Umwälzungen aller Lebensbereiche in der jüngeren Geschichte Europas erzwang. Und man war von seinen Tricksereien fasziniert, weil er nach 1945 ohne den geringsten Vorbehalt oder das Eingeständnis eines Irrtums die Ost-West-Konfrontation als Rechtfertigung des Dritten Reiches zu verstehen förderte. Es ist allerdings nicht damit zu rechnen, daß nach dem absehbaren Zusammenbruch der Ideologie des Ost-West-Konflikts die Faszination der Begriffsakrobatiken Carl Schmitts nachlassen wird; denn Schmitts Philosophie des Ernstfalls dürfte für Intellektuelle noch an Attraktivität des Kontrafaktischen gewinnen, wenn der Ernstfall aus dem politischen Kalkül verabschiedet wird.

In gewisser Weise hat Schmitt immer schon gegen eine Kultur diesseits des Ernstfalls polemisiert. Er war insofern seinen Zeitgenossen diagnostisch überlegen, als er die Entwicklungstendenzen zu einer Kultur diesseits des Ernstfalls frühzeitig erkannte und den zu erzwingenden Ernstfall als kontrafaktische Behauptung gegen diese Tendenzen setzte. Soweit man das beurteilen kann, akzeptierten die Schmitt-Verehrer seine Philosophie aber gerade nicht als rebellische Geste gegen absehbare Zwangsläufigkeit der politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen; vielmehr galten seine Behauptungen selbst als systematisch zwingend begründet. Diese Faszination dürfte nur zu dämpfen sein, wenn es zu zeigen gelingt, daß es mit der vielgerühmten systematischen Stringenz des Schmittschen Denkens nicht weit her ist.

1988 veröffentlichte Heinrich Meier seine Schrift „Carl Schmitt, Leo Strauss und ‚Der Begriff des Politischen’“, in der Meier die immanente Logik Schmittschen Philosophierens nüchtern und ohne jede Polemik gegen die zeitgeschichtliche Bedeutung Schmitts und seines Werkes rekonstruiert. Meiers Analyse ist umso bedeutsamer, als er nicht nur durch den Vergleich der drei Fassungen von „Der Begriff des Politischen“ die ganze Haltlosigkeit des Schmittschen Gedankenbaus enthüllt; Meier gelingt es nachzuweisen, daß Schmitt selber die Unzulänglichkeit seiner Argumentation bewußt war, er aber alles daran setzte, seiner zeitgeschichtlichen Wirkung zuliebe, die permanenten Selbstwidersprüche, Tautologien und ideologischen Fixierungen seines Denkens zu kaschieren. Meier lastet Schmitts Fintieren durch Verschweigen, Weglassen und Begriffsverdrehungen nicht der bekannten Charakterschwäche Carl Schmitts an, die sich insbesondere darin zeigte, daß er nach 1933 die Namen jüdischer Autoren aus seinen Schriften eliminierte oder mit niederträchtigen Kennzeichnungen verhöhnte – warum soll jemand, bloß weil er Wissenschaftler ist, gegen Opportunismus und verblendende Eitelkeit gefeit sein?

Daß aber ein durchgängiger Versuch, Denken auf entlastende Bearbeitung karrierefördernder Gelegenheiten auszulegen, schon deswegen für Wissenschaft gehalten wird, weil man eine eingestandene Unhaltbarkeit und offensichtliche Unsinnigkeit methodisch betreibt, ist nicht Schmitt anzulasten, sondern jenen, die Schmitt als bedeutenden Wissenschaftler selbst dann akzeptieren, wenn sie sich von seinen Positionen zu distanzieren versuchen.

Meier kontrolliert seine Auseinandersetzung mit Schmitts Programmschriften über den Begriff des Politischen an einer ausführlichen Rezension, die der junge Leo Strauss 1932 im „Archiv für Sozialwissenschaften“ veröffentlichte. In diesen „Anmerkungen zu Carl Schmitt“ versuchte Leo Strauss nach Auffassung von Meier, Schmitts Position so stark zu machen, wie sie nur über Schmitt hinaus gedacht werden konnte.

An dieser Stelle kann das nur an einem Punkte gezeigt werden. Schmitt hatte konstatiert: „Hört die Unterscheidung von Freund und Feind auch der bloßen Eventualität nach auf, so gibt es nur noch politikreine Weltanschauung, Kultur, Zivilisation, Wirtschaft, Moral, Recht, Kunst, Unterhaltung usw., aber weder Politik noch Staat.“ Leo Strauss hebt in seinen Anmerkungen von 1932 das Wort Unterhaltung hervor, weil, wie er schreibt, „Schmitt alles dazu tut, um die Unterhaltung in einer Reihe ernster Beschäftigungen des Menschen beinahe verschwinden zu lassen; vor allem täuscht das unmittelbar auf ‚Unterhaltung’ folgende ‚usw.’ darüber hinweg, daß Unterhaltung wirklich das letzte Glied der Reihe, ihr finis ultimus ist. Schmitt gibt so zu verstehen: Die Gegner des Politischen (als Unterscheidung von Freund und Feind, B.B.) mögen sagen, was sie wollen; sie mögen sich für ihr Vorhaben auf die höchsten Anliegen des Menschen berufen; der gute Glaube soll ihnen nicht abgesprochen werden; zugegeben, daß Weltanschauung, Kultur usw. nicht Unterhaltung sein müssen, aber sie können zur Unterhaltung werden; hingegen ist es unmöglich, Politik und Staat in einem Atemzug mit Unterhaltung zu nennen; die einzige Garantie dagegen, daß die Welt nicht eine Welt der Unterhaltung wird, sind Politik und Staat; daher läuft das, was die Gegner des Politischen wollen, zuletzt hinaus auf die Herstellung einer Welt der Unterhaltung, einer Welt des Amüsements, einer Welt ohne Ernst. ‚Ein endgültig pazifizierter Erdball wäre eine Welt ohne Politik. Es könnte in ihr mancherlei vielleicht sehr interessante Gegensätze und Kontraste geben, Konkurrenzen und Intrigen aller Art, aber sinnvollerweise keinen Gegensatz, auf Grund dessen von Menschen das Opfer ihres Lebens verlangt werden könnte.’ (C.S.) Auch hier ist das, was Schmitt dem Idealzustand der Pazifisten konzidiert, was ihm an ihm auffällt, seine Interessantheit, seine Unterhaltsamkeit ... Natürlich will er (Schmitt) damit nicht in Zweifel ziehen, daß die Welt ohne Politik interessant ist: Von nichts ist er mehr überzeugt als davon, daß sie ‚vielleicht sehr interessant ist’... das ‚vielleicht’ stellt nur in Frage und allerdings in Frage, ob diese Interessantheit das Interesse eines Menschen, der diesen Namen verdient, beanspruchen könne; es verbirgt und verrät den Ekel vor dieser Interessantheit, die nur möglich ist, wenn der Mensch vergessen hat, worauf es eigentlich ankommt.

So wird klar, warum Schmitt das Ideal des Pazifismus (grundsätzlicher: das Ideal der Zivilisation) verwirft, warum er das Politische bejaht: er bejaht das Politische, weil er in dessen Bedrohtheit den Ernst des menschlichen Lebens bedroht sieht. Die Bejahung des Politischen ist zuletzt nichts anderes als die Bejahung des Moralischen.“

Drei Positionen sind hier für die heutige Sicht auf die Kultur diesseits des Ernstfalls hervorzuheben: Die Welt der Unterhaltung ist nicht weniger interessant als die Welt des Ernstfalls; der Einwand gegen sie entstammt einem Ekel gegen das Ideal des Pazifismus, weil in einer so befriedeten Welt keinem Menschen mehr das Opfer seines Lebens abverlangt werden kann.

Mal abgesehen davon, daß es andere Interessantheiten gibt als die von Schmitt bezeichneten Gegensätze, Konkurrenzen und Intrigen zwischen Menschen, dürfte heute klar sein, daß die Ernstfälle, in denen Menschen ihr Leben opfern oder, deutlicher noch, in denen das Leben von Menschen geopfert wird, auch nichts anderes als eine Interessantheit im Sinne der Unterhaltung sind. Katastrophen, Kriege, Zusammenbrüche der Existenzen von Individuen sind auf keine andere Weise rezipierbar als in der gaffenden Neugier der Unbeteiligten und in dem Nervenkitzel dramaturgisch geschickt aufbereiteter Unterhaltung. Wie sollte das auch anders möglich sein, wenn doch den Ernstfall gerade die Überschreitung jeglicher Erfahrung und die Möglichkeit des Verstehens auszeichnet? Wollte man existentielle Tiefe dann für erreicht halten, wenn es dem Menschen gelingt, die Begründung seines Lebens jenseits des Lebens der Menschen zu erfassen, dann hieße das, den Lebenden ihre Existenz abzusprechen. Darauf mag es zwar Denkern wie Carl Schmitt angekommen sein, um sich als Richter über das Leben von Menschen legitimieren zu können, nichtsdestoweniger wäre das Ziel, derartige existentielle Tiefe zu erzwingen, nur erreichbar, wenn alle Menschen ihr Leben dem Leben opferten. Das ist eine Unsinnigkeit wie die, im Namen der Liebe zu töten oder die, im Namen eines Glaubens zu missionieren, indem man die zu Missionierenden mit Feuer und Schwert ausrottet. Ein Leben diesseits des Lebens (als Pazifizierung im status quo) als menschenunwürdig zu stigmatisieren, ruft sehr viel verständlicheren Ekel hervor als den vor dem Ideal der Zivilisation behaupteten. Wenn für letzteren schon die Sehnsucht nach existentiellem Tiefgang angeführt wird, dann geben sich die Erzwingungsstrategen des Ernstfalls selber der Lächerlichkeit preis, insofern sie im status quo einer gesicherten, bourgeoisen Existenz verharrten, die ihnen den vollen diesseitigen Lebensgenuß ermöglichte. Dagegen zu polemisieren, um andere zum Verlassen dieses gesicherten Lebensgenusses zu verführen, ist nichts als lächerlich.

Der Staatsrat Carl Schmitt empfand es als eine Zumutung, ihm möglicherweise den Pensionsanspruch vorzuenthalten oder ihn mit irgendwelchen anderen Konsequenzen seines Tuns und Lassens auf Erden zu konfrontieren, die ihm auch nur vorübergehend einige Unbequemlichkeiten verursacht hätten. Und mit ihm lehnten sich die Großdenker der Eigentlichkeit, die Schlachtenlenker des totalen Krieges, die Richter der Glaubenstreue, die Zuchtmeister der Menschenveredelung und die Exekutivdirektoren der Ausrottung in die mit Häkeldeckchen geschmückten Garnituren bürgerlicher Gemütlichkeit zurück, um mit Verachtung über die Seinsvergessenheit ihrer Zeitgenossen Stammtischkommentare abzugeben, die sie als Wissenschaft tarnten.

Mit weniger Ekel formuliert, läßt sich ein grundsätzlicher Irrtum der Ernstfalldenker so anführen: Daß der kriegerische, auch bürgerkriegerische Ernstfall als Regulierung der Konflikte zwischen Menschen ausscheidet, bedeutet keineswegs, die Menschen lebten nunmehr pazifiziert. Der Begriff Pazifismus konnte zwar vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 50er Jahre des 20. Jahrunderts so eingeschränkt verstanden werden, wie das Carl Schmitt tat; er umfaßte aber immer schon die Frage nach der Sicherung von verbindlichen Beziehungen zwischen Menschen im normalen Konfliktfall und nicht erst in der Ausnahme des Ernstfalls.

Pazifisten leugneten nicht die permanenten Konflikte, sondern die Anwendung von tödlicher Gewalt zu ihrer Regulierung.

Die Bedeutung dieser Frage wird nicht dadurch eingeschränkt, daß die Pazifisten wenig überzeugende Antworten zu geben wußten; bis heute wissen wir kaum bessere.

Die Frage bleibt umso dringlicher, als heute jedermann klar ist, was Carl Schmitt, Heidegger, Jünger und anderen schon in den 1920er Jahren zu diagnostizieren möglich war, nämlich wohin die totale technische Mobilisierung führen könnte: Das Überleben der Menschheit ist fraglich geworden, ein wahrhaft existentieller Ernstfall. Allerdings liegen die Vermutungen nahe, besagte Denker hätten es für geboten gehalten, Milliarden Menschen zu opfern, um dem Rest der Auserwählten das Weiterleben wie bisher zu garantieren. So gesehen, ist der herbeigezwungene Ernstfall selbst nichts anderes als die Sicherung des status quo, gegen den er ständig beschworen wurde. Der status quo ist der Naturzustand eines Kampfes ums Überleben; auf die Zivilisation angewendet, soll er denen das Überleben sichern, die geschickt oder machtvoll genug sind, andere für sich sterben zu lassen und sich zugleich noch von aller Verantwortung und Schuld freizusprechen, indem man das Opfer der anderen zu deren Selbstopfer in höherer Einsicht rationalisiert.

Wer versucht, zu anderen Formen der Konfliktregulierung zu kommen, zieht sich nicht auf die unterhaltsame Banalität einer Welt ohne Politik zurück. Er ist im Gegenteil zu einer noch illusionsloseren Konfrontation mit den anstehenden Problemen fähig. Das zeigt Heinrich Meier an der Argumentation von Leo Strauss gegen Carl Schmitt. Daß er die Position Carl Schmitts noch radikalisierte, bedeutet, so macht Meier klar, eben nicht, Strauss habe bei den Schmittschen Positionen verharren wollen. Die Begründungen und die Konsequenzen, die Leo Strauss vorträgt, sind völlig andere als die Carl Schmitts.

Dazu Heinrich Meier: „Auch die polemische Beschreibung des apolitischen Gegenentwurfs (durch Leo Strauss), deren zentrale Aussage nur tautologisch wiederholt, was in Schmitts Begriff des Politischen selbst ausgesagt ist, erreicht ihr Ziel und entfaltet ihre Bedeutung gerade durch das, was Schmitt indirekt ausspricht ... Leo Strauss weiß sich mit Carl Schmitt einig in der Ablehnung eines Weltstaates, in der Absage an die illusionäre Sicherheit eines status quo des Komforts und des Behagens, in der Geringschätzung einer Welt bloßer Unterhaltung und Interessantheit. Strauss steht Schmitt in nichts darin nach, einem Ideal entgegenzutreten, das, sollte es jemals verwirklicht werden, die Menschheit auf eine Kultur- und Konsumgenossenschaft zu reduzieren drohte. Strauss teilt Schmitts Kritik am Prozeß der Neutralisierung und Entpolitisierung ... Er formuliert diesen Einspruch selbst in einer Klarheit und Schärfe, die den Nerv seiner Auseinandersetzung mit Schmitt freilegt: ‚Die Verständigung um jeden Preis ist nur möglich als Verständigung auf Kosten des Sinns des menschlichen Lebens; denn sie ist nur möglich, wenn der Mensch darauf verzichtet, die Frage nach dem Richtigen zu stellen ... Stellt er aber die Frage nach dem Richtigen im Ernst, so entbrennt angesichts der ‚unentwirrbaren Problematik’ (C.S.) dieser Frage der Streit auf Leben und Tod: ‚Im Ernst der Frage nach dem Richtigen hat das Politische – die Freund-Feind-Gruppierung der Menschheit – seinen Rechtsgrund.’ (L.S.) Die größte Nähe wie die tiefste Differenz zu Schmitt, beides liegt in dieser Kritik beschlossen ... Dies heißt zum einen, daß die Frage nach dem Richtigen gestellt werden muß, und es besagt zum anderen, daß sie grundsätzlich, in der fundamentalsten Hinsicht, mit den Mitteln der menschlichen Vernunft beantwortet zu werden vermag. Schmitt hingegen glaubt, daß das Eine, was Not tut, nur geglaubt werden kann, weil es der Glaube ist, daß es sich bei der Frage, auf die es am Ende ankommt, nicht um eine Frage des Menschen handelt, sondern um eine Frage an den Menschen, ob er Gott oder ob er dem Satan gehorche, und daß das Politische in der Unabweisbarkeit dieser Frage seine letzte Begründung findet ... Wenn Leo Strauss einer Welt bloßer Unterhaltung und Interessantheit mit Geringschätzung begegnet, so deshalb, weil die Menschen in ihr notwendig weit unter den Möglichkeiten ihrer Natur bleiben und weder ihre vornehmste noch ihre vorzüglichste Fähigkeit zu verwirklichen vermögen. Der illusionären Sicherheit eines status quo des Komforts und des Behagens erteilt er eine Absage, weil ihm ein Leben, das sich nicht der Gefahr des radikalen Fragens und der Anstrengung der Selbsterforschung aussetzt, nicht lebenswert erscheint ... Den homogenen Weltstaat lehnt er ab, weil er in ihm den Staat von Nietzsches letztem Menschen erkennt und weil er mit dem Ende der besonderen politischen Gemeinwesen das Ende der Philosophie auf Erden heraufziehen sieht. Schmitt stellt sich dem Weltstaat entgegen, weil er in ihm den widergöttlichen Versuch erblickt, das Paradies auf Erden zu errichten. Das Streben nach der ‚babylonischen Einheit’ (C.S.) ist ihm Ausdruck der Selbstvergottung des Menschen. ‚Die Religion der Technizität, der Glaube an eine grenzenlose Macht und Herrschaft des Menschen über die Natur, sogar über die menschliche Physis, ... an grenzenlose Veränderungs- und Glücksmöglichkeiten des natürlichen diesseitigen Daseins der Menschen’ (C.S.) erreicht im ‚Weltstaat’ den Kulminationspunkt. Der Prozeß der Neutralisierung und Entpolitisierung fände seinen Abschluß in einem ‚Betrieb’ globalen Ausmaßes, in dem, scheinbar, ‚die Dinge sich selbst verwalten, tatsächlich aber der Antichrist die Herrschaft angetreten hat’.“ 

Wäre mehr als der Betrieb des Zusammenlebens von Menschen zu sichern, wenn, wie Schmitt das postulierte, für Gesellschaften der Primat von Politik und Staat durchgesetzt werden könnte? In seiner Geltung wäre doch erst die „Herrschaft des Menschen über die Natur, sogar über die menschliche Physis vollendet“. Carl Schmitt hat stets mit Verweis auf Hobbes den Geltungsanspruch des Politischen darin begründet, den naturwüchsigen Bürgerkrieg aller gegen alle zu verhindern. Ist das etwa keine Pazifizierung, die die „Glücksmöglichkeiten des natürlichen diesseitigen Daseins der Menschen“ gewährleisten sollte? Carl Schmitts fundamentalistische Kritik an einer „Religion der Technizität“ ist ihrerseits fundamentalistisch; er führt nur ein fundamentalistisches Dogma gegen andere derartige Dogmen ins Feld – in den Kreuzzug, und das ist auch die von ihm angestrebte Rolle, der er alles opfert: Vor allem seine intellektuelle Redlichkeit, seine Fähigkeit, kritische Einwände, die er sehr wohl verstand zu verarbeiten; vor allem aber opfert er die Überzeugungskraft rationaler Argumentation zugunsten propagandistischer Bekehrung, der propaganda fidei.

Zum Fazit seiner Konfrontation von Carl Schmitt und Leo Strauss kommt Meier in folgender Weise: „Schmitts ausdrücklicher Feststellung zufolge setzen ‚alle echten politischen Theorien den Menschen als böse, d. h. als keineswegs unproblematisches, sondern als gefährliches und dynamisches Wesen’ voraus … Steht und fällt das Politische mit der Gefährlichkeit des Menschen, so kommt alles darauf an zu wissen, ob seine Gefährlichkeit unerschütterlich, seine Bosheit unentrinnbar ist … Nun weist Strauss darauf hin, daß Schmitt die These von der Gefährlichkeit selbst als ‚Vermutung’, als ‚anthropologisches Glaubensbekenntnis’ qualifiziert. ‚Ist aber die Gefährlichkeit des Menschen nur vermutet oder geglaubt, nicht eigentlich gewußt, so kann auch das Gegenteil für möglich gehalten und der Versuch, die bisher immer wirklich gewesene Gefährlichkeit des Menschen zu beseitigen, ins Werk gesetzt werden. Ist die Gefährlichkeit des Menschen nur geglaubt, so ist sie, und damit das Politische, grundsätzlich bedroht.’ (L.S.) Mit der Unentrinnbarkeit des Politischen ist es nichts, solange man sie auf Fundamente zu gründen versucht, auf denen Schmitt das theoretische Gebäude seines Begriffs des Politischen errichtet. Sie sind nicht tragfähig. Sie halten der Kritik nicht stand.“

Dies zu zeigen, sagt Meier, war die Absicht von Leo Strauss, die Schmitt durchaus verstanden hat, wie seine späteren Reaktionen auf die Anmerkung von Leo Strauss zeigen. Aber Schmitt ist auf die Schlußfolgerungen von Strauss nicht eingegangen, sondern versuchte, ihnen zu entgehen. So zum Beispiel mit einer Anmerkung von 1963 in einer Wiederauflage von „Der Begriff des Politischen“ in der Fassung von 1932. Schmitt greift Leo Strauss’ Radikalisierung der Welt bloßer Unterhaltung nicht auf, sondern wimmelt sie ab, indem er behauptet, eigentlich gar nicht von der apolitischen Welt der Unterhaltung gesprochen zu haben, sondern von der Welt des Spiels, im Sinne der Nullsummenspiele, wie sie die Informationstheoretiker erst nach 1948 entwickelt haben. Da das Insistieren von Leo Strauss auf den Konsequenzen der apolitischen Welt der Unterhaltung, wie sie Schmitt 1932 zur Stilisierung und Überhöhung seiner Ernstfallphilosophie leichtfertig, nämlich als bloße begriffliche Entgegensetzung, behauptet hatte, Strauss die Widerlegung Schmitts bot, vermied der es mit dem Begriffsaustausch von „Unterhaltung“ durch „Spiel“, nach dem Kriege auf seine eigenen Behauptungen noch angesprochen zu werden.

Inwiefern das theoretische Gebäude von Schmitts „Begriff des Politischen“ aus heutiger Sicht der Kritik nicht standhält, leitet Meier aus dem Vergleich der Fassungen von 1927, 1932 und 1963 ab; entscheidend dabei ist die vollständige Umformulierung des Politischen von einem Teilgebiet gesellschaftlicher Praxis zum höchsten Intensitätsgrad der qualifizierenden Unterscheidung in allen Teilbereichen. Obwohl Schmitt in den Jahren nach 1933 immer erneut versucht, der Haltlosigkeit seiner Argumentation zu entgehen, indem er die verwandten Begriffe mit völlig neuen Bedeutungen versieht und den Geltungsanspruch seines Konzepts von der Außenpolitik auf die Innenpolitik verlagert, behauptet er stur und fest, aller Fremd- und Selbstkritik immer schon voraus zu sein, wie ein Bibelexeget, der selbst die neuesten technischen Erfindungen aus dem geoffenbarten Wort Gottes abzuleiten versteht.

Meiers unerschütterlich sachliche Widerlegung der Schmittschen Distinktionen wirkt vor allem deshalb so niederschmetternd, weil der Leser einfach nicht glauben will, daß zwei Generationen hochmögender Schmittkenner so gut wie aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen die vollständige Phrasenhaftigkeit und Begriffskrampferei Schmitts nicht durchschaut haben sollten. Schmitt außerhalb der Geschichte seiner Rezeption zu sehen, obwohl er ausschließlich schrieb, um eine von ihm gewünschte Rezeption zu erreichen, führt auch heute über die Feststellung der Unhaltbarkeit seiner Position nicht hinaus.

Schmitt hielt die Entwicklung hin zu einer Welt diesseits des Ernstfalls für wahrscheinlich, wenn nicht für zwangsläufig; deren Problematik ist allerdings eine andere, als sie Carl Schmitt beschreibt. Die Unterhaltung zwingt uns nicht zur Oberflächlichkeit banalen Lebensgenusses in einer pazifizierten Welt, in der Dinge sich selbst verwalten; vielmehr vermag die Unterhaltung nicht mehr zu fesseln; sie kann die von ihr geweckten Erwartungen nicht erfüllen; die „Selbstverwaltung der Dinge“ in der technizistischen Selbststeuerung eines globalen Systems der Rückkoppelungen ist nur eine Tautologie des Begriffs der Unterhaltung respektive der Selbstunterhaltung, die sich außerhalb des Unterhaltungsgewerbes als Krieg erweist, den die Maschinerie der sich selbst verwaltenden Dinge gegen ihre Urheber, die Menschen, führt. Die Politik des existentiellen Ernstfalls und die politikfreie Unterhaltung sind nicht länger Entgegensetzungen, sondern Synonyme; fundamentalistische Erzwingungsstrategen werden längst von der Sitzbank der Kartoffelchipmampfer vor dem Fernsehschirm rekrutiert; und das, was die Fundamentalisten im heiligen Ernst anrichten, wird nur als Unterhaltungsprogramm von denen wahrgenommen, die ihnen noch nicht zum Opfer fielen.

Mit der Abwehr von Carl Schmitts Aussagenanspruch, die über weite Strecken noch aussteht, aber unvermeidlich ist, wird seine Bedeutung als eine der zentralen Gestalten der Zeitgeschichte nicht geleugnet.

Seine Bedeutung besteht im wesentlichen darin, unfreiwillig zu demonstrieren, wie wenig sich systematisches Denken unter dem Schutzschild wissenschaftlich gestützter Innerlichkeit noch von terroristischer Willkür oder zynischer Gleichgültigkeit unterscheidet.