Medien Magazin

Zeitschrift der Network-Mediencooperative

Medien Magazin. Zeitschrift der Network-Mediencooperative | Heft 6, 4. Jg. 1984.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Redaktion: Christian Scholze, Helmut Ortner

Titelgestaltung und Layout: Rosa Landauer

Mitarbeiter/-innen dieses Heftes: Wilfried Tellkämper, Jochen Vielhauer, Michael Sontheimer, Diethart Kerbs, Martin Stankowski, Heinz Suhr, Bazon Brock, Peter M. Michels, Karl Heinz Kroeger, Thomas Polzin, Verein Monimbo, Sonja Student, Christian Scholze, Christoph Potting, Helmut Ortner

Medien Magazin erscheint zweimal im Jahr – jeweils im April und Oktober (1981-1986; 11 Ausgaben insg.)

Herausgeber:
Network Medien-Cooperative
Verlag & Medien-Service GmbH
Hallgartenstr. 69
6000 Frankfurt am Main 60

Seite im Original: 41

„Es ist unmöglich, daß Redakteure pausenlos lügen“

[Martin Stankowski im Interview mit Bazon Brock]

(Groß)medien stellen ihre Informationen selber her und greifen sie nicht, wie die bürgerliche Pressegeschichte oder Kommunikationstheorie behauptet, nur auf. 1970 entwickelt der Kunstprofessor Bazon Brock (B.B.) seine These von der „medienabhängigen Informationsproduktion“. Martin Stankowski (M.St.) fragte B.B., was er sich heute dazu denkt.

[Abb.: B.B. beim erfolgreichen Einbruch in Ihre verrammelte Gedankenwelt.]

M. St.: Meine erste Frage: Was haben Sie damals mit dem Begriff „medienabhängige Informationsproduktion“ genau gemeint?

B. B.: Der zentrale Punkt dieser Überlegung ist etwas, was sich der normale Alltagsmensch und Laie nicht vorstellt, nämlich daß ja nicht die Ereignisse in der Welt passieren und sie ihm dann über die Zeitung oder andere Medien mitgeteilt werden, und zwar dem Grade der Wichtigkeit und Bedeutung nach, sondern daß eine Zeitung gemacht wird, die sich nur verkaufen läßt, wenn sie von vorne bis hinten vollgeschrieben ist; das heißt, es dürfen keine weißen Flecken drin sein. Wir entdeckten damals die Selbstläufigkeit, die eigene Dynamik, die das Nachrichtengeschäft bedeutet, völlig losgelöst als ökonomisches Objekt, völlig losgelöst von dem, was es ursprünglich mal gewesen ist, nämlich Zeitung als Neuigkeit, als Mitteilung über etwas, woran man selber nicht Zeuge war. Das ist ja „Zeitung“.

M. St.: Und welche Rolle spielen Ihres Erachtens dabei die Medienmacher?

B. B.: Man sollte sich als Leser mal in die Situation solcher Objektemacher versetzen, um zu begreifen, unter welchen ungeheuerlichen Pressionen die stehen, um tatsächlich mit ihrem Medium immer etwas anzufangen, das die Verfügung – vor allem die ökonomische – rechtfertigt. Wenn man unter diesem Druck mal gestanden hat, der ja in vieler Hinsicht sich auswirkt, nicht nur gegenüber den Oberen, den Geldgebern und Besitzern, sondern schließlich auch gegenüber seiner eigenen verinnerlichten Haltung, dann kapiert man, daß ein Journalist eigentlich nicht bewußt anfängt zu lügen und sich dicke tun will. Er gerät unter einen Argumentations- und Rechtfertigungsdruck, der ungefähr so aussieht: Er ist zunächst gezwungen, die Wirklichkeit so herzurichten, daß sie abbildungs- und mitteilungsbedürftig ist. Das tut er durch die Art seines Schreibens, durch die Aufmachung. Je größer die Aufmachung, desto kleiner die Mitteilung. Die Aufmachung ist ja nur nötig, weil in der Mitteilung nicht genügend steckt. Er gerät darüberhinaus unter einen Rechtfertigungsdruck, gegenüber seinen eigenen Erfindungen und Wertungen noch Vertrauen zu sich selbst zu behalten. Das kann er aber nur, wenn er sich auf einen merkwürdigen Mechanismus einläßt: Er muß sozusagen immer noch eins draufgeben. Er muß sich selbst ständig übertrumpfen, was sich dann auch als ständiges Übertrumpfen der Konkurrenz auswirkt, der anderen Journalisten, aber vor allem als Übertrumpfen des Lesers. Der ja staunen soll und in gewisser Weise ja das erwartet, was er zu lesen bekommt, aber es muß noch über die Erwartung hinausgehen.
Das jetzt nicht nur bezogen auf das alte schöne Print-Medium, wo man sozusagen an der Schreibmaschine selber noch phantasieren kann, weil man der Einzige ist, der diese Stückchen gerade vollbringt. In allen Bereichen, wo man im Team arbeitet, beispielsweise im Fernsehen, wo man sich den Mitarbeitern gegenüber rechtfertigen muß, wo alle es mitkriegen, wenn man flunkert, da wird die Sache noch viel prekärer.
Man muß jetzt nicht nur gegen die eigene innere Versuchung zur Übererfüllung des Solls ankommen. Man muß besonders alle anderen überzeugen. Das ist eine Art von Kumpanei, wo man sich wechselseitig augenzwinkernd zugesteht, ‚Ihr kennt ja alle die Bedingungen des Mediums, da muß man halt sowas machen‘. Andererseits muß derjenige, der die Themen vorgibt, der Redakteur oder der das betreut, einen bestimmten Vorsprung bewahren. Er muß sich eine gewisse Art von Irrationalität, von Dunkelmannhaftigkeit geben ...

M. St.: Wie die Stern-Chefredaktion im Fall der Hitler-Tagebücher!

B. B.: Sowas. Ich schildere jetzt immer noch den Vorlauf, nicht die medienabhängige Produktion, sondern die Abhängigkeit von den armen Teufeln, die in den Medien drinstecken.
Die eigentliche medienabhängige Produktion ist die Eigengesetzlichkeit des Mediums. Das Fernsehen beispielsweise entwirft ein Weltbild, das sich von allem löst, was außerhalb dieses Mediums die reale Erfahrung ist, beziehungsweise was dann, wenn man von Kindesbeinen an täglich 3 bis 5 Stunden fernsieht, zur zweiten Natur wird.

M. St.: Nun gibt es ja auch in den Massenmedien politische und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Da gibt es Besitzer, nehmen wir doch den Herrn Springer, der eine bestimmte politische Vorgabe macht, an der entlang die Redakteure, die Fotografen, die Texter usw. produzieren. Wie sehen Sie diese Abhängigkeiten mit den eben beschriebenen Mechanismen?

B. B.: Ich habe das beschrieben entgegen den Auffassungen der linken Medienkritik, daß nicht Herr Springer hinter seinen Redakteuren steht und entweder mit dem Scheckbuch oder mit dem Entlassungsschein fuchtelt. Das sind Verinnerlichungen, Vorwegnahmen in der Vorstellung, die jemand, der in solchen Verhältnissen lebt, der seine Autonomie, seine Selbständigkeit, Subjektivität in bestimmtem Maße aufgeben muß, aus sich heraus produziert. Der ist für sich selbst ein viel wirkungsvollerer Springer als der Herr Springer.
Die Abhängigkeit besteht nur gegenüber dem eigenen Zensor. Das haben wir zur Sprache gebracht: die Selbstzensur. Das Ökonomische, die Belohnung oder die Bestrafung hat nur einen Effekt: Es ist nur wirksam, wenn in den Personen oder Lebensumständen [genau] das vorgegeben ist, worauf das Ganze zielt. Es ist schlichterdings unvorstellbar, daß Redakteure pausenlos lügen. Das ist ganz unmöglich, sie können es nicht durchhalten.
Bei dieser Art Kritik bemerkt man dann auch tatsächlich, inwieweit medienabhängige Informationsproduktion auch in dem Sinne Selbstlauf ist, daß es ja auf niemanden mehr nach außen zielt, sondern nur noch auf die Selbstbeteiligten. Die Minister kommen morgens ins Büro und lesen die Zeitung. Wobei der naive Bürger erstaunt ist, warum der Herr Minister überhaupt die Zeitung liest, wo er doch eigentlich derjenige ist, der die politischen Fakten vorgibt, über die dann die Zeitung berichtet. Aber die Minister, die eigentlichen Faktensetzer wissen auch nichts anderes als jeder normaler Zeitungsleser.

M. St.: Nun gibt es doch offensichtlich Versuche, von außen in dieses Schema hereinzukommen. Sie haben gesagt, die linke Medienkritik habe immer den Objektcharakter betont, also die Personen im Blick gehabt, die Pressionen ausüben. Jedenfalls damals, als Sie Ihre These entwickelten. Von daher war eine generelle Gegnerschaft zu den Großmedien da. Neuerdings gibt es Versuche gesellschaftskritischer Gruppen, sich den Produktionsmechanismus der Großmedien zunutze zu machen. Das beste Beispiel liefert vielleicht Greenpeace, die bei allen ihren Aktionen Fernseh- und Kamerateams dabei haben und ihre Aktionen auf die Massenmedien ausrichten. Ein anderes Beispiel ist vielleicht die sogenannte „Prominentenblockade“ kürzlich in Mutlangen. Auch hier der Versuch, ein „Ereignis“ zu produzieren, von dem sie hoffen, daß es so in die Medien gelangt: Also Günter Grass neben der Pershing zwei, Dorothee Sölle vorm Kasernentor oder Dietmar Schönherr fastet mit unbekannten Friedensfreunden. Die Absicht ist doch, so Zugang zu den Medien zu bekommen und durch die Wiederholung und Verbreitung der Argumente die Forderungen zu verstärken.

B. B.: Das scheint so zu sein. Das kann man glauben, solange man glaubt, daß das Fernsehen eine Autorität hat. Das war ja typisch für die 50er und erste Hälfte der 60er Jahre. Was im Fernsehen lief hatte qua Faktum, daß es im Fernsehen gezeigt wird, aus sich heraus bereits eine Autorität als Ereignis, vielleicht sogar als Meinung, als Urteil. Das ist aber doch längst vorbei, darum kann es eigentlich nicht mehr gehen.
Deswegen haben auch so viele Leute jetzt das Interesse, das Privatfernsehen einzuführen. Es geht im Grunde um die letzte Möglichkeit der Produktion von Gemeinsamkeiten. Daß wir in Deutschland höchstens 3-4 Programme haben, erhöht die Chancen, daß Leute am nächsten Tag über dieselben von ihnen gleichermaßen gesehenen Programme reden können, ungemein. Wenn hingegen Kanäle mit 12 oder noch mehr Programmen angeboten werden, wird der Effekt des Fernsehens wegfallen. Das Phantastische am Fernsehen als Wirkungsmechanismus war nicht seine Autorität, wie noch bis in die 60er Jahre hinein, sondern das Schaffen einer Gemeinsamkeit. Das heißt, man kann davon ausgehen, daß möglichst viele andere wissen, wovon man spricht, wenn man zum Beispiel dann „Mutlangen“ sagt, wenn man ein bestimmtes Ereignis aufruft. Die enge Kommunikation innerhalb sozusagen familiärer, naher Struktur heißt doch immer, man braucht nur Stichworte, und jeder weiß, worum es geht.
Als Begrifflichkeit, Beispiel „Mutlangen“, ist daraus tatsächlich ein Begriff geworden. Wenn die Fernsehprogramme vervielfältigt werden, dann wird dieser einzig verbindliche Effekt, das Schaffen von Begriffen, die alle kennen, wegfallen. Dann ist’s aus. Deswegen ist die beste Vernichtung des Fernsehens als Medium die Privatisierung und die Aufsplitterung in tausenderlei von Kanälen. Das wird natürlich in Deutschland eine gewaltige Veränderung haben, wenn es soweit kommt, weil Deutschland den öffentlich-rechtlichen Anstalten ungeheuer viel verdankt. Auch wenn das jahrelang falsch gelaufen ist und es nur die blinde Autorität von Kulenkampfferei und „Bonner Perspektive“ gewesen ist, die in sich ja überhaupt nicht politisch waren und auch selten was Vernünftiges gebracht haben. Aber die Tatsache, daß alle es sehen konnten und alle sich darauf bezogen, das war das Entscheidende. Und das fällt bei der Privatisierung weg. Wodurch das einzig Politische bei dem Medium, ohne daß ein politisches Wort oder Begriff überhaupt fällt, gekillt ist: nämlich eine Basis von Begriffen, die allen zugänglich sind.

M. St.: Was sind denn dann Ihrer Meinung nach die Instanzen oder die gesellschaftlichen Medien, wenn wir mal einen sehr breiten Medienbegriff verwenden, die in Zukunft Begriffe bilden und zur Verständigung beitragen werden?

B. B.: Ich hoffe nicht, daß es in Deutschland so weit kommen wird. Die Instanzen können nur die Betroffenen selber sein. Wenn die Bevölkerung selber Anlaß hat, sich überhaupt ansprechen zu lassen. Das ist der Druck durch Verwüstung der Lebensumwelt, die Zerstörung der Voraussetzungen, die jeder für absolut selbstverständlich hält.

M. St.: Ich frage das, bezogen auf die Interpretation und Stiftung von Erfahrungszusammenhang durch die Medien. Die Sinnstiftung des Fußballs etwa, die Herstellung von Pseudo-Erfahrung, funktioniert ja auch nicht mehr, wenn es statt einer plötzlich acht Bundesligen gäbe.

B. B.: Die neuen Perspektiven sind die Betroffenheiten selbst, die hören ja nicht auf. Es geht um die Lebensqualität auf der primitivsten Ebene von Luft, Wasser, Wäldern . . . Auf die Essentials kommt es an und die lassen sich nicht durch die Diversifizierung des Medienangebots aus der Welt bringen. Es ist grausam, daß man das Schlimmste schon wünschen muß, um überhaupt einen Impuls zur Bestätigung der eigenen Vernunft zu bekommen. Das waren in früheren Zeiten die Kriege, wenn die Menschen in regelmäßiger Folge wieder aufeinanderdroschen, obwohl sie die Erfahrung schon hinter sich hatten. Das ist heute nicht anders.

M. St.: Ich möchte noch mal zurück zu der Beobachtung, daß Oppositionsbewegungen veränderten Zugang zu den Medien versuchen, insofern sie Ereignisse herstellen, die dann wieder von den Medien rezipiert werden. Teilen Sie eigentlich diese Beobachtung?

B. B.: Das ist für mich so selbstverständlich, daß ich darauf gar nicht mehr eingehen wollte. In den 60er Jahren wurde etwa Marschieren auf der Straße, oder sich selbst als Skelett vermummen inszeniert oder unsere Permanenz-Szenen, so ’63 ’64, wo wir eine ganz bestimmte Bewegung, etwa dessen, der erschossen wird oder dessen, der Gewalt ausübt, als Permanenzszene durchhielten, also in der Bewegung verharrten, daß sich die Leute fragten ,Was machen die denn da eigentlich?‘ Das ist doch alles in die Bürgerbewegungen, in die APO, in die Friedensbewegung eingegangen. Alle die Mittel, die früher künstlerisch waren, um Ereignisse zu produzieren, die dann Fragestellungen nach sich zogen, das ist ja schon Gemeingut heute. Eine Schlange zu bilden, eine Menschenkette, oder Massentod auf einem großen Platz in der Stadt, wo tausend Menschen sich auf den Boden werfen, wie nach einer Bombe und dann einfach liegen bleiben, das ist alles aus der Kunst gekommen, die damit ursprünglich, wie auch im Theater, Ereignis produziert hat, und was jetzt von den Bürgerbewegungen in einer sehr sinnvollen Weise eingesetzt wird.

M. St.: Nun gibt es nachwievor die traditionellen Formen, pauschal gesagt aus der Arbeiterbewegung, wie Demonstrationen, Flugblätter, Unterschriften sammeln und meine Beobachtung ist, daß diese Instrumente in den letzten Jahren zurückgetreten sind. Das hat nicht mehr den Stellenwert, nachdem diese Sache in den 60er Jahren überhaupt wieder entdeckt wurden. Es gab ja nach 1945 zunächst keine Tradition dafür.

B. B.: Das Bedeutsame ist doch, was geschieht denn damit. Wenn, wie jetzt in Bonn offiziell verlautbart, etwa die Reaktion derjenigen, auf die hin das gemacht wird, ist, ‚Ach die protestieren und wir regieren‘, dann erzeugt eine solche Haltung eine solche Wut, bzw. einen solchen psychischen Druck, daß das nur lange genug vorgetragen werden muß, um sich selbst zu liquidieren.

M. St: Da können wir vielleicht noch lange warten. Das Bedeutsame für mich ist, was diese Gruppen, Initiativen, die Bürgerbewegung heute schon tatsächlich machen. Bei Ihnen allen gibt es schon seit längerem eine heftige Kontroverse, ob ihre Handlungen, Verweisungen usw. eher praktischer Widerstand oder eher symbolische Vorwegnahmen sind. Etwa die Blockaden in der Friedensbewegung. Blockieren sie tatsächlich oder ist das ein Symbol, um „die Massen“ zu erreichen?

B. B.: Das ist, glaube ich, einer der entscheidenden Punkte. Nachdem Christus am Kreuz gehangen hat, gab es ja die Möglichkeit zu behaupten, von jetzt ab bedarf es keiner Menschenopfer mehr, die wirklich vollzogen werden. Diese Ebene ist zugleich die symbolische und hat einfürallemal jedes Realgeschehen hinter sich gelassen, soweit es um Opfer geht. „Er ist für alle gestorben“, das ist die Kernaussage des Christentums.

Und jetzt stellt man gerade in unserer Zeit fest: Die Folter hat es noch nie so verbreitet und effektiv gegeben wie jetzt. Torturen psychischer Art hat es noch nie so gegeben wie jetzt, die Dichter der Kriege, die Massenhaftigkeit des Tötens, mit anderen Worten: Wir beobachten in Zeiten, wo nur eine erhöhte Symbolisierung überhaupt sinnvoll wäre, eine Desymbolisierung. Es läuft ganz stark in vielen Bereichen – das nennen manche Leute den ‚Kern der Postmoderne‘ – wieder darauf hinaus, daß wieder die Realvollzüge zurückkommen und die symbolische Ebene verlassen wird.

M. St.: Aber insofern sind exemplarische Aktionen auch „Realvollzüge“.

B. B.: Richtig, weil es eben verstärkt um desymbolisierte Vollzüge gehen wird, wird das Exemplarische zunehmen, das heißt, es werden auf Straßen und Plätzen mehr und mehr Dinge so getan, daß sie vom Realvollzug nicht mehr unterscheidbar sind. Dann werden die Leute auf eine ganz andere Weise involviert und da brauchen sie dann das Beispiel wie in der Märtyrerbewegung aller Zeiten. Denn Märtyrer sein heißt ja, eine Durchsetzung über exemplarische Realisierung, nicht über symbolische.
Es ist leider mit dem Kreuzestod nicht abgemacht gewesen und die symbolische Ebene wird wieder verlassen und das ist so schlimm, wie es auch von der Vernunft dargestellt werden muß. An einem Foltereinsatz ist nichts rückgängig zu machen. Da ist nichts umkehrbar, da ist nichts symbolisch, die nackte Faktizität des realen Ablaufs. Die Frage ist, ob das jetzt den Medieneinsatz sozusagen provoziert? Ich glaube ja. Da wo die Desymbolisierung zunimmt, also wo die Realabläufe stärker werden, da ist die Fernsehkamera viel lieber, da hält sie sich viel optimaler an ihre eigenen Bedingungen. Es soll ja so weit gekommen sein, daß für die Kamera, das hat man immer wieder gelesen, sogar Menschenopfer vollzogen worden sind. Syberberg vertritt die These, daß man im 3. Reich beim Hängen der Männer des 20. Juli im Schlachthof Berlin-Plötzensee schon einen ersten Ansatz gehabt hat, daß etwas nur für die Filmkamera inszeniert worden ist. Das wurde ja auch tatsächlich auf einer Ebene reproduziert, daß man tatsächlich glaubte, diese Art satanischer Demonstration sei eigentlich für die Filmkamera vonstatten gegangen.

M. St.: Für diese exemplarische Handlungsebene spielt, denke ich, eine entscheidende Rolle, daß die Aktionen nachahmbar sind, also unabhängig von Ort und Zeit. Und das ist ja auch der Aspekt dabei, daß sie wiederholt werden, daß sie Mut und Freude zur Nachahmung machen.

B. B.: Sie haben sogar eine größere Wahrheit, insofern sie eben exemplarisch und nicht zufällig nur einmalig sind. Insofern ist alles, was nur einmalig ist, viel weniger wirksam, als das was sich auf diese Weise reproduzieren läßt. Wiederum ein Gesetz, das eigentlich dem Mediencharakter entgegen käme. Trotzdem jagt ja alles hinter der Einmaligkeit her. Ein exemplarisch inszenierter Vorfall liefert in der Reproduktion durch das Medium mehr Wahrheit als die noch so gute Dokumentation an Ort und Stelle an einem Ereignis, das so tatsächlich, unabhängig von dem Beobachten, stattgefunden hätte.
Das exemplarische Inszenieren ist allerdings auch keine Schauspielerei. Keiner von den Beteiligten schauspielert. Es sind tatsächlich Betroffene, allerdings nicht solche, die das Ganze aus Führungsanspruch oder Vorturnerfunktion erfüllen oder weil sie damit in die Erinnerung eingehen wollen.