Kritik der kabarettistischen Vernunft

Ein autobiografisches Scherbengerücht. Band 1

Kritik der kabarettistischen Vernunft. Ein autobiografisches Scherbengerücht | Berlin: Distanz, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock bedankt sich mit diesem Buch bei allen, die ihm seit Jahrzehnten Gelegenheit boten, sie zu würdigen! Denn Würde hat nur, wer zu würdigen weiß. Das ist der Ruhm des gescheiten Mannes. Die bedeutendste Form des Würdigens ist die Kritik; wer kritikwürdig ist, wird darin ernst genommen und Kritik entwickelt sich aus dem Streit der Meinungen, nicht aus der Behauptung von wahrem Wissen oder vom Wissen der Wahrheit. Die lässt sich nur aus den Ruinen, den Trümmern, den Scherben, die übrig blieben, erahnen. Die Wahrheit ist ein Scherbengerücht, wissen die Archäologen menschlicher Lebenswelten.

Bazon Brock ist ein verführender, also führender Polemosoph. Ein Denker im Dienst gegen Gemeinheit, vor allem die Allgemeinheit. Ja, ist es denn nicht hundsgemein, dass für die Historiker die Rangfolge der bedeutendsten Persönlichkeiten von der Zahl der Leichen bestimmt wird, die sie zu hinterlassen wussten? 15 Morde – lächerlich –, das ist eine lokale Auffälligkeit für zwei Tage; erst bei 1,5 Millionen Toten beginnt der Aufstieg in die Bestenliste, die heute Mao, Stalin und Hitler mit mindestens 40 Mio., 20 Mio. oder mit 15 Mio. Toten anführen.

Von diesen Herren der Geschichte redet alle Welt seit Jahrzehnten und für die nächsten hundert Jahre. Sie haben es geschafft, die Hall of Shame zur Hall of Fame werden zu lassen.

Seite im Original: 362

Das Plateau der Freundschaft

Kritik der Wahrheit. Probleme verbinden stärker als Bekenntnisse (2001)

Für die Athener Bürger hieß das Plateau Akropolis, für die Könige in der Nachfolge Alexanders hieß es Gipfel des Haimon; die frühen Humanisten bestiegen es wie Petrarca unter dem Namen Mont Ventoux; im absolutistischen Zeitalter glich das Plateau als Feldherrnhügel einer aufgeschütteten Tomba; die Gründerheroen unserer modernen Zivilisation im 18. Jahrhundert manifestierten es als Tempelchen in jedem englischen Park. Goethe etablierte den Türmer ("zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt") als Wächter von hoher Warte. Im 19. Jahrhundert nahm das Plateau die Gestalt der erhabenen Sockel für Monumente und Kunstwerke an, und im 20. Jahrhundert wurde das Plateau zur Kanzel des Führers éleviert oder zur Schaugondel der Zeppeline.

Seit alters also ist das Plateau eine Konstruktion zur Ermöglichung der Übersicht durch Überblick, der anschauenden Betrachtung als Theoria und Supervision. Wer führen, offenbaren, inspirieren will, muß sich als Visionär ausweisen; aber er darf nicht nur stur geradeaus sehen, sondern muß panoramatisch rundherum die Welt als eine Einheit und Ganzheit erfassen können. Er muß Supervisionär werden. Erst der Rundblick garantiert die Kontinuität des Blickes, erst das übersichtliche Modell einer Ganzheit orientiert auf futurische, utopische Dimensionen. Erst wer das bloße Ansehen der Dinge zu einer Zusammenschau werden läßt, indem er eine Theorie bildet, vermag über den Horizont der Sichtbarkeit in die Ortlosigkeit des Denkbaren zu blicken.

Tausendfach markieren die "Plateaux der Menschheit" Standpunkte, Vermessungspunkte, Bezugspunkte als Mittelpunkte oder Zentren. Diesem Polyzentrismus in den Beziehungen der Menschen untereinander wird nur ein Typus der sozialen Bindung gerecht: die Freundschaft.


Nicht ohne Grund erörtern Soziologen und Medienwissenschaftler, Künstler und Sozialakteure gegenwärtig, also im Jenseits des 21. Jahrhunderts, die Bedeutung von Freundschaftsbanden für die äußerst problematische Kulturentwicklung mit großer Leidenschaft. So z.B. der weltweit renommierte Kulturwissenschaftler Neil Postman in seinem neuesten Werk "Die Zweite Aufklärung, Brücke ins 21. Jahrhundert". Ein gutes Beispiel bietet auch die Künstlerin Nan Goldin mit ihrer Strategie, das fotografische Werk als Struktur eines Freundschaftsbundes auszuweisen. Legendär war die freundschaftliche Beziehung von Kippenberger, Oehlen und Büttner oder die Künstlertruppe aus der Galerie Michael Werner: Lüpertz, Immendorff, Baselitz, Penck. Sie alle und viele andere bezogen sich natürlich auf Joseph Beuys’ Soziale Plastik durch freundschaftliche Bindung, die Freie Universität und ihre vielen Vorläufer in der Geschichte der Wahlverwandtschaften. 


Im Bereich des Designs und der angewandten Künste orientieren auf die historischen Motive der Freundschaftsbünde als romantische Leidensgemeinschaften oder optimistische Herzensbruderschaften etwa Kampagnen wie die von Benetton (United Colors) respektive die Kampagnen „We are family“ von Warenhäusern oder die inzwischen etablierte Auffassung, Forschergruppen bildeten eine research family. Aber im Unterschied zu den verschworenen Kampfgemeinschaften der Fight Clubs, den Ordensgemeinschaften der SS, der mafiotischen Kumpanei oder der religiösen Märtyrergemeinschaft verlangt die Freundschaft gerade nicht Übereinstimmung im verpflichtenden Bekenntnis und Unterwerfung unter die höhere Instanz der göttlichen Offenbarung oder der diktatorischen Bevormundung.

Freundschaft wird zum dominanten Bindungstypus in den sozialen Beziehungen, weil sie erst wirksam wird, wenn alle Gemeinsamkeiten aus Religions- und Parteizugehörigkeit, aus Rasse und Nation, aus Geschlechterrollen und Verhaltensattitüden aufgelöst sind; und das ist wohl gegenwärtig der Fall – so sehr man auch in Religionskriegen (Nordirland), Nationalitätenkriegen (Baskenland), Kulturkriegen (Ex-Jugoslawien) den blutigen Eindruck zu wecken versucht, daß die Parteien an ihren Überzeugungen unerschütterlich festhalten.

Aufgeklärtere Geister, wie es die Personnage der Kunstszene seit dem 18. Jahrhundert zu sein behauptet, glauben selbst nicht an die Unerschütterlichkeit ihrer Überzeugungen und Urteile; sie machen die Erfahrung, daß man nur etwas Neues und Anderes hervorbringt, wenn man seine Vorurteile gut kennt und außer Kraft setzen kann. Produktiv wird nur, wer sich auf das Problematische an seinen Überzeugungen und Urteilen einläßt und sich selber von radikalen Zweifeln nicht ausnimmt.

Wie auch immer: Angesichts der blutigen Konsequenzen, die allzu unnachsichtige Überzeugungen nach sich ziehen, dürfte klar sein, daß die Vermeidung von Mord und Totschlag am zuverlässigsten erreicht wird, wenn man dogmatische Überzeugungen aufgibt; an deren Stelle entwickelt man ein nachhaltiges Bewußtsein der Problematik, der Vorläufigkeit, der Beschränktheit aller Urteile, selbst wenn sie als "wahr" begründet werden können.

Wenn also in Zukunft Menschen noch etwas gemeinsam haben werden, was sie fördert und schützt, dann sind es nicht religiöse Überzeugungen, kulturelle Identitäten oder Stil- und Geschmackspräferenzen (deretwegen schlagen sie sich ja dauernd die Köpfe ein); vielmehr stiftet die gemeinsame Orientierung auf Probleme, vornehmlich die böswilligen Probleme, also die prinzipiell nicht lösbaren, ein Zusammengehörigkeitsgefühl: eben das der Freundschaft. Denn im Unterschied zur Liebesbeziehung, zur Eltern-Kind-Beziehung, zur Meister-Schüler-Beziehung oder zur Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung eröffnet die Freundschaft Akzeptanz und Orientierung, soweit man sich dem Freund und der Freundin gerade mit Hinweis auf die eigenen Zweifel, Mankos, Versagensängste und allgemeinen Defizite vorbehaltlos anvertraut.

Die Freundschaftsbindung erweist sich als die stabilste in einer Welt, in der man nicht mehr über Gewißheiten verfügen kann, sondern mit bösartigen unbeherrschbaren Problemen rechnen muß.

Es bleibt auch im 21. Jahrhundert bei der ältesten Strategie und dem Selbstverständnis der Künstler, die sich als Avantgardisten auffaßten. Ihr Selbstbewußtsein bezogen sie aus der Fähigkeit, alle Gewißheiten in Probleme zu überführen; sie waren die Meister der Problemfindung – sogar noch dort, wo Wissenschaftler und Unternehmer keine Probleme sahen. Seit der Renaissance zeigten Künstler systematisch, daß man Probleme nicht lösen kann, sondern nur lernen kann, mit ihnen umzugehen – weswegen Ingenieure und Unternehmer die Künstler als Nestbeschmutzer und Negativisten belächelten. Inzwischen ist ihnen allen klar, daß Probleme nur gelöst werden können, indem man neue schafft. In diesem Sinne, als Problemerfinder, waren Künstler stets bedeutend, wohingegen sich ein Schüler lächerlich machte, der behauptete, durch Übung und Vervollkommnung die Defizite seines Meisters bewältigen zu können. Und die Aktivisten der Kunstszene waren stets Genies der Freundschaft, deren Stimulatoren Kuratoren hießen, oder Herausgeber, oder Sammler, oder Vermittler.

Es ist bezeichnend, daß ein solches Genie der Freundschaft, das auf dem Plateau der Supervision seit 35 Jahren mit größter Wirksamkeit agiert und damit den Typus des Kurators, Inszenators, Vermittlers neu definierte, auch für die Biennale 2001 das Konzept der Plateaux nutzt. Es ist das einzige Konzept, von dem wir, durchaus im Rückgriff auf das 18. Jahrhundert und die Geschichte der Modernität, vertrauen können, ohne bloß zu spekulieren oder mit Belohnung und Bestrafung Begeisterungsgefolge erzwingen zu wollen. Wer Harry Szeemann vorwirft, schon seit längerem in seinen größeren Ausstellungen nur noch die Gemeinschaft seiner Freunde zu präsentieren, hat noch nicht verstanden, daß man sich auf die Künste und Künstler einläßt, weil man jederzeit mit ihrem uns alle verbindenden Problembewußtsein rechnen kann. Freunde sind Menschen, bei denen man damit rechnen kann, daß sie uns gerade wegen der Beispielhaftigkeit unserer Defizite, unseres Scheiterns und unserer peinlichen Beschränktheit akzeptieren. Nur unter Freunden kann ich mich so zeigen, wie ich nirgends sein darf, wo es um Macht, Ruhm und Geld geht. Erst Freunde erfahren ihre Wirkung und Geltung über die Ohnmacht der Macht, über die Inflation des 15-Minuten-Ruhms, das Verspielen der Gewinne und die Verminderung unserer kreativen Potentiale durch Realisierung als Kapital. Dafür schuf der unvergessene Piero Manzoni das wunderbare Plateau eines ‚Socle du Monde‘: Die Freundschaft trägt die Welt, anstatt sich auf ihr bekrönend zu inszenieren.