Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 292

Frauen, Fluten, Körper, Geschichte

Ein wichtiger Beitrag linker Theorie zur Faschismusdebatte (1977)

Der Archäologe Schliemann entdeckte vor einem Jahrhundert ein Verfahren geisteswissenschaftlichen Arbeitens wieder, das seit dem europäischen Mittelalter bewußt in eindeutiger Absicht aufgegeben worden war: das Prinzip des Wörtlichnehmens. Schliemann nahm die homerischen Texte wörtlich; las die zum Mythos erhobenen Epen als epische Geschichtsschreibung, konnte so den Zwang zum bloß metaphorischen Sprachgebrauch aufbrechen und wurde fündig.

Ähnlich verfuhren auch Freud und Jung, verfuhren alle, die die Manifestationen des Unterbewußtseins zu lesen begannen als Geschichtsschreibungen des kollektiven und individuellen Ichs und als Geschichtsschreibung der Gattung. So konnte etwa der universelle Topos vom Drachenungeheuer als direkter Hinweis auf ein Stück Menschheitsgeschichte gelesen werden; so konnte etwa der universelle Topos des Tabus als ein direkter Hinweis auf eine Phase der Ausgrenzung des Ichs gelesen werden. Heute versuchen die Genetiker, uns Wort für Wort der Informationen vorzubuchstabieren, die die DNS Bibliothek aufbewahrt.

Das Wörtlichnehmen ist eine, ja die entscheidende Voraussetzung im Umgang mit dem, was da geschrieben steht: Wir müssen die Zeichen identifizieren. Das Verstehen ist eine andere Voraussetzung: Schliemann, Freud, die Genetiker mußten Theorien entwickeln, das heißt Aussagen über den Zusammenhang dessen, was da bezeichnet worden war.

Sprachmetaphorik jeglicher Provenienz, poetischer, politischer und wissenschaftlicher, scheint absichtsvoll die Worte und den Zusammenhang ihrer Bedeutungen zu vermischen. Warum?

Um zu täuschen und sich täuschen zu lassen; um unerträglicher Konfrontation zu entgehen, um zu entlasten von der Selbstfestlegung des Sprechers durch das, was er sagt; auszuhalten, was verboten ist, aber dennoch getan wird. So jedenfalls hörte man es bisher von allen Seiten. Und wegen dieser „Erklärung“ würde dann eben auch alles Geschriebene, Gesprochene, Gezeigte von vornherein als Täuschungsversuch oder, noch weitergehend, als Verdrängungsversuch angegangen. Daß sich die Art, wie wir uns in Worten und Gesten mitteilen, schlichtweg auch aus purem Mangel, aus den Gegebenheiten unserer individuellen sozialen und biologischen Konstitution ergeben kann, wurde bisher kaum ernstlich bedacht. Sprachmetaphorik nicht nur als Täuschungs- oder Verdrängungsversuch abzuleiten, sondern aus dem Vollzug der Kommunikation unter mangelhaft gegebenen Bedingungen, scheint doch anderes Verstehen zu ermöglichen, als das bisher anhand der Verdrängungsannahme vertretbar war.

Um solch anderes Verstehen bemühe sich Klaus Theweleit. Gegenstand seiner staunenswert phantasiereichen, umfangreichen und heiteren Darstellung ist der Bürger als Abwehr- und Verdrängungs-Akrobat unter den besonderen Bedingungen einer historischen Situation, in der er gerade nicht veranlaßt war zu verdrängen, sondern zu demonstrieren, was in ihm steckt. Untersucht wird von Theweleit, wie aus dem wilhelminischen Manne, der den Zwängen zur Ich-Autonomie, wie sie das bürgerliche Selbstbewußtsein postuliert, nur durch Anlegen eines Charakterpanzers standhalten kann, der faschistische Held der Ostentation wird; wie er also zu einem Menschen wird, der seine Grundmängel aus fehlgelaufener Abnabelung nicht mehr kompensiert, sondern offen demonstriert, ja geradezu zur Voraussetzung heldischen Lebensvollzugs stilisiert. Die Grundmängel liest Theweleit aus den Schriften, dieser Männer ab, den realtypischen Autobiographien und Biographien von Männern wie Höss, Niemöller, Salomon, Lettow-Vorbeck, Killinger, Ehrhardt oder aus der völkischen und deutschnationalen Literatur von Dwinger bis Heinz, von Balla bis Jünger, von Ekkehard bis Zöberlein.

Und was dabei herauskommt, kann niemand sich vorstellen; das muß man in seiner Wörtlichkeit zur Kenntnis nehmen: muß sich von Theweleit vorlesen lassen, was sich bei jenen Heldenmännern für „Fluten“ – vornehmlich rote – über alle Ufer und Dämme wälzen; wie diese Helden ununterbrochen sich aus „Sümpfen“ herauszuretten versuchen; wie sie „Schmutz, Schlamm, Schleim und Brei“ sich fernzuhalten versuchen; wie sie sich anstrengen, Dämme zu bauen, feste Wehren zu türmen.

Eine „Kostprobe“ von W. Weigand, 1919:
„Die rote Flut ist hier, einstweilen, in einem schillernden Sumpf zusammengeronnen, und die Najaden, die diesem Sumpf entsteigen, schrecken nicht zusammen, wenn die zwinkernden Sieger bei verschwiegenen Festen mit den knallenden Champagnerpfropfen auf die Tanzenden in puris naturalibus zielen und das Echo auf die blutigen Schüsse zu Weihnachten lachend parodieren. Und die Tintenfische, die sich in diesem duftenden Sumpfe tummeln, sorgen mit ihren Armen und Fingern dafür, daß seine turbulenten Gewässer nicht klarwerden und keine Sterne spiegeln …“

Wer da als Deutschlehrer, in der besten Absicht, seine Zöglinge zu guten Bürgern zu erziehen, an den Rand eines solchen Textes schriebe: „Sie meinen mit ihrem Text wohl, daß Deutschland unter die Schweine gefallen ist. Ausdruck zu blumig und verschwommen!“, der ginge nach Theweleit nur um den Bedeutungskern herum. Wie auch derjenige Psychoanalytiker, der aus einem solchen Zeugnis auf einen analen Charakter des Schreibers schlösse und, in der besten Absicht, dem Schreiber zur Einsicht in den Aufbau eines autonomen Ichs zu verhelfen, ihm nahebrächte, sich den finsteren, tiefen, allesverschlingenden wabernden Sumpf in der Form von Körperorganen und ihren Absonderungen vorzustellen. Was Theweleit uns zu verstehen nahebringen will – und was ohne weiteres von der Ästhetik, wie sie der Rezensent vertritt, gestützt werden kann ‒, ist dies: was da als Text hervorgebracht wird, hat in seiner Wörtlichkeit und Bildlichkeit die Funktion eines Auslösemechanismus für das Selbstempfinden des Schreibers; an Hand des Textes veranlaßt sich der Schreiber, in Reaktion zu treten, seinen Außen- wie Innenbezug zu aktivieren. Extrem simples Beispiel: wie wir körperlich reagieren auf das Quietschen der Kreide auf der Tafel, so reagiert der Schreiber/Leser körperlich auf den Text.

Die Art des Bezugs wird aus dem Text deutlich – und damit auch die Art der Eigenaktivierung des Organismus und der Selbstempfindungen des Ichs. In diesem speziellen Fall, für die von Theweleit angeführten Texte, läßt sich die Selbstempfindung etwa so verstehen: Der Schreiber empfindet seinen Körper in der Umwelt, wie jemand seinen Körper und sich empfindet und erlebt, der in einen „ekelhaften“ Sumpf gefallen ist und verzweifelt versucht, sich aufs feste Ufer zu retten. Nicht eingesogen und aufgelöst zu werden, sondern sich zusammenzunehmen und mit aller Kraft sich gegen den Sumpf zu behaupten, ist die Anstrengung des in den Sumpf Gefallenen wie auch die des Schreibers, der eben seine alltägliche physische Umwelt als Sumpf empfindet, in dem er dauernd zu versinken droht. Sein Außenbezug, der physischen wie der psychischen Selbstempfindung nach, ist auf Abgrenzung, Territorialisierung ausgerichtet; er versucht (mit dem Resultat von Identitätskrämpfen) zu verhindern, daß die Grenzen nach außen ins Fließen geraten, daß er zur Überschreitung und Ausweitung der Grenzen des auf einen Punkt verkrampften Ichs veranlaßt werden könnte.

Aufforderungen zu solchen Grenzüberschreitungen scheinen für die von Theweleit untersuchten Textverfasser von allem auszugehen, was „flutet“, ozeanisch, amorph ist, was warme Schleimfäden ausfächert, was breiig quillt. Das sind Qualitäten, wie sie in der frühesten Symbiose von Mutter und Kind ausgebildet sind in der Phase, da das Kleinstkind sich noch nicht als Ich erleben kann, sondern nur über partiale Objektbesetzungen verfügt, die von der Mutter repräsentiert werden; also weit vor der ödipalen Phase der Entwicklung, in der erst die Verdrängungen begründet werden könnten. Deshalb geht auch Theweleit mit Deleuze/Guattari davon aus, daß solche Äußerungen, wie sie seine Autoren zeigen (entsprechende Äußerungen von Frauen werden kaum einbezogen), nicht mit Verweis auf das ödipale Dreieck Mutter/Vater/Kind verstanden werden können, sondern mit Verweis auf die mangelhaft aufgelöste Symbiose des Kindes mit der Mutter zu sehen sind.

In einer zweiten Argumentationsreihe stützt Theweleit seine hier nur angedeuteten Auffassungen: Mit Frau Elaine Morgan versucht er zu zeigen, daß es eine genetische Kodierung jener Objektqualitäten über die symbiotische Phase hinaus geben könnte, wenn man annimmt, daß tatsächlich ein Teil der Evolution des Menschen sich im Küstengewässer abgespielt habe, wofür eine Reihe von Indizien sprechen könnte. Das lese man unter dem Stichwort „Die Menschin aus dem Meer“ nach — ein brillant spekulierendes Kapitel des Theweleitschen Buches.

Der dritte Strang der Argumentation verläuft schließlich über die soziokulturelle Objektqualifizierung, wie sie von Elias und Lippe unter dem Stichwort „Prozeß der Körperbeherrschung am Menschen“ vorgetragen wurde. Es kann wohl nicht mehr davon gesprochen werden, daß die bürgerliche Gesellschaft tatsächlich realisiert habe, was sie kategorisch postulierte: Subjektautonomie. Die Bürger waren verpflichtet auf die Einhaltung von Identität, die sie noch gar nicht besaßen. Identität war bloß Panzer um eine leere Hülse, und das Dasein der gleichen und freien Brüder stellt sich eher als ein ritualisierter Lebensvollzug dar denn als Produktion von Wünschen auf eine zu realisierende Zukunft. Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zeigt, was dabei herauskommt, wenn Identität und Autonomie im Erleben und Handeln den Gesellschaftsmitgliedern bloß zugeschrieben oder abgeschrieben werden, und zwar allein auf Grund ihrer Klassenzugehörigkeit. Autonomie und Identität sind theoretisch begründete und kritisch zu gebrauchende Korrektive gegenüber jeglichem Anspruch auf Unterwerfung – mehr können und dürfen sie nicht sein. Theweleits Helden brechen unter solcher ihnen bloß auf Grund ihrer Klassenzugehörigkeit zugeschriebenen Identität zusammen; um sich, zu retten, verweigern sie die Einsicht in ihre Defizite an Identität und Autonomie und erleben ihre Schwäche als Stärke. Sie werden Faschisten, nicht in erster Linie aus ökonomischen Zwängen, sondern weil sie es sich erlauben, jegliches Leben und dessen Welt so zu prägen und zu erleben, wie sie sich selbst erleben und wie sie geprägt wurden.

Wo nicht mehr Adel und Proletariat, Gott und Teufel den Bürger im Zweifrontenkrieg zwingen, auf Identität und Autonomie sich so zu verpflichten, als hätten sie sich realisiert; wo der Bürger selbst sich die Rollen von Kaiser und Gott zumutet, wird die bürgerliche Gesellschaft zur Strafkolonie, in der jeder sich zum Folterknecht im Namen der heiligen Verpflichtung berufen fühlt.

Da gibts dann nur noch den freien Wettbewerb um die Vernichtung des Lebens, um durch das heldenhafte Opfer Platz für ein ganz neues Geschlecht von neuen Menschen zu schaffen. Man lese nur einmal nach, wie Höss und Himmler sich das Opferheilig abgerungen, mit Tränen in den Augen, und diese Tränen waren echt. Für solche Helden gehts dann nur noch darum, sich zum Märtyrer der eigenen Männerphantasien zu machen.

Das droht uns allen immer, wie das Beispiel aus jüngsten Tagen zeigt;

die Disposition zum Faschisten wird jeder an sich erkennen, der keiner ist!

Deshalb keiner ist. Solches uns nachdrücklich ins Gedächtnis zu rufen, gelingt Theweleit – und er schließt sich selbst nicht aus. Eine vorsichtige, erst in der Durcharbeitung des Materials entwickelte, aber dennoch zielstrebige Argumentation, frei von Wissenschaftsritualen und dem Pathos derer, die sich schon vom Weltlauf gerechtfertigt sehen.

Meines Erachtens ist Theweleits Arbeit der bisher am weitesten führende Beitrag linker Theoretiker zur Faschismusdebatte. Ihm sollten sich etwa Fest und Kaltenbrunner stellen, damit nicht der Eindruck verstärkt wird, die Chefredaktion der „Bildzeitung“ sei allein kompetent für den bürgerlichen Helden unserer Tage und seine Krankenschwester, für flutende Mütter und Lustmorde, für die Frau als Aggression und die Liebe der Soldaten, den alles zermalmenden Strom der modernen Zeit, für ekelerregende Kunstmoderne, für die Kakophonie moderner Musik und den schlüpfrigen Gedankenbrei, den radikale Professoren an die hilflosen Studentenbabys verfüttern.