Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 244

Gegen die Monster des Konsens

oder: wir müssen kommunizieren, weil wir (uns) nicht "verstehen" können. Uwe Lösch (1993)

Wer über Grafikdesign Nachforschungen anstellt, stößt auf die selbstverständliche Unterstellung, diese gut bezahlte künstlerische Tätigkeit habe der sozialen und wirtschaftlichen "Kommunikation" zu dienen. Und das heiße: Über die Gestaltung von Anzeigen, von Displays und Plakaten, von Verpackungen und CDs, von Zeitschriften und TV-Spots sei zu erreichen, daß Produkte ihre Käufer finden, Bücher ihre Leser, Veranstaltungen ihre Besucher, Sendungen ihre Zuschauer. Die Aufgaben seien eindeutig, die gestalterischen Mittel erprobt; die Briefings gäben die klaren Bedingungen vor. Und die Kriterien der Qualität seien leicht zu überprüfen (im Unterschied zur Künstlergrafik): Gut sei jenes Ding, das die nachhaltigste Wirkung bei Konsumenten, Besuchern, Zuschauern und Lesern erziele. Die Wirkung lasse sich nämlich an Verkaufs-, Besuchs- und Einschaltquoten messen.

Warum ist das eine Unterstellung? Weil angenommen wird, bei erfolgreicher "Werbung" komme es gar nicht auf die Produkte, die Veranstaltungen, die Bücher oder TV-Sendungen an, sie könnten ruhig funktionsuntüchtig, langweilig oder schlecht gemacht sein ‒

Hauptsache, die Werbung, Text und Gestaltung stimmten und damit der Erfolg.

Als ob nicht viele, nie beworbene Produkte gekauft werden, ‒ weil sie billiger sind?; viele namenlose TV-Programme gesehen werden, ‒ weil man dabei nicht ausdrücklich kommunizieren muß?; viele unbekannte Veranstaltungen besucht werden, ‒ weil sie gerade nicht in aller Munde sind, sondern Exklusivität ermöglichen? (Die ihrerseits nicht beworben werden kann, ohne sich selbst aufzuheben.)

Und andererseits: Bisher fehlt jeder Beweis, daß man durch gute Reklame schlechte Produkte tatsächlich an den Mann bringen kann (nicht nur einmal als Betrug, sondern auf Wiederholung des Kaufs ausgerichtet). Dennoch behaupten die meisten Auftraggeber der Designer erpresserisch, die Werbung sei verantwortlich für zu geringen Absatz und ungenügende Akzeptanz ‒ nicht ihre Produkte! Selbst die deutsche Regierung macht für die Ablehnung ihrer Politik durch die Bürger die "Werbe- und PR-Fritzen" verantwortlich. Sie hätten diese Politik nur falsch verkauft. Würden die Bürger nämlich anhand der Regierungspropoganda die politischen Entscheidungen richtig verstehen, so würden sie sie auch akzeptieren, denn richtig zu kommunizieren, laufe auf richtiges Verstehen hinaus.

Und etwas zu verstehen heiße, es zu akzeptieren. Denn wenn die politischen Entscheidungen richtig seien (und welche Regierung werde schon mutwillig falsche treffen), dann gebe es dafür gute, triftige Gründe, also einsehbare, verstehbare. Und wenn die Bürger kraft leistungsfähiger Propaganda (des politischen Diskurses) die guten Gründe der Regierung verstünden, dann könnten sie nicht umhin, die Entscheidungen auch zu akzeptieren, ihnen zuzustimmen; der Konsens sei erreicht!

Eine Unterstellung – wie gesagt – aber eine sehr verbreitete. Der unterstellte Kommunikationsbegriff ist eine bedenkliche Abstraktion, als ginge es dabei um ein bloßes Kalkül von Mitteln und Zwecken, von Input und Output, von Information und Mitteilung, von Absichten und ihrer Realisierung. Jede Kommunikation habe den einen Zweck, Zustimmung, Kaufentscheid, Konsens zu erreichen, wird behauptet. Gelinge das nicht, so sei anzunehmen, daß dem Verkäufer/Sender die guten Gründe ausgegangen seien, denen die Käufer/Empfänger zuzustimmen hätten. Die Kommunikation sei gestört!

Als ob nicht Haß eine sehr intensive Form von Kommunikation ist; als ob wir nicht ständig gegen das verstoßen/handeln, was wir für richtig halten. Als ob wir nicht häufig das ablehnen, was uns nur allzu einsichtig ist ("dem werde ich eines auswischen; was bildet der sich ein, bessere Argumente zu haben als ich, überzeugender, einfallsreicher und gewinnender zu sein als ich?"). Als ob uns nicht der Mutwille verführte, etwas gerade deshalb interessant zu finden, weil es absurd ist; etwas deshalb haben zu wollen, weil es allem Verständnis Hohn spricht; etwas zu tun, weil es sich verbietet oder verboten ist.

Solches Kontrafaktische scheint besonders in der über religiöse, politische Themen verlaufenden Kommunikation zu überzeugen. Der normativen Kraft des Faktischen entspricht in der Kommunikation die ebenso normative Kraft des Kontrafaktischen. Das "credo quia absurdum" ist funktional gleich leistungsfähig in der Kommunikation wie das "intelligo quia relativum" (ich glaube etwas, halte es für wahr, weil es alle Möglichkeiten des Verstehens überfordert, und ich verstehe, akzeptiere etwas, stimme ihm zu, weil ich seine Entstehung, seine Begründung kenne).

Auch das Absurde, den Unsinn, das Falsche kann man als solches verstehen - nur anfangen kann man mit diesem Verstehen nichts.

Andererseits kann ich akzeptieren, daß alles, was geschieht, mit Grund geschieht ‒ aber ich verstehe die Gründe nicht. (Ich verstehe die faktische Absurdität der ethnischen Reinheit als kontrafaktische Behauptung ‒ aber kann ich dem Rassismus deshalb zustimmen, weil ich verstehe, daß auch ich rassistisch denke?). (Ich bin d’accord, daß einige Produkte sich besser verkaufen als andere, obwohl sie gleichwertig sind und zum gleichen Preis angeboten werden; aber verstehen kann ich das nicht).

Die kontrafaktischen Behauptungen sind genauso gut zu kommunizieren wie die unabweisbaren Gegebenheiten; sie haben die gleiche normative Kraft, z.B. für die Gruppenbildung von Einzelgängern (den Intellektuellen/Künstlern) oder für die Entstehung von Gemeinschaften der Kriminellen (als Banden). Ist nicht die Mafia eine sozial, d.h. kommunikativ stabile, geradezu vorbildliche Gemeinschaft, obwohl ihre Mitglieder von der Nichtakzeptanz solcher stabilen, normativen Regelungen anderer Gemeinschaften leben? (Das ließe sich auch für konkurrierende Konzerne sagen, für deren Praktiken die Kommunikationsdesigner Konsens beim Publikum erreichen sollen ‒ das wird man zwar verstehen, aber nicht akzeptieren).

Also: Die Vertreter kontrafaktischer Behauptungen, des Mutwillens, des Unsinns, kommunizieren gerade so gut, wie ihre Kritiker. Das Mißverstehen ist zumeist produktiver für die Kommunikation (wenn es überhaupt vermeidbar wäre) als das Verstehen. Die Lügen sind so konsensfähig wie die Wahrheiten. Da kann man wohl kaum beabsichtigen, gestaltend auf die Kommunikation einzuwirken, um durch "Verstehen" Konsens zu eigenen Gunsten zu erreichen. Das Verstehen steuert nicht die Kommunikation, es sei denn, man steuere mit dem Schiffsruder das Meer. Kommunikation ist nicht steuerbar; wenn doch, könnte sie ja jeweils ganz anders verlaufen als sie verläuft ‒ vielfach anders, also gar nicht. Wir bräuchten ja das Kriterium des Erfolgs gar nicht, wenn der Erfolg durch Kommunikationsstrategien beliebig erzwingbar wäre. Und wenn alle bei Befolgung der gleichen Erfolgsstrategien den gleichen Erfolg erzielten, hätte keiner Erfolg.

Kommunikation ist die soziale Realität; sie als solche, als die eine Wirklichkeit anzuerkennen, heißt, der Naivität zu entsagen, man könne die Realität den eigenen Zielen und Wünschen unterwerfen. Wer eben das beabsichtigt, möchte sich seine Wirklichkeit selber schaffen. Das aber heißt ‒ trotz aller Propaganda der radikalen Konstruktivisten ‒ die Wirklichkeit zu verabschieden, sie endlich loszuwerden im freien Spiel der Mächte. Damit wäre aber jede Gestaltung ein deklarierter Mutwille, ein durch Erfolg zu bestätigender Aberwitz. Genau dann aber käme es auf Gestaltung überhaupt nicht mehr an - ist das nicht heute schon weitgehend so?

Für einen Gestalter wie Uwe Loesch jedenfalls nicht. Seine Arbeiten zielen darauf ab, die Kommunikation als eine eigenständige Größe des gesellschaftlichen Daseins von Menschen zu respektieren, anstatt sie zu manipulieren oder zu instrumentalisieren (auch wenn das einen gewaltigen Verlust an angemaßter Geltung des Gestalters bedeutet).

Loesch zielt auf Wirklichkeitserfahrungen, also auf die Erfahrung von Grenzen der Gestaltbarkeit. Statt Omnipräsenz und Omnipotenz der Gestaltung (als Umweltverschmutzung) kommt es ihm auf Unterbrechung, auf Leerstellen, auf Pausen im dauernden Zugriff der Kommunikation an ‒ auf gestalterische Ohnmacht oder Armut, auf Zäsur und Askese.

Das nicht sichtbare Bild stimuliert das Bewußtsein als Vorstellung stärker; der unhörbare Ton in der Stille weckt das Gefühl für die Köstlichkeit des Klangs.

Er nennt das: Wiedergewinnen der Freiheit der Sinne, ohne welche das Denken, Fühlen und Vorstellen der Individuen der Willkür und Beliebigkeit kommunikativer Reize ausgeliefert sind.

In seinen Arbeiten gewinnt oder demonstriert er die Fähigkeit, sich gegen die Ansinnen auf je eigenes Kommunikationsdesign zu behaupten, also sich nicht auf Konsens, Akzeptanz, auf Gleichgewicht und Symmetrie, auf endlose Reziprozität der Partnerbeziehungen auszurichten. Die Dynamik der Kommunikation ist auf Asymmetrien, auf Ungleichgewicht, auf Mißverstehen angewiesen; diesen Notwendigkeiten gestalterisch entgegenzutreten, hieße, Menschen zu dressieren, in bits und pieces zu zerlegen, um sie zu Monstern des Konsens und des Verstehens umzuformen: Solche Monster gibt es nicht nur im uniformen Schrei nach "Sieg" und "Heil", sondern auch in der Logopenetrierung von Parteien und Produkten, von TV-Stationen und OK-Institutionen.

Loesch arbeitet dafür, der Kommunikation ihren Raum wiederzugeben, anstatt sie in der gestalterischen Erzwingung von fundamentalistischem Konsens abzuwürgen. Er versucht, die Produkte von ihren Images zu befreien und das Denken, Fühlen, Vorstellen von deren sprachlichen Passepartouts zu lösen, indem er die ästhetische Differenz von Wesen und Erscheinung, von Produkt und Werbung radikal vergrößert ‒ statt mit der Axt und dem Sprengstoff nietzscheanischer Überdesigner oder dem schöpferischen Dadaismus der Zerstörung geht das nämlich am schonendsten mit den ästhetischen Mitteln der Unangemessenheit, der Unstimmigkeit und der Abweichung. Wenn Sprache (in Wort, Bild, Ton, etc.) leistungsfähig sein soll, um unsere Wirklichkeitserfahrungen zu ermöglichen, anstatt die Wirklichkeit wegzuzaubern, dann vergegenständlicht sie die Differenz von Bewußtsein und Kommunikation; dann ist sie diese Differenz von Bewußtsein und Kommunikation, die prinzipiell nicht ineinander überführt werden können.

Formen kann man nur diese sprachliche Gestalt der Differenz ‒ weder das Bewußtsein noch die Kommunikation. Zwar prägen sich Bewußtsein und Kommunikation in der Sprache aus, aber nur so, wie sich die Körper in ihrem Zwischenraum ausprägen, durch den wir uns bewegen können ‒ sprachlich und als Sprechende. Diese Bewegung zwischen Bewußtsein und Kommunikation ist das Formen und Gestalten. Die Arbeiten von Uwe Loesch bieten großartige Beispiele solcher Bewegung als Ausformen, wie die Hände ein leeres Gefäß ausformen, indem sie die Grenzen der Form erfassen. Das Nachvollziehen dieser Bewegung in einer Ausstellung hat eigene kommunikative Bedingungen; aber auf die kommt es nicht an, also nicht auf ihren Ereigniswert als Museums-/Kunstausstellung. Auch die Horizonte des Bewußtseins der Besucher sollten nicht auf die Erwartung von Kunstwerken oder Kommunikationsakrobatik festgelegt werden.

Sondern? Worauf?

Auf ein Beispiel laokoonischer Abwehr der Monster des kommunikativen Konsens.