Malermanöver – Von einem der auszog, das Schlachten zu malen

Mit Norman Junge, Evdokia Michailidou und Stefan Wilke

Norman Junge
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„...Ich spielte einen Schlachtenmaler.
Der ständige Konflikt meiner Identität und die
Angst vor Enttarnung ließen mich Bleistift und Pinsel
immer fester halten...“

Norman Junge, geb. 1938, (Vor-)Kriegskind, einstiger Wehrpass-Inhaber, Bildhauer absurder und archaisch wirkender wie wirkungsvoller Plastiken, mehrfach national und international ausgezeichneter Kinderbuchillustrator gab sich im Jahr 1986 als Historienmaler aus.

Er bewarb sich 1984 aufgrund seiner musischen Eigenschaft beim Bundesverteidigungsministerium, um teilnehmen zu können an dem europaweiten NATO-Manöver Cold Fire im Herbst 1986, eine Heeresübung vom Nordkap bis nach Sizilien: abertausende Soldaten und ein Schlachtenmaler, zugewiesen dem Abschnitt Fränkischer Schild im Frankenland. Bewerbungsmaterial waren Gemälde – abstrakte Malerei auf schwarzem Hintergrund – deren sonderbare Motive keinen Bilderstreit, vielmehr Krieg im Universum zeigen: bizarr, wüst, technoid.

Die Acrylfarben, die Junge neben Bleistift und Tusche malend benutzte, so erklärte er während einer Feldmahlzeit seinem Begleitoffizier, seien hitzebeständig, getestet auf achthundert Grad Celsius, kurzum ohne Atomblitz kriegstauglich: eine Eulenspiegelei.
Die darstellenden Zeichnungen, die im Manöver entstanden, haben vielmals Kriegsgeräte im Visier: Phantomjäger im Tiefflug, immer wieder Panzer, Radarschirme etc. Zwischen Detonationen und ohrenbetäubendem Ortsbeschuss, Flussüberquerungen und Schützengräben, Panzerfäusten und unheimlicher Ruhe vor dem Sturm schmuggelte Norman Junge Bilder aus dem militärischen Sperrbezirk aufs Papier.

Während diverser Angriffe verflogen einige der Zeichnungen, zerfetzt vom Rotorblatt eines Helikopters; andere, vom heftigen Wind aufgewirbelt, fielen ins Wasser. Motive verschwammen: Zerstörung pur, unwiederbringliche Wirklichkeit.

Das Manöver Cold Fire dauerte vom 18. bis zum 26. September 1986. Die während des Manövers entstandenen Bilder strahlte der Monitor/ARD in einem gekürzten Beitrag unter dem sinnigen Produktionsnamen Telekomander aus: Pinsel, Panzer und Patronen.

Weitere Zeichnungen schuf Norman Junge lange Zeit nach dem Manöver, etwa von 2000 bis 2008. Sie sind sarkastisch wie ironisch Ausdruck einer währenden Auseinandersetzung mit dem leidvollen Thema Krieg und seiner nichtsnutzigen Ästhetik.

Junge, der dreijährig seinen Vater im Krieg verlor, erklärt nicht den Krieg mit dem Krieg, sondern den Krieg – Friede auf verlorenem Posten – mit seiner Kunst: Flugzeuge mit Totenköpfen, eine Torte als Panzerturm, Triumphbögen aus Knochen, ein Fadenkreuz, explosiv, Krücken, die sich personenlos auf irgendeinen Weg machen, Hügel aus Skeletten und Schrott, Panzer mit Raketenkreuz, erfundenes Kriegsgerät als Affront gegen Hochrüstung und Unmenschlichkeit – gezeichneter Aberwitz einer todbringenden Kriegsmaschinerie.

Aus: J. Rönneper/N.Junge, ICH WAR DER MALER KLECKSEL, Köln, 1991; J. Rönneper/N.Junge, COLD FIRE – EIN MALERMANÖVER (im Druck)

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