Dichterkrönung in der Wohnküche

Bazon Brock, Lorenz Jäger und Thomas Kapielski sprechen über den legendären Frankfurter Aktionskünstler und Dichter Hans Frosch Imhoff

Selbstkrönung Hans Imhoff 1991
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wissen mehr als zwei Dutzend Bürger Frankfurts, daß in ihrer Bauklötzchenschachtel zu Füßen des keltischen Heiligtums ein Dichter wohnt? Sie können es nicht wissen, weil ihnen verwehrt blieb, die Dichter noch zu kennen, diese Gestalten ein für allemal vergangener Zeiten. Wie aber lebt dann Hans Imhoff in Frankfurt und ist ein Dichter? »Die ständig wachsende Konkretisierung meiner selbst, d. h. die immer dichtere Einarbeitung von Vergangenheit und Zukunft, von geschichtlicher Tiefe in mein zufälliges Leben bildet eine meiner Hauptsorgen. Ich komme ihr jedoch nach, wie es meine Kräfte gestatten.«

Wenn eine Gestalt des Geistes vergangen ist, dann vermag sie als solche vergangene nur in der Gegenwart erkannt zu werden; denn das Vergangene ist ja nur das Vergangene der Gegenwart. Die Dichter müssen also leben, um vergangen zu sein. Die Vergangenheit (wie auch die Zukunft, die ja nur die Zukunft des Gegenwärtigen ist) muß, so Imhoff, immer dichter in die Gegenwart eingearbeitet werden. In dieser Einarbeitung von Vergangenheit und Zukunft als nur in der Gegenwart bedeutsame Figurationen des Lebens tritt der Dichter in Erscheinung. Das ist Imhoffs Position wie die eines jeden klar und genau Unterscheidenden.

Den philologischen oder archäologischen Rekonstruktionen der Vergangenheit mangelt diese Unterscheidungskraft. Sie geben nur vor, beweisen zu können, daß das Vergangene die Gegenwart hervorgebracht habe und sich in die Zukunft fortsetzen werde. Sie sind an der Vergangenheit nur interessiert, um die Zukunft zu erkennen und ein Paradigma der Utopie zu gewinnen. Sie sind bloße Spekulanten des Zeitvergehens. Aber die Geschichte, die der Dichter konkretisiert, ist die Geschichte des Zeitloswerdens in jenem Zustand, in dem alles gleichermaßen vergangen ist und niemand mehr vor der Zukunft zittert, weil er sie bereits als zukünftige Vergangenheit weiß. Wem das gelingt, ist ein Dichter. Ob er denn schreibt, ein Kind erzieht oder der Logik des Plans im Beziehungsgeflecht der Menschen nachspürt, das man ihre Kultur nennt.

Wir schätzen uns als Schweine,
das ist uns bewußt, wie
auch, daß unsere große Kirche
uns segnet. Was wir
im einzelnen tun, ist
unser Geheimnis,
wie auch, -
wer wir sind. Offenbar
ist alles Gott.

Damit man nicht mißverstehe: Auch Gott und die Götter können nur als vergangene oder erst recht als vergangene füglich Gott sein, sonst wäre alle Segnung unserer großen Kirche, der Geschichte, bloße Blasphemie, und wir Schweine fühlten uns gerechtfertigt, anstatt unser Geheimnis, wer wir sind, zu verantworten. Wir sollten mit unserer Not, mit unserer Beschränktheit und schweinischen Dummheit rechnen lernen, anstatt auf unverhoffte Hilfe zu warten.

Die Zeitlosigkeit des Dichters zwingt uns auf den Punkt: Es ist nichts zu erwarten, was nicht schon da wäre, und alles ist schon da, was je erwartbar war. Keine Ausreden mehr, keine Fluchten in die Vergangenheit oder deren utopische Projektion. Keine Entschuldigung mehr, keine Entlastung, daß die Menschen erst werden, was sie sind. Sie sind es jetzt oder werden es nie sein. Die Vergangenheit ist jetzt, oder es gibt keine. Die Zukunft ist unsere heutige, oder nur eine Chimäre des Unentscheidbaren.

Es gilt, die von Philosophen, Soziologen und Politikern beschworenen historischen Bündnisse mit der angeblich so lebendigen Vergangenheit und der angeblich alles wendenden Zukunft zu verraten: so lautet das Bekenntnis Imhoffs. Alle Dichtung ist ein solcher Verrat ‒ was für ein Verrat?

Ende März ein Tag, an welchem
sich mir auf der Strecke
Frankfurt am Main ‒ Darmstadt
die Schienen als Götter verrieten.

Der Verrat der Dichter an den frommen oder konsumeristischen Spekulationen, daß alles anders werden kann, wenn wir es nur wollten, nährt sich für Imhoff aus einer Metaphysik, die die totale Vernichtung mit dem Ziel der Realisation des Vernichteten und eine Form der bewahrenden Dekonstruktion zu erfassen sucht. Nur Trümmern gönnt man die Dauer, weil niemand etwas mit ihnen anzufangen weiß.
Das ist seine Asozialistik, der er in legendären Zeiten der Frankfurter Revolution der Jahre 1966 ff. mit spektakulären Aktionen Beweiskraft zu verleihen versuchte. Erinnert man sich, wie Hans Imhoff die Herzen der Massen eroberte, als der im Dezember `68 ausbrechende Streik an der Universität ihn in der Realisation seiner Strategie aufhielt?

Hans Imhoff gibt am 11. Juli `68 in einer Seminarsitzung mit Adorno bekannt, daß er sich den Lehrstuhl für Asozialistik an der Frankfurter Uni verliehen habe und im WS 1968/69 seine Antrittsvorlesung halten werde. Hans Imhoff okkupiert am 14. November 1968 in der Vorlesung des Prof. Habermas das Podium und hält seine Antrittsvorlesung, indem er mit der Schulter zum Publikum auf dem Geländer schaukelt, aber zu den hörigen, alles erwartenden Studenten nur wenig spricht. Der Dozent verläßt den Saal, Hans Imhoff schreibt an die Tafel »Hans Imhoff ist weise«.

Hans Imhoff okkupiert am 25. November `68 in dem Seminar des Dr. Schmidt das Podium und vertreibt den bekannten Marxisten mit Fragen der Antizipation von Fraternité in dessen Verhalten. Hans Imhoff spricht zum Volk von sich und schenkt den Studenten den Rest der Stunde: Ich gebe Beispiele für richtiges Handeln. Seine Verkündigung an die Bittenden ist: »Geht schwimmen« und: »Jedem seine Mitarbeiterin«. Ein Almosen, um das er bittet, wird Hans Imhoff nicht gegeben.

Hans Imhoff: Ich habe Hunger. Hans Imhoff auf dem Weg ins Wasser. Er ist der Frosch. Hans Imhoff: Ich bin mein Fall. Hans Imhoff weiß zuviel. Ich bin froh, daß ich Hans Imhoff bin. Was kaputt ist, tut mir nicht mehr weh. Ohne seine Freunde ist Hans Imhoff nichts. Hans Imhoff ist der Frosch. Desorganisateure gehen zurück ins Wasser und machen den historischen Sozialisationsprozeß rückgängig. Die richtige Politik ist Konsequenz. Hans Imhoff ist weiter. Mich interessiert nur noch Annette.

Hans Imhoff okkupiert am 29. Januar `69 das Podium in der Vorlesung des Prof. Mitscherlich und doziert vor einer Orgel vom hohen Stuhl herab aus dessen Vorlesungsskripten über die infame Behauptung, die größte Gefahr für den Menschen sei das Fehlen einer artspezifischen Tötungshemmung bei ihnen. Hans Imhoff erreicht seine Diskriminierung durch den angesehen Arzt und erweckt dadurch Staunen.

Wo immer in jenen Jahren das Publikum sich auf Buchmessen oder in Theatern, in Hörspielsälen und Galerien versammelte, um sich der Logik des Zeitgeistes zu vergewissern, setzte Imhoff mit großer Liebenswürdigkeit zu seiner asozialistischen Strategie an. Man kann heute nur schwer verstehen, wie erhellend diese metaphysischen Aufklärungen wirkten; denn Publikum und Akteure fanden sich ja institutionell abgesichert zusammen, um Bekenntnisse ihrer Fortschrittlichkeit, ihres sozialistischen Herzschlags sowie der Liebe zur Menschheit und ihrem Geschick zu huldigen.

Imhoff platzte in diese Selbstbeweihräucherung der avancierten Geister, die sich als Herren der Geschichte etablieren wollten und kultisch überhöht deren Opfer gedachten: »Die Armen, sie leben hoch, hoch, hoch!« Alle hielten sich etwas darauf zugute, den zwanghaften Selbstlauf des sogenannten kapitalistischen Schweinesystems mit Einsprüchen und Eingriffen wenigstens zu stören, ohne je anerkennen zu können, daß ihre selbstlegitimierte Zerstörung sich gegen sie selber wenden könnte, ja wenden müßte.

Das machte Imhoff klar, und er wurde zumindest in Situationen verstanden, in denen Pathetiker des öffentlichen Aufruhrs erblaßten und autoritär um sich schlugen, wenn es jemand während ihrer Aufrührerreden wagte, etwas lauter als statthaft zu husten.

»Eines meiner besten Werke war die >Pressekonferenz<. Ich begab mich in ein Theater, in dem eine Welturaufführung stattfand, stellte mich, nachdem das Stück gerade begonnen hatte, auf die Bühne, sagte, daß ich Hans Imhoff sei und jetzt eine Pressekonferenz abhalten wolle, und forderte die anwesenden Journalisten auf, sich zu mir zu begeben. Damals vertrat ich die Theorie, daß es das Kriterium eines modernen Stückes sei, ob es ohne Einbuße an Qualität jede Unterbrechung überstehen könne: meine eigenen seien dazu imstande aufgrund ihres hohen >Integrationsgrades<. Die Presse schrieb auf meine unterbrochene Unterbrechung hin, das von mir unterbrochene Stück habe die Probe bestanden, denn man spielte hinterher weiter. So sind die Menschen! Sie wagen den Dingen nicht ins Angesicht zu sehen. Mein Stück, meine von den Schauspielern und vom Publikum verhinderte Pressekonferenz, überstand die Unterbrechung durch das Stück, das sie sehen wollten; ja war geradezu auf diese >Unterbrechung< hin konzipiert. Ich leistete allein mit dem Wort >Pressekonferenz< mehr als das Stück in zwei Stunden ‒ ganz abgesehen davon, daß diese altmodischen Theater unmäßig teuer sind und meine Darbietung nur Pfennige gekostet hat. Süßer Lohn ward mir: Mein Auftritt ist heute bekannter als das Stück. Als ich bekannt wurde und Gefahr lief, in aller Munde zu kommen, zog ich mich zurück. Bei Goethe traf ich ausgerechnet mit fünfundvierzig Jahren auf die Stelle, wo er sagt, er habe die Kultur des Genusses bis zu dem Grade gesteigert, bei dem er nicht mehr mit anderen geteilt werden könne.«

Man darf annehmen, daß es Imhoff ebensowenig möglich war, mit den Mitgliedern der KPD diesen Genuß der Asozialistik zu teilen wie mit dem Normalpublikum. Aber er lernte von den Weltrevolutionären, denen er sich zeitweise assoziierte, was sie vom Dichter erwarten und als schön empfinden: »Schön ist, was verliebt macht, erhaben ist, was an Herrschaft teilnehmen läßt. Aber sind damit die Formen abgeleitet?... Ist das Schöne zuletzt doch nur das, was mehr oder weniger zufällig an das Durchsetzungsvermögen, an die Macht gehängt ist, möglicherweise zu dessen Verstärkung? Das Schöne - ein Junktim des Willens zur Macht...?«
Und er lernte von den Machtprätendenten: »Ein Zeitalter, das das Vergessen für den Garanten einer gedeihlichen Zukunft hält, lenkt den Verdacht auf sich, daß es wissentlich das Gegenteil von dem tut, was zu tun es beansprucht: eine Jugend, die das Wissen selbst für das größte Hindernis des Wissens erachtet, will für das mißbraucht werden, was sie als den schlimmsten Greuel verabscheut. Die Idiotie trägt einige unverkennbare Züge, die sie ebenso bestimmen, wie sie sie selbst als Werkzeug charakterisieren.«

Für diese Idiotie, die für Imhoff die revolutionäre Zeit kennzeichnet, gibt er ein Beispiel: »Den jungen Frauen gilt Goethe als Frauenschänder, weil er seine Erlebnisse mit ihren Geschlechtsgenossinnen ausgebeutet habe.« Verrat rufen Sie ‒ ja eben! ‒ Imhoff beging ihn als Dichter gegenüber so vielen Frauen, so vielen griechisch-römischen, reichsdeutschen und anderen Vergangenheiten, gegenüber der Revolution, der Konspiration, der Liebeskunst und allen etablierten Künsten, daß er bis heute in seinem weltumspannenden Verlagsimperium Euphorion 32 Bände seines Œuvres unter der Anleitung des Satzmeisters Dieter Lincke veröffentlichen konnte.
Seiner Asozialistik gemäß kann die Ausbreitung Imhoffs, seine Konkretisierung in der Welt des Geistes, natürlich nur darin bewiesen sein, daß kaum jemand seine Werke kennt. Das Arkanum des Œuvre bildet daher das Hinterzimmer einer Freundeswohnung, in der die 32 Bücher als unverkäufliche in wohlgeordneten Stapeln gehütet werden. Zu den Hütern des Schatzes, von dem die Welt nichts wissen will, gehören ein paar Freunde, die zwei- oder dreimal jährlich zusammenkommen, um dem Dichter Imhoff zu bestätigen, daß er für tot gehalten wird und gerade deshalb als Dichter zu leben vermag.

Solche notwendige Selbsterniedrigung des lebenden Dichters zu einem, von dem kein Hund einen Knochen nimmt, nicht einmal die eigene Ehefrau ‒ für diese Kraft der Mißachtung kann man ihr nicht genug danken ‒ muß von Zeit zu Zeit in Form der Erhöhung aufgehoben werden, denn auch der Dichter ist nur ein flügelloser Zweibeiner, den das Theobromin reichlich genossenen honigsüßen Kakaosubstrats allein ebensowenig erhält, wie andere Menschen vom Hungerstreik zu leben vermögen. Und so soll denn am 22. Juni 1991 die Selbstkrönung Imhoffs in der Wohnstube des Sozialbaus, »chez moi«, gefeiert werden. Wo sonst wären Krönungen angemessener Verrat anstatt peinliche Beschwörung der Geschichte als Weg in die andere Zukunft?

32. Gedenken an die Frauen, die Gegnerinnen der Krönung sind
33. Große Prozession zum Schatzhaus
34. Kleine Prozession zum Schatzhaus
35. Brez, Frikadellen, grüne Sauce, Pellkartoffeln etc.
36. Edda-Tochter spielt Bach und Beethoven
37.- 47. Kleintischreden
48. Die Kardinalformel »Aufhebung der Erniedrigung durch Erhöhung«
49. Einmaligkeit des Werks
50. Weltgeschichtliche Sternstunde des Freundeskreises
51. Safran-Essenz (ebenso der gelehrte als auch der ungelehrte Brahman ist eine große Gottheit)
52. Wir erbitten das Mitbringen von Schirmen
53. Vier Gastgeber
54. Auf Mozarts Tod wird getrunken
64. Reden nichtanwesender Gäste werden vom Vorsitzenden gehalten
65. Den Vorsitz über den Krönungstag führt der Vorsitzende
66. Verlauf: Gerbermühle, russ. Schokolade, Telegramme, Beginn des Zeremoniells im Reuterweg, Aufbruch zum Wachtelessen, Fortsetzung der Feierlichkeiten, letzte Flasche
67. Ein delphischer Altar ist Archilochos zu errichten
68. Die strengste Tischkultur ist zu beobachten
69. Claudes Ansinnen
70. Verschickung der Symbola
71. Auch H. B. und E. L. halten eine Kleintischrede
72. Gedenken an Amalie von Imhoff und Caritas Pirckheimer
73. Schlacht bei Liegnitz 1241 - Wissenschaft und Weltlage.

Eine Dichterkrönung rund 500 Jahre nach der historisch jüngsten, der Krönung des Humanisten Conrad Geltes durch Friedrich III. in Nürnberg und rund 650 Jahre nach der bekanntesten Dichterkrönung, der Petrarcas, durch den König von Neapel?

»Es scheint, als beherrschten die Menschen ihre Geschichte nicht nur nicht, sondern ermangelten auch ihres Verständnisses. Jüngst las ich bei einem amerikanischen Journalisten, was die Deutschen begehrten, sei der Befehl, die Vergangenheit zu vergessen und die Aufforderung zum Egoismus. Was dem Journalisten sicher nicht bewußt war, ist das Eigentümliche, daß er in diesen Begriffen die amerikanische Soziologie zusammenfaßte. Denn im Vergessen der Vergangenheit und in der Aufforderung zum Egoismus funktioniert nach amerikanischen Vorstellungen die menschliche Gesellschaft, wenn sie denn funktioniert.«
Ähnlich wie dieser Journalist enthüllen wir mit unseren Einwänden gegen die Dichterkrönung als Dada-Ulk, wie nach unserer Vorstellung Kultur entsteht, wenn sie denn entsteht. Aber »Erkenntnis ist das Verhältnis des Geistes zu sich selbst«, sagt Imhoff, nicht dessen Verhältnis zur Welt und ihren zufälligen Gegebenheiten.

Doch ist der Geist in diesem Verhältnis zu sich selbst nicht wirklich, deshalb realisiert er sich als der, der er nicht ist, aber als Geist. Die Krönung ist eine solche Realisierung des lebenden Dichters in dem, was er nicht ist, nicht sein kann und nicht sein darf. Woher wüßten wir sonst, was wir nicht sind? Das ist nicht nur eine Feier der historischen Differenz als Konfrontation mit dem, was wir ein für allemal verloren haben an Humanität, an Schöpferkraft und Freiheit der Selbsterzeugung. Die Krönung ist auch nicht nur eine Asozialistik der Inauguration von Macht, und sei es die Macht der Liebe, um die Behauptung zurückzuweisen, Macht ließe sich legitimieren.
Wer sich selbst krönt, und das heißt, moderne Subjektivität reklamiert, beugt sich der Einsicht, daß alle anderen sind wie er selbst; wie er, also nicht wie alle! Der Übergang zur Moderne ist ein einziger Kampf mit solchen Göttern, die wir selbst angebaut haben als unsere Kulturen.

Wie Imhoff diesen Kampf als Familienvater, als Freund unter Menschen, Liebhaber und Künstler ausficht, ist beispielhaft, denn er versteht, was von uns allen gefordert ist: unsere Werke und Tage in unversöhnlichen Gegensatz zu uns selbst zu bringen, denn aus dem kommt das Maß, an dem wir gemessen werden. Und wenn Imhoff in seiner Selbstkrönung sich so mißt und messen läßt, bewahrheitet sich: er ist einer der größten Schreittänzer seiner Zeit, ein Genie, das ihm zum Dank nur erkennt, weil es nicht erkennt, was es erkennt. So liebt der Gute das Laub der sommergrünen Wälder, besonders Hessens.

Wälder der Erde, Häupter
Voll angenehmer Gedanken.
Menschen, schön und eben,
Auch Goethe.
Die Gesträuche beschienen
Von der Märzsonne
Heldischer Gesinnung.
Überall sind Schlachten. Ein
Glück ist es, entscheidend sein.
Sooft aber
Ich frage, wird mir zur Antwort,
Daß ich das Ähnliche liebe.
Aber ein Glück, das nicht zerstört werden kann, ist kein wirkliches.

Siehe: Bazon Brock: Dichterkrönung in der Wohnküche. Frankfurter Rundschau, 15.06.1991: http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=3102&sectid=2721

Zu den Personen

Lorenz Jäger, geboren 1951, studierte Soziologie und Germanistik in Marburg und Frankfurt am Main, anschließend unterrichtete er deutsche Literatur in Japan und den Vereinigten Staaten. 1997 wurde er Redakteur im Ressort Geisteswissenschaften der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», das er seit 2015 leitet. Lorenz Jäger ist Autor mehrerer Bücher, darunter «Adorno. Eine politische Biographie» (2003).

Thomas Kapielski, geboren 1951 in Berlin, studierte Philologie, Physische Geographie sowie Philosophie an der Freien Universität Berlin.
Kapielski veröffentlichte ab den 1990er Jahren Texte u. a. in der Zeit, der FAZ, der Frankfurter Rundschau. Er arbeitet als Schriftsteller, Künstler, Musiker (Mitglied im »Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester«) und Dozent.