Einladung zur Begehung eines Buches als Landschaft des Lebens

Bazon Brock: Theoreme. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht? | Köln: Walther König, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Bazon Brock: THEOREME: Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht?

Hrsg. von Marina Sawall. Köln: Walther König, 2017.

Soeben erschien das Monumentalwerk „Theoreme: Er lebte, liebte, lehrte und starb viele Tode! Was hat er sich dabei gedacht?“ von Bazon Brock. Das will der Autor in der Denkerei erklären bei einem Piquenique/Picknick auf den herrlichen Auen der 552 Seiten!

Anmeldung erbeten an: bazonbrock@bazonbrock.de

Einleitung von Bazon Brock

Allgemein gilt: Erkenntnisse sind danach zu bewerten, wie treffsicher sich mit ihnen Zukunft voraussagen lässt. Die Voraussagen Bazon Brocks in den zurückliegenden sechzig Jahren haben sich in ganz erstaunlichem Umfang bestätigt.

So bewahrheitete sich in den 1960er Jahren seine Behauptung, Ja-Sagen sei die effektivste Form des Widerstands (Affirmationsstrategie, zum Beispiel Kampagne gegen den § 218 durch Selbstanzeigen von tausenden Frauen oder Widerstand durch „Dienst nach Vorschrift“ wie beim Streik der beamteten deutschen Fluglotsen).

Für die documenta 5 1972 postulierte Brock die „Neuen Bilderkriege“ als Konsequenz neuer Bildgebungsverfahren (definitiv bestätigt durch Werbung in US-Wahlschlachten und auf Schlachtfeldern seit dem Golfkrieg 1991).

Zum 60. Geburtstag von Joseph Beuys fixierte Brock das Theorem „Avantgarde ist nur das, was uns zwingt, unter dem Druck des nichts als Neuen die Konventionen und Traditionen mit völlig neuen Augen zu sehen“. Die Kunst-Avantgarden des 20. Jahrhunderts erwiesen sich als die produktivsten der Menschheitsgeschichte, denn sie holten in unsere Museen als lebendige Gegenwart, was man zuvor als bloß geschichtlich der Vergangenheit zugeordnet hatte: die plötzlich wieder faszinierenden Artefakte der sogenannten primitiven Kulturen aller Kontinente und die staunenswert modern anmutenden Leistungen der lange vergangenen Hochkulturen.
Anfang der 1980er Jahre sagte Brock die Wiederkehr der Gottsucherbanden voraus, die als heute überall beschworene fundamentalistische Terroristen dem Motto folgen: „Wir wollen Gott und damit basta!“

Für die documenta 8 1987 entwickelte Brock das Theorem vom „Verbotenen Ernstfall“, das die heute brisanteste Frage bezeichnet, wie Mitglieder einer Gesellschaft zur Einhaltung von Regeln veranlasst werden können, wenn sie bei Verstoß weder die physische noch die psychische oder soziale Sanktionierung zu erwarten haben. (In der Afghanistan-Intervention wagte der Westen wegen des Verbots des Ernstfalls in Demokratien keinen erklärten Krieg; an jeder Bombe klebte das Zettelchen „Sorry, wir bauen hinterher alles schöner wieder auf“.)

Seit langem empfiehlt Brock seinen Kollegen, die allgemeine Selbstverwirklichungslust zugunsten der Selbstfesselung einzuschränken, denn wenn alle fröhlich die Sau rauslassen oder „alte Sehgewohnheiten radikal auflösen“ wollen, gibt es keine Konventionen mehr, gegen die irgendjemand rebellieren könnte.

Seit 1986 postuliert Bazon Brock mit dem Programm „Gott und Müll“ eine allgemeine Ewigkeitspflicht, denn strahlender Atommüll kann nur durch einen rigiden Kultdienst in „Kathedralen des strahlenden Mülls“ unter Kontrolle gehalten werden. Dadurch garantieren moderne Gesellschaften die Anerkennung von Ewigkeit. 40 000 Jahre lang solchen „Abfall“ zu lagern, setzt ein weit anspruchsvolleres Verständnis von Ewigkeit voraus, als bisher alle Religionen mit ihren bestenfalls 5000 Jahren Gottesdienst demonstriert haben.

In den 90er Jahren stellte Brock der Multikulti-Euphorie die Notwendigkeit der „Zivilisierung der Kulturen“ entgegen und schlug vor, Musealisierung als Zivilisations-/Pazifizierungsstrategie zu entwickeln (das Museum Hagia Sophia in Istanbul wurde 2016 mit Billigung des türkischen Parlaments wieder zum Kulturkampfobjekt zwischen Muslimen und orthodoxen Christen).
Zur Jahrtausendwende beschrieb Brock die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts in einer dem heutigen Problemdruck angemesseneren Weise: Es ging und geht nicht um die Abgrenzung der europäischen Rationalität oder Faktizität vom wilden Denken des Irrationalen oder der Willkür des Kontrafaktischen. Es gibt keine Entgegensetzung von westlichem Denken in Kosten-Nutzen-Kalkülen zum allerweltlichen Triumph des Glaubens und der Liebe über alle Rechnungsgrößen. Aufgeklärt ist vielmehr nur, wer jederzeit mit dem handlungsbestimmenden Kontrafaktischen wie Geisterglauben oder Rassenzugehörigkeit rechnet; aufgeklärt ist, wer vernünftig mit der Macht der Unvernunft umgeht.

2006 absolvierte Brock in 11 führenden Museen „Lustmärsche durchs Theoriegelände“ als Einübung in Geistesgegenwart und Zeitgenossenschaft. Die Wanderbewegungen als Gedankenentwicklung führten von der bildenden Kunst zur bildenden Wissenschaft und ihrem Denken in Bildern, das inzwischen das Durchschnittsniveau der Bildnerei von Künstlern übertrifft.

Seit den Bankenskandalen – seit überall Versagern hohe Anerkennungs- und Abfindungsboni gezahlt werden und europäische Parlamente zur Rettung vor Dieben selber zu Hehlern wurden, die asoziales Verhalten, aggressive Auslöschungskonkurrenz und gnadenlose Aushebelung des Rechtsstaats als Rettungsmaßnahmen ausgaben, beschäftigt sich Brock mit Logiken der Selbstzerstörung von Individuen, Unternehmen und Systemen. Er entdeckte in den Sehnsüchten nach der Apokalypse christlicher Provenienz das allgemeine Prinzip der Begründung von Optimismus durch Rechnen mit dem Schlimmsten, denn wer Gefahren zu kalkulieren versteht, hat die besten Voraussetzungen, sie zu bestehen. Gegenwärtig beschreibt Brock den Kapitalismus als bloße Ideologie, wie es der Sozialismus im ehemaligen Ostblock gewesen ist. Ebensowenig wie irgendwo auf der Welt je der Sozialismus als Programm verbindlich gewesen sei, so wenig waren wir je kapitalistisch. Was heißt schon Marktwirtschaft, wenn ganze Industrien Subventionen erpressen, wenn Pleiten zur Bereicherung der Pleitiers genutzt werden und wenn kriminelles Verhalten augenzwinkernd als „Überdehnung“ des allgemeinen Rechtsverständnisses beschmunzelt wird. Ein drastisches, aber zutreffendes Bild: Die Steuerzahler wurden zu Zwangsprostituierten im Staat als Bordell, in dem die reichen und mächtigen Herren bei der Puffmutter geschwundene Potenz beklagen und zur Wiederherstellung von Überlegenheitsgefühlen entsprechende Aufbauarbeit der Prostituierten bestellen. Und das Ganze möglichst von Festivalmusik untermalt.

Zum Aufbau des Buchs
von Marina Sawall

„Theoreme“ kommt ganz ohne Inhaltsverzeichnis aus, wobei ein umfassendes Register die schnelle Auffindbarkeit des Gesuchten erleichtert. Die Leser können sich andererseits die Person Bazon Brock und ihre Aussagen auch Seite für Seite erblättern.
Insgesamt gibt es drei größere Unterteilungen: erstens einen biografischen Rahmen; zweitens einen methodischen Teil zu Bazon Brocks Selbstverständnis als „Künstler ohne Werk“ und seiner Erfindung des Action Teaching; sowie drittens ein über 200 Seiten starkes „Arbeitsheft“, das sich direkt an die Leser wendet, indem es das Konzept der Brockschen Bürger- und Besucherschulen in Buchform weiterführt.

Die Methode des Action Teaching gehört bei Bazon Brock untrennbar zu den Theoremen, weshalb sie hier in ihren verschiedenen Formen vom mehrstündigen Vortrag im Kopfstand bis hin zu mindestens vierstündigen Lustmärschen oder dem Spazierensitzen für Fußmüde anschaulich gemacht wird.

Besondere Bedeutung kommt dabei den Lehrmitteln zu, die Brock für seine Action Teachings konzipiert und jeweils für ein bestimmtes Thema anfertigen lässt. Er bezeichnet sie als „Theoretische Objekte“ oder auch „Cognitive Tools“, um ihren erkenntnisfördernden Charakter noch zu verdeutlichen.

Die theoretischen Objekte dienen Bazon Brock zur Problematisierung von Sachverhalten ¬– dem wesentlichen Kennzeichen seiner Definition des „Künstlers ohne Werk“, dessen Arbeitsauftrag eben nicht in der Erschaffung eines Werks, sondern in der öffentlichen Wirkung liegt. Bereits 1959 erprobt er diesen Gedanken mit Studenten der Klasse Hundertwasser am Beispiel der „Großen Hamburger Linie“, dem „ersten beispielhaften Nichtwerk“.

Zusammen mit der Methode des Action Teaching, das Brock zu Beginn seiner Lehrtätigkeit an Hochschulen entwickelt, kommt in seiner Kolumne „Bazon Brock, ein Kritiker dessen, was es noch nicht gibt“ in der Zeitschrift FILM bereits 1965 die Idee zu einer Professionalisierung der Rezipienten auf, die er mit den berühmt gewordenen documenta-Besucherschulen ab 1968 auch praktisch umsetzt und seitdem in verschiedenen Formen weiterführt. 2011 richtete er mit Peter Sloterdijk den Diplom-Studiengang „Der professionalisierte Bürger“ an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe ein und gründete in Berlin die Denkerei mit dem Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen, in der regelmäßig öffentliche Veranstaltungen zum Umgang mit diesen Problemen stattfinden.

Der als „Arbeitsheft“ gekennzeichnete Teil dieses Buches greift das Konzept der Professionalisierung der Bürger in ihren Rollen als Wähler, Rezipienten, Gläubige, Konsumenten und Patienten auf und bietet die Brockschen Themen geordnet nach den fünf hauptsächlichen Schultypen: Bürgerschule, Besucherschule, Prophetenschule, Konsumentenschule und Patientenschule.

Ein Zuordnungsprinzip bieten für Bazon Brock die sechs Grundmuster der Orientierung im Alltag:

1. Sternenkarten: Jedes Kind ist fasziniert von den Erzählungen über vergöttlichte Lebewesen, die wie bswp. der große Bär als Sternenbilder am Himmel gelesen werden können. Wie würden wir die Sternenbilder lesen, wenn sie nicht vor Jahrtausenden identifiziert worden wären, sondern der heutigen Lebenswelt und ihrer Alltagsästhetik entnommen würden?

2. Stadtpläne: Vor der Verfügung über Navigationssysteme lernte man, statt Grundrisse topografische Gestalten abzuspeichern. Hauptorientierungen waren Flüsse, Grüngürtel auf ehemaligen Festungswällen, das Radialsystem der Ausfallstraßen, markante Plätze oder Plateaus und Turmspitzen als Aussichtspunkte.

3. Schaltpläne: Seit 99 Prozent unserer Alltagsverrichtungen wie das Licht einschalten, den Computer benutzen, Autofahren oder Telefonieren durch „Kommunikation ohne Verstehen“ absolviert werden können, ist unsere Welt abstrakt geworden. Aber immer noch interpretieren wir Schaltpläne in rührender Weise als Vermittlung zwischen Anschaulichkeit und technischer Begriffswelt.

4. Schnittmuster: Von Schneiderinnen aus der Schule von Aenne Burda lernte die Brock-Generation früh, auf knappstem Raum eine Vielfalt von Formen und Handlungsanleitungen unterzubringen – lange bevor die Medien und die Moden solche Verfahren der Überlagerung, Schichtung und Mehrfachbelichtung den Laien zur privaten Aneignung zur Verfügung stellte.

5. Bibliotheken: Bücherregale als Erinnerung an das bürgerliche Zeitalter Alteuropas vermitteln zwischen dem Persönlichkeitsausdruck der Besitzer und deren Verpflichtung auf die Welt des Kollektivgeistes.

6. Tagebücher und Lebensläufe: Seit 1900 haben nicht mehr nur Könige, Religionsstifter und Feldherren eine Biografie. Jeder wurde biografiepflichtig. Dem entsprach man durch Vorlage eines handgeschriebenen Lebenslaufs bei Bewerbungen um Integration in die Gesellschaft. Graphologen leiteten aus den Schriftbildern den Grad der Autonomie von Schreibenden ab mit der Frage, ob sie bereits zu Autoren geworden seien.