Denkerei: Das Theater der Erziehung

Goethes »pädagogische Provinz« und die Vorgeschichten der Theatralisierung von Bildung – mit Martin Jörg Schäfer und Bazon Brock

Martin Jörg Schäfer: Das Theater der Erziehung. | Bielefeld: Transcript, 2016.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Rolle des Theaterdramaturgen, die Goethe in seinem Wilhelm Meister entwickelte, wurde vorbildlich für alle Vermittler sowohl humanistisch liberaler wie romantisch schwärmerischer Bildungskonzepte. Wandervogelglück wie Genossenschaftsseligkeit verlangten nach souveränen „Persönlichkeiten“, die das Verhältnis von Erziehungsutopien zur Lebenswirklichkeit auszutarieren hatten.

Heute ist diese Vermittlerrolle auf die Unterhaltungsprofis und die Werbung übergegangen. Sie fördern die Selbstverwirklichungswünsche durch effektvolle Inzenierung von Events, bei denen selbst banale Alltagsphänomene theatralisch aufgeblasen werden.

Damit die Individuen nicht mit den harten Fakten wie prekären Beschäftigungsverhältnissen und Versagensangst allein bleiben, entwickelt das Theater der Erziehung die Theatralik der Verlierer, der Geschiedenen und Arbeitsunfähigen. Schon sind die Feiern der Scheidung eines Ehepaars glaubwürdiger und deshalb interessanter als ihre Hochzeiten.

Wir werden es bald erleben, dass Claus Peymann in seiner neuen Karriere in den Jobcentern die Arbeitssuchenden in Ausdrucksformen trainieren wird, die eines Schillers und dessen Vision einer politischen Erziehung durch das Theater würdig sind.

Vor 40 Jahren hat in Berlin der geniale Wolfgang Neuss dazu überzeugende Vorschläge gemacht, an die wir in der Veranstaltung erinnern wollen.

Zum Buch:

Martin Jörg Schäfer: Das Theater der Erziehung. Goethes »pädagogische Provinz« und die Vorgeschichten der Theatralisierung von Bildung. Bielefeld: Transcript, 2016.

Der Imperativ des sogenannten ›lebenslangen Lernens‹, der im 21. Jh. den Bildungs- und Arbeitssektor bestimmt, geht mit dessen Theatralisierung einher, z.B. mit der Notwendigkeit zur flexiblen Inszenierung des eigenen Selbst. Viele der impliziten Annahmen, Bilder und Erzählmuster finden sich in den Erziehungs-, Bildungs- und Theaterfiktionen des selbsternannten ›pädagogischen‹ 18. Jh. wie als Negativfolie vorgeprägt. Ihre Wechselverhältnisse lassen sich an diesen historischen Vorgeschichten von Rousseau bis Goethe entfalten.

http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3488-4/das-theater-der-erziehung

Zur Person:

Martin Jörg Schäfer (Prof. Dr. phil.) lehrt Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Theaterforschung an der Universität Hamburg.