Wörlitz

Eine Annäherung

Wörlitz. Eine Annäherung | Wettin-Löbejün: Stekovics, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Reihe: EditionGartenReich; 3

Sprachen: Englisch (eng), Deutsch (ger)

Beteiligte Personen:

Stekovics, Janos (Fotograf)
Weiß, Thomas (Herausgeber)
Weiß, Thomas (Verfasser)
Gelfert, Hans-Dieter (Verfasser)
Lampugnani, Vittorio Magnago (Verfasser)
von Buttlar, Adrian (Verfasser)
Brock, Bazon (Verfasser)
Stürmer, Michael (Verfasser)

Seite im Original: 294

Experimentelle Soziologie: Wörlitz als Zukunftslabor für die ästhetische Bildung des Menschengeschlechts

In Dorf, Schloss, Tempel / Für Bauer, Edelmann, Philosoph / Bei Stadt, Land, Fluss Durch Freiheit als Bindungskraft

Zunächst sei daran erinnert, dass sich der Landschaftsbegriff erst im 16. Jahrhundert mit der malerischen Darstellung von Natur herausbildet. Landschaft ist ein von Wahrnehmung überformtes Segment der Natur. Landschaft gibt es also nicht in der Natur, sondern nur in der Darstellung oder im Erleben von Natur. In den Jahrhunderten zuvor war der Verweis auf Natur als Ereignisort der Heilsgeschichte zum Bildbegriff geworden: Maria im Klostergärtchen, die Heilige Familie auf der Flucht durch Wüsteneien, der Geburtsort des Heilands auf den Weiden der Hirten. Erst durch Altdorfer und Dürer werden in „Deutschland“ die Orte des profanen Lebens und der weltlichen Geschichte in natürlicher Umgebung bestimmbar.

Im 17. Jahrhundert fasst man im humanistischen Sinne die heilsgeschichtlichen und die profanen Ereignisorte in dem theologisch nicht verdächtigen, weil antiken Topos der arkadischen Landschaft zusammen; vornehmlich leisten das Claude Lorrain und Nicolas Poussin in Frankreich.

Erwartbar, weil folgerichtig ist dann im 18. Jahrhundert die Verwirklichung der Landschaftsmalerei als gestaltete Natur im Englischen Garten. Die in realer Natur vergegenständlichte Malerei der arkadischen Landschaft wird im Park begehbar und die sinnliche Wahrnehmung in körperliche Aktivität des bisher nur Betrachtenden überführt. Sehen wird zum Gehen, zur Annäherung des Betrachters an den Gegenstand seiner Wahrnehmung. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet der Typus der Vedute als bildlicher Darstellung von in offenen Räumen zu erlebnisreichen Zielen der Betrachtung wandernden Menschen, die dabei von ihresgleichen wahrgenommen werden und das dem Gemäldebetrachter kommunizieren, indem sie ihn aus dem Bilde anblicken.

Gleichzeitig mit der Vedute entfaltet sich das Theater als Bildungsanstalt, in der der Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes der Reflexion teilhaftig wird, indem er sieht, wie andere etwas sehen und darauf reagieren. Vorläufer dafür war die Teichoskopie, in der der Zuschauer hört, was ein anderer schildert, das Geschilderte aber selber nicht sieht.

Die philosophische Synthese dieser Vorgänge wurde in dem Aufklärerlehrsatz formuliert: „esse est percipi“, das heißt, man existiert sozial nur in den Augenblicken des Wahrgenommenwerdens durch andere.

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts sind diese reflexiven Formen als grundlegend für die Entstehung von Öffentlichkeit verstanden worden. Die ersten englischen Zeitungen der 1710er Jahre hießen „Spectator“ und „Observer“, also „Zeitzeuge“ und „Bewerter der Zeitzeugenberichte“, was später in der Philosophie der journalistischen Arbeit als strikte Trennung von Ereignisbericht und Kommentar verbindlich wurde. In heute zeitgerechter Sprache ist das die Unterscheidung von Beobachtern 1. und 2. Ordnung.

Verwirklichte Bilder

Formen der Rückübertragung von Landschaftsmalerei in Naturgestaltung als „Englischer Garten“ standen unter der Bedingung, dass die Künstler als Gärtner durch das langsame Wachstum zumal der großen Pflanzen und Bäume kaum hoffen konnten, ihr Werk vollendet zu sehen. Umso wichtiger wurden die kleinteiligen Realisierungen in Blumen- und Heckentheatern oder in größeren Beeten als Gemälden im Garten der Malerei oder als theaterförmige Manifestationen der „Vorstellung“ des Zukünftigen. Die prinzipielle Unvollendetheit stimulierte die Fantasie über das Kommende, wie die in allen Englischen Gärten mit ganz neuem Material gebauten Ruinen die Fantasie über die Geschichte der antiken Kulturen und des christlichen Mittelalters anregten. Im Prozess einer immer weiter gehenden Annäherung von Ideal und Wirklichkeit vermittelten die realisierten Ideallandschaften jedem Teilnehmer dieser Experimente zur Entstehung von Gesellschaft das überwältigende Gefühl, erst Werdende zu sein, was bedeutete, dass man niemanden und keine Artefakte im Hinblick auf das beurteilte, was sie sind, sondern im Hinblick darauf, was für ein Potenzial der Entfaltung in ihnen steckt. Damit wurde der Begriff des Fortschritts manifest, nämlich als Werden in der Bewegung des Vorstellens, Denkens und Arbeitens. Aufgeklärt zu werden hieß, in immer höherem Maße aus dem Schema des gesellschaftlichen Seins herauszutreten und sich dabei wertend selbst zu beobachten, um sich der fortschreitenden Persönlichkeitsentwicklung zu vergewissern. Dieser Beobachtung dienten Korrespondenzen, Tagebücher, Sammlungen von Verwaltungsakten, Ausstellungen veralteter Arbeitsgeräte und anderer Erfolge der Überformung von Natur durch Einbildungskraft und deren Umsetzung in Arbeit. Steigerungen der Erträge bei Pflanzenbau und Tierzucht waren Parameter des Fortschritts der Naturbeherrschung. Zugleich wurde die Selbstbeherrschung der Akteure gesteigert durch ihre Fähigkeit, die Diskrepanz zwischen aktuellem Entwicklungsstand und den Fantasien über das potenziell Erreichbare auszuhalten, also genau zu unterscheiden zwischen Tagträumen und philosophisch-technischen Spekulationen. Letztere entwickelten dann Hegel und Lamarck, die sich beide für Natur vor allem noch mit Blick auf die Logiken der Evolution, also des Werdens interessierten, soweit diese Logiken aus dem Verhältnis von Möglichkeit und Wirklichkeit, von Potenzialität und Aktualität entschlüsselt werden konnten.

In verkürzter Zusammenfassung hieß das, die verwirklichten Bilder, Vorstellungen, „Utopien“ als Formen der experimentellen Evolution zu betrachten. Jahre vor den Werken von Ledoux und Boullée, vor Proudhon und Comte realisierte Franz von Anhalt-Dessau ein solches Labor in Wörlitz, durchaus in eifernder Konkurrenz zu englischen, französischen, polnischen Experimenten oder denen in der Schweiz. Letztere erhielten besondere Bedeutung durch den wirkmächtigsten Ideologen der Fortschrittsbewegung. Denn Rousseau hat ja sein „Zurück zur Natur“ als Fortschritt verstanden, insofern die Natur die Lehrmeisterin für menschliche Erkenntnis und Arbeitsstreben zu sein hat und Fortschritt darin zu sehen ist, dass die Menschen immer besser den Entwicklungslogiken der Natur zu folgen vermögen.

Dieser Maxime huldigten in besonderer Weise englische Aristokraten wie Lord Burlington, die in der griechisch-römischen Antike die frühe Natur der menschlichen Zivilisation sahen und sich ihr in einer zeitgemäßen Wiederaufnahme jener Klassik als Neoklassizismus widmeten. Hogarth’ Satire auf derartiges Naturverständnis als dem bloß historisch Früheren übersetzte der Göttinger Philosoph Lichtenberg 1778 ff. sogar in einen Verhaltenskodex zur Charakter- und Geschmacksbildung durch Geistesbildung, der in Stichen von Chodowiecki als damaligem Massenmedium in Deutschland verbreitet wurde. Dort sieht man pädagogische Unterweisung als Anleitung der Zeitgenossen zur Selbstoptimierung durch Abschütteln aller Konventionen der Reichen und Neureichen. Der Bürger als Gentleman musste seine in „Tanzschulen“ verinnerlichte Dressur ablegen, um zum herzensguten Naturburschen und bei geistiger Befähigung zum Genie der Natürlichkeit in Selbstbestimmung als Ausdruck von Freiheit zu werden.

Maler und Esser

Einen Spaziergang als Bewegung in „freier“ Natur konnte man nur als Erfüllung des Wunsches der Rückkehr zu ihr verstehen, wenn man den Unterschied zwischen Stubengelehrsamkeit und praktischer Caritas, zwischen dem Beschreiben von Zeilen und dem Ziehen von Ackerfurchen, zwischen dem Malen der Frucht und ihrem Verzehr herausstellte. Das Zeitalter erhielt seinen Namen als das der Aufklärung. Das ist die Verbreitung des Lichts der Erkenntnis durch Zünden von Geistesblitzen. Aber die Klarheit des Denkens und Wahrnehmens war ganz nüchtern als Erweiterung der Sichtbarkeit gemeint, indem man aus den auch tags nur trüblichtigen Innenräumen hinaustrat und die Gegenstände der Erkenntnis angemessen ins Licht setzte.

Im 18. Jahrhundert reichte es nicht mehr, fremde Welten und Kulturen als romanhafte Schilderungen durchaus zur eigenen Belehrung zu konsumieren. Man musste die Grand Tour, die kulturtouristische Reise und Wanderung durch die geschichtlichen Zentren Europas selber antreten, in eigene Anschauung und Erfahrung übertragen und im eigenen Handeln produktiv werden lassen. Für die bürgerlichen Künstler aller Sparten war das ein „Spaziergang nach Syrakus“ in zeitgemäßer Anverwandlung der von jedem Handwerksgesellen verlangten Fortbildungswanderung von Meister zu Meister, von Stadt zu Stadt.

Landluft macht frei

Was in den Kolonien des Fortschrittsexperiments wie in Wörlitz initiiert wurde, brachte man fast einhundert Jahre später in der Freiluftdenkerei, Freiluftmalerei, in der Reformbewegung der Landkommunen oder in der Freilufttherapie der Alternativmediziner auf den Höhepunkt. War es mittelalterlich sprichwörtlich, dass Stadtluft frei mache, galt jetzt: Landluft setzt das Denken frei und entfesselt die Lebenskraft in Freiluftertüchtigung, indem man sich jeglichem Wetter, der Kraft der Sonne wie des Wassers aussetzt. Man philosophiert in der Form praktischen Arbeitens und huldigt der Schönheit im Gelingen von Wachsen und Gedeihen der Pflanzen und Tiere.

Wörlitz war also ein erstrangiges Labor für die Erprobung von Vorstellungen des Fortschritts nach dem Modell der Fruchtbringenden Gesellschaft. Diese wurde nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges von den Höflingen des winzigen Fürstenhofs in Köthen im Zusammenspiel von Aristokratie und städtischem Bürgertum entwickelt; es lag sehr wohl im eigenen Interesse, die Alphabetisierung und Bildung der Bauern, Handlanger und Handwerker voranzubringen, um wenigstens einen Teil der kriegsbedingten Verluste an Lebenskraft und Lebensfreude zurückzugewinnen. Nachdem sich bestätigt hat, was ich vor fünfundzwanzig Jahren vermutete – der Gründer des Wörlitz’schen Sozialexperiments müsste Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft von Anhalt-Köthen gewesen sein –, muss man die Tatkraft der Erzieher zum Fortschritt aus der Mission ableiten, endlich ein Friedensreich der Menschheit zu etablieren. Dieses Reichsverständnis, das sich heute noch in der Redensart von „meinem kleinen privaten Reich“ erhalten hat und in der Schrebergartenbewegung der Kleinbürger massenwirksam wurde, markiert ein Areal der Autonomie bis hin zur Autarkie. Es bestimmt den Verfügungshorizont der Selbstbestimmung von Einzelnen und Gruppen, aus dem heraus ihr Freiheitsanspruch begründet wird. Freiheitsfähig sind also nur diejenigen, die Verantwortung für ihr kleines Reich, ihr Gartenreich, ihre Koloniegründung im eigenen wie im fremden Lande zu übernehmen bereit und fähig sind. In erster Linie waren im 18. Jahrhundert Adlige verantwortungsfähig und verantwortungsbereit, in zweiter Linie entsprechend erfolgreiche Bürger und erst in dritter Linie die zum Gebrauch von Freiheit anzuleitenden Kleinbürger. (Zur Würdigung des Begriffs „Bürger“ muss man in Erinnerung behalten, dass ihr Name diejenigen bezeichnet, die im Schutz einer Burg lebten und dann im Einverständnis mit dem Burgherrn ihre Lebensgemeinschaft zu einer Stadt erweiterten.)

Freiheit manifestierte sich als Fähigkeit zur freiwilligen Bindung in sozialen Gemeinschaften, die auf ihre Verantwortung für die Zukunftsentwicklung ausgerichtet sind.

Die Erfindung der Antike

Die immer noch grassierende Auffassung, Renaissance bezeichne eine „Wiedergeburt“ der Antike, ist im Sinne der Aufklärer des 18. Jahrhunderts dringend zu korrigieren. Ein Wiederleben der Antike hat es nur in den 1340er Jahren in Rom gegeben. Dort bot die Senatorenfamilie der Colonna dem Geschichtsexperimentator Cola di Rienzi die Möglichkeit, die wichtigsten Regeln und Institutionen der Römischen Republik aus Zeiten vor der Ermordung Ciceros und Caesars wieder einzuführen. Das Experiment scheiterte nicht zuletzt an den Auswirkungen der Großen Pest, in Wahrheit aber an den Selbstwidersprüchen solcher Vorhaben. Es diente übrigens Engels als Hinweis darauf, dass das Neue nicht eine Wiederholung des Anfangs sein kann. Das Neue ist nicht der Neustart.

Bereits der Alberti-Generation und dann den Humanisten war klar, dass man die consecutio temporum, die Entwicklung der Geschichte, nicht umkehren oder neu begründen kann. Es gilt vielmehr, die Erinnerung produktiv werden zu lassen, und Erinnerungen sind deutlich vom Memorieren von Fakten zu unterscheiden. Fakten müssen reproduziert, Erinnerungen müssen immer neu geschaffen werden. Die vor allem von Winckelmann Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitete Erinnerung an die Früh- und Hochzeit der europäischen Zivilisation in der antiken Klassik geht demzufolge weit über das bloße Verbreiten des Faktischen hinaus.

Die erinnerungsträchtige Schöpfung von Antike im Klassizismus überbietet das Historisch-Faktische idealistisch, das heißt, in der Behauptung, was die Antike ihrer Potenz nach hätte sein können, was sie aber nicht gewesen ist. So sind zum Beispiel die antiken Statuen und Architekturen in der Präsentation von Winckelmann marmorblass, obwohl sie im Original allesamt vielfarbig und signalhaft bunt bemalt waren, denn die topografische Farbgebung war nicht auf malerische Valeurs ausgerichtet, sondern auf Verdeutlichung der Gestaltungen im gleißenden Sonnenlicht. Diese topografische Farbigkeit wird noch heute bei der Gestaltung von Atlanten oder bei der Veröffentlichung von Bildern ferner Himmelskörper als „Falschfarbenkennung“ verwendet. Durch die peniblen Rekonstruktionen von Vinzenz Brinkmann und seiner Mannschaft wissen wir heute besonders ausdrücklich, wie die antiken Statuen und Architekturen tatsächlich aussahen – nach heutigen Analogieangeboten sahen sie aus wie Artefakte im Disneyland der Donald Duck’schen Kostümierung.

Die für uns Moderne immer erneut faszinierende Antike, beispielgebend in der schier unüberbietbaren Vollendung ihrer Gestaltungen, ist die von Winckelmann geschaffene Erinnerung an ein Ideal, das nicht in der Antike, sondern in der europäischen Aufklärung entwickelt wurde. In diesem Sinne tritt das Spätere an die Stelle des Früheren – im Ende liegt der Anfang, und nur vom Ende her lässt sich sinnvoll anfangen, weil man weiß, worauf die Anstrengung hinauslaufen soll. Insofern ist tatsächlich der Klassizismus erst der Beweis für die Bedeutung der Klassik. Und der Klassizismus als Ideal der nie gewesenen Antike ist zukunftsbestimmend für die Moderne.

Noch im 20. Jahrhundert wird diese Bestimmung von Klassizismus als Programm der Moderne etwa in den Bauten zur Pariser Weltausstellung von 1937 unüberbietbar inszeniert – unüberbietbar deswegen, weil diesem Programm „Klassizismus als Moderne“ in der Volksrepublik Frankreich, in der konstitutionellen Monarchie England, im Faschismus Italiens, in der Demokratie der USA, im nationalsozialistischen Deutschland und in der UdSSR durch die Ausstellungsbeiträge gleichermaßen gehuldigt wird. Im Wörlitzer Schloss manifestiert sich diese Programmatik von Modernität in größter Sinnfälligkeit, gerade weil es relativ spät ins Gelände der pädagogischen Provinz eingefügt wird.

Die Frage, in welchem Sinne die Fiktion der Antike durch Klassizismus mit den politischen, ökonomischen, sozialen und militärischen Realitäten konfrontiert werden konnte, ohne als Flucht aus der Zeit oder als Fantasmagorie lächerlich zu werden, lässt sich ganz überzeugend beantworten. Wenn die französische Königin Marie Antoinette auf ihrem Bauernhof im Park von Versailles antike Mythen als Vorwand für das Leben in einer Gegenwelt auslebt, also an den Zitzen der Ziegen Pan’sche Erotik und bei den kräftigen Bauernburschen die Kraft der unverbildeten sexuellen Natürlichkeit schätzen lernen wollte, wie sie später de Sade als orgiastische Anleitung seiner Leser und seiner selbst feierte, dann benutzte sie als Transmissionsriemen von Wirklichkeit und Möglichkeit, von Realität und Ideal die Metaphernbildung.

Metaphern

Metaphorik war bereits bei den Klassikern der römischen Literatur im Zeitalter des julisch-claudischen Hauses hoch entwickelt. Durch Metaphern wird vor allen Dingen die sinnliche Erfahrung der Naturgegebenheiten mit der gedanklich konzeptuellen Entfaltung als Lebensplan und Entwicklungsmodell zusammengeschlossen.

Der Wellenschlag des Meeres verweist dann auf den Gedanken der Wiederholung des Immergleichen als Modell der Ewigkeit.

Der zerstäubende Sand ist Sinnbild für das Verrinnen der Lebenszeit, Spuren im Boden stehen für Geschichtlichkeit (und ihre archäologische Entdeckung), Blumen für nur kurzzeitige Prachtentfaltung.

Die seelenvollen Augen der Wiederkäuer sind Beispiel für Gelassenheit in ordnungsverpflichteter Stabilität der Seele (dafür stand bei den Alten die „kuhäugige Hera“ und in den Kliniken von Epidauros wurde zur Einleitung der Schlaftherapie im Tempel der Blick in Kuhaugen empfohlen).

Einzelstehende Bäume werden als Widerstand der starken Persönlichkeit gegen Unbilden der Stürme, gegen Hagelschlag und Flut interpretiert, Wälder hingegen als Schutzgemeinschaft des Kollektivs der Schwachen; ganz im Sinne des Erasmus von Rotterdam galt das Zusammenleben von Tieren einer Species als Sinnbild innergesellschaftlichen Friedens (denn die Konflikte zwischen Angehörigen derselben Species wie Krieg der Affen oder Rivalennachwuchs tötende Löwen waren noch nicht bekannt). Die Vermehrung von Hasen und Kaninchen mehrmals im Jahr in libertinärer Beziehung zu verschiedenen Partnern rechtfertigt lockere Sitten als fortschrittlich, weil natürlich.

Das Ensemble der zu metaphorisierenden Natur im Arbeitsfeld der Menschen charakterisiert gleichzeitig deren Bildung als Leser und Überschreiber der einzelnen Naturerscheinungen mit religiösen, philosophischen, poetischen Bedeutungen. Das setzt im Einzelnen sogar fremdsprachliche Kenntnisse bei den gemeinen Mitgliedern der Bildungskommune des Gartenreichs in Wörlitz voraus. Nur der französisch Sprechende vermag die den Epitaph von Rousseau umstehenden Pappeln auf der Insel als Vergegenständlichung des Volkes zu erkennen, weil im Französischen les peupliers leicht mit le peuple assoziiert wird.

Denken ist Arbeiten ist Denken

Generell hieß Bildung durch Arbeiten cogitate et laborate, eine weltliche Variante des benediktinischen ora et labora. Der Zusammenhang von körperlicher und gedanklicher Aktivität war ebenfalls aus der Blütezeit der römischen virtus überliefert, die ihrerseits mit der Peripatetik korrespondiert, dem Denken in Bewegung bei Aristoteles. Cogitare, also Nachdenken oder vielmehr prometheisches Vorausdenken benötigte man, um den Jahreszeiten und Bodenbeschaffenheiten gemäß die Erträge der Landwirtschaft zu optimieren. Laborare, also zu arbeiten hieß, den Erkenntnissen gemäß zu handeln und es in Produkte umzusetzen. Gedanken, also Konzepte aufgrund der Kenntnis von Naturgesetzen werden aber auch rückwirkend aus den Arbeitsresultaten bewertbar. Dieses Wechselspiel von Erkennen und Handeln, von Planung und Ausführung in der säkularen Gesellschaft entspricht dem Begriff der Schöpfung in der sakralen. Nicht nur Gott, sondern seine Schöpfung, die Natur, wird ihrerseits schöpferisch, sobald die nach Gottes Bild geschaffenen Menschen der Natur die Gedankenformen als Entwicklungsziele aufprägen – Züchtung und Erziehung als von der Kraft des Denkens überformte, gelenkte Natur. Dem entspricht heute der Begriff der Information, nämlich dem Naturmaterial eine Form aufzuprägen oder sich einer sozialen Formation zuzuordnen, wie der Lieutenant durch Zuordnung zu angetretenen Soldaten eine Information für den Schlachtenlenker schafft. Die informierte Gesellschaft ist also eine in soziale Ordnungen gebrachte Gesellschaft, wobei diese Ordnungen jedermann öffentlich zugänglich sind.

Insofern konnte die Glaubensfrömmigkeit ohne Weiteres in die Weltfrömmigkeit der aufgeklärten Menschen überführt werden. Der Auftrag „Machet euch die Welt untertan“ hatte ja gemeint, durch Erkennen der Natur ihrer Herr zu werden, also Naturunbilden wie Fluten und Krankheiten widerstehen zu können durch das Gewinnen von Information. In den Gartenreichen der Laboratorien für die Entwicklung des Paradieses als zu erreichendem Endziel für das Zusammenleben aller Geschöpfe galt es, sich die Schöpferkraft untertan zu machen, also sie sich anzueignen. Zu lernen, gebildet zu werden, frei zu sein hieß also, schöpferisch zu werden in jeder Arbeit. Im 18. Jahrhundert wäre niemand auf die Idee gekommen, nur künstlerisches und wissenschaftliches Arbeiten für schöpferisch zu halten. Beides war die Voraussetzung für das Schöpferischwerden der Menschen im Entwickeln ihrer Lebensmöglichkeiten durch das Handwerk des Lebens, der vita activa. Das demonstriert die große Enzyklopädie von Diderot, indem sie in Schrift und Bild alle Kenntnis der Entfaltung der Lebensbewährung zuordnet. So konnte man das Pathos der Gartenreichbetreiber eben nicht nur den führenden Köpfen, sondern auch den gemeinen Arbeitern zugestehen oder sogar abverlangen. Denn dass deren Leben durch Arbeitsaktivität geprägt ist, definiert ja gerade ihren Status.

Goethe hat im Roman über Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre die Summa der großen Sozial- und Zukunftsexperimente à la Wörlitzer Gartenreich gebildet, die, wie Friedrich Schlegel meinte, zusammen mit Fichtes Wissenschaftslehre und dem Code civil Napoleons den Menschheitsfortschritt des 18. Jahrhunderts erkennen lässt.