Germany, mon Amour!

Contemporary in Germany. Art. Architecture. Design.

Germany, mon Amour! Contemporary in Germany. Art. Architecture. Design. | Curated by Peter Noever. Treviso: Antiga Edizioni, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Mit Texten von Luciano Benetton, Bazon Brock, Peter Noever

Italienisch, Englisch, Deutsch

„Una collezione straordinaria dove alcune delle personalità più significative nel panorama contemporaneo convivono con uno spaccato rappresentativo di una giovane e giovanissima generazione di creatori d’arte. Una selezione visionaria di oltre 200 opere che, complessivamente, mostra una fecondità ardita e prepotente, in grado di far uscire l’arte tedesca dai sentieri battuti. Come scrive nella sua introduzione il curatore Peter Noever, «gli artisti, gli architetti e i designer qui riuniti ci mostrano chiaramente che l’Arte, come l’Amore, non è una cosa da collezionare, ma rappresenta un terreno fertile per il presente e il futuro». Cronaca, denuncia, provocazione, grottesco, rottura e ricomposizione, citazioni di immaginari e miti che hanno cambiato la storia: una romantica, cinica, complessa, inquieta, immaginifica invenzione del futuro, non solo artistico, made in Germany.“ 

Seite im Original: 27

Was ist so deutsch an deutschen Künstlern der Gegenwart?

Von der unverzichtbaren Differenz zwischen Kulturträgern und Kunstträgern

Kaum jemand wird leugnen, dass deutsche Künstler in den 1960er, 70er, 80er Jahren im weltweiten Ranking der künstlerischen Gewichte überproportional auf den vorderen Plätzen vertreten waren. Woran lag das?

„Was wären wir ohne deutsche Schuld?“, fragte der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein; das war nicht als Provokation gemeint. Augstein erklärte sich so den offensichtlichen Abstand zwischen deutschem Künstlertum und den westlichen Künstlerdarstellern. Jetzt, Augstein ist inzwischen tot, wird seine Frage grundsätzlich beantwortet. Ohne die deutsche Schuld sind auch deutsche Künstler aller Sparten bestenfalls Unterhaltungsprofis und Krümelpicker der hohen Finanzherrschaft. Nach der Wiedervereinigung der Deutschen 1990 und dem „Ende der Geschichte“ durch Kapitulation des Ostblocks 1992 litt in Westdeutschland kein Mensch mehr unter seinem Schicksal. Künstler aller Sparten waren so harmlos geworden wie die Kollegen aus den seligen Siegergefilden USA, England, Frankreich, Benelux, Italien. Seit die Schweiz der Banktresor des Kapitalismus als Naturreligion sein wollte, gibt es auch dort keinen Grund mehr, unter irgendwelchen Zumutungen der Geschichte zu leiden und deshalb keinen Anlass, Kunst zu machen. Design reicht, wie überall. Selbst die islamische Welt, auch China und Russland können nicht mehr hoffen, zu großer Kunst genötigt zu werden, weil sie sich längst dem Kunstmarkt unterworfen haben, um dort das Angeber-Ranking zu bestimmen.

Was aber seit zwanzig Jahren in Deutschland an Kunst produziert wurde, kann es an Unterhaltungswert kaum mit chinesischen Drachentänzern aufnehmen. Wer mehr will, wie die von Augstein Gemeinten, muss sich zu kabarettistischer Vernunft erziehen und sich in Witz, Ironie und Satire üben. So besiegte Polke den Gerhard Richter, Wolfgang Neuß den Habermas, Alexander Kluge beerbte TV-Serienkrimis, mit denen den Publikumsmassen suggeriert werden soll, sie könnten die schöne Einheit von Mörder und Kommissar als verdoppelten Souverän noch einmal genießen wie einst die gruselige Einheit von Täter und Opfer im Dritten Reich.

Das war die Lage zwischen 1990 und 2010, man möchte sagen, Gottseidank, denn harmlose Kunstwerke richten weniger Schaden an als riefenstahlscher Monumentalismus oder Jud-Süß-Ästhetik. Lange Zeit konnte man glauben, „harmlos, wenn auch teuer“ reiche als Rechtfertigung von Künstlerarbeit in Demokratien. Mit der Etablierung von Taliban und ISIS-Fundamentalisten und den kapitalgetriebenen Versuchen, die Harmlosigkeit der Weltordnung der 1990er Jahre durch „Spaziergangskriege“ wieder herzustellen, sollten auch deutsche Künstler auf den tödlichen Ernst der Konflikte zwischen der Globalherrschaft von Goldman Sachs und der der anderen Gottesstaaten auf Erden verpflichtet sein. Allerdings umgehen sie diese Verpflichtung durch leichtfertiges Event-Hopsasa und Bekenntnisse zum guten Willen, so weit er nichts kostet.

Scheinheilig bauen Künstler in Deutschland wie deutsche Künstler auf diese neue Tieflegung. Dabei können sie sich auf genuin deutsche Erfahrungen berufen. Wie kein zweites Land hat Deutschland den Widerspruch zwischen Nationalität und Internationalität, zwischen Volk und Menschheit, Eigen und Fremd zum Programm erhoben, dem Programm „Lernen aus der Geschichte“. Wie aber lernt man aus der Geschichte, die man gar nicht kennen will, ebenso wenig wie wir heute die Geschichte der Weltkonflikte kennen wollen? Reicht es, mit dem Goodwill aller von Frieden und Freiheit zu schwadronieren, vom Wohlstand für alle – als wären geschichtliche Auseinandersetzungen eine Frage der Nächstenliebe?

Aus dieser Version der Geschichte zu lernen, heißt eben, nichts zu lernen. Dafür ein deutsches Paradebeispiel: Wenn man den Holocaust als weltgeschichtliche Einmaligkeit auszeichnet, braucht man sich nicht weiter um aktuelle, industriell realisierte Massentötungen wie etwa zwischen Tutsi und Hutus zu kümmern, weil der Holocaust als Einmaligkeit eben nicht wiederkehren kann. Wenn man aber andererseits Politik und Gesellschaft ausdrücklich darauf verpflichtet, dass sich der Holocaust nicht wiederholen dürfe, leugnet man ganz offensichtlich dessen Einmaligkeit. Für die von Augstein angesprochenen Deutschen bot dieser Widerspruch aus dem Wunsch, es allen recht zu machen, eine tiefe Befriedigung, denn sich in jedem Fall für schuldig halten zu dürfen, sichert die eigene Bedeutung und weltweite Beachtung. Nach demselben Schema versuchen heute Boko Haram und ISIS, Aufmerksamkeit in der Welt zu erregen.

Um aus dieser Falle der Selbstentlastung durch Selbstbezichtigung herauszufinden, schlug Gottfried Benn in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg vor, ein für allemal zwischen Kunstträgern und Kulturträgern zu unterscheiden. Die Kulturträger sollten ihre Selbstwürdigung durch kulturell-religiöse Schuldbekenntnisse aufrechterhalten. Künstler hätten nur für sich selbst zu sprechen und völlig darauf zu verzichten, ihre Arbeiten durch religiöse oder kulturelle Einverleibung mit Bedeutungsgewichten zu behängen. Kiefer und Baselitz, Penck und Immendorff, Beuys und Heiner Müller, Grass und Böll, Staeck und Deschner, Fassbinder und Reitz haben als Vertreter der deutschen Kultur Karriere gemacht und nicht als Künstler. Das war den 1990er-Jahre-Künstlern klar, ihre Werke verloren durch Verzicht auf religiös-kulturelle Bekenntnisse an Tiefgang. Sie wurden Unterhaltungsleichtgewichte, wie die Künstler im Rest der Welt das als selbstverständlich hinnehmen.

Zumal für die Durchschnittsbegabungen unter den Absolventen der Kunstakademien ist die Terrordrohung seit 9/11 und erst recht seit dem ISIS-Kalifat höchst willkommen, um den Mangel an künstlerischer Fähigkeit durch kulturell-religiöse Bekenntnisse auszugleichen. Keine Galerieeröffnung, keine Kuratorentagung, keine Geldgebersitzung, an der nicht danach gefragt wird, ob die Künstler sich zum Multikulturalismus bekennen und es für selbstverständlich halten, 56 Millionen in der Welt herumirrende Flüchtlinge in Europa aufzunehmen und menschenwürdig mit Arbeit, mit Wohnung und sozialer Integration zu versorgen. Wer es wagt, diese Phrasendrescherversprechungen mit dem Hinweis zu kritisieren, dass die Europäer nicht einmal in ihren eigenen Ländern Griechenland, Spanien, Portugal, Italien auch nur die Jugendarbeitslosigkeit auf ein vertretbares Maß zu reduzieren vermögen, wird nicht mehr als Künstler, Intellektueller, Denker oder Wissenschaftler anerkannt. Das ist die Lage.

Jetzt wird mir klar, warum ich noch nie in meinem Leben als Künstler, als Denker im Dienst irgendwelche Förderung erfahren habe – ich konnte mich nicht darauf einlassen, Deutschsein als bloße Chimäre harmloser politischer Korrektheit anzuerkennen.

Also doch: Deutschland, meine Liebe ohne Gegenliebe.