kunst und kirche

Ökumenische Zeitschrift für zeitgenössische Kunst und Architektur

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Vorwort
Hannes Langbein

„Metaphysik“ bedeutet Grenzüberschreitung: Über die Physis, über die sinnliche Wahrnehmung, über die Grenzen der materiellen Welt hinaus... – Dennoch oder gerade deshalb haben sich Menschen – zumal Philosophen und Theologen – immer wieder daran gemacht, diese Grenzen zu überschreiten, auf der Suche nach einem Großen Ganzen, nach ersten Gründen, zeitlosen Prinzipien, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Auch und gerade Künstlerinnen und Künstler haben das getan – sei es mit umfassenden ästhetischen Welt- und Himmelsentwürfen, sei es mit künstlerischen Wahrheitsansprüchen, die es mit philosophischen Erkenntnisansprüchen aufnehmen wollen, sei es mit bildnerischen Ausgriffen auf den Bereich des Unsichtbaren oder sei es mit Konzeptionen eines ‚Gesamtkunstwerks‘, das eine umfassende Perspektive auf das Wirklichkeitsganze suggeriert.

Heft 4/2016 von „kunst und kirche“ fragt nach solchen künstlerischen Grenzüberschreitungen: Gibt es heute noch Künstlerinnen und Künstler, die sich auf die Suche nach dem Großen Ganzen machen? Welche ästhetischen Visionen entwickeln sie? In welches Verhältnis treten sie zu den Welt- und Himmelsentwürfen der Religion? Oder ist es am Ende doch nach wie vor die Parodie oder die Dekonstruktion des ‚Großen Ganzen‘, welche Künstlerinnen und Künstler umtreibt?

Mit Blick auf die Beiträge des vorliegenden Heftes zeichnet sich ab, dass der Blick über den epistemischen Tellerrand nach wie vor reizt. Etwa, wenn sich Künstler an Platons Höhlengleichnis (Mischa Kuball), Motiven der christlichen Heilsgeschichte (Michael Triegel), kosmischen Konstellationen des Universums (Björn Dahlem) oder der Konstruktion einer imaginären Architektur zur Weltverbesserung (Friedrich von Borries) abarbeiten. Gleichwohl schwingt ein augenzwinkerndes Bewusstsein der Vergeblichkeit mit und reizt zu einer ironischen Perspektive, die allerdings weniger den Unernst als vielmehr die Relativierung der eigenen Perspektive und damit eine durchaus ernsthafte Leichtigkeit des Weltzugangs ansteuert (Erwin Wurm).

Am Ende – oder besser am Anfang – stehen sich Kunst und Metaphysik im Horizont des Absoluten denkbar nahe – und bleiben doch mit ihrer wechselseitigen Anziehungskraft als „füreinander gefährliche Geliebte“ in spielerischer, genauer: „tänzerischer“ Distanz aufeinander bezogen (Markus Gabriel). Dabei zeichnet sich ab, dass auf die Verlockungen der Metaphysik bei genauerem Zusehen eine heilsame Ernüchterung folgen könnte: Denn könnte es nicht sein, dass sich die Grenzüberschreitungen der Metaphysik keineswegs als Übertritt von der einen in eine andere Welt, sondern – zumal mit Blick auf den Glauben – als Differenzereignisse innerhalb dieser einen Welt ereignen? (Hartmut von Sass)
Könnte es also sein, dass wir den „innerweltlichen Gott“ denken müssen? (Bazon Brock)

kunst und kirche
Ökumenische Zeitschrift für zeitgenössische Kunst und Architektur, 79. Jahrgang, seit 1971 vereinigt mit den „Christlichen Kunstblättern“, gegründet 1860, erscheint viermal jährlich.

Redaktion dieser Ausgabe: Hannes Langbein

Verleger:
Medecco Holding GmbH, Loquaiplatz 12, 1060 Wien, Österreich Tel. +43 (1) 353 6000-27

Herausgeber:
Präsidium des Evangelischen Kirchbautages in Verbindung mit dem Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg, vertreten durch Prof. Dr. Thomas Erne.
Diözesankunstverein Linz in Verbindung mit der Fakultät für Philosophie und für Kunstwissenschaft, Katholische Privat-Universität Linz, vertreten durch Prof. DDr. Monika Leisch-Kiesl.

ISSN 0023-5431

Seite im Original: 14

Wir müssen den innerweltlichen Gott denken

Bazon Brock im Gespräch mit kunst und kirche

Die philosophische Kritik an der Metaphysik beruht auf einem Missverständnis, sagt der Philosophie-Performer und „Denker im Dienst“ Bazon Brock. Denn Metaphysik meint nicht die Welt jenseits dieser Welt, sondern etwas Alltägliches. – Im Gespräch mit „kunst und kirche“ spricht Bazon Brock über die Gefahren der Kunstreligion, die Verantwortung des Protestantismus und die Bedeutung der Rezipientenbildung.

Hannes Langbein: Lieber Bazon Brock, vor einigen Jahren habe ich Sie auf einer Tagung in Düsseldorf gehört. Damals haben Sie mit Blick auf die Kunst ein flammendes Plädoyer gegen die Metaphysik gehalten. Was ist das Problem an der Metaphysik?

Bazon Brock: Die Metaphysik selbst ist nicht das Problem. Das Problem ist ihr Missverständnis. Nämlich nicht zu wissen, was eigentlich mit Metaphysik gemeint ist: Physis ist das, was real in der Welt gegeben ist, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unseren Händen ergreifen können. Und alles, was darüber hinaus geht, das ist Metaphysik: also, alles, was wir denken können. Eine Gegensätzlichkeit, eine Entgegensetzung von Menschlichem und Göttlichem, von Diesseits und Jenseits, von irdisch und ewig und so fort ist damit gar nicht gemeint. Diese Distinktionen sind ja alle irdisch. Sie kommen alle als Bestandteile der innerweltlichen Aktivitäten unseres zentralen Weltbildorgans, des Gehirns, vor. Physis ist das materiell Gegebene in der Welt, inklusive des eigenen Gehirns und des eigenen Körpers. Innerhalb derselben Welt ist die Metaphysik auf derselben Ebene wie die Physik gegeben. ‚Metaphysisch‘ heißt demnach nicht ,jenseits dieser Welt‘, sondern das über das Gegebene Hinausgehende, also unser Denken.

Wie kam es denn zu diesem Missverständnis?

Das ist ein Missverständnis der alten Griechen, die sich eine Welt jenseits unserer Welt – beispielsweise die Welt der Götter – vorstellten. Auch die jüdischen und die christlichen Schöpfungsmythen stellen sich ja einen Schöpfergott vor, der – so dachte man damals – nicht Bestandteil seiner eigenen Welt sein kann. Heute weiß man durch die selbstorganisierenden Systeme, wie das gehen kann. Aber damals wusste man nicht, wie etwas geschaffen werden kann, wenn die waltenden Kräfte Bestandteil des Geschaffenen sind. Sich vorzustellen, wie die Evolution selber die Naturgesetze erschafft, nach denen sie wirkt, das war unvorstellbar. Heute ist das philosophisch kein Problem mehr. In der Kunst ist das ja auch so: Es gibt nicht einen Künstler, der irgendwo steht und dann schafft, sondern durch sein Schaffen wird er erst zum Künstler. Genauso wird Gott erst zum Schöpfer, indem er schafft.

Das heißt, wir haben ein immanentes Schöpfungsprinzip?

Wir müssen den innerweltlichen Gott denken. Metaphysik ist ja ein Produkt der Evolution. Bewusstsein entsteht, das ist heute sehr einfach darstellbar, wenn – sagen wir mal – Caniden, also Hunde, lernen mit den Resultaten einer Handlung zu rechnen, ohne dass sie sie ausführen. Das heißt, wenn ein Hund dreimal gepeinigt wurde, weil er um eine Ecke geht und dort auf ein Ungeheuer oder auf einen Fresskonkurrenten trifft, dann geht er beim vierten Mal nicht mehr um die Ecke, weil er schon mit diesem Resultat rechnet. Das heißt, er entwickelt Bewusstsein, also die Fähigkeit des Antizipierens. Antizipieren aber heißt gedankliches Vorwegnehmen von Handlungsresultaten. Das ist ein evolutionärer Vorteil. Mit anderen Worten, die Evolution erzwingt selber, dass Orientierung auf die Welt eine rein gedankliche Operation ist. Heute läuft der überwiegende Teil unseres Weltbezugs über die Metaphysik, nämlich über das bloß Gedachte. Begriffe wie ,Nachhaltigkeit‘, ‚Ganzheitlichkeit‘ , die heute jedes Kind ganz selbstverständlich benutzt, können nicht als Gegebenheiten auf der Ebene der Physik gelten, sondern auf der Ebene der Metaphysik. Alles, was wir in unserem Alltagsbezug erleben, ist zu über 90% metaphysisch und nicht mehr physisch, weil es auf Gedachtem beruht.

Das heißt Metaphysik ist einerseits unausweichlich und andererseits ein Segen?

Das heißt vor allem, dass wir jetzt mit Blick auf den Grund des metaphysischen Missverständnisses sagen: „Leute, regt euch nicht auf, Metaphysik ist etwas ganz Alltägliches!“ Jeder weiß ja, wenn er sagt: „Herr Doktor, behandeln sie mich ganzheitlich!“, dass damit nicht irgend eine Form von ineinandergreifenden Händen am Körper des Patienten gemeint sein kann oder die Analyse von Blut etc., sondern, dass da etwas Gedachtes im Spiel ist, also eine metaphysische Operation, die er von seinem Doktor verlangt. Wir müssen sagen: „Hören Sie auf, sich Metaphysik im Sinne einer jenseitigen Welt vorzustellen!“ – Das wäre dringend notwendig – auch im Hinblick auf die Kunst. Denn auch dort wird ja immer wieder vom „Geheimnis der Kunst“ und vom „Metaphysischen“ schwadroniert – und das ausgerechnet mit Blick auf ein Geschmiere auf der Leinwand. Man muss verrückt sein, zu glauben, dass man seinen Gott in einem Gekritzel auf einer Leinwand finden könne, wie das zum Beispiel Kandinsky glaubte. Dieses ganze Gerede muss aufhören! – Und dazu müssen jetzt die Protestanten beitragen.

Wie können die Protestanten an dieser Stelle helfen?

Indem sie darauf hinweisen, dass Kunstwerke Werkzeuge sind. Wie alles andere auch: Wie die Schrift, wie das Schreibenkönnen, wie jede Kulturtechnik. Und durch Verweisen auf das, was ein Bild ist, nämlich eine Leinwand mit Farbe darauf und kein Organismus. Wenn ein Betrachter auf ein Werk reagiert, wenn jemand Angst hat, aggressiv wird, das Bild kaputt machen will, dann ist nicht das Bild beseelt, sondern der Betrachter. Alles andere wäre Animismus, bzw. die Behauptung, dass ein kleines Stückchen Holz die Kräfte der Natur enthält. Das hat man schon vor 3.000 Jahren überwunden. Dann wäre mit dem Missverständnis aufzuräumen, das Menschen heute dazu bringt, im Museum das „Schwarze Quadrat“ anzubeten, weil es mindestens 180 Millionen Euro kostet, oder einen van Gogh für 117 Millionen, einen Braque für 100 Millionen, usw.

Sie sprechen vom Kapitalismus als Quelle der Kunstreligion...

Natürlich! – Noch nie gab es eine so primitive Religion wie den Kapitalismus. Die Börse wird heute noch so betrieben, wie die Alten mit Gebeten die Wettervorhersagen gemacht haben: „Wir opfern heute noch einen Stier, damit es regnet oder damit die Sonne scheint...“ – Das ist hanebüchen. Der Kapitalismus hat keine Theologie. Deswegen ist er die dümmste aller Religionen, die je auf Erden geherrscht hat. Es ist ein reines Machtspektakel mit Gott Mammon in der Mitte. Daher wird es Zeit, den Kirchen die Pistole auf die Brust zu setzen. Denn dass das christliche Erbe Europas zu Schanden gemacht wird, das liegt ja nicht an den Muslimen, sondern an den faulen Christen, die sich dem Kapitalismus als Religion angeschlossen haben.

Was wäre für die Christen zu tun?

Sie müssen die Theologie wiederentdecken. Denn eine raffiniertere Form der Erkenntnistheorie als die der Theologen des vierten Jahrhunderts und der protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts gibt es nicht. Dort muss man wieder ansetzen. Eine Religion, die keine Theologie ausbildet, ist eine mörderische Ideologie. Und Sie können sich vorstellen, was es heißt, wenn wir es jetzt mit Religionen zu tun bekommen, die überhaupt keine Theologie kennen, sondern Theologie durch soziale Verhaltensnormen ersetzen. Was dort herauskommt, ist nichts anderes als Mord und Totschlag. Man muss die höchsten Güter der Menschheit vor den Argumenten der angeblichen Auserwähltheit, vor den Argumenten der offenbarten Religion schützen.

Das Bewusstsein der eigenen Auserwähltheit ist natürlich tief verwurzelt in den Religionen und geht mit einer gehörigen Portion metaphysischem Selbstbewusstsein einher...

Wem sagen Sie das? – Selbst ich kleine Wurst – und ich bin ja eine lächerliche kleine Wurst im Vergleich zu den großen Kennern des Hebräischen, des Aramäischen, des Griechischen, ich kann ja nur rumstottern – selbst ich konnte sehen, dass hier jahrhundertelang falsch übersetzt worden ist und daraus die Katastrophe des Jahrhunderts entstand: Nämlich die Vorstellung, Gott habe sein Volk „auserwählt“. Das ist völliger Quatsch. Der Begriff heißt nicht „auserwählt“, sondern „ausgewählt“! Gott wählt das Volk Israel als Instrument aus. So wie ein Handwerker Instrumente wählt. Diese obskure Missverständlichkeit hat die Deutschen dazu veranlasst zu sagen: „Was, ihr seid auserwählt? Wir zeigen euch mal, wer wirklich auserwählt ist!“ – Einem Mann wie Willy Brandt war das bewusst, als er ins Parlament kam, und die Abgeordneten darauf hinwies, dass sie nicht Auserwählte, sondern Gewählte sind. So ein Mensch muss kommen, um Generationen von Theologen zu sagen, dass die Rede von der Auserwähltheit zwar ihren Machtinteressen entsprechen mag, aber am Ende in die Katastrophe führt: Kein Konkurrent erträgt es, dass sich ein anderer als auserwählt betrachtet.

Mit dem Bewusstsein der Auserwähltheit haben ja nicht nur die Theologen, sondern auch die Künstler zu kämpfen, oder? – Sind Sie denn optimistisch, dass sich diese Art von Bewusstsein überwinden lässt?

Ich habe es ja selber erlebt, wenn ich mit hundert Leuten und mehr in einer meiner Besucherschulen war, dass Menschen nach drei Stunden gesagt haben: „Ja, jetzt haben wir es verstanden!“ Aber die Frage ist natürlich, was man damit anfängt. Wir wissen zum Beispiel, dass Rauchen nicht gerade gesundheitsfördernd ist, und trotzdem rauchen wir weiter. Wir wissen, dass uns bestimmte Angewohnheiten schädigen, und trotzdem behalten wir sie bei. Die Erkenntnis selbst ist noch nicht die Beherrschbarkeit des Phänomens, sondern nur eine Voraussetzung dafür, dass ich in die Lage versetzt werde, sie zu erreichen. Mit anderen Worten: Wir können nur aufklären in dem Sinne, wie wir es mit den Besucherschulen tun, also über die Auserwähltheit, über den kleinen Gott im Künstler aufklären. Aber ob sie das tatsächlich verstehen, ob sie das tatsächlich für sich nutzen, das wissen wir natürlich nicht.