95 Anschläge

Thesen für die Zukunft

95 Anschläge – Thesen für die Zukunft | Frankfurt a. M.: S. Fischer, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Der Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 hat die Welt verändert. Doch was ist heute wichtig? Was sind unsere Überzeugungen? Friederike von Bünau von der EKHN Stiftung (Evangelische Kirche von Hessen und Nassau) und Hauke Hückstädt vom Literaturhaus Frankfurt haben ein anregendes Debattenbuch zu den Glaubens- und Lebensfragen unserer Zeit herausgegeben: 95 Stellvertreter unserer Gesellschaft formulieren jeweils ihren Thesenanschlag für die Zukunft. Die Beiträger kommen aus den Bereichen Politik, Kultur, Wissenschaft und Theologie, sie repräsentieren vielfältige Professionen und mehrere Generationen.

Mit dabei sind unter anderem: Thea Dorn, Edgar Selge, Wolfgang Huber, Caroline Link, Wolfgang Thierse, Arno Geiger, Juli Zeh. Die von ihnen formulierten Thesen für die Zukunft geben einen Überblick über Haltungen, Wagemut, Innerlichkeit und Glaubenssätze der Gegenwart. So entsteht ein Austausch über Werte, Lebensformen, Dissonanzen und Stimmigkeiten in unserer Gesellschaft. Ein ebenso anregendes wie provokatives und unterhaltsames Buch. 

Seite im Original: 157

Luther ist der Begründer der Konzeptkunst

Im Zentrum von Luthers Rechtfertigungslehre steht die Behauptung: „sola fide …“, das heißt, nicht durch die Großartigkeit unserer Werke, sondern nur durch die Stärke unseres Glaubens, unserer geistigen Fähigkeiten können wir Gnade, also Anerkennung gewinnen.

Der Abschied von der „Werkfrömmigkeit“ (Luther) trägt die gesamte Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts – nicht nur in der ausdrücklich so firmierenden Konzeptkunst, sondern auch bei den Suprematisten, Dadaisten, action painters, Prozesskünstlern, Happenisten, social workers. Meine daraus entwickelte Summa heißt „Werk ist abgelegtes Werkzeug“; das war selbst für Beuys verbindlich, denn er ordnete an, seine großen plastischen Arbeiten in den Museen als abgelegtes Werkzeug zu behandeln, wie das etwa jeder Kunstinteressierte im Hamburger Bahnhof in Berlin mit der Präsentation der „Straßenbahnhaltestelle“ erfährt.

Luther verweist mit dem Theorem „sola scriptura …“ ausdrücklich auf den Vorrang der Begriffsarbeit, was etwa Arnold Gehlen mit seinem berühmten Wort von der Kommentarbedürftigkeit jeglicher Kunst wiedergab. Kunstwerke sprechen nicht für sich oder von sich aus, sie sind wie alle Formen der Expression von Menschen nur mit Blick auf theologische oder philosophische oder sozialpolitische Codes verstehbar. Auch zeigen die Berichte von Bildbetrachtern über ihre Erlebnisse, Erkenntnisse oder Erfahrungen, dass im wesentlichen Begriffe vermittelbar sind und nicht bloße sinnliche Eindrücke. Also lautet seither die Maxime für alle Modernen als Künstler: Schafft nicht Werke, schafft Probleme, damit wir etwas zu bedenken haben, statt bloß anzubeten, was doch nur Staub mit Farbe darauf ist!